SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft

SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft J Consum Prot Food Saf (2018) 13:145–236 Journal of Consumer Protection and Food Safety https://doi.org/10.1007/s00003-017-1144-7 Journal fu¨r Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit ANNOUNCEMENTS AND REPORTS Published online: 5 February 2018 The Author(s) 2018. This article is an open access publication Erste Ergebnisse und Implikationen zwischen diesen Gruppen. Von Seiten der Gesell- schaft sind ethische Uberlegungen in Bezug auf den 1 2 Inken Christoph-Schulz , Monika Hartmann , Peter Umgang mit Nutztieren von Relevanz, was durch 3 4 5 Kenning ,Jo ¨rg Luy , Marcus Mergenthaler , Lucia verschiedene Autoren empirisch gezeigt werden 6 7 8 Reisch , Jutta Roosen , Achim Spiller konnte (Ohl und van der Staay 2012; Spooner et al. 2014). Dabei handelt es sich keineswegs um eine auf Thu ¨nen-Institut fu ¨r Marktanalyse, Braunschweig Deutschland beschra¨nkte Debatte (Tonsor et al. 2009; Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universitat, Bonn Vanhonacker et al. 2012). Bereits 2006 sahen 77% der Heinrich-Heine-Universita¨t, Du ¨sseldorf in einer EU-weiten Studie befragten Bu ¨rger die Privates Forschungs- und Beratungsinstitut fu ¨r ange- Notwendigkeit, das Wohl landwirtschaftlicher Nutz- wandte Ethik und Tierschutz INSTET gGmbH, Berlin tiere besser zu schu ¨tzen (European Commission Fachhochschule Su ¨dwestfalen, Soest 2007). Dieser Anteil stieg in einer erneuten Umfrage Copenhagen Business School, Zeppelin Universita¨t, im Jahr 2015 auf 82% (European Commission 2016). Friedrichshafen Medienberichte u ¨ber die Nutztierhaltung zeigen Technische Universita¨tMu ¨nchen oftmals kritische Bedingungen fu ¨r die Tiere und lo¨- Georg-August-Universita¨t, Go ¨ttingen sen bei einer Vielzahl von Bu ¨rgern Entsetzen und inken.christoph@thuenen.de Ablehnung u ¨ber die dargestellte Tierhaltung aus (Boehm et al. 2010; Thompson et al. 2011; Spiller et al. In Deutschland und den u ¨brigen EU-Mitgliedstaaten 2012). Im Fokus der o ¨ffentlichen Kritik stehen vor hat die landwirtschaftliche Nutztierhaltung seit der allem die Schweine- und Geflu ¨gelhaltung (European Jahrtausendwende erheblich an gesellschaftlicher Commission 2005; Vanhonacker et al. 2009; Kayser Akzeptanz verloren (European Commission 2005, et al. 2012; Wildraut et al. 2015), wahrend die 2016). Als Reaktion auf den Akzeptanzverlust stellte Milchviehhaltung im Vergleich durch befragte das Bundesministerium fu ¨r Erna¨hrung und Land- Bu ¨rger besser bewertet wird (European Commission wirtschaft (BMEL) im Juni 2017 seine 2005; Evans und Miele 2008; Boogaard et al. 2011). In ,,Nutztierhaltungsstrategie‘‘ vor (BMEL 2017a) und Bezug auf die Schweinehaltung besteht weitgehen- auch hier wird die wachsende Kritik der Gesellschaft der Konsens, dass das Platzangebot sowie die betont. Die folgenden Beitra¨ge, die sa¨mtlich aus dem Bodenbeschaffenheit von zentraler Bedeutung sind durch die Innovationsfo ¨rderung des BMEL gefo ¨rder- (Kayser et al. 2012; Wildraut et al. 2015; Weible et al. ten Projekt ,,SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel 2016). Daru ¨ber hinaus werden die Licht- und der Gesellschaft‘‘ stammen, unterstreichen diesen Punkt und verdeutlichen sowohl die Relevanz der Einbeziehung unterschiedlicher gesellschaftlicher Zur besseren Lesbarkeit werden im Folgenden lediglich die ¨ ¨ ¨ Gruppen wie auch den notwendigen Dialog mannlichen Bezeichnungen gewahlt. Selbstverstandlich sind Manner und Frauen gleichermaßen gemeint. 123 146 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Klimaverha¨ltnisse, vorzugsweise mit Außenklima- erho ¨hen. Beispiele hierfu ¨r sind das im Jahr 2013 ein- reizen (BMEL 2015b) sowie angebotene Spiel- und gefu ¨hrte Tierschutzlabel des Deutschen Bescha¨ftigungsmo ¨glichkeiten als besonders relevant Tierschutzbundes, die in 2015 gestartete betrachtet (Ermann et al. 2016). Die Geflu ¨gelhaltung Brancheninitiative ,,Initiative Tierwohl‘‘, das ebenfalls wird ebenfalls ha¨ufig sehr skeptisch gesehen (Ver- in 2015 vero ¨ffentlichte Gutachten des Wis- beke und Viaene 2000; Vanhonacker und Verbeke senschaftlichen Beirats fu ¨r Agrarpolitik beim 2009; Heng et al. 2013). Neben hohen Besatzdichten, Bundesministerium fu ¨r Ernahrung und Land- dem Einsatz von Antibiotika und der Gro ¨ße der Be- wirtschaft zum Tierwohl (BMEL 2015b) oder das ¨ ¨ stande, ist die To ¨tung von mannlichen Eintagsku ¨ken geplante staatliche Tierwohl-Label, dessen Kriterien ein von der Gesellschaft zunehmend beachtetes im April 2017 vorgestellt wurden (BMEL 2017b). Thema (Bruijnis et al. 2015). Zudem wa¨chst die Erkenntnis, dass eine wis- Aber auch die Milchviehhaltung ist nicht unum- senschaftliche Fundierung der politischen stritten. Im Vordergrund der Kritik steht vor allem Maßnahmen dazu beitragen ko ¨nnte, mo ¨gliche das unzureichende Platzangebot, die seltene Weide- Fehlentwicklungen fru ¨hzeitig zu identifizieren und haltung, der hohe Einsatz von Kraftfutter zur evidenzbasiert zu gestalten (Oehler et al. 2013). Optimierung der Milchleistung sowie die vermutete Vor diesem Hintergrund schlossen sich im Herbst prophylaktische Gabe von Medikamenten (Christoph- 2012 die Autoren dieses Beitrags und Wissenschaftler Schulz et al. 2015) und schließlich das betaubungslose aus ihren Teams zu einem Konsortium zusammen, Enthornen der Ka¨lber (Gauly 2015). Dass Bu ¨rger die um das Thema ‘‘Bewertung und Akzeptanz der Milchviehhaltung jedoch durchaus ambivalent beur- Nutztierhaltung in Deutschland’’ im Rahmen der teilen und sowohl Vor- als auch Nachteile sehen, Projektgruppe ,,SocialLab‘‘ strukturiert und umfas- zeigen Boogaard et al. (2011): So wird der heutzutage send mit unterschiedlichen, aufeinander hohe hygienische Standard in als ,,modern‘‘ bezeich- abgestimmten Methoden zu untersuchen (Thu ¨nen- neten Betrieben durchaus befu ¨rwortet, wa¨hrend Institut 2015). Sa¨mtliche Partner des Konsortiums gleichzeitig der Wunsch nach ,,traditionellen‘‘ arbeiten seit Jahren zu Themen der Agraro ¨konomik, Betrieben besteht. In Bezug auf die Rinderhaltung Verbraucherforschung, Verhaltenso ¨konomik und/ gibt es bisher weniger kritische Diskussionen. Bio- oder Tierethik und decken gemeinsam ein breites produktion, verbesserte Haltungsbedingungen und Theorien- und Methodenspektrum ab. Fu ¨r jede For- eine grasbasierte Fu ¨tterung wirken positiv auf die schungsfrage innerhalb des Projektes wird dabei auf Kaufpra¨ferenz von Rindfleisch (Risius und Hamm die Kombination mehrerer, ada¨quater Methoden 2017), wahrend u ¨ber die Intensivmast bisher kaum geachtet. Der Methodenbaukasten, der im SocialLab debattiert wird. Die zunehmende Kritik hat auch verwendet wird, besteht aus qualitativen und quan- o ¨konomische Auswirkungen auf die Branche. Fleisch titativen Methoden, aber auch aus experimentellen und Fleischprodukte stellten zwar 2015 mit einem Verfahren. Zu den qualitativen Methoden za¨hlen Anteil von 23,5% am Gesamtumsatz die wichtigste u. a. Gruppendiskussionen, Experten- und Tiefenin- und Milch und Milchprodukte (ohne Speiseeis) mit terviews. Quantitative Methoden sind z. B. durch knapp 14% die zweitwichtigste Produktgruppe der standardisierte Befragungen und Panelanalysen ver- deutschen Ernahrungsindustrie dar (BVE 2016), treten. Zu den experimentellen Methoden geho ¨ren allerdings stagniert der Konsum seit vielen Jahren u. a. bildgebende Verfahren der Consumer Neuro- bzw. geht leicht zuru ¨ck (BMEL 2015a). Die Proteste science und die Blickregistrierung. Mit dieser Vor- gegen die vorherrschenden Haltungsbedingungen gehensweise ist es mo ¨glich, im Rahmen des SocialLab nehmen gleichzeitig zu (Laine et al. 2017). Der Anteil Projektes die Komplexita¨t der Nutztierhaltung, so wie der Vegetarier in der deutschen Bevo ¨lkerung ist von sie heute in der Gesellschaft gesehen wird, ada¨quat knapp 2% Mitte der 2000er Jahre auf 4–5% 10 Jahre zu wu ¨rdigen und abzubilden. Das Projekt stellt in spa¨ter gestiegen (MRI 2008; Cordts et al. 2013; Men- seiner Breite auch weltweit eine Innovation dar. sink et al. 2016). Zu betonen ist, dass das Ziel des SocialLab Teams Schlu ¨sselakteure – u.a. das BMEL, die Agrar- und ist, evidenzbasiert Parameter der Akzeptanz fu ¨r eine Erna¨hrungswirtschaft, der Lebensmitteleinzelhandel gesellschaftlich akzeptierte und konsensfa¨hige Nutz- und einige NGOs – versuchen in ju ¨ngerer Zeit tierhaltung zu erforschen und in konkrete versta¨rkt, mit unterschiedlichen Maßnahmen den Politikempfehlungen zu u ¨berfu ¨hren. In diesem Pro- gesellschaftlichen Anliegen Rechnung zu tragen und zess werden sowohl die Perspektive der in erster Linie das Tierwohl zu verbessern, um so die gesellschaftliche Akzeptanz der Nutztierhaltung zu www.sociallab-nutztiere.de Zugriff am 2.11.2017. 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 147 Landwirtschaft und des Handels, als auch die der Der Beitrag von Rovers et al. bietet Einblicke in die Verbraucher beru ¨cksichtigt, um in komplexen und Wahrnehmung der landwirtschaftlichen Nutztier- langfristig wirkenden Zusammenha¨ngen konkrete haltung von Rind, Schwein und Huhn durch Politikgestaltungsmo ¨glichkeiten zu erarbeiten. Die Landwirte und Bu ¨rger. Dabei zeigen sich tierarten- Erreichung dieses Ziels setzt eine la¨ngerfristig ange- spezifische, aber auch tierartenu ¨bergreifende legte Forschung der Partner des Konsortiums im Unterschiede, z.B. beim Einsatz von Technik im Stall. Verbund voraus. Damit folgt das Projekt ,,SocialLab‘‘ Wahrend Landwirte die Arbeitserleichterung und in weiten Teilen der Strategie der Deutschen Agrar- positive Effekte fu ¨r das Tierwohl durch eine bessere forschungsallianz (DAFA 2012). Tierversorgung und -u ¨berwachung betonen, gehen Im Rahmen dieses ,,Reports‘‘ werden der (Fach-) die Bu ¨rger von einem verminderten Mensch-Tier- Offentlichkeit erste Ergebnisse des Projektes pra¨sen- Kontakt aus. tiert und Implikationen fu ¨r die weitere Forschung Der Beitrag von Wildraut und Mergenthaler baut abgeleitet. Im Folgenden werden die verschiedenen auf dem Beitrag von Rovers et al. insofern auf, dass Schwerpunkte der einzelnen Beitra¨ge kurz skizziert. die in den Gruppendiskussionen identifizierten Kon- Im Mittelpunkt der Beitra¨ge von Simons et al., Ku¨hl flikte zur Nutztierhaltung gemeinsam mit et al., Rovers et al. und Wildraut und Mergenthaler Landwirten und Verbrauchern diskutiert wurden, stehen Fragen, wie die Nutztierhaltung durch die um konkret zu untersuchen, wie beide Gruppen in Gesellschaft und gesellschaftliche Gruppen akzep- der direkten Konfrontation zu diesen Konflikten ste- tiert bzw. wahrgenommen wird und welche hen. Die Ergebnisse zeigen u.a., dass insbesondere Anforderungen an die Tierhaltungsverfahren sich Verbraucher, aber in Grenzen auch Landwirte bereit aus der gesellschaftlichen Diskussion ableiten lassen. sind, ihre Einscha¨tzungen zu a¨ndern, wenn sie die Die Erkenntnisse dieser Studien bilden eine wichtige Sichtweise der anderen Gruppe ho ¨ren. Grundlage fu ¨r die folgenden Analysen, die die hier Der zweite Abschnitt dieses Beitrags umfasst die gewonnenen Erkenntnisse in ihre Arbeiten mit ein- Arbeiten von Gier, Krampe et al., Gier et al. sowie von beziehen. Die Grundlagenstudie von Simons et al. Groß und Roosen. Ubergeordnet geht es um die Sys- zeigt, dass die Wahrnehmung der Tierhaltung durch tematisierung und Untersuchung vorhandener eine Bildkonfiguration charakterisiert ist, in der das Informationen, deren Wirkung und der Ableitung Bild einer ,,heilen Welt‘‘ (,,Museumslandwirtschaft‘‘) von Hinweisen fu ¨r die zuku ¨nftige Gestaltung von dem einer ,,Schreckenswelt‘‘ (,,Massentierhaltung‘‘) Verbraucherinformationen. Die Arbeiten bauen auf gegenu ¨bersteht. Wa¨hrend die ,,Museumsland- den Erkenntnissen des ersten Arbeitspakets auf und wirtschaft‘‘ sich durch einen als fair empfundenen erweitern diese u.a. um die Wirkung sachlicher und Deal zwischen Mensch und Tier auszeichnet, steht emotionaler Informationen auf Verbraucher. Uber die ,,Massentierhaltung‘‘ fu ¨r einen unwu ¨rdigen diese Erkenntnisse hinaus ko ¨nnen beispielsweise die Umgang mit den Tieren. Die Konfiguration ist stark Ergebnisse zur Wahrnehmung wertvolle Erga¨nzun- durch mediale Berichte und sowohl von Sehnsu ¨chten gen bieten. Dies tra¨gt fundamental dazu bei, das als auch von Schreckensphantasien und Deutungs- komplexe Zusammenspiel der unterschiedlichen mustern beeinflusst. Einflussfaktoren auf die Wahrnehmung und Akzep- In der Arbeit von Ku ¨hl et al. werden fu ¨r Milchku¨he, tanz der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung zu Mastschweine und Mastha¨hnchen vier verschiedene, durchdringen und Wege aufzuzeigen, wie diese fu ¨r die Praxis wichtige Haltungssysteme (Stallhaltung, beeinflusst werden ko ¨nnen. Außenklimastall, Stallhaltung mit Auslauf und Stall- Gier, Krampe et al. befassen sich im ersten Beitrag haltung mit Weidegang im Sommer) in mit den Informationen, die Verbraucher tagta¨glich systematischer Form auf ihre Bewertung und Akzep- beim Einkauf tierischer Produkte in Bild- und Textform tanz durch die Bu ¨rger verglichen. Die Ergebnisse wahrnehmen. Zudem vergleichen sie die neuralen verdeutlichen, dass die Gesellschaft die reine Stallhal- Wirkungen von Kommunikationsmaßnahmen in tung fu ¨r Nutztiere sehr kritisch bewertet. Fu ¨r alle unterschiedlichen Produktionsformen (biologische, Tierarten zeigt sich eine klare Pra¨ferenz fu¨r Hal- konventionelle Haltung). Die Autoren finden tungssysteme, die den Tieren zumindest Außenklima z.B. heraus, dass sich fu ¨r biologisch-orientierte Kom- ermo ¨glichen. Dabei wird die Weidehaltung am besten munikationsmaßnahmen ein signifikant ho ¨herer bewertet. Die Ergebnisse zeigen Forschungsbedarf durchschnittlicher Fleischwaren-Wochenumsatz pro hinsichtlich innovativer Haltungssysteme auf, die die Kunde ergibt. Anforderungen der Bu ¨rger aufgreifen. Der zweite Artikel von Gier et al. befasst sich mit dem Labelling und den Mo¨glichkeiten, aber auch 123 148 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Grenzen dieser besonderen Art der Ver- Das vierte und abschließende Arbeitspaket ermit- braucherkommunikation. Verbraucher beschrei- telt die Anspru ¨che der Verbraucher an die ben in dieser Studie Labels als ha¨ufig Tierhaltungsverfahren in Hinblick auf entstehende unversta¨ndlich und die Labelvielfalt als eher la¨stig. Zielkonflikte und pru ¨ft die Mo ¨glichkeiten der Daru ¨ber hinaus wird als innovativer Ansatz ein Umsetzbarkeit. Dabei baut es sehr stark auf den ,,Verbraucherinformationssystem‘‘ skizziert, mit ersten drei Arbeitspaketen auf. Außerdem wird die dem informationslogistische Ineffizienzen redu- gesellschaftliche Bewertung innovativer Tierhal- ziert werden ko¨nnten. tungsverfahren betrachtet. Der Beitrag von Groß und Roosen untersucht den Sonntag et al. untersuchen, wie Bu ¨rger reagieren, Einfluss von Nachrichtentexten auf das soziale Ver- wenn sie mit Zielkonflikten konfrontiert werden, die trauen von Verbrauchern in Landwirte im Kontext zwischen verschiedenen Nachhaltigkeitszielen der Nutztierhaltung. Personen, die zuna¨chst ein bestehen, wie etwa zwischen dem Tierwohl auf der geringes (hohes) Vertrauen in Landwirte haben, rea- einen und der Tiergesundheit oder dem Umwelt- gieren auf den Erhalt einer Nachricht positiv schutz auf der anderen Seite. Die Autoren zeigen mit (negativ). Negative Nachrichten haben einen sta¨rke- ihrer Untersuchung, dass das Wohl der Tiere domi- ren Effekt als positive. niert. So ist ein hoher Tierwohlstatus von gro ¨ßerer Der dritte große Abschnitt dieses Beitrages unter- Bedeutung als bspw. ein geringer Verbraucherpreis sucht die Sichtweise spezifischer Akteure entlang der oder die Produktqualitat. In gleichem Maße ent- Wertscho ¨pfungskette sowie die o ¨konomischen Aus- schieden sich Bu ¨rger fu ¨r das Wohl der Tiere auch zu wirkungen von obligatorischen und/oder freiwilligen Lasten von anderen Nachhaltigkeitszielen, wie z.B. Tierschutzstandards. Die in den ersten zwei Arbeits- dem Umweltschutz. paketen gewonnenen Erkenntnisse werden weiter Bru ¨mmer et al. befassen sich mit dem Zwei- konkretisiert, indem Motive, aber auch Hemmnisse nutzungshuhn und ermitteln u.a., dass das dafu ¨r untersucht werden, Produkte mit strengeren Ku ¨kento ¨ten zwar abgelehnt wird, die befragten Ver- Tierschutzstandards zu produzieren, in das Sortiment braucher aber nicht bereit sind, eigene aufzunehmen bzw. zu kaufen. Konsumgewohnheiten deutlich zu a¨ndern. Die Wildraut und Mergenthaler untersuchen die Ergebnisse dieses Beitrages wurden durch die enge Bereitschaft von Landwirten, derzeitige Tierhal- Zusammenarbeit mit dem Projekt ,,IntegHof – tungsverfahren hinsichtlich mehr Tierwohl Geflu ¨gelhaltung neu strukturiert‘‘ gewonnen, das weiterzuentwickeln. Aus Sicht der Landwirte ko ¨nnten sich aus naturwissenschaftlicher Sicht mit dem die Haltungsverfahren in Deutschland weiter ver- Zweinutzungshuhn befasst und an der Tierarztlichen bessert werden, Ideen werden allerdings aufgrund Hochschule in Hannover koordiniert wird. politischer und wirtschaftlicher Einschra¨nkungen sowie perso ¨nlicher und beruflicher Vorbehalte Danksagung zuru ¨ckhaltend formuliert. Der zweite Beitrag von Krampe et al. betrachtet ‘‘SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesell- das Meinungsbild des Lebensmitteleinzelhandels und schaft’’ wird aus Mitteln des Bundesministeriums fu¨r geht explizit auf Fragen zur Listungsentscheidung, Ernahrung und Landwirtschaft (BMEL) aufgrund zur staatlichen Regulierung bei der Durchsetzung eines Beschlusses des deutschen Bundestages gefo¨r- und Integration ho ¨herer Tierschutzstandards in die dert. Die Projekttragerschaft erfolgt u ¨ber die Wertscho ¨pfungskette sowie auf den Einfluss von Bundesanstalt fu ¨r Landwirtschaft und Erna¨hrung Labels auf die Verbraucher ein. (BLE) im Rahmen des Programms zur Innova- Roosen et al. analysieren die Pra¨ferenzen der Ver- tionsfo ¨rderung (FKZ: 2817202813). SocialLab braucher bezu ¨glich angemessener Tierwohl- Deutschland ist ein Zusammenschluss folgender regulierungen fu ¨r Masthu ¨hner und die Verantwort- Partner: Heinrich-Heine-Universita¨tDu ¨sseldorf, lichkeiten hierfu ¨r ebenso wie die Reaktion auf Thu ¨nen-Institut fu ¨r Marktanalyse (Gesamtkoordina- steigende Fleischpreise. Die Ergebnisse betonen die tion), Georg-August-Universita¨tGo ¨ttingen, Problematik der To ¨tung von Eintagsku ¨ken. So wer- Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universita¨t Bonn, den Zweinutzungshu ¨hner im Vergleich zur Fachhochschule Su ¨dwestfalen Soest, Technische Geschlechtsbestimmung im Ei pra¨feriert. Landwirte Universita¨tMu ¨nchen, Privates Forschungs- und werden als Hauptverantwortliche fu ¨r das Tierwohl Beratungsinstitut fu ¨r angewandte Ethik und Tierschutz identifiziert. INSTET GmbH. Daru ¨ber hinaus danken wir den Per- sonen und Institutionen, die uns im Rahmen der 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 149 jeweiligen Teilprojekte unterstu ¨tzt haben sowie ins- sch-DAFA-FFNutztiereWeb.pdf. Abgerufen 19.10. besondere den Mitgliedern des SocialLab-Beirats (vgl. 2017 www.sociallab-nutztiere.de). Ermann M, Graskemper V, Spiller A (2016) Die Wir- kung von gefu ¨hrten Stallbesichtigungen auf Bu ¨rger – eine Fallstudie auf nordwestdeutschen Literatur Schweinemastbetrieben. 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Die Qualita¨t der Ergebnisse ha¨ngt ab von der Fa¨- Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universita¨t Bonn, higkeit des Forschers, die Schilderungen in den Institut fu ¨r Lebensmittel- und Ressourceno ¨konomik, Interviews empathisch zu verstehen (Fitzek 2010). Der Professur fu ¨r Marktforschung der Agrar- u. Ansatz nutzt explizit den Forscher und sein Ernahrungswirtschaft Empathievermo ¨gen als grundlegende Voraussetzung Privates Forschungs- und Beratungsinstitut fu¨r fu ¨r das Versta¨ndnis der relevanten Zusammenha¨nge. angewandte Ethik und Tierschutz INSTET gGmbH, Eine spezifische Schulung der Forscher ist Voraus- Berlin setzung, um die verdeckten Motive und Emotionen Wirtschaftspsychologen Vierboom & Partner, Hen- aufdecken zu ko ¨nnen (Reik 1983). Eine solche, der nef (Sieg) Zielsetzung dieser Untersuchung angemessene Vor- johannes.simons@ilr.uni-bonn.de gehensweise ist notwendigerweise subjektiv. Um mo ¨gliche Verzerrungen der Ergebnisse durch das 1 Zielsetzung und Einordnung emotionale Erleben der Interviewer methodisch zu kontrollieren, werden die Untersuchungen in einem Die Zielsetzung der nachfolgend dargestellten Grund- Team von Forschern durchgefu ¨hrt, diskutiert und lagenstudie bestand in der Analyse der ausgewertet. gesellschaftlichen Akzeptanzbildung dessen, was als Interviews und Gruppendiskussionen dauern in derzeitige Tierhaltung in Deutschland wahrgenommen der Regel eineinhalb bis zwei Stunden. Dieser Zeit- wird. Hierzu war es notwendig, die Wahrnehmung als rahmen kann nicht genu ¨gen, um die perso ¨nliche Grundlage der Akzeptanzbildung in die Untersuchung Motivstruktur des Teilnehmers genau zu untersuchen einzubeziehen. Die Ergebnisse basieren auf Gruppen- - was auch nicht das Ziel der Untersuchung war. Er ist diskussionen und Tiefeninterviews, in denen die Sicht aber ausreichend, um unterschiedliche Facetten der der jeweiligen Teilnehmer auf das Thema Tierhaltung Wahrnehmung der Tierhaltung zu beleuchten, z.B. im Vordergrund steht. Sie sollen zu einem besseren unterschiedliche Bilder von der Tierhaltung und Verstandnis der Wahrnehmung der Tierhaltung und deren Akzeptanz. der Akzeptanzbildung beitragen und als Interpretati- onsrahmen fu ¨r weitere Untersuchungen dienen. 3 Stichprobe 2 Vorgehensweise Fu ¨r eine umfassende Analyse muss die Rekrutierung der Teilnehmer so vorgenommen werden, dass alle Die Analyse erfolgte auf Basis der Morphologischen hypothetisch relevanten Aspekte von wenigstens Psychologie, die auf die Erkla¨rung der Dynamik psy- einem, besser aber von mehreren Teilnehmern chischer Prozesse ausgerichtet ist. Sie konzentriert angesprochen werden. Als hypothetisch relevant fu¨r sich auf die zugrundeliegenden, unterschiedlichen, die Akzeptanz der Nutztierhaltung wurden regionale zum Teil gegensa¨tzlichen und zueinander in einem Einflu ¨sse und die Grundhaltung zum Fleischverzehr Spannungsverhaltnis stehenden Motive (Ziems 2004). eingescha¨tzt. Um diese Unterschiede abzudecken, Die Morphologische Psychologie geht davon aus, wurden die Interviews in verschiedenen Regionen dass unbewusste und vorbewusste Prozesse Verhalten bzw. Sta¨dten Deutschlands durchgefu ¨hrt: in den und Wahrnehmung steuern. In Einklang mit der Großsta¨dten Berlin und Bochum, in Oldenburg, einer psychoanalytischen Theorie soll ein umfassender Stadt im Zentrum der deutschen Schweine-, Geflu ¨gel- Ansatz die jeweiligen psychischen Pha¨nomene er- und Eierproduktion, in Kempten, einer Stadt im kla¨ren (Lo ¨nneker 2011). In der Analyse konzentriert Voralpenland in einer Ferienregion mit intensiver sich die Morphologische Psychologie dabei nicht auf Milchproduktion, in Go ¨ttingen im Zentrum personenorientierte Konzepte, sondern darauf, Deutschlands sowie Erfurt im Osten Deutschlands als welche Wirkungen von einem spezifischen Produkt zwei Regionen mit geringer Tierdichte. In Ko ¨ln, einer oder einer Idee ausgehen ko ¨nnen. weiteren Großstadt, wurde lediglich eine 123 152 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Gruppendiskussion veranstaltet. Zwei der Grup- 4.1 Grundlegende Bildfiguration pendiskussionen (Berlin und Ko ¨ln) sowie vier Einzel- interviews an jeweiligen Orten fanden mit Die Analyse der Wahrnehmung von Tierhaltung Vegetariern oder Veganern statt. Diskussionen mit ergibt eine Figuration, die aus einem scho ¨nen und geliebten Bild von Tieren und Tierhaltung auf der Vegetariern und Veganern sowie Fleischessern in einer Gruppe wurden nicht organisiert aus der einen Seite sowie aus Schock- und Schreckensbildern auf der anderen Seite besteht. Im Folgenden werden Erwartung heraus, dass bei einer solchen Konstella- tion die Auseinandersetzung zwischen den Gruppen diese beiden Seiten mit den Begriffen Museums- landwirtschaft und Massentierhaltung bezeichnet. und nicht mehr die Wahrnehmung der Tierhaltung im Vordergrund stehen wu ¨rde. Museumslandwirtschaft: Die Bilder der Museums- Der Gesamtumfang der Stichprobe betra¨gt 116 landwirtschaft sind auf eine heile Welt der Personen mit 67 Teilnehmerinnen und 49 Teil- Tierhaltung und der mit der Tierhaltung befassten nehmern. 42 Personen waren zwischen 20 und Personen ausgelegt. Charakteristisch ist ein wert- 30 Jahren, 37 zwischen 31 und 50 und 30 zwischen schatzender Umgang mit den Tieren, der sich in 51 und 73. Sieben Personen machten keine einer als tiergerecht wahrgenommenen Haltung a¨ußert. Halter und Tiere werden ha¨ufig als gutmu ¨tig Altersangaben. Die Rekrutierung der Teilnehmer erfolgte durch und geduldig beschrieben, die im Sinne eines ,,fairen Deals‘‘ zusammenleben und aufeinander angewiesen ein kommerzielles Marktforschungsinstitut. Die Erhebung fand im Zeitraum zwischen September sind. Den Hintergrund fu ¨r diese Bilder bieten Vor- und Dezember 2015 statt. Vorab wurden die Teil- stellungen von Ho ¨fen aus der Vergangenheit oder nehmer lediglich daru ¨ber informiert, dass von solchen Betrieben, die die Entwicklung zur Landwirtschaft und Erna¨hrung die Themen der modernen Landwirtschaft nicht mitgemacht haben. Interviews bzw. der Diskussionen sein wu ¨rden. Traditionen, Bestandigkeit, Kindheitserinnerungen oder Vorstellungen von einer glu ¨cklichen Kindheit 4 Ergebnisse sind wichtige Bestandteile. Gespeist werden die Bilder der Museumslandwirt- schaft durch Medienberichte, Heimatfilme und Die Beobachtungen in den Interviews und Grup- pendiskussionen zeigen vor allem bei Fleischessern Werbung, durch eigene Sehnsu ¨chte und Erfahrun- gen, durch Erlebnisse wie dem Urlaub und das einen Unwillen, sich intensiv mit der Tierhaltung auseinanderzusetzen. Die Bescha¨ftigung erscheint oft Einkaufen auf dem Bauernhof oder durch die Teil- nahme an traditionsreichen landwirtschaftlichen anstrengend. Unwillen und Anstrengung deuten darauf hin, dass diese Auseinandersetzung im Alltag Festen. Die Museumslandwirtschaft steht aufgrund gemieden wird. Bei Vegetariern und Veganern des als fair empfundenen Deals zwischen Mensch bestehen demgegenu ¨ber tendenziell konkretisierte und Tier fu ¨r eine akzeptierte Form der Tierhaltung. Vorstellungen u ¨ber negative Seiten der Tierhaltung, Fragen nach der umfassenden Realisierbarkeit dieser die Belebung von abstoßenden Bildern aus der Tier- Art von Landwirtschaft oder der Vollstandigkeit der haltung fa¨llt deutlich leichter und die Vorstellungen z.B. im Hinblick auf Arbeitsverha¨lt- nisse und Tierwohl spielen bei der Faszination, wenn Auskunftsbereitschaft ist gro ¨ßer als bei den Fleischessern. u ¨berhaupt, nur eine untergeordnete Rolle. Vielmehr sind die Bilder Ausdruck des Wunsches, komplexe Die Wahrnehmung der Tierhaltung generiert sich aus Bildern und Informationen, die aus Massen- Zusammenha¨nge auf eine einfache und u ¨berschau- medien, Internet, sozialen Medien, perso ¨nlicher bare Ordnung zu bringen. Sie sprechen die Kommunikation und eigenen Erfahrungen stammen Sehnsucht nach Bestandigkeit und geringer Kom- und durch Systematisierungen und Schlussfolgerun- plexita¨t der eigenen Lebensverha¨ltnisse an und gen in einen Sinnzusammenhang gebracht werden. ko ¨nnen damit als Gegenbilder zu einem hektisch und Perso ¨nliche Erfahrungen mit der heutigen Tierhal- kompliziert erlebten Alltag dienen. Fu ¨r die tung sind dabei eher die Ausnahme. Obwohl der Begriff ,,Massentierhaltung‘‘ urspru ¨nglich von der Bundesregierung wertneutral als ,,Haltung großer Nutz- tierbestande auf begrenztem Raum in neuzeitlichen 57 Einzelinterviews, ein Interview mit 2 Personen und 7 Haltungssystemen‘‘ definiert wurde (Bundesregierung 1971, S. Gruppendiskussionen (2 Gruppen mit je 9 Teilnehmern, 2 9), hat sich die Rede von der ,,Massentierhaltung‘‘ zum Gruppen mit je 8 Teilnehmern und weitere 3 Gruppen mit je 6, Inbegriff moralischen Fehlverhaltens in Bezug auf Tiere 7 oder 10 Teilnehmern). entwickelt. 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 153 gewo ¨hnlichen Anforderungen des Alltags ist die 4.2 Einordnung der Massentierhaltung in das Museumslandwirtschaft allerdings zu begrenzt. Gesamtbild von der Tierhaltung Massentierhaltung: Der Museumslandwirtschaft steht die Massentierhaltung gegenu ¨ber. Charakteris- Die Existenz der nicht akzeptierten Massentierhal- tung wird in der Regel nicht angezweifelt, tisch sind dunkle, enge Sta¨lle, in denen Tiere vor sich hinvegetieren. Der Umgang mit den Tieren wird als Unterschiede ergeben sich allerdings bei der Ein- ¨ ¨ ordnung der Massentierhaltung in den nicht wertschatzend und als tierqualerisch wahrgenommenen. Massentierhaltung steht der Gesamtkomplex sowohl der Tierhaltung als auch des eigenen Alltags. Hierzu konnten in der Analyse vor Bedeutung nach vor allem fu ¨r Maßlosigkeit, fu ¨r die Verletzung moralischer Grundsa¨tze und fehlende allem zwei Ansa¨tze identifiziert werden: Individualita¨t. Mit einer Fixierung auf bestimmte • Massentierhaltung als Skandal in einem ansons- Gro ¨ßenordnungen wie der Anzahl der Tiere pro ten funktionierenden Versorgungssystem: Hierbei Betrieb la¨sst sie sich nur unzureichend charakteri- besteht die Vorstellung oder Hoffnung, dass sieren. In diesem System, das auch die verarbeitende gro ¨ßere Organisationen und Kontrollbeho ¨rden Industrie und z.T. den Handel mit einbezieht, wird das Funktionieren des Systems u ¨berwachen, so unterstellt, dass die Tiere als seelenlose Ware dass Abweichungen und Sto ¨rungen weitgehend behandelt werden und die Halter entweder den Tie- durch Aufdeckung und durch die Bestrafung der ren gegenu ¨ber gefu ¨hllos sind oder selber Opfer eines Verursacher vermieden werden. ausbeuterischen Systems wurden, in dem sie sich – • Massentierhaltung als Normalita¨t in einem mora- z.B. getrieben von der Fleischwirtschaft – gezwung- lisch verwerflichen System: Hierbei sind den enermaßen schuldig machen. Das Schreddern von Schreckensphantasien u ¨ber den Umgang mit Ku ¨ken, Kastration, das Kupieren von Schwa¨nzen oder den Tieren und den Charakter der Menschen das Schlachten nicht ausreichend beta¨ubter Tiere kaum Grenzen gesetzt. Entsprechende Außerun- sind Beispiele, die in diesem Zusammenhang er- gen beziehen sich in der Regel auf mediale wa¨hnt werden. Der Einsatz von Antibiotika wird oft Darstellungen der Tierhaltung, die durch eigene als notwendige Maßnahme zur Aufrechterhaltung Vermutungen, Spekulationen und Verda¨chtigun- eines als krank erlebten Systems eingeschatzt. Bei der gen angereichert und auf diese Weise Beschreibung der Massentierhaltung verwischt die weiterentwickelt werden. Grenze zwischen dem Umgang mit Tieren und dem Umgang mit Menschen. Stallanlagen werden auch 4.3 Vorstellungen zur Weiterentwicklung der als ,,Tier-KZ‘‘ bezeichnet und die Behandlung der Arbeiter in den Schlachtha¨usern als ebenso unwu ¨rdig Tierhaltung beschrieben wie die der Tiere. Insbesondere bei der Diskussion um den Einsatz von Antibiotika wird Fu ¨r die Beurteilung unterschiedlicher Tierhal- befu ¨rchtet, dass das als maßlos eingescha¨tzte System tungsverfahren und deren Weiterentwicklung katastrophale Folgen fu ¨r die menschliche Gesundheit bestehen vermeintlich klare Vorstellungen hinsicht- hat. Fleisch, das auf der einen Seite ,,ein Stu¨ck lich der Beurteilungskategorien. Vor allem Bewegungsfreiheit, Licht, frische Luft und Bescha¨fti- Lebenskraft‘‘ darstellt, wird damit zum trojanischen Pferd, das die Mo ¨glichkeiten zur Krankheitsbeka¨mp- gungsmo ¨glichkeiten werden immer wieder genannt. fung ausho ¨hlt. Die Existenz eines Sektors, der sich wenig um moralische Grundsa¨tze oder gesetzliche 4.4 Perso¨nliche Auseinandersetzung mit der Regelungen zu ku ¨mmern scheint, kann daru ¨ber Massentierhaltung hinaus auch als Zeichen fu ¨r die allgemeine gesell- schaftliche Entwicklung und als Bedrohung fu ¨r den Die Auseinandersetzung mit den Bildern und eigenen Alltag erlebt werden. Die Massentierhaltung Vorstellungen von Massentierhaltung ko ¨nnen zu ist die nicht akzeptierte Form der Tierhaltung. Sie heftigen emotionalen Reaktionen und in der Folge zu entsprechenden Abwehrreaktionen fu ¨hren. Es wird in nahezu allen Interviews angesprochen und bietet aufgrund fehlender Erfahrung mit der Tier- besteht eine starke Tendenz, nichts oder wenig wis- sen zu wollen, um sich emotionalen Sto ¨rungen nicht haltung Raum fu ¨r ausufernde und auch faszinierende Schreckensphantasien. Sie steht mit aussetzen zu mu ¨ssen. In der Untersuchung wurden ¨ vor allem folgende Gru ¨nde deutlich: ihrer beangstigenden Maßlosigkeit der als angenehm empfundenen Begrenzung der Museumslandwirt- schaft gegenu ¨ber. 123 154 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft • Der Genuss von Fleisch und Fleischprodukten Je nachdem, in welchem Zusammenhang die wird durch Berichte u ¨ber Massentierhaltung und Tierhaltung diskutiert wird (Schuldzuweisung, Bei- die dadurch ausgelo ¨ste Konfrontation mit unap- spiel fu ¨r eine unmoralische Gesellschaft, eigener petitlichen Bildern eingeschra¨nkt. Fleischkonsum) kann die Beurteilung ein und des- • Die Auseinandersetzung mit der Fleischerzeu- selben Teilnehmers unterschiedlich ausfallen. Es gibt gung verdeutlicht den Verwendern von eine erhebliche intrapersonelle Variabilita¨t der ge- Tierprodukten eine eigene Verstrickung in ein ¨ außerten Einstellungen und der jeweils als wichtig System, das als maßlos und unmoralisch beurteilt erachteten Aspekte. Dies weist stark darauf hin, dass wird. die Deutungen der Bilder vom jeweiligen Diskussi- • Die Schreckensbilder der Massentierhaltung und onsrahmen abha¨ngen. die in diesem Zusammenhang wahrgenommene Brutalitat gegenu ¨ber lebenden Kreaturen lo ¨sen 5 Ethische Einordnung Angste um die eigene Verwundbarkeit aus. Jede Wahrnehmung einer konkreten Tierhaltung Wa¨hrend die ersten beiden Punkte vor allem fu¨r wird beeinflusst von einem im Laufe des individuellen Fleischesser gelten, trifft der dritte Punkt auch auf Lebens sich entwickelnden Spannungsfeld zwischen Teilnehmer zu, die sich fleischlos ernahren. Das den Vorstellungen von ,,guter und richtiger‘‘ bzw. Gefu ¨hl der Verstrickung in ein als maßlos und ,,schlechter und falscher‘‘ Tierhaltung. Die subjektive unmoralisch erlebtes System und damit die Thema- Vorstellung davon, was ,,gut und richtig‘‘ bzw. tisierung der eigenen Maßlosigkeit wecken den ,,schlecht und falsch‘‘ ist, resultiert aus den Bildern, die Bedarf nach Begrenzungen. Im Gesamtbild von Tier- sich spontan einstellen, wenn die Tierhaltung in den haltung erkla¨rt sich die Attraktivita¨t der Kategorien Mitgefu ¨hl, Gerechtigkeit und Respekt Museumslandwirtschaft auch aus ihrer Funktion als einmal als akzeptable und einmal als inakzeptable das Gegenbild zur Massentierhaltung. Entsprechende Variante beschrieben werden soll. Mitgefu ¨hl und Begrenzungswu ¨nsche kommen auch im Wunsch Gerechtigkeit sind moralische Kategorien, die Empa- oder im Vorsatz zum Ausdruck, den eigenen thie (Einfu ¨hlung in die Betroffenen) voraussetzen; Fleischkonsum einzuschra¨nken. Schuldzuweisungen Respekt bildet demgegenu ¨ber eine empathiefreie und eigene Ohnmachtsbekundungen ko ¨nnen eben- moralische Kategorie, die mit Wertscha¨tzung korre- falls helfen, das Gefu ¨hl der eigenen Verstrickung liert. Werden Menschen aufgefordert, Bilder der abzumildern. Bei Veganern und z.T. auch Vegetariern landwirtschaftlichen Tierhaltung zu beschreiben, die ist dagegen eine Tendenz festzustellen, die unmoral- sie als akzeptierbar empfinden, dann entstehen Bilder, ischen und ungesunden Aspekte der Tierhaltung zu die einen respektvollen Umgang mit den Tieren zei- betonen und damit die eigene, freiwillige Begren- gen, die kein Mitleid auslo ¨sen und sich als ,,fairer Deal‘‘ zung zu begru ¨nden und positiv herauszustellen. zwischen Mensch und Tier verstehen lassen. Bilder In der Auseinandersetzung um die Tierhaltung einer inakzeptablen Form landwirtschaftlicher Tier- werden perso ¨nliche Zielkonflikte deutlich wahrge- haltung sind demgegenu ¨ber charakterisiert durch nommen, z.B. der Zielkonflikt zwischen einer einen respektlosen Umgang mit dem Tier (,,Ausbeu- preiswerten Versorgung und Forderungen nach ver- tung‘‘, ,,Instrumentalisierung‘‘), durch Mitleid oder besserten Tierschutzstandards. Es besteht auch ein durch eine Ungerechtigkeitsempfindung. Bewusstsein fu ¨r den Widerspruch zwischen den Ein- Wahrend die Teilnehmer dieser Untersuchung die stellungen zur Tierhaltung auf der einen Seite und inakzeptablen Bilder von sich aus mit dem Begriff dem Kauf- und Konsumverhalten auf der anderen. Massentierhaltung in Verbindung brachten, wurde Hierfu ¨r werden unterschiedliche Argumente angefu¨- Museumslandwirtschaft von den Autoren verwendet, hrt, wie z.B. Budgetrestriktionen, fehlende um die Bilder der akzeptierten Tierhaltung begrifflich Verfu ¨gbarkeit von Fleisch mit ho ¨heren Tierwohlstan- zusammenzufassen. Bezeichnet man die Pole des fu¨r dards, Scheu und Unlust vor der Verkomplizierung die Nutztierhaltung relevanten Wertungsrahmens in allta¨glicher Kaufentscheidungen, fehlendes Wissen, diesem Sinne mit Museumslandwirtschaft und fehlende Wirksamkeit des eigenen Handelns, fehlen- Massentierhaltung, dann wird versta¨ndlich, wie die des Verantwortungsgefu¨hl fu ¨r Misssta¨nde usw. beiden Bildgruppen bzw. die beiden Begriffe sich aus Entsprechende Erklarungen verringern zwar das Einzelbildern zusammensetzen, die jeweils reale, Unbehagen u ¨ber das eigene Verhalten; sie beseitigen mediale oder nur vorgestellte Erlebnisse des es aber nicht. Beurteilenden darstellen. Auf der Seite der Museums- landwirtschaft dominieren scho ¨ne Bilder, weil 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 155 Scho ¨nheit mit Wertscha¨tzung und Wertscha¨tzung mit • Museumslandwirtschaft als akzeptierte und Mas- Respekt assoziiert ist. Die Bilder der Massentierhaltung sentierhaltung als nicht akzeptierte Form der werden demgegenu ¨ber von abstoßenden Elementen Tierhaltung bilden eine weit verbreitete Bildkonfi- gepra¨gt (Dreck, Dunkelheit, Leid) und lassen Raum fu¨r guration. Die der Massentierhaltung zugeschriebene, angsteinflo ¨ßende Maßlosigkeit findet einen du ¨stere Phantasien. Fu ¨r die gesellschaftliche Debatte um die Zukunft Gegenpol in den als wohltuend erlebten Begren- zungen der Museumslandwirtschaft. der Nutztierhaltung kommt diesen Bildern bzw. Begriffen gro ¨ßte Wichtigkeit zu. Die Museumsland- • Auch wenn die Grenzen der Umsetzbarkeit der Museumslandwirtschaft wahrgenommen werden, wirtschaft dient subjektiv als ,,Machbarkeitsnachweis‘‘ einer ethisch sauberen Tierhaltung. Diese Bilder dienen die scho ¨nen Bilder des als fair empfunde- brauchen in der Praxis aber nicht eins zu eins realisiert nen Deals zwischen Mensch und Tier als Maßstab werden (es ist kein Museumsbauernhof erforderlich). einer zu entwickelnden ethisch und moralisch Notwendig ist vielmehr, dass die Bilder neuer Nutz- vertretbaren Tierhaltung. tierhaltungsformen in den drei angesprochenen • In den Interviews und Gruppendiskussionen Kategorien – Mitgefu ¨hl, Gerechtigkeit und Respekt – gelingt es den Teilnehmern nicht, konkrete Vor- stellungen von einer Tierhaltung zu entwickeln, ebenfalls als ,,akzeptierbar‘‘ bewertet werden. Das ist dann der Fall, wenn sie als ,,fairer Deal‘‘ zwischen die sowohl ihren Anspru ¨chen an Tierwohl und Umweltvertra¨glichkeit, wie auch ihren Anspru¨- Mensch und Tier verstanden werden ko ¨nnen, weil ein ,,fairer Deal‘‘ nicht nur Ungerechtigkeit, sondern auch chen an Versorgung und Bezahlbarkeit Mitleid und Respektlosigkeit logisch ausschließt. Da entspricht. Eine Abwa¨gung der mit einer ,,Muse- sich in den vergangenen Jahrzehnten Schreckens- umslandwirtschaft‘‘ verbundenen Konsequenzen phantasien zur Massentierhaltung verbreitet haben, erfolgt kaum. erscheint es daru ¨ber hinaus unverzichtbar, Transpa- • Reaktionen und Fragen nach der Beurteilung der renz fu ¨r den Bu ¨rger bzw. Verbraucher herzustellen Tierhaltung werden beeinflusst von der eigenen (,,gla¨serne Produktion‘‘), da nur so diesen sich spontan Verstrickung in das System. Bei Fleischessern aufdra¨ngenden Verda¨chtigungen entgegengewirkt ko ¨nnen heftige Schuldzuweisungen und hohe moralischen Anforderungen an die Akteure der werden kann. Wertscho ¨pfungskette von der empfundenen Mit- schuld ablenken. 6 Zusammenfassende Einordnung • Argumentationen und gea¨ußerte Einstellungen zur Tierhaltung variieren in Abha¨ngigkeit vom Bei der Beurteilung und Einordnung der Ergebnisse der vorliegenden Studie als auch von qualitativen und Diskussionszusammenhang. quantitativen Befragungen im Allgemeinen ist zu • Fu ¨r eine Verbesserung der Akzeptanz der Tierhal- beru ¨cksichtigen, dass die Bewusstmachung, die in sol- tung sind Anderungen und Weiterentwicklungen chen Befragungen stattfindet, im Alltag in der Regel hin zu tiergerechteren Verfahren notwendig, aber nicht erfolgt. Entsprechend finden sich in den Inter- nicht hinreichend, wenn diese nicht auch zu einer views immer wieder Aussagen und ,,Bekenntnisse‘‘, Anderung der Bilder und Deutungsmuster fu ¨hren. Kommunikation ist ein entscheidender Bestim- dass die als wichtig angesehene Tierschutzproblematik im Alltag kaum eine Rolle spielt. Die mentale Verfas- mungsfaktor fu ¨r die Entwicklung der Akzeptanz. Dabei ist zu beachten, dass eine Kommunikation, sung beim Kauf und Verzehr von Fleisch unterscheidet sich erheblich von der in der Untersuchungssituation. die als scho¨n fa¨rbend wahrgenommen wird, zu Unabha¨ngig von der Bedeutung der Thematik im All- einem weiteren Glaubwu ¨rdigkeitsverlust fu ¨r den tag lassen sich fu ¨r die Diskussion um die Sektor fu ¨hren wu ¨rde, weil sie die im Konzept der Wahrnehmung und Akzeptanz der Tierhaltung fol- Massentierhaltung enthaltenen Deutungsmuster gende Punkte herausstellen: u ¨ber die unmoralischen Handlungen der Akteure des Fleischsektors versta¨rkt. • Die Vorstellungen von der Tierhaltung und deren • Bei Analyse der Marktreaktionen ist zu beru ¨cksich- Akzeptanz sind stark von medialen Berichten, von tigen, dass sich die mentale Verfassung in Kaufsi- Sehnsu ¨chten als auch Schreckensphantasien und tuationen erheblich von der bei Befragungen von Deutungsmustern beeinflusst. Das fu¨hrt zu unterscheidet. Spaltungen und Verdra¨ngungen, der Frage, inwieweit diese Vorstellungen den die beim Kauf und Verzehr auftreten und die durch Verha¨ltnissen in der Tierhaltung gerecht werden. die Einbindung in bestimmte Situationen und 123 156 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Verwendungszusammenhange gefo ¨rdert werden, Lo ¨nneker J (2011) Die Wirkung von Qualita¨ten - treten bei den Befragungen weniger stark auf. Gestalten im Wandel. In: Naderer G, Balzer E (eds.) Qualitative Marktforschung in Theorie und Praxis, 2nd edn. Gabler, Wiesbaden, pp 83–110 Melchers C, Ziems D (2001) Morphologische Markt- Literatur psychologie. Ko¨ln Reik T (1983) Listening with the third ear: Macmillan. Bundesregierung (1971) Bundestagsdrucksache VI/ Farrar, Straus and Giroux, New York 2559 vom 07.09.1971. Entwurf eines Tierschutzge- Ziems D (2004) The morphological approach for setzes. http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/06/025/ unconscious consumer motivation research. J Ad- 0602559.pdf. Accessed 10 October 2017 vert Res 44(2): 210–224. https://doi.org/10.1017/ Fitzek H (2010) Morphologische Beschreibung. In: s0021849904040152 Mey G, Mruck K. (eds.) Handbuch Qualitative For- schung in der Psychologie. VS Verlag fu¨r Sozialwissenschaften, Wiesbaden, pp 692–706 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 157 Bu ¨rgerbewertungen unterschiedlicher schließt diese Forschungslu ¨cke, indem deutsche Haltungssysteme von Milchku ¨hen, Mastschweinen Bu ¨rger in einer Online-Befragung verschiedene und Masthu ¨hnchen: Ein systematischer Vergleich Haltungssysteme von Milchku ¨hen, Mastschweinen und Mastgeflu ¨gel anhand von Bildern und Kurzbe- 1 1 1 Sarah Ku¨hl , Winnie Isabel Sonntag , Nina Gauß , schreibungen ohne Einbeziehung o ¨konomischer 1 1 Birgit Gassler , Achim Spiller Abwa¨gungen bewerten sollten. Die Ergebnisse dieser vergleichenden Bewertung ermo ¨glichen Schlussfol- Georg-August-Universita¨tGo ¨ttingen, Department gerungen fu ¨r zukunftsweisende Haltungssysteme. fu ¨r Agraro ¨konomie und Rurale Entwicklung Marketing fu ¨r Lebensmittel und Agrarprodukte 2 Vorgehensweise und Auswertung sarah.kuehl@agr.uni-goettingen.de Um Unterschiede in der Bewertung moderner 1 Einleitung Nutztierhaltungssysteme aufzuzeigen, wurde im Februar 2016 eine Online-Befragung mit 1.074 Die Nutztierhaltung wird in Deutschland sehr diffe- Probanden durchgefu ¨hrt. Die Stichprobe war renziert wahrgenommen: Einerseits werden die hinsichtlich Alter (ab 16 Jahren), Geschlecht und Haltungsbedingen der Tiere vermehrt kritisiert und Einkommen repra¨sentativ fu¨r diedeutscheBevo¨l- andererseits ist sie durch romantische Bilder aufge- kerung. Die Probanden beurteilten fu¨r Milchku¨he, laden (Kayser et al. 2012; Kayser und Spiller 2012; Mastschweine und Masthu ¨hnchen je 4 verschiedene Isermeyer 2014). Zudem bestehen tierartenspezifische Haltungssysteme (Stallhaltung, Außenklimastall, Unterschiede in der Wahrnehmung und Bewertung. Stallhaltung mit Auslauf und Stallhaltung mit Wa¨hrend die Milchviehhaltung im Vergleich zur Weide im Sommer). Aufgrund des Umfangs der Fleischwirtschaft eher positiv wahrgenommen wird Fragestellung wurde der Fragebogen so geteilt, dass (Albersmeier und Spiller 2010), wird bspw. die Hu¨- 358 Probanden die Milchviehhaltung bewerteten, hnchenhaltung mit ihren hohen Tierzahlen und 356 die Mastschweinehaltung und 360 die Mast- mechanisierten Abla¨ufen negativ bewertet (Busch hu ¨hnchenhaltung. Eingesetzt wurden Bilder der et al. 2015). Insgesamt erfa¨hrt die Nutztierhaltung, jeweiligen Systeme und neutrale Kurzbeschreibun- und dadurch auch der Konsum tierischer Produkte, gen ihrer wesentlichen Merkmale (vgl. Abb. 1–3). Die eine zunehmende Skepsis und einen wachsenden Bewertung der Haltungssysteme erfolgte anhand Akzeptanzverlust in Teilen der Gesellschaft von literaturgestu ¨tzten Statements (Conner et al. (Vanhonacker et al. 2014). Daher ist es wichtig zu 2008), welche sich auf das Wohlbefinden der Tiere ermitteln, welche Haltungssysteme bei welchen sowie auf die sensorischen Aspekte tierischer Pro- Tierarten akzeptiert oder abgelehnt werden und zu dukte beziehen. Die Bewertung der vier analysieren, worin diese Bewertungen begru ¨ndet Haltungssysteme erfolgte randomisiert, um Rei- liegen. henfolgeeffekte zu vermeiden. Abschließend sollten Bisherige Studien konnten eine Pra¨ferenz der Bu¨- die Probanden die gesehenen Haltungssysteme rger fu ¨r Weidehaltung und Auslauf ins Freie fu¨r zusammenfassend bewerten. Die Datenauswertung Nutztiere aufzeigen (Conner et al. 2008; Weinrich erfolgte mittels uni- und bivariater Analysen in IBM et al. 2014). Es existieren jedoch keine Studien, in SPSS Statistics 24. denen Bewertungen hinsichtlich der verschiedenen modernen Haltungssysteme in systematischer Form erfasst wurden. Die vorliegende Untersuchung 123 158 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Diese Bilder zeigen die Innen und Außenansichten der reinen Stallhaltung von Kühen: Diese Bilder zeigen die Innen- und Außenansichten der reinen Stallhaltung von Schweinen: Die Kühe sind immer im Stall, dort können sie sich frei bewegen und sind nicht angebunden. Der Stall hat feste Wände mit Tür-, Tor- und Fensterflächen. Der Luaustausch erfolgt über Die Schweine sind immer im Stall, dort können sie sich frei bewegen und sind mit anderen Lüungsanlagen (z.B. Venlatoren) Schweinen zusammen in einer Gruppenbucht. Der Stall hat feste Wände mit geschlossenen Quelle: ©Bildagentur Landpixel Tür-, Tor- und Fensterflächen. Lüungs- und Klimageräte sorgen für ein geregeltes Raumklima, unabhängig von der Temperatur und der Lufeuchgkeit draußen. Diese Bilder zeigen die Innen und Außenansichten der reinen Stallhaltung von Kühen in Außenklimaställen: Diese Bilder zeigen die Innen- und Außenansichten der reinen Stallhaltung von Schweinen in Außenklimaställen: Die Kühe sind immer im Stall, dort können sie sich frei bewegen und sind nicht angebunden. Diese Stallform bietet im Gegensatz zu einem normalen Stall zusätzlich Kontakt zu Die Schweine sind immer im Stall, dort können sie sich frei bewegen und sind mit anderen Außenklima (natürliche Wierung: Sonnenschein, Kälte, Wind etc.) über große Öffnungen Schweinen zusammen in einer Gruppenbucht. Diese Stallform bietet im Gegensatz zu an der Front, offene Stallseitenwände oder einen offenen Giebel. Um die Tiere z.B. vor einem normalen Stall zusätzlich Kontakt zu Außenklima (natürliche Wierung: Wind zu schützen, stehen spezielle Windschutznetze oder steuerbare Jalousien an den Sonnenschein, Kälte, Wind etc.) über offene Seitenwände. Um die Tiere z.B. vor Wind zu offenen Wänden zur Verfügung. Die Temperatur und die Lufeuchgkeit sind im Stall schützen, stehen spezielle Windschutznetze oder steuerbare Jalousien an den offenen ähnlich wie außerhalb des Stalls. Wänden zur Verfügung. Die Liege- und Ruhezonen sind wärmegedämmt oder eingestreut. Die Schweine können im Stall einen beliebigen Klimabereich aufsuchen. Quelle: © Bildagentur Landpixel Quelle: © Bildungs und Wissenszentrum Boxberg Schweinehaltung, Schweinezucht Diese Bilder zeigen die Innen- und Außenansichten der Stallhaltung von Kühen mit Zugang (Landesanstalt für Schweinezucht LSZ) zu einem Auslauf (Lauof), der den Tieren zusätzlich zur Verfügung steht: Diese Bilder zeigen die Innen- und Außenansichten der Stallhaltung von Schweinen mit Zugang zu einem Auslauf, der den Tieren zusätzlich zur Verfügung steht: Die Kühe werden im Stall gehalten, dort können sie sich frei bewegen und sind nicht angebunden. Zusätzlich können sie nach eigenem Bedürfnis ganzjährig einen Auslauf Die Schweine werden im Stall gehalten, dort können sie sich frei bewegen und sind mit (Lauof) außerhalb des Stalls nutzen. Dieser Auslauf ist an den Stall angegliedert und hat anderen Schweinen zusammen in einer Gruppenbucht. Zusätzlich können sie nach eigenem meist einen betonierten Boden. Der Lauof ist unter freiem Himmel oder teilweise Bedürfnis ganzjährig einen Auslauf außerhalb des Stalls nutzen. Dieser Auslauf ist an den überdacht und bietet den Tieren die Möglichkeit zum Orts- und Klimawechsel, sofern es die Stall angegliedert und ist meist betoniert und nicht zwingend mit Stroh eingestreut. Der Wierung erlaubt. Auslauf ist unter freiem Himmel oder teilweise überdacht und bietet den Tieren die Quelle: © Bildagentur Landpixel Möglichkeit zum Orts- und Klimawechsel, sofern es die Wierung erlaubt. Diese Bilder zeigen die Innen- und Außenansichten der Stallhaltung von Kühen mit Zugang Quelle: © Bildagentur Landpixel, © KTBL, Stephan Fritsche auf eine Weide bzw. einen Naturboden, der den Tieren zusätzlich zur Verfügung steht: Diese Bilder zeigen die Haltung von Schweinen in Hüen mit Zugang auf eine Wiese bzw. einen Naturboden: Die Kühe werden im Stall gehalten, dort können sie sich frei bewegen und sind nicht angebunden. Zusätzlich haben sie für einen besmmten Zeitraum des Jahres, sofern es die Die Schweine werden für eine gewisse Zeit im Stall gehalten, dort können sie sich frei Wierung erlaubt, Zugang auf eine Weide bzw. einen Naturboden. Der Zugang auf die bewegen und sind mit anderen Schweinen zusammen in einer Gruppenbucht. Außerdem Weide bzw. den Naturboden bietet die Möglichkeit zum Orts- und Klimawechsel. leben Sie für einen besmmten Zeitraum des Jahres im Freien auf einer umzäunten Wiese Quelle: © Nina Gaus bzw. einem Naturboden. Dort stehen ihnen zum Schutz vor der Wierung Hüen zur Verfügung. Sie können sich auf der Wiese bzw. dem Naturboden zusammen mit anderen Schweinen nach ihrem eigenem Bedürfnis frei bewegen. Abb. 1 Bewertungsgrundlagen fu ¨r verschiedene Haltungssys- Quelle: © Bildagentur Landpixel teme in der Online-Befragung zur Tierart ,,Kuh‘‘ Abb. 2 Bewertungsgrundlagen fu ¨r verschiedene Haltungssys- teme in der Online-Befragung zur Tierart ,,Schwein‘‘ 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 159 3 Ergebnisse Diese Bilder zeigen die Innen- und Außenansichten der reinen Stallhaltung von Hähnchen: 3.1 Stichprobenbeschreibung Das Geschlechterverha¨ltnis in der Stichprobe ist mit Die Hähnchen sind immer im Stall, dort werden sie auf Einstreu gehalten und können sich 51,6 % weiblichen zu 48,4 % ma¨nnlichen Teilneh- frei bewegen. Der Stall hat feste Wände mit geschlossenen Tür-, Tor- und Fensterflächen. menden ausgeglichen und Lüungs- und Klimageräte sorgen für ein geregeltes Raumklima, unabhängig von der bevo ¨lkerungsrepra¨sentativ. Unter den Befragten Temperatur und der Lufeuchgkeit draußen. Quelle: © Bildagentur Landpixel ergibt sich eine Altersspanne von 16 bis 81 Jahren mit Diese Bilder zeigen die Innen- und Außenansichten der reinen Stallhaltung von Hähnchen in Außenklimaställen: einem Durchschnittsalter von 47 Jahren. Die vorlie- gende Stichprobe entspricht hinsichtlich Geschlecht, Alter und Einkommen annahernd dem deutschen Bevo ¨lkerungsdurchschnitt. 6,2 % der Probanden waren Vegetarier, wobei der Anteil der Frauen (79,1 %) unter den Vegetariern u ¨berwog. Die Hähnchen sind immer im Stall, dort werden sie auf Einstreu gehalten und können sich frei bewegen. Diese Stallform bietet im Gegensatz zu einem normalen Stall zusätzlich Kontakt zu Außenklima (natürliche Wierung: Sonnenschein, Kälte, Wind etc.) über offene 3.2 Tierartu ¨bergreifende Wahrnehmungen der Seitenwände. Um die Tiere z.B. vor Wind zu schützen, stehen spezielle Windschutznetze Haltungssysteme oder steuerbare Jalousien an den offenen Wänden zur Verfügung. Venlatoren sorgen zusätzlich für den Luaustausch. Quelle: © Wiesenhof Privathof, Hof Goebl Diese Bilder zeigen die Innen- und Außenansichten der Stallhaltung von Hähnchen mit 3.2.1 Milchviehhaltung Von allen Haltungssystemen Zugang zu einem Auslauf (Kaltscharrraum), der den Tieren zusätzlich zur Verfügung steht: wurde der Stall mit Weidezugang am positivsten beurteilt; gefolgt vom Stall mit Auslauf und dem Außenklimastall. Tabelle 1 zeigt, dass 80 % der Befragten zustimmten, dass die Tiere mit Weidezu- gang gesund leben, wahrend dies fu ¨r den Außenklimastall von 31 % der Probanden und fu ¨r den Die Hähnchen werden im Stall auf Einstreu gehalten und können sich dort frei bewegen. Stall mit Auslauf von 38 % der Probanden zustim- Zusätzlich können sie nach eigenem Bedürfnis ganzjährig einen Auslauf (Kaltscharrraum) außerhalb des Stalls nutzen. Ein Kaltscharrraum ist meist an die Längsseite des Stalls mend bewertet wurde (zwischen letzteren keine angegliedert, ist betoniert und eingestreut. Dieser Auslauf ist ein überdachter und signifikanten Unterschiede). engmaschig umzäunter Außenbereich, der den Tieren die Möglichkeit zum Orts- und Klimawechsel bietet, sofern es die Wierung erlaubt.© Bildagentur Landpixel, © Wiesenhof Privathof, Hof Aenberger, Hof Alnger, Hof Pirzer Diese Bilder zeigen die Innen- und Außenansichten der Stallhaltung von Hähnchen mit Zugang auf eine Grünfläche bzw. einen Naturboden, der den Tieren zusätzlich zur Verfügung steht: Die Hähnchen werden im Stall auf Einstreu gehalten und können sich dort frei bewegen. Zusätzlich haben sie ab einem gewissen Alter Zugang auf eine Grünfläche bzw. einen Naturboden. Der Zugang auf die Grünfläche bzw. den Naturboden besteht für einen besmmten Zeitraum des Jahres und wenn es die klimaschen Bedingungen erlauben. Die Hähnchen haben tagsüber die Möglichkeit zum Orts- und Klimawechsel. Quelle: © Bildagentur Landpixel, © Wiesenhof Privathof, Hof Pirzer Abb. 3 Bewertungsgrundlagen fu ¨r verschiedene Haltungs- systeme in der Online-Befragung zur Tierart ,,Hu ¨hnchen‘‘ 123 160 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Tab. 1 Bewertung der Haltungssysteme fu ¨r Milchku ¨he anhand ausgewa¨hlter Kriterien a b c d Statements Stall Außenklima Stall mit Auslauf Stall mit Weide -- ?/-??--?/-??-- ?/-??-- ?/-?? Die Tiere leben hier gesund.*** 61% 31% 8% 26% 43% 31% 19% 44% 38% 3% 18% 80% bcd ad ad abc 2,25 (0,96) 3,06 (0,94) 3,25 (0,98) 4,13 (0,83) Hier fehlt es den Ku ¨hen an nichts.*** 75% 19% 6% 58% 29% 13% 40% 33% 26% 6% 24% 70% bcd acd abd abc 2,01 (0.88) 2,41 (1,00) 2,86 (1,12) 3,94 (0,94) Hier bekommen die Ku ¨he ausreichend Tageslicht.*** 75% 18% 7% 24% 38% 38% 5% 23% 72% 2% 14% 84% bcd acd abd abc 2,04 (0,93) 3,15 (1,00) 3,88 (0,85) 4,25 (0,78) Hier bekommen die Ku ¨he ausreichend Frischluft.*** 52% 34% 15% 15% 28% 56% 4% 20% 77% 2% 9% 89% bcd acd abd abc 2,47 (1,01) 3,50 (0,96) 3,96 (0.79) 4,32 (0,73) Die Tiere ko ¨nnen hier ihr natu ¨rliches 86% 10% 4% 66% 23% 11% 48% 28% 24% 2% 13% 85% bcd acd abd abc Verhalten voll ausleben.*** 1,73 (0,82) 2,23 (1,02) 2.69 (1,15) 3,87 (0,95) Milch von diesen Tieren schmeckt gut.*** 31% 42% 27% 19% 43% 38% 12% 35% 52% 2% 13% 85% bcd acd abd abc 2,89 (0,97) 3,18 (0,93) 3,50 (0.91) 4,15 (0,75) Dem Landwirt ist das Wohl seiner Tiere 57% 34% 10% 27% 46% 27% 18% 42% 40% 2% 13% 85% bcd acd abd abc wichtig, wenn er sie so ha ¨lt.*** 2,31 (0,98) 2,97 (1,00) 3,29 (1,00) 4,18 (0,77) Die auf einer 5-stufigen Skala bewerteten Statements wurden wie folgt zusammengefasst: – ,,Stimme u ¨berhaupt nicht zu (1)‘‘ und ,,Stimme nicht zu (2)‘‘; ?- ,,Teils, teils (3)‘‘; ?? ,,Stimme zu (4)‘‘ und ,,Stimme voll und ganz zu (5)‘‘ Angegeben sind zusa ¨tzlich jeweils der Mittelwert und die Standardabweichung in Klammern Signifikanzniveau fu ¨r Unterschiede zwischen den Haltungssystemen: *** p B 0.000 a,b,c,d Signifikante Unterschiede (p B 0.05) zwischen den einzelnen Haltungssystemen, die mittels post hoc Tests ermittelt wurden Die reine Stallhaltung wird skeptisch bewertet: 3.2.2 Mastschweinehaltung Drei von vier Probanden lehnten die Aussage ab, dass es Milchku ¨hen im Stall an nichts fehlt. Vor allem Der Stall mit Weidezugang wurde auch in der Mast- schweinehaltung am positivsten bewertet, die reine hinsichtlich des Mangels an ausreichendem Tages- licht wurde die Stallhaltung kritisch beurteilt. Erst bei Stallhaltung deutlich negativer. Im Gegensatz zur diffe- renzierten Wahrnehmung des Außenklimastalls und Weidegang waren 70 % der Befragten u ¨berzeugt, dass es den Ku ¨hen an nichts fehlt. Zusa¨tzlich waren 7 des Stalls mit Auslauf bei der Milchvieh- und Geflu ¨gel- von 10 Probanden nur bei einem Auslauf ins Freie der haltung zeigten sich jedoch kaum signifikante Meinung, dass den Tieren ausreichend Tageslicht Unterschiede in der Bewertung dieser beiden Hal- und Frischluft zur Verfu ¨gung stehen. tungssysteme fu ¨r Mastschweine (Tab. 2). 92 % der Die ausschließliche Stallhaltung wurde vor allem Befragten waren der Meinung, dass Schweine, die hinsichtlich der Mo ¨glichkeiten der Ku ¨he ihr natu ¨rli- Zugang zu Weidefla¨chen haben, gesund leben, wa¨h- rend dies fu ¨r den Außenklimastall und den Stall mit ches Verhalten auszuleben, kritisch beurteilt, denn 86 % der Befragten sahen diese nicht gegeben. Die Auslauf nur ein Drittel der Probanden zustimmend beantwortete; fu ¨r den dargestellten Stall lehnten zwei Tierwohlbewertung strahlt auf die intrinsischen Produktmerkmale ab: Weniger als ein Drittel der Drittel der Befragten dieses Statement ab. Kaum ein ¨ Befragter vertrat die Meinung, dass es diesen Tieren an Befragten schatzte Milch von Ku ¨hen aus reiner Stallhaltung als gut im Geschmack ein, wa¨hrend bei nichts fehlt. Die Mo ¨glichkeiten natu ¨rliches Verhalten Milch von Ku ¨hen mit Weidezugang der Geschmack auszuleben und ausreichend Zugang zu Tageslicht und u ¨beraus positiv bewertet wurde. Auffallend hoch war Frischluft, wurden fu ¨r die Stallhaltung am negativsten auch die Zustimmung zum Statement, dass Land- bewertet. Auch beim Außenklimastall und dem Stall mit wirten das Wohl der Tiere wichtig ist, wenn den Auslauf war rund die Halfte der Befragten der Ansicht, Tieren Weidezugang ermo ¨glicht wird. Bei reiner dass die Tiere in beiden Systemen ihr natu ¨rliches Ver- halten nicht ausleben ko ¨nnen. Erst mit Weidezugang Stallhaltung waren davon nur 10 % der Probanden u ¨berzeugt. stimmten 90 % der Befragten dieser Aussage zu. 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 161 Tab. 2 Bewertung der Haltungssysteme fu ¨r Mastschweine anhand ausgewa¨hlter Kriterien a b c d Statements Stall Außenklima Stall mit Auslauf Stall mit Weide -- ?/-??-- ?/-??-- ?/-??-- ?/-?? Die Tiere leben hier gesund.*** 66% 28% 6% 28% 39% 33% 25% 42% 33% 1% 8% 92% bcd ad ad abc 2,09 (0,91) 3,05 (1,01) 3,07 (0,98) 4,47 (0,66) Hier fehlt es den Schweinen an nichts.*** 81% 15% 4% 47% 29% 25% 39% 36% 25% 2% 12% 86% bcd ad ad abc 1,83 (0,84) 2,70 (1,07) 2,80 (1,05) 4,36 (0,77) Hier bekommen die Schweine ausreichend Tageslicht.*** 88% 10% 2% 18% 39% 43% 9% 32% 59% 0% 3% 97% bcd acd abd abc 1,67 (0,74) 3,31 (0,97) 3,61 (0,89) 4,65 (0,55) Hier bekommen die Schweine ausreichend Frischluft.*** 69% 24% 8% 13% 25% 62% 8% 27% 56% 1% 4% 95% bcd ad ad abc 2,10 (0,92) 3,60 (0,96) 3,69 (0,89) 4,64 (0,59) Die Tiere ko ¨nnen ihr natu ¨rliches Verhalten 87% 11% 2% 55% 31% 15% 47% 34% 19% 2% 9% 90% bcd ad ad abc voll ausleben.*** 1,61 (0,78) 2,46 (1,01) 2,59 (1,08) 4,45 (0,75) Fleisch von diesen Tieren schmeckt gut.*** 48% 38% 14% 20% 40% 41% 19% 36% 45% 3% 9% 88% bcd ad ad abc 2,46 (1,01) 3,22 (0,94) 3,29 (1,00) 4,32 (0,81) Dem Landwirt ist das Wohl seiner Tiere 70% 25% 5% 26% 36% 38% 27% 35% 38% 1% 6% 93% bcd ad ad abc wichtig, wenn er sie so ha ¨lt.*** 2,02 (0,91) 3,13 (1,02) 3,12 (1,05) 4,49 (0,67) Die auf einer 5-stufigen Skala bewerteten Statements wurden wie folgt zusammengefasst: – ,,Stimme u ¨berhaupt nicht zu(1)‘‘ und ,,Stimme nicht zu(2)‘‘; ?- ,,Teils, teils(3)‘‘; ?? ,,Stimme zu(4)‘‘ und ,,Stimme voll und ganz zu(5)‘‘ Angegeben sind zusa ¨tzlich jeweils der Mittelwert und die Standardabweichung in Klammern Signifikanzniveau fu ¨r Unterschiede zwischen den Haltungssystemen: *** p B 0.000 a,b,c,d Signifikante Unterschiede (p B 0.05) zwischen den einzelnen Haltungssystemen, die mittels post hoc Tests ermittelt wurden Bei Schweinen polarisiert im Vergleich zu Ku¨hen 3.2.3 Masthu ¨hnchenhaltung und Hu ¨hnern die Geschmacksbewertung besonders deutlich, stark negativ fu ¨r die Stallhaltung, sehr Auch fu ¨r die Masthu ¨hnchenhaltung wurde die Stall- positiv fu ¨r die Freilandhaltung. Die Ansicht, dass haltung mit Weidezugang in allen Kriterien am Landwirten das Wohl der Tiere nicht wichtig sei, positivsten beurteilt. Tabelle 3 verdeutlicht ahnlich wenn die Tiere im Stall gehalten werden, vertraten 7 wie bei Ku ¨hen, dass ein Stall mit Auslauf positiver bewertet wird als ein Außenklimastall, und dieser von 10 Probanden. Außenklimastall und Stall mit Auslauf wurden positiver bewertet, aber nur mit wiederum positiver als die reine Stallhaltung. Weidezugang wurde den Landwirten u ¨berwiegend zuerkannt, dass ihnen das Wohl ihrer Tiere wichtig ist. Tab. 3 Bewertung der Haltungssysteme fu ¨r Masthu ¨hnchen anhand ausgewa¨hlter Kriterien a b c d Statements Stall Außenklima Stall mit Auslauf Stall mit Weide -- ?/-? ?- -?/-? ?- - ?/-?? -- ?/-?? Die Tiere leben hier gesund.*** 70% 23% 7% 47% 38% 16% 30% 43% 27% 11% 29% 59% bcd acd abd abc 2,08 (0,95) 2,56 (0,98) 2,94 (0,98) 3,70 (0,89) Die Tiere ko ¨nnen ihr natu ¨rliches Verhalten voll ausleben.*** 85% 10% 5% 73% 19% 8% 49% 36% 15% 11% 26% 62% bcd acd abd abc 1,69 (0,87) 2,07 (0,94) 2,55 (1,03) 3,56 (1,01) Hier fehlt es den Ha ¨hnchen an nichts.*** 82% 11% 6% 65% 25% 22% 47% 38% 16% 3% 20% 76% bcd acd abd abc 1,88 (0,91) 2,29 (0,96) 2,62 (1,00) 3,47 (1,03) Hier bekommen die Ha ¨hnchen ausreichend Tageslicht.*** 87% 9% 4% 35% 34% 31% 21% 39% 39% 6% 17% 77% bcd acd abd abc 1,70 (0,83) 2,91 (1,07) 3,24 (0,98) 4,05 (0,85) 123 162 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Tab. 3 continued a b d Statements Stall Außenklima Stall mit Stall mit Weide Auslauf -- ?/-? ?- -?/-? ? - -?/- ? ?- -?/-? ? Hier bekommen die Ha ¨hnchen ausreichend Frischluft.*** 63% 26% 10% 21% 35% 44% 18% 34% 48% 9% 22% 69% bcd ad ad abc 2,20 (1,00) 3,23 (1,07) 3,38 (0,99) 4,09 (0,82) Fleisch von diesen Tieren schmeckt gut.*** 48% 34% 18% 35% 41% 25% 22% 43% 34% 15% 29% 56% bcd acd abd abc 2,53 (1,04) 2,82 (0,98) 3,19 (0,96) 3,78 (0,89) Dem Landwirt ist das Wohl seiner Tiere wichtig, wenn er sie so 76% 17% 8% 47% 36% 17% 26% 43% 31% 11% 21% 68% bcd acd abd abc ha ¨lt.*** 1,96 (0,96) 2,58 (1,01) 3,03 (1,02) 3,77 (0,95) Die auf einer 5-stufigen Skala bewerteten Statements wurden wie folgt zusammengefasst: – ,,Stimme u ¨berhaupt nicht zu(1)‘‘ und ,,Stimme nicht zu(2)‘‘; ?- ,,Teils, teils(3)‘‘; ?? ,,Stimme zu(4)‘‘ und ,,Stimme voll und ganz zu(5)‘‘ Angegeben sind zusa ¨tzlich jeweils der Mittelwert und die Standardabweichung in Klammern Signifikanzniveau fu ¨r Unterschiede zwischen den Haltungssystemen: *** p B 0.000 a,b,c,d Signifikante Unterschiede (p B 0.05) zwischen den einzelnen Haltungssystemen, die mittels post hoc Tests ermittelt wurden Lediglich 7 % der Befragten stimmten zu, dass Tiere signifikant positiver bewertet, wa¨hrend fu ¨r Milchku¨- im Stall ein gesundes Leben fu ¨hren. Die Bewertung he und Masthu ¨hnchen erst der Auslauf die des Stalls mit Weide fiel mit 6 von 10 zustimmenden Zustimmung erho ¨ht; fu ¨r Mastschweine kann ein Probanden weniger positiv aus als fu ¨r die Milchvieh- Auslauf am Stall die Bewertung im Vergleich zum und Mastschweinehaltung. Bei Stallhaltung sahen Außenklimastall nicht weiter verbessern. Bei Stall- 85 % der Befragten keine Mo ¨glichkeit fu ¨r die Tiere ihr haltung mit Weidegang stimmten die Probanden natu ¨rliches Verhalten ausleben zu ko ¨nnen; fu ¨r den u ¨ber alle Tierarten hinweg am starksten zu, dass die Außenklimastall sahen dies rund drei Viertel der Tiere gesund leben, ausreichend Tageslicht bekom- Probanden als nicht gegeben an und fu ¨r den Stall mit men und ihr natu ¨rliches Verhalten ausleben ko ¨nnen. Auslauf rund die Ha¨lfte der Probanden. Nur mit Allerdings war diese Zustimmung fu ¨r Mastschweine Weidezugang waren 3 von 4 Probanden u ¨berzeugt, signifikant ho ¨her als fu ¨r Milchku ¨he und dass es den Tieren an nichts fehlt. Bei Stallsystemen Masthu ¨hnchen. wurde ausreichendes Tageslicht und Frischluft Bei der Erwartung an geschmackliche Eigenschaf- angezweifelt; wahrend beides fu ¨r den Außenklima- ten der tierischen Produkte zeigt sich ein stall positiver bewertet wurde. einheitliches Bild: So werden Produkte von Tieren, Etwa die Halfte der Befragten lehnte zudem die die im Stall gehalten werden, negativer bewertet als Aussage ab, dass Hu ¨hnchenfleisch von Tieren aus Produkte von Tieren aus Haltungssystemen mit Stallhaltung gut schmeckt. 76 % der Probanden Zugang ins Freie. Allerdings ist die Zustimmung, dass waren der Ansicht, dass Landwirten das Wohl der Hu ¨hnchenfleisch aus Haltungssystemen mit Zugang Tiere nicht wichtig sei, wenn sie im Stall gehalten zu einer Gru ¨nfla¨che gut schmeckt, signifikant gerin- werden. Beim Außenklimastall traf dies fu ¨r die Ha¨lfte ger als fu ¨r Fleisch von Mastschweinen und Milch von der Befragten zu. Ku ¨hen mit Zugang zu einer Weide. 3.2.4 Vergleichende Darstellung zwischen den 4 Schlussfolgerungen Tierarten Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass die Gesellschaft Uber alle Tierarten hinweg zeigt sich damit eine die reine Stallhaltung fu ¨r Nutztiere ablehnt. Eine klare Pra¨ferenzreihung der Haltungssysteme, es gibt gewisse Skepsis war auf Basis der bisherigen Literatur aber auch tierartenspezifische Unterschiede. Die zu erwarten (Kayser et al. 2012; Busch et al. 2015), die reine Stallhaltung wird insbesondere hinsichtlich Sta¨rke der Ablehnung ist jedoch frappierend. Auch ausreichend Tageslicht und Frischluft fu ¨r Milchku¨he Außenklimasta¨lle ko ¨nnen die gesellschaftliche positiver bewertet als fu ¨r Masthu ¨hnchen- und Mast- Akzeptanz nur bedingt erho ¨hen. Das kann ein Hin- schweine. Der Außenklimastall wird vor allem in weis darauf sein, dass die Verbesserungen gegenu ¨ber Bezug auf das Wohlbefinden von Mastschweinen der reinen Stallhaltung zwar wahrgenommen, aber 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 163 als noch nicht ausreichend eingescha¨tzt werden. diesen Haltungssystemen und besta¨tigt die positiven Lediglich fu ¨r Mastschweine konnte diese Haltungs- Wechselbeziehungen zwischen der Wahrnehmung form eine Akzeptanz von u ¨ber 20 % erzielen. des altruistischen Merkmals Tierwohl und den int- Insbesondere hinsichtlich der Natu ¨rlichkeit des rinsischen Merkmalen Gesundheit und Geschmack Haltungssystems schneidet die reine Stallhaltung (von Meyer-Ho ¨fer et al. 2015). Durch die Vermarktung schlecht ab. Die Probanden vermuten, dass die Tiere von gesellschaftlich erwu ¨nschten Produktionsme- hier nicht ausreichend Tageslicht und Frischluft thoden kann somit mo ¨glicherweise eine ho ¨here bekommen und ihr natu ¨rliches Verhalten nicht aus- Wertscho ¨pfung und ein Vorteil fu ¨r Unternehmen leben ko ¨nnen. Eine natu ¨rliche Haltungsumwelt ist und Gesellschaft erzielt werden (Porter und Kramer offensichtlich maßgeblich fu ¨r eine positive Bewer- 2011). Zusa¨tzlich ist die Beru ¨cksichtigung gesell- tung und ethische Vertretbarkeit der Nutztierhaltung schaftlicher Anspru ¨che und Erwartungen fu ¨r eine (Lassen et al. 2006; Dawkins und Bonney 2008; Boo- nachhaltige Nutztierhaltung von hoher Bedeutung, gaard et al. 2006). Dabei finden sich auch da Bu ¨rger in ihrer Rolle als Verbraucher, aber auch Unterschiede zwischen den Tierarten. Die reine als Wa¨hler langfristig mitentscheiden, was am Markt Stallhaltung wird in der Milchviehhaltung bspw. existieren kann (Allen et al. 1991; Buller und Roe 2012; positiver bewertet als fu ¨r Mastschweine und Weary et al. 2016). Masthu ¨hnchen. Trotz der positiveren Bewertung Weitere Studien sind jedoch notwendig, um die bzgl. Frischluftkontakt und Wohlbefinden findet Kauf- und Zahlungsbereitschaft fu ¨r Produkte aus den aber auch fu ¨r Milchku ¨he die reine Stallhaltung kaum jeweiligen Haltungssystemen zu ermitteln und Akzeptanz. Marktpotenziale und Vermarktungsmo ¨glichkeiten Der Außenklimastall wird insbesondere fu ¨r Mast- abscha¨tzen zu ko ¨nnen. Wa¨hrend die Weidehaltung schweine bzgl. Tageslicht- und Frischluftkontakt, fu ¨r Milchku ¨he eher geringe Kostennachteile aber auch bzgl. des Wohlbefindens der Tiere deutlich gegenu ¨ber der reinen Stallhaltung aufweist (Gillespie positiver bewertet als die geschlossene Stallhaltung. und Nehring 2014), sto ¨ßt sie bei Wachstumsprozes- Die Akzeptanz bleibt jedoch niedrig. In der Mast- sen zurzeit technologisch an Grenzen. Innovative hu ¨hnchenhaltung hat der Außenklimastall kaum Haltungssysteme, die Weidegang fu ¨r große Milch- einen positiven Effekt auf die Akzeptanz. Generell viehbetriebe ermo ¨glichen wu ¨rden, waren ein werden alle Haltungssysteme fu ¨r Masthu ¨hnchen am spannender Ansatzpunkt. Auch sollten betriebswirt- negativsten bewertet. Dies ko ¨nnte daraus resultieren, schaftliche Berechnungen die Kostenunterschiede dass sich Bu ¨rger von der großen Anzahl der Tiere zwischen Weidesystemen tierartenspezifisch analy- meist u ¨berfordert fu ¨hlen und laut Studien bspw. eine sieren. Der vorliegende Beitrag kann eine solche Reduzierung der Bestandsgro ¨ße gar nicht wahrneh- Gesamtbewertung der Haltungssysteme als Voraus- men (Busch et al. 2015). setzung einer umfassenden Diskussion noch nicht Damit die Nutztierhaltung langfristig gesell- leisten, er zeigt aber durch den Verweis auf die schaftlich akzeptiert wird, ist der Zugang ins Freie hohen Akzeptanzprobleme der reinen Stallhaltung notwendig. Fu ¨r alle Tierarten zeigt sich eine klare auf, dass eine umfassende Bewertung notwendig ist Pra¨ferenz fu ¨r Haltungssysteme, die den Tieren und z.B. der derzeitige Ru ¨ckgang der Weidehaltung Zugang ins Freie ermo ¨glichen. Dabei wird die Wei- beim Milchvieh das gute Image der Milchwirtschaft dehaltung am besten bewertet, was sich auch in bedroht (Reijs et al. 2013). Fu ¨r Mastschweine ko ¨nnten anderen Studien des SocialLab-Projektes zeigt (wie innovative Haltungssysteme mit Auslauf wie z. B. das z.B. von Rovers et al. in diesem Heft). Diese hohe Pig-Port-System interessante Perspektiven bieten. Fu¨r Akzeptanz entspricht zudem den Ergebnissen ande- Masthu ¨hnchen sind Systeme mit Kaltscharrraum, wie rer Autoren (Cardoso et al. 2016; Sonntag et al. 2017). sie z. B. Wiesenhof im Tierschutzlabelprogramm des Aber auch ein Auslauf erho ¨ht die Akzeptanz deutlich. Deutschen Tierschutzbund betreibt, eine produkti- Etwa die Ha¨lfte aller Probanden akzeptiert die Stall- onstechnisch gut funktionierende Haltungsform, die haltung, wenn die Tiere zumindest Zugang zu einem den Ablehnungsgrad von 83 auf 52 % senkt. Auslauf haben – der Anteil der Probanden, die dieses System nicht akzeptieren, sinkt auf unter 20 % bei allen Nutztieren. Literatur Zudem werden Haltungssysteme mit Auslauf oder Weide mit positiven Auswirkungen auf den Ge- Albersmeier F, Spiller A (2010) Die Reputation der schmack der Produkte assoziiert. Dies ist ein wichti- Fleischwirtschaft: eine Kausalanalyse. Ger J Agric ges Ergebnis fu ¨r die Vermarktung von Produkten aus Econ 59(4):258–270 123 164 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Allen P, Dusen D van, Lundy J, Gliessmann S (1991) Hambrusch J, Hoffmann C, Kantelhardt J, Oedel- Integrating social, environmental, and economic Wieser T (Hrsg.) Jahrbuch der o ¨sterreichischen issues in sustainable agriculture. Am J Altern Agric Gesellschaft fu ¨r Agraro ¨konomie 21(1):23–31 6:34–39 Lassen J, Sandøe P, Forkman B (2006) Happy pigs are Boogaard BK, Oosting, SJ, Bock BB (2006) Elements of dirty! – conflicting perspectives on animal welfare. societal perception of farm animal welfare: a Livest Sci 103:221–230 quantitative study in the Netherlands. Livest Sci Meyer-Ho ¨fer M v, Nitzko S, Spiller A (2015) Is there an 104:13–22 expectation gap? Consumers’ expectations Buller H, Roe E (2012) Modifying and commodifying towards organic. Br Food J 117(5):1527–1546 farm animal welfare: The economisation of layer Porter ME, Kramer MR (2011) Creating shared value. chickens. J Rural Stud 33:141–149 Harv Bus Rev Jan./Febr:63–70 Busch G, Schwetje C, Spiller A (2015) Bewertung der Reijs JW, Daatselaar CHG, Helming JFM, Jager J (2013) Tiergerechtheit in der intensiven Ha¨hnchenmast Grazing dairy cows in North-West Europe. Eco- durch Bu ¨rger anhand von Bildern: ein Survey nomic farm performance and future developments Experiment. Ger J of Agric Econ 64(3):131–147 with emphasis on the Dutch situation. LEI Report Cardoso CS, Ho ¨tzel MJ, Weary DM, Robbins JA, von 2013-001. The Hague, NL: LEI Wageningen UR Keyserligk MAG (2016) Imagining the ideal dairy Sonntag W, Kaiser A, von Meyer-Ho ¨fer M, Spiller A farm. J Dairy Sci 99:1663–1671 (2017) Wie ko ¨nnen Anspru ¨che der Gesellschaft in Conner DS, Campbell-Arvai V, Hamm MW (2008) mo ¨gliche Vera¨nderungsprozesse eingebunden Consumer preferences for pasture-raised animal werden? Konfrontation von Verbrauchern mit products: Results from Michigan. J of Food Distrib Zielkonflikten aus der Schweinehaltung. Ber u ¨ber Res 39(2):12–25 Landwirtsch 95(1):1–27 Dawkins MS, Bonney R (2008) The future of animal Vanhonacker F, Verbeke W (2014) Public and con- farming – Renewing the ancient contract. Black- sumer policies for higher welfare food products: well, London Challenges and opportunities. J Agric Environ Gillespie J, Nehring R (2014) Pasture-Based versus Ethics 27:153–171 Conventional Milk Production: Where is the Profit? Weary DM, Ventura BA, von Keyserlingk MAG (2016) J of Agric and Appl Econ 46(4):543–558 Societal views and animal welfare science: Isermeyer F (2014) Ku ¨nftige Anforderungen an die understanding why the modified cage may fail Landwirtschaft: Schlussfolgerungen fu ¨r die Agrar- and other stories. Animal 10(2):309–317 Weinrich R, Ku¨hl S, Zu ¨hlsdorf, A Spiller A (2014) politik. Thu ¨nen Working Paper 30:1–35 Kayser M, Schlieker K, Spiller A (2012) Die Wahrneh- Consumer Attitudes in Germany towards Diffe- mung des Begriffs ,,Massentierhaltung‘‘ aus Sicht rent Dairy Housing Systems and their implications der Gesellschaft. Ber u ¨ber Landwirtsch for the Marketing of Pasture Raised Milk. IFAMR 90(3):417–428 17(4):205–222 Kayser M, Spiller A (2012) Das Image der verschiede- nen Fleischarten aus KonsumentInnen-Sicht. In: 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 165 Analyse der Wahrnehmung der Nutztierhaltung 2 Methodische Vorgehensweise durch unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen Die Wahrnehmung der Nutztierhaltung wurde mit 1 2 Anja Rovers , Christiane Wildraut , Marcus Mergen- Hilfe von leitfadengestu ¨tzten Gruppendiskussionen 2 3 explorativ erhoben. Bei Gruppendiskussionen gibt thaler , Winnie Isabel Sonntag , Marie von Meyer- 3 3 4 1 Ho ¨fer , Achim Spiller ,Jo ¨rg Luy , Doreen Saggau , die Diskussionsleitung das Thema vor und lenkt den 1 1 weiteren Verlauf der Gespra¨chsrunde, indem, gema¨ß Nanke Bru¨mmer , Inken Christoph-Schulz Leitfaden, gezielt offene Fragen an die Gruppe ge- stellt werden. Vorteilhaft daran ist, dass viele Ergeb- Thu ¨nen-Institut fu ¨r Marktanalyse, Braunschweig Fachhochschule Su ¨dwestfalen, Fachbereich Agrar- nisse erst aufgrund der Diskussion zum jeweiligen wirtschaft, Soest Thema in einem dynamischen Prozess entstehen und Georg-August-Universita¨tGo ¨ttingen, Department auch unerwartete Aspekte auftreten (Wilson 1997; fu ¨r Agraro ¨konomie und Rurale Entwicklung, Marke- Halkier 2010), was mit standardisierten Befragungen ting fu ¨r Lebensmittel und Agrarprodukte nicht mo ¨glich ist. Die Ergebnisse sind ohne Anspruch Privates Forschungs- und Beratungsinstitut fu¨r auf Repra¨sentativita¨t, liefern jedoch detaillierte Ein- blicke zur Frage, wie die Gesellschaft die Haltung der angewandte Ethik und Tierschutz INSTET gGmbH, Berlin verschiedenen Tierarten einscha¨tzt, was Haupt- kritikpunkte sind und welche Aspekte eine eher anja-karolina.rovers@thuenen.de untergeordnete Rolle spielen. Die Gruppendiskus- 1 Einleitung sionen fanden pro Tierart in je zwei (Landwirte) bzw. drei/vier (Bu ¨rger) Orten von September bis November In Deutschland zeigt sich bei der Nutztierhaltung 2015 statt. Jede Diskussionsrunde hatte vier bis elf eine wachsende Diskrepanz zwischen den derzeit Teilnehmer und wurde in den folgenden Orten vorherrschenden Haltungsverfahren und gesell- durchgefu ¨hrt (Tab. 1): schaftlichen Wu ¨nschen (Kayser et al. 2012). Tierwohl und unterschiedliche ethische Bewertungen der Tab. 1 Orte der Gruppendiskussionen mit Landwirten und Nutztierhaltung sind im o ¨ffentlichen Diskurs prasent Bu ¨rgern (WBA 2015). Untersuchungen deuten immer wieder Tierart Landwirte Bu ¨rger darauf hin, dass eine gesellschaftliche Mehrheit ein Rind Schleswig (Schleswig- Schwerin (Mecklenburg- eher negatives Bild hat, v.a. bei intensiven Haltungs- Holstein) Vorpommern) systemen (bspw. Lemke et al. 2006; Weible et al. Kempten (Bayern) Essen (Nordrhein-Westfalen) 2016). Werden die Haltungsbedingungen der Nutz- Kempten (Bayern) tierarten miteinander verglichen, wird vor allem die Schwein Borken (Nordrhein- Oldenburg (Niedersachsen) Haltung von Schweinen und Geflu ¨gel kritisiert und Westfalen) Fulda (Hessen) als verbesserungswu ¨rdig empfunden (Europa¨ische Thu ¨rkow Halle (Sachsen-Anhalt) Kommission 2007; Kayser et al. 2012). Im Gegensatz (Mecklenburg- dazu wird die Milchviehhaltung deutlich positiver Vorpommern) ¨ ¨ eingeschatzt (Europaische Kommission 2005; Huhn Frisoythe Hamburg (Hamburg) Christoph-Schulz et al. 2015). Der WBA hat vor die- (Niedersachsen) Vechta (Niedersachsen) sem Hintergrund ein Gutachten mit neun Leitlinien Magdeburg (Sachsen- Wu ¨rzburg (Bayern) fu ¨r eine zukunftsfa¨hige, in weiten Teilen der Anhalt) Erfurt (Thu ¨ringen) Bevo ¨lkerung akzeptierte Nutztierhaltung erstellt. Im vorliegenden qualitativen Beitrag wird die Die Landwirte wurden mit Hilfe von Berufsverban- Wahrnehmung der heutigen Nutztierhaltung basie- den zu den Diskussionsrunden eingeladen. Dabei rend auf den Leitlinien des WBA-Gutachtens waren pro Runde mindestens eine weibliche detaillierter untersucht. Fu ¨r die Tierarten Rind, Betriebsleiterin sowie Vertreter unterschiedlicher Schwein und Huhn wird die Wahrnehmung aus Sicht Produktionsstufen der jeweiligen Tierart vertreten. von Bu ¨rgern und Landwirten differenziert erfasst. Die Bu ¨rger wurden auf Basis bestimmter Quoten Der Begriff ,,Bu ¨rger‘‘ wird hier in Abgrenzung zum Begriff ,,Landwirte‘‘ verwendet und beinhaltet alle in Deutschland Mit den Bu ¨rgern wurde jeweils in zwei Runden pro Ort lebenden Personen ohne einen beruflichen Bezug zur Land- diskutiert. wirtschaft oder Lebensmittelindustrie bzw. ohne entsprechende Ausbildungen/Studienabschlu ¨sse. Alter (20 bis 70 Jahre), Geschlecht (33 % bis 67 % weiblich). 123 166 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft durch ein Marktforschungsunternehmen akquiriert. ermo ¨glicht werde bzw. gewonnene zeitliche Frei- Der Diskussionsleitfaden fu ¨r die Landwirte enthielt ra¨ume fu ¨r eine intensivierte Tierbetreuung genutzt offene Fragen zu den Gru ¨nden fu ¨r die Wahl der werden ko ¨nnten. Der Kritik am Medikamentenein- jeweiligen Haltungsform, zu ihrer Wahrnehmung satz halten Landwirte entgegen, dass fu ¨r sie eine daru ¨ber, zur Wahrnehmung der gesellschaftlichen Gefa¨hrdung der Tiergesundheit durch einen aus- Debatte um die Nutztierhaltung, zu den betriebli- bleibenden Medikamenteneinsatz nicht mit chen Mo ¨glichkeiten der Tierhalter, sich fu ¨r mehr Tierschutz und Tierwohl zu vereinbaren ist. Ein- Tierwohl zu engagieren sowie zu ihren Wu ¨nschen an schra¨nkungen beim Medikamenteneinsatz lehnen Politik und Gesellschaft. Der Diskussionsleitfaden fu¨r Landwirte deshalb ab. Die Landwirte sehen ihre die Bu ¨rger war so gestaltet, dass sich die offen Nutztiere als Produktionsgrundlage und grenzen die gestellten Fragen an den Leitlinien aus dem WBA- Nutztierhaltung deutlich von der Heimtierhaltung Gutachten orientierten. Alle Diskussionen hatten ab. Bei den Bu ¨rgern kritisieren sie Anthropomorphi- eine La¨nge von bis zu 120 Minuten und wurden sierungstendenzen gegenu ¨ber Tieren. aufgezeichnet. Die anschließend erstellten Trans- Nachfolgend werden ausgewa¨hlte Ergebnisse der kripte wurden einer qualitativen Inhaltsanalyse mit- Gruppendiskussionen mit den Bu ¨rgern vorgestellt: hilfe von MAXQDA unterzogen und kategorisiert (vgl. Die Diskussionsteilnehmer betonen, dass es heutzu- Mayring 2002). tage immer weniger landwirtschaftliche Betriebe gabe. Dadurch sei es schwerer geworden, perso¨n- 3. Ergebnisse lichen Kontakt zur Landwirtschaft zu haben. Deshalb seien die Medien oftmals die einzige Informations- 3.1 Tierartenu ¨bergreifende Ergebnisse quelle. Die mediale Berichterstattung sei allerdings meist negativ und zeige oft ,,Horrorbilder‘‘. Man Folgende ausgewa¨hlte Ergebnisse sind fu ¨r alle Dis- mu ¨sse daher kritisch reflektieren, woher die Infor- kussionsrunden mit den Landwirten festzuhalten: Im mationen stammen und versuchen, starke Hinblick auf Informationsmo ¨glichkeiten u ¨ber Land- Beeinflussung zu vermeiden. Direktvermarktung sei wirtschaft und Tierhaltung erla¨utern Landwirte eine eine gute Mo ¨glichkeit, Einblicke in die Land Vielzahl von Optionen, wie bspw. einen ,,Tag der wirtschaft zu erhalten. offenen Hoftu ¨r‘‘. Gleichzeitig beklagen sie, dass die Ha¨ufig verwenden die Teilnehmer den Begriff von ihnen und der Branche angebotenen Informati- ,,Massen(tier)haltung‘‘. Dieser wird meist mit onsmo ¨glichkeiten nicht umfassender genutzt fehlendem Freilandzugang, zu geringem Platzange- werden. Sie kritisieren zudem die einseitige und bot und intransparenten, abgeschlossenen Systemen reißerische Berichterstattung der Medien. Landwirte verbunden, v.a. beim Schwein und beim Huhn. Aus- verweisen auf wirtschaftliche Rahmenbedingungen nahmen seien Biobetriebe. Die Diskutanten heben und Zusatzkosten einer verbesserten Nutztierhal- ha¨ufig hervor, dass heutzutage viel Technik einge- tung. Sie sehen trotz der gea¨ußerten setzt wu ¨rde, um verschiedene Prozesse, wie z.B. die gesellschaftlichen Forderungen keine am Point-of- Fu ¨tterung, automatisiert durchzufu ¨hren. Die Teil- Sale gezeigten Mehrzahlungsbereitschaften. Fu ¨r die nehmer vermuten dadurch einen verminderten Landwirte ist das als Hinweis zu verstehen, dass Bu¨r- Mensch-Tier-Kontakt. gern das Anliegen Tierwohl hauptsa¨chlich dann Beim Thema Medikamenteneinsatz ist am ha¨ufig- wichtig ist, wenn sie keine Mehrkosten tragen sten von Antibiotika die Rede. Dabei wird erwahnt, mu ¨ssen. dass es Ru ¨cksta¨nde in Fleisch oder Eiern ga¨be, mit Der Einsatz von Technik in der Tierhaltung wird denen die Gefahr von antibiotikaresistenten Bakterien von den Landwirten als Anpassungsstrategie an einhergehe. Teilweise wird hierbei betont, dass Anti- wirtschaftliche Rahmenbedingungen gesehen. Der biotika prophylaktisch (z.B. mit dem Futter) gegeben technische Fortschritt bedeute Erleichterung der wu ¨rden. Beim Schwein ist außerdem ha¨ufig von leis- eigenen ko ¨rperlichen Arbeit und habe positive tungssteigernden Medikamenten oder von Hormonen Effekte fu ¨r das Tierwohl, weil durch Technik eine die Rede. Teilweise werden auch Ru ¨cksta¨nde von bessere Tierversorgung und -u ¨berwachung Medikamenten in der Milch vermutet. Oft wird ange- nommen, dass der Medikamenteneinsatz infolge der Der Meinungsaustausch innerhalb der Diskussionen zwi- als schlecht und nicht artgerecht eingescha¨tzten Hal- schen Personen mit unterschiedlicher Ernahrungsweise war tungsbedingungen erforderlich sei und verringert ausdru ¨cklich erwu ¨nscht. Daher waren neben Personen, die werden ko ¨nnte, wenn sich die Haltung verbessern Fleisch essen, auch max. zwei Personen pro Gruppe vertreten, ¨ wu ¨rde. die sich vegetarisch oder vegan ernahren. 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 167 Einige Diskutanten betonen, dass Tiere generell Alternative gesehen. Auslaufmo ¨glichkeiten werden fu ¨hlende Lebewesen seien. Besonders beim Schwein aus finanziellen, tier- und seuchenhygienischen werden einzelne Haltungsbedingungen, v.a. das ge- sowie beho ¨rdlichen Gru ¨nden kritisch gesehen. Auch ringe Platzangebot oder die Lichtverha¨ltnisse im Stall, werden begrenzte Absatzpotenziale als Hemmnis als abtra¨glich fu ¨r das Wohlbefinden der Tiere einge- angefu¨hrt. stuft. Andere Teilnehmer bekra¨ftigen, dass es einem Huhn: Tier generell nur dann gut gehen wu ¨rde, wenn es seine Die Landwirte beklagen Unkenntnis der Bevo ¨lke- natu ¨rlichen Bedu ¨rfnisse erfu ¨llen ko ¨nne. rung zur Legehennenhaltung. Das Verbot der Ka¨fighaltung von Legehennen sei bei vielen Ver- 3.2 Tierartenspezifische Ergebnisse brauchern nicht angekommen. Daraus schließen sie, dass Vera¨nderungen nach den Wu ¨nschen der Aus den Diskussionen mit den Landwirten lassen sich Gesellschaft letztlich zu keiner allgemein besseren folgende, ausgewa¨hlte Ergebnisse fu ¨r die drei Tier- Beurteilung der Tierhaltung fu ¨hren. Die Legehen- arten festhalten: nenhaltung wird von Landwirten als ein Bereich der Rind: Nutztierhaltung angefu ¨hrt, in dem den Tieren heute mehr Platz und Bewegungsmo ¨glichkeiten geboten Milchviehhalter betrachten die Fu ¨tterung von werden. Dabei differenzieren sie die Effekte und Milchku ¨hen als wichtige Managementaufgabe. In weisen beispielsweise auf erhebliche erho ¨hte ihren Augen erfordern die erreichten zu ¨chte- gesundheitliche und hygienische Probleme in der rischen Entwicklungen zu hohen Milchleistungen eine bedarfsgerechte Fu ¨tterung der einzelnen Tiere, Freilandhaltung hin. Gleichzeitig gewinnen sie dieser Haltungsform durchaus auch a¨sthetische und emo- die ohne Kraftfuttergaben nicht erreicht werden ko ¨nne. Sie sehen weiteren Entwicklungen der Auto- tionale Mehrwerte ab. In der intensiven Hu ¨hnchenmast sehen Landwirte eine hocheffiziente matisierung und Technisierung in den Sta¨llen mit großem Interesse entgegen. Als positiv bewerten sie Fleischproduktion, die es Bu ¨rgern ermo ¨glicht, gu ¨nstig ¨ gesundes Fleisch einzukaufen, wofu ¨r der steigende Pro- u.a. die dadurch entstehenden Freiraume fu ¨r die Tierhalter und den Komfort fu ¨r die Tiere, beispiels- Kopf-Verbrauch von Geflu ¨gelfleisch spreche. Die Inhaltsanalyse der Gruppendiskussionen mit weise wenn Milchku ¨he individuelle Melkzeiten eines den Bu ¨rgern liefert die folgenden, fu ¨r die drei Melkroboters nutzen ko ¨nnen. Die Weidehaltung sehen Landwirte kontrovers. Insbesondere in Betrie- untersuchten Tierarten ausgewa¨hlten Ergebnisse: ben mit gro ¨ßeren Tierbesta¨nden und knappen Rind: arrondierten Fla¨chen stellen in ihren Augen moder- Die Bu ¨rger beschreiben Ku ¨he auf der Weide als ne Laufsta¨lle mit Bewegungsfreiheit fu ¨r die Tiere und ihre Idealvorstellung, weil dies einer natu ¨rlichen verschiedenen Funktionsbereichen einen tierwohl- Haltung entspreche. Einige Teilnehmer fragen sich gerechten Kompromiss dar. jedoch, inwiefern die Tiere, wenn sie es nicht anders Schwein: gewohnt seien, u ¨berhaupt die Weide vermissen wu¨r- den. Einige Bu ¨rger ra¨umen ein, dass Weidehaltung Eingriffe am Tier, wie Kastration von ma¨nnlichen Ferkeln, Za¨hneschleifen von Saugferkeln sowie nicht immer umzusetzen sei und Milchku ¨he daher ha¨ufig auch nur im Stall gehalten wu ¨rden. Gras und Kupieren der Schwa¨nze werden als Notwendigkeit zur Sicherstellung von Tierwohl in den derzeitigen Heu seien das natu ¨rliche Futter fu ¨r das Rind. Viele Teilnehmer ra¨umen aber Informationsdefizite bezu¨g- Haltungssystemen betrachtet. Nicht thematisiert wird von Landwirten, dass diese Eingriffe derzeit lich der Fu ¨tterung ein und wu ¨ssten v.a. nicht, was im Kraftfutter enthalten sei. Im Hinblick auf Melk- gesetzlich teilweise nur als Ausnahme erlaubt sind. Landwirte sehen Kastensta¨nde fu ¨r Sauen der Grup- roboter ist das Bild heterogen. Wahrend einige Teil- nehmer diese favorisieren und sogar als penhaltung als u ¨berlegen an, weil damit die tierindividuelle Beobachtung vereinfacht wird und ,,kuhfreundlich‘‘ bezeichnen, berichteten andere, dass sie sie als a¨ußerst negativ empfinden. rangniedere Sauen besser geschu ¨tzt werden. Auslauf und Bescha¨ftigung werden von Landwirten sehr dif- Schwein: ferenziert betrachtet. Bescha¨ftigungsmo ¨glichkeiten Aussagen zum Platzangebot fu ¨r Schweine erfolgen innerhalb der bestehenden Haltungssysteme sind fu¨r ¨ ¨ sehr haufig und vordergru ¨ndig. Es wird erwahnt, Landwirte einfach umzusetzen. Unter a¨sthetischen dass es ,,eng‘‘ im Stall sei, die Tiere ,,eingepfercht‘‘ Gesichtspunkten wird Strohhaltung als interessante 123 168 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft gehalten wu ¨rden oder dass ,,kein Platz‘‘ fu ¨r die Tiere • Kranke Nutztiere sollen behandelt werden. vorhanden sei. Besonders ha¨ufig werden negativ • Nutztiere dienen dem Menschen zur behaftete Adjektive in Verbindung mit Muttersauen Lebensmittelproduktion. in Kastensta¨nden genannt, wobei der Begriff Kas- Bu¨rger tenstand nicht explizit verwendet wird. Auf dessen Funktion wird durch die Teilnehmer nicht einge- • Der direkte Bezug zu Landwirtschaft und Nutztier- ¨ haltung geht zuru ¨ck. gangen. Wenn es um Einrichtungsgegenstande oder Bescha¨ftigungsmo ¨glichkeit geht, ist in einigen Aus- • Die Haltungsbedingungen fu ¨r Nutztiere sind viel- ¨ fach verbesserungswu ¨rdig. sagen von Ballen oder Ketten die Rede. Einige Diskutanten heben hervor, dass Schweine intelligente • Heutige Tiersta¨lle sind sehr technisiert und auto- Tiere seien, die sich eigentlich Bescha¨ftigung wu¨n- matisiert, was den Mensch-Tier-Kontakt mindert. schen. Teilweise waren in den Diskussionen bis auf • Der Einsatz von Medikamenten in der Nutztier- Impfungen keine weiteren Eingriffe am Schwein in haltung wird sehr kritisch gesehen. der Vorstellung der Teilnehmer vorhanden. Daher • Nutztiere haben Anspruch auf Fu ¨rsorge und wurde fallbedingt in die Runden gegeben, dass Fer- Verantwortung durch den Menschen. ¨ ¨ kelkastration, Schwanze kupieren und Zahne Die Analyse zeigt außerdem, dass es nicht um die abschleifen u ¨bliche Eingriffe seien. Am ha¨ufigsten Nutztierhaltung per se geht. So treten tierartenspezifi- nahmen die Diskutanten dann zur Kastration Stellung. sche Unterschiede auf, die wiederum differenziert Huhn: zwischen Landwirten und Bu ¨rgern festzustellen waren: Das gesetzliche Verbot der konventionellen Ka¨fig- Rind haltung ist bei Bu ¨rgern kaum pra¨sent. Wenn in den Landwirte Gruppen die Haltungsbedingungen von Legehennen und Masthu ¨hnchen thematisiert werden, beschrei- • Aufgrund der zu erbringenden Leistung mu ¨ssen ben die Teilnehmer jeweils gitterartige Kafigsysteme. in der Milchviehfu ¨tterung auch Kraftfutter und Insgesamt dominieren bei der Beschreibung der andere Zusa¨tze eingesetzt werden. Wahrnehmung negative Begriffe, die zeigen, welch • Das Melken wird mit zunehmendem Automati- schlechtes Image die Geflu ¨gelhaltung bei deutschen sierungsgrad durchgefu ¨hrt. Dies spart Zeit und Bu ¨rgern hat. Positive Assoziationen wurden mit Arbeit. Freilandhaltung und o ¨kologischer Haltung gea¨ußert. • In der Milchviehhaltung ist Weidegang nicht Ferner wird ein hoher Medikamenten- und Antibio- u ¨berall durchfu ¨hrbar. tikaeinsatz vermutet. Ein Großteil der Teilnehmer Bu ¨rger war davon u ¨berzeugt, dass die Tiere pra¨ventiv mit Antibiotika behandelt werden. Es wurde in diesem • Die alleinige Fu ¨tterung von Rindern mit Gras und Zusammenhang die Sorge vor Resistenzbildung, Heu ist grundsa¨tzlich erwu ¨nscht. antibiotikahaltigen Produkten (Eier und Hu ¨hnchen- • Das Melken ist mit Hilfe von Maschinen und fleisch) und eines damit einher gehenden, negativen Computern ein technisierter Vorgang, was den Einflusses auf die eigene Gesundheit geaußert. direkten Kontakt zu den Milchku ¨hen vermindern kann. 4 Zusammenfassung, Diskussion und Ausblick • In der Milchviehhaltung werden Weidegang und Bewegungsfreiheit als positiv wahrgenommen. Zu allen Diskussionen ko ¨nnen jeweils fu ¨r Landwirte Schwein und Bu ¨rger folgende tierartenu ¨bergreifende, aus- gewa¨hlte Ergebnisse aufgezeigt werden: Landwirte Landwirte • Die vorherrschenden technischen und wirtschaftli- chen Rahmenbedingungen erlauben es nicht, auf • Die Gesellschaft gewinnt Informationen u ¨ber die bestimmte Eingriffe am Schwein zu verzichten. Landwirtschaft u ¨berwiegend aus den Medien. • Die Haltung von Muttersauen in Kastensta¨nden • Es ist ha¨ufig unklar, wer die entstehenden Mehr- schu ¨tzt die Ferkel. kosten fu ¨r verbesserte Nutztierhaltung tragen soll. • Auslauf und Bescha¨ftigungsmo ¨glichkeiten fu¨r • Technik und automatisierte Prozesse erleichtern Schweine machen die Produktion aufwendiger die Arbeit fu ¨r Tierhalter und ermo ¨glichen eine und teurer. verbesserte Tierbeobachtung und -versorgung. 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 169 Bu ¨rger Medienvertreter ermo ¨glicht werden sollten, um Transparenz zu gewa¨hrleisten. Auch die Teilnehmer • Bestimmte Eingriffe am Schwein sind teilweise der vorliegenden Erhebung – sowohl Landwirte als unerwu ¨nscht. auch Bu ¨rger – berichten positiv von Direktvermark- • Die Haltung von Muttersauen in Kastenstanden tung oder Aktionen wie einem Tag der offenen wird als ,,einpferchen‘‘ empfunden. Hoftu ¨r. Beim Huhn sind dagegen bereits umgesetzte • Schweine sind intelligente Tiere, die Auslauf und Maßnahmen, wie die Abschaffung der Kafighaltung Bescha¨ftigungsmo ¨glichkeiten brauchen. in Deutschland, noch nicht grundsa¨tzlich bei Bu¨- Huhn rgern bekannt. Daraus la¨sst sich ableiten, dass Verbesserungen in Landwirte der Tierhaltung schwierig fu¨r Bu ¨rger zu kommuni- • Die Abschaffung der Ka¨fighaltung ist bei vielen zieren sind, um eine positive Einstellung gegenu ¨ber Bu ¨rgern nicht angekommen. bereits umgesetzten Maßnahmen zu erzielen. Eine • Es gibt deutliche Verbesserungen in der Hu ¨hner- wirksame Kommunikation wird von Busch et al. (2015) haltung, wie bspw. mehr Platz oder als entscheidend fu ¨r eine verbesserte gesellschaftliche Bewegungsmo ¨glichkeiten. Akzeptanz der Tierhaltung, die aus der Wahrneh- • Durch eine kurze und intensive Mast kann dem mung generiert wird, erachtet. Mithilfe der erzielten Wunsch der Bu ¨rger entsprochen und Hu ¨hnchen- Ergebnisse ko ¨nnen noch keine Ru ¨ckschlu ¨sse auf die fleisch gu ¨nstig produziert werden. Wahrnehmung der Gesamtbevo ¨lkerung getroffen werden. Die vorliegenden Ergebnisse bedu ¨rfen daher Bu ¨rger weiterer Validierung in gro ¨ßeren Stichproben und • Die Abschaffung der Ka¨fighaltung ist vielen bilden die Basis fu ¨r standardisierte Befragungen mit Bu ¨rgern nicht bekannt. Landwirten und Bu ¨rgern. Eine weiterfu ¨hrende Unter- • Hu ¨hnerhaltung wird bis auf Auslaufsysteme eher suchung des Dialogprozesses zwischen Landwirten negativ wahrgenommen. und Bu ¨rgern nehmen Wildraut et al. (in diesem Bei- • Es wird vermutet, dass in der Hu ¨hnerhaltung ein trag) vor, der an wesentliche Erkenntnisse dieser hoher Antibiotikaeinsatz stattfindet, der sich auf Analyse anschließt und diese vertieft. Derzeit ist nicht die Produktqualita¨t und die eigene Gesundheit abscha¨tzbar, wie sich die Wahrnehmung der Nutz- negativ auswirkt. tierhaltung im Zeitablauf konkret verandert hat. Um zu u ¨berpru ¨fen, inwiefern Maßnahmen zur Verbesse- Wie fru ¨here Studien zeigen, besitzen Landwirte rung einen positiven Einfluss auf die Wahrnehmung und Bu ¨rger ein unterschiedliches Verstandnis von haben, ist es unabdingbar, in regelma¨ßigen Absta¨nden Tierwohl (Vanhonacker et al. 2008). Entsprechend identische Fragen an die Bevo ¨lkerung zu stellen. Dabei verdeutlichen die Ergebnisse auch eine teils unter- dienen die bevorstehenden, quantitativen Befragun- schiedliche Wahrnehmung, z.B. wenn es um gen als erste Befragungswelle. Kastensta¨nde fu ¨r Sauen geht oder um den Einsatz Zudem besteht wenig Wissen daru¨ber, wie Sta¨lle von Melkrobotern in der Milchviehhaltung. Die fu ¨r die verschiedenen Nutztierarten gestaltet sein Ergebnisse decken sich mit bisher vorliegenden, teils mu ¨ssten, die von den unterschiedlichen gesell- ebenfalls qualitativen Studien. Beispielsweise wurde schaftlichen Gruppen mehrheitlich (besser) zum Thema Schwein erarbeitet, dass das Platzange- akzeptiert werden wu ¨rden. Vor diesem Hinter- bot von zentraler Bedeutung ist (bspw. Kayser et al. grund ist es erforderlich, verschiedene Prototypen 2012; Wildraut et al. 2015; Weible et al. 2016). Die zu entwickeln. Zu untersuchen wa¨re dann, wie Diskussionsteilnehmer kritisieren außerdem fehlende Landwirte sie bezogen auf ihren Arbeitsalltag Bescha¨ftigungsmo ¨glichkeiten fu ¨r die Schweine. bewerten und wie Nutztierwissenschaftler und Busch et al. (2015) konnten jedoch zeigen, dass diese Bu ¨rger diese Stallneubauten beurteilen. Auf Basis – wenn im Stall vorhanden – selbst bei Vorlage von dieser Ergebnisse wa¨re es weiter erforderlich, dass Bildmaterial von den Befragten in deren Studie ggf. mehrere, nacheinander geschaltete Bewer- mehrheitlich nicht als solche erkannt wurden. Dass tungsrunden stattfinden. Ein derartiges Vorgehen die beim Bu ¨rger existierende Vorstellung von entspricht dem Innovationscharakter des SocialLab, tatsa¨chlich erlebten Eindru ¨cken bei realen das sich u.a. zum Ziel gesetzt hat, neue Stallsysteme Stallbesichtigungen abweicht, haben Ermann et al. oder auch neue Zu ¨chtungsrassen aus der Perspek- (2016) nachgewiesen. Sie schlussfolgern, dass Stall- tive unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen besichtigungen insbesondere fu ¨r Kritiker und zu untersuchen. 123 170 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Literatur Lemke D, Schulze B, Spiller A, Wocken C (2006) Ver- brauchereinstellungen zur modernen Busch G, Gauly S, Spiller A (2015) Wie wirken Bilder Schweinehaltung: Zwischen Wunsch und Wirk- aus der modernen Tierhaltung der Landwirtschaft lichkeit. Wien: Jahrbuch der Osterreichischen auf Verbraucher? Neue Ansatze aus dem Bereich Gesellschaft fu ¨r Agraro ¨konomie des Neuromarketings. In: Schriftenreihe der Ren- Mayring P (2002) Einfu ¨hrung in die Qualitative Sozi- tenbank, Band 31, Die Landwirtschaft im Spiegel alforschung. Eine Anleitung zu qualitativem von Verbrauchern und Gesellschaft, S. 67–94 Denken. Beltz Verlag, Weinheim und Basel Christoph-Schulz I, Salamon P, Weible D (2015) What Vanhonacker F Verbeke W van Poucke E, Tuyttens F is the benefit of organically reared dairy cattle? (2008) Do citizens and farmers interpret the con- Societal perception towards conventional and cept of farm animal welfare differently? Livest Sci organic dairy farming. Int J Food Syst Dyn 116:126–136 6(3):139–146 Weible D, Christoph-Schulz I, Salamon P, Zander K Ermann M, Graskemper V, Spiller, A (2016) Die Wir- (2016) Citizens’ perception of modern pig pro- kung von gefu ¨hrten Stallbesichtigungen auf duction in Germany: a mixed-method research Bu ¨rger – eine Fallstudie auf nordwestdeutschen approach. Brit Food J 118(8):2014–2032 Schweinemastbetrieben. In: Schriften der Gesell- Wildraut C, Plesch G, Ha¨rlen I, Simons J, Hartmann schaft fu ¨r Wirtschafts- und Sozialwissenschaften M, Ziron M, Mergenthaler, M (2015) Mul- des Landbaues e.V., Band Nr. 52: Agrar- und Erna¨- timethodische Bewertung von Schweinehaltungs- hrungswirtschaft: Regional vernetzt und global verfahren durch Verbraucher anhand von Videos erfolgreich (im Druck) aus realen Schweinesta¨llen. Forschungsberichte Europa¨ische Kommission (2005) Attitudes of consu- des Fachbereichs Agrarwirtschaft Soest, Nr. 36 mers towards the welfare of farmed animals, Wilson V (1997) Focus groups: a useful qualitative Eurobarometer Spezial 229. Verfu ¨gbar unter: method for educational research. BERJ http://ec.europa.eu/food/animal/welfare/euro_baro 23(2):209–224 meter25_en.pdf WBA Wissenschaftlicher Beirat Agrarpolitik beim Europaische Kommission (2007) Special Eurobaro- BMEL (2015) Wege zu einer gesellschaftlich meter 229 (2): Attitudes of consumers towards the akzeptierten Nutztierhaltung. Gutachten. Berlin welfare of farmed animals, wave 2. Brussels. Zander K, Isermeyer F, Bu ¨rgelt D, Christoph-Schulz I, Verfu ¨gbar unter: http://ec.europa.eu/food/animal/ Salamon P, Weible D (2013) Erwartungen der welfare/survey/sp_barometer_fa_en.pdf Gesellschaft an die Landwirtschaft. Mu ¨nster: Stif- Halkier B (2010) Focus groups as social enactments: tung Westfa¨lische Landwirtschaft integrating interaction and content in the analysis of focus groups data. Qual Res 10(1):71–89 Kayser M, Schlieker K, Spiller A. (2012) Die Wahr- nehmung des Begriffs ,,Massentierhaltung‘‘ aus Sicht der Gesellschaft. In: Berichte u ¨ber Landwirt- schaft, Heft 90, Nummer 3:417–428 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 171 Anna¨herungen in der Bewertung der Verbraucher (vgl. Simons et al. in diesem Heft), die sie landwirtschaftlichen Nutztierhaltung - Ergebnisse als entfremdet wahrnehmen und erachten die Forde- aus gemeinsamen Diskussionsrunden mit rungen nach einem verbesserten Tierschutz in der Tierhaltern und Verbrauchern intensiven Tierhaltung als schwer umsetzbar. So besteht zwischen der Wahrnehmung von Tier- 1 2 3 Christiane Wildraut , Anja Rovers , Winnie Sonntag , haltungsverfahren durch Verbraucher und durch 2 3 Inken Christoph-Schulz , Marie von Meyer-Ho ¨fer , Landwirte eine deutliche Diskrepanz (Vanhonacker 4 1 3 Jo ¨rg Luy , Jenny Wolfram , Achim Spiller , Marcus et al. 2008). Die Landwirtschaft insgesamt und auch Mergenthaler einzelne Personen bzw. die Landwirtsfamilien sehen sich mittlerweile zunehmend unter Rechtferti- Fachhochschule Su ¨dwestfalen, Fachbereich Agrar- gungsdruck und bema¨ngeln ihrerseits eine Kluft wirtschaft, Soest zwischen stetig steigenden moralischen Anspru ¨chen Thu ¨nen-Institut fu ¨r Marktanalyse, Braunschweig der Gesellschaft an die landwirtschaftliche Erzeu- Georg-August-Universita¨tGo ¨ttingen, Department gung auf der einen und unvera¨ndert niedrigen fu ¨r Agraro ¨konomie und Rurale Entwicklung, Mar- Zahlungsbereitschaften auf der anderen Seite (Vier- keting fu ¨r Lebensmittel und Agrarprodukte boom et al. 2015). Der fehlende Konsens zwischen Privates Forschungs- und Beratungsinstitut fu¨r Landwirten und Verbrauchern in Bezug auf die angewandte Ethik und Tierschutz INSTET gGmbH, Nutztierhaltung fu ¨hrt bei den Tierhaltern zu Angst Berlin vor einem Verlust der sozialen Akzeptanz und der wildraut.christiane@fh-swf.de ‘‘Licence to produce’’ (Busch et al. 2013; Te Velde et al. 2002). 1 Einleitung In die brancheninterne Diskussion zur Weiterent- wicklung von Tierhaltungsverfahren und die Das Verha¨ltnis zwischen Landwirtschaft und Gesell- Verbesserung des Tierwohls werden Verbraucher schaft hat sich in den vergangenen Jahren bislang nicht strukturiert einbezogen. Dabei scheint zunehmend distanziert (Wildraut et al. 2015). Obwohl es problematisch, wenn sich die Nutztierhaltung eine insgesamt positive Grundhaltung seitens der wenig am o ¨ffentlichen Diskurs beteiligt und statt- Gesellschaft gegenu ¨ber der Landwirtschaft doku- dessen mit Ru ¨ckzug oder Abschottung reagiert (WBA mentiert ist (Zander et al. 2013; Helmle 2011), wird die 2015). Bisherige Kommunikationsstrategien der Branche in der gesellschaftlichen Diskussion ha¨ufig Branche und auch einzelner Landwirte fu ¨r mehr und zunehmend scharf kritisiert. Die Kritik an der Konsens mit der Gesellschaft im Hinblick auf die landwirtschaftlichen Nutztierhaltung ha¨ngt maß- aktuellen Tierhaltungsverfahren beschra¨nken sich geblich mit einem wahrgenommenen Mangel an ha¨ufig auf einseitig ausgerichtete Aufkla¨rungs- Tierwohl und unzureichender Beru ¨cksichtigung der konzepte. Vor dem Hintergrund der Bedu ¨rfnisse der Tiere zusammen (Vanhonacker et al. anhaltenden Diskussionen scheinen sie nicht 2012; WBA 2015). Entwicklungen zu gro ¨ßeren Tier- auszureichen, um die Kluft zwischen Verbraucher besta¨nden in der modernen Nutztierhaltung und und Landwirten bei der Bewertung der Verfahren eine damit einhergehende fortschreitende Techni- und des Tierwohls zu verringern und die Konflikte zu sierung der Verfahren mit wenig Einblick in Fragen aktueller und ku ¨nftiger Tierhaltungsverfah- Tierstalle und einer geringen Transparenz der Tier- ren zu lo ¨sen. Um eine langfristige Akzeptanz- und haltung insgesamt fo ¨rdern das Unbehagen bei Imageverbesserung zu erreichen, werden weitere Verbrauchern (Busch et al. 2013). Insgesamt sind sich Kommunikationsansa¨tze und -instrumente mit Pro- Verbraucher jedoch unsicher, wann es den Tieren zessen gegenseitigen Lernens empfohlen (Spiller eher schlecht oder eher gut geht. Ihre Kriterien zur et al. 2016). Gleichzeitig fehlen allerdings Unter- Bewertung von Tierhaltungsverfahren und Tierwohl suchungen zum Einsatz und zur Wirksamkeit neuer sind sto ¨ranfa¨llig (Wildraut et al. 2015). Instrumente. Landwirte sehen derzeitige Tierhaltungssysteme als Um diesem Defizit abzuhelfen, zielt die vorlie- positiv und innovativ, begru ¨nden ihre Einscha¨tzungen gende Teilstudie darauf ab, die Einstellungen zur zum Tierwohl u ¨ber Gesundheits- und Leistungspa- Nutztierhaltung und zum Tierwohl vor, wahrend und rameter und bewerten aktuelle Verfahren der Tier- nach gemeinsamen Gruppendiskussionen mit Ver- haltung als fo ¨rderlich fu ¨r das Tierwohl (Te Velde et al. brauchern und Tierhaltern zu analysieren. Damit soll 2002; Vanhonacker et al. 2008). Sie beklagen die oft- ein Beitrag fu ¨r ein besseres Versta¨ndnis des Konflikts mals idealisierte ,,Museumslandwirtschaft‘‘ der und der Kommunikation zwischen Landwirten und 123 172 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Verbrauchern in Bezug auf moderne Verfahren der These stand eine Diskussionszeit von 10 Minuten zur Tierhaltung geleistet werden. Daru ¨ber hinaus soll Verfu ¨gung. untersucht werden, inwieweit perso ¨nliche Begeg- Um zu erfassen, ob sich die Meinungen der Land- nungen in Form von moderierten wirte und der Verbraucher wa¨hrend ihrer Diskussion Gruppendiskussionen dazu geeignet sind, die Kluft u ¨ber die benannten Konflikte der Tierhaltung zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft zu a¨ndern, wurde das qualitative Vorgehen in den verringern. Gruppendiskussionen um einen quantitativen Part erga¨nzt (Tashakkori & Teddlie 1998). Dazu wurde vor und nach den Gruppendiskussionen jeweils die 2 Daten und Methode Zustimmung zu Statements mit inhaltlichem Bezug zu den diskutierten Thesen anonym und standardi- Im Rahmen eines gemischt-methodischen Untersu- siert anhand einer Skala abgefragt (Tab. 1). Vo ¨llige chungsdesigns wurden im Ma¨rz und April 2016 in 6 Ablehnung der Statements entsprach dem Wert 1 auf unterschiedlichen Schwerpunktregionen der Tier- der Skala, vo ¨llige Zustimmung entsprach dem Wert haltung in Deutschland gemeinsame 9. Zusa¨tzlich wurde die Option ,,Kann ich nicht Gruppendiskussionen mit insgesamt 26 Verbrau- beurteilen’’ angeboten. chern und 26 Landwirten (je Erhebung 4 bis 6 Verbraucher und eine aquivalente Anzahl Landwirte) Tab. 1 Eingesetzte Statements vor und nach gemeinsamen zu aktuellen Tierhaltungsverfahren durchgefu¨hrt. Gruppendiskussionen mit Tierhaltern und Verbrauchern Jeweils 2 Diskussionsrunden bezogen sich auf die Allgemeine Statements Tierarten Schwein (Nordrhein-Westfalen und Meck- 1A Unsere Gesellschaft hat immer weniger direkten Bezug lenburg-Vorpommern), Rind (Schleswig-Holstein und zur Landwirtschaft Bayern) und Geflu ¨gel (Niedersachsen und Sachsen- 1B Zur Landwirtschaft kann man sich nur u ¨ber die Medien Anhalt). Die Auswahl der Befragungsregionen informieren erfolgte mit dem Ziel der Beru ¨cksichtigung von 2A Nutztiere sollten bessere Haltungsbedingungen Viehdichten fu ¨r die 3 Tierarten in Nord-, Su ¨d-, Ost- bekommen und Westdeutschland (bezogen auf Statistische 2B Niemand will die entstehenden Mehrkosten fu ¨r bessere Amter des Bundes und der La¨nder 2011). Haltungsbedingungen von Nutztieren tragen Die Auswahl und Rekrutierung der Landwirte 3A Heutige Tiersta ¨lle sind sehr technisiert und automatisiert erfolgte u ¨ber die berufssta¨ndische Vertretung auf der 3B Die Arbeit fu ¨r Tierhalter wird durch Technik leichter und jeweiligen Landesebene. Die Verbraucher wurden die Nutztiere ko ¨nnen besser versorgt werden u ¨ber ein Marktforschungsinstitut rekrutiert. 4A Der Einsatz von Medikamenten in der Tierhaltung ist kritisch zu sehen Quotierungsvorgabe fu ¨r die Auswahl der Landwirte 4B Nutztiere sollen behandelt werden, wenn sie krank sind war eine Einbeziehung verschiedener Produktions- 5A Nutztiere haben Anspruch auf Fu ¨rsorge und systeme und die Teilnahme von mindestens einer Verantwortung durch den Menschen Frau. Die Verbraucherstichprobe wurde nach Alter 5B Nutztiere sollen uns in erster Linie zur (18 bis 70 Jahre), Geschlecht (mindestens 50 % weib- Lebensmittelproduktion dienen lich) und Erwerbstatigkeit (mindestens 33 % erwerbsta¨tig) quotiert, um eine breite Datengrund- lage zu erreichen. Der Konsum von tierischen Produkten (in Bezug auf die 3 Tierarten als Diskussi- In der Auswertung wurde die Gruppe der Tierhalter onsthema) war Voraussetzung fu ¨r die Teilnahme der der Gruppe der Verbraucher gegenu ¨bergestellt, um zu Verbraucher an der Untersuchung. Personen mit pru ¨fen, ob die inhaltliche Auseinandersetzung mit der landwirtschaftlichem Hintergrund waren von der Thematik eine Vera¨nderung der Beurteilung der State- Verbraucherstichprobe ausgeschlossen. ments bei Landwirten und Verbrauchern auslo ¨st. Als Leitfaden fu ¨r die moderierten Diskussionen mit Dazu wurden zuna¨chst die Mittelwerte der Bewer- den Teilnehmern dienten Thesen zur Tierhaltung, die tungen der Statements durch Landwirte einerseits und im Rahmen von zuvor getrennt durchgefu ¨hrten Verbraucher andererseits berechnet und die Diffe- Gruppendiskussionen mit Landwirten und Bu ¨rgern renzen auf signifikante Unterschiede durch den nicht- als konfliktbehaftet abgeleitet worden waren (vgl. parametrischen Mann-Whitney-U-Test getestet. Im Rovers et al. in diesem Beitrag) und seitens der Anschluss wurden die Mittelwerte vor den Diskussio- Moderation in die Gruppe gegeben wurden. Fu ¨r jede nen den Werten nach den Diskussionen im nicht 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 173 parametrischen Wilcoxon-Vorzeichen-Rang-Test der Diskussionen und nach den Diskussionen keine gegenu ¨bergestellt und auf signifikante Unterschiede Anderungen in den Bewertungen erfahren. Darin getestet. Die beiden genannten Tests liefern auch in zeigt sich verbraucherseitig die hohe Bedeutung des kleineren Stichproben robuste Ergebnisse. Tierschutzgedankens, der auch ethisch begru ¨ndet Die moderierten Gruppendiskussionen wurden als wird, wie dieses Zitat zeigt: ,,Ich finde, man sollte ein Audioaufnahme aufgezeichnet. Anschließend Tier trotzdem voller Respekt behandeln, auch wenn erfolgten eine Transkription und eine qualitative es keinen Namen tragt‘‘. Die Tierhalter brachten ein Inhaltsanalyse (basierend auf Mayring 2002). Hierbei besonderes Verha¨ltnis zu ihren Tieren zum Ausdruck, wurden u ¨ber ein Kategoriensystem mit Codes und welches sich vom Verhaltnis der Industrie bzw. des Subcodes Textstellen markiert und die Texte damit Gewerbes zu den dortigen ,,Produktionsfaktoren‘‘ fu ¨r die weitere dokumentenu ¨bergreifende Analyse grundsa¨tzlich unterscheidet. Sie betonen sowohl ein strukturiert, z.B. bezogen auf inhaltliche Aspekte professionelles als auch ein dazugeho ¨riges emotio- oder auf Kommunikationsmuster der Teilnehmer. nales Verha¨ltnis zu ihren Tieren: ,,Es ist ja unsere Grundlage. Die Grundlage unseres Wirtschaftens 3 Ergebnisse sind die Tiere und der Boden. Und damit gehen wir so gut um, wie es nur geht‘‘. Die moralische Ver- Die diskutierten Thesen, die sowohl fu ¨r Verbraucher pflichtung im Umgang mit kranken Tieren sehen die als auch fu ¨r Landwirte Dilemmata darstellen, werden Landwirte als berufliche Selbstverstandlichkeit und von beiden Gruppen teilweise a¨hnlich bewertet, alternativlos: ,,Wenn Tiere krank sind, mu ¨ssen sie teilweise aber auch kontrovers gesehen. Deutlich behandelt werden. Da gibt es gar keine Diskussion, wird das am Grad der mittleren Zustimmung zu den das ist Tierschutz und Tierwohl‘‘. Die Verbraucher abgefragten Statements vor den Diskussionen, der teilen diese Einscha¨tzung, vermuten jedoch, dass der die Ausgangsstandpunkte beider Gruppen wider- Medikamenteneinsatz durch Anderungen der Hal- spiegelt, mit denen sie in den Dialog eintreten. (Tab. tungsbedingungen reduziert werden ko ¨nnte: ,,Viele 2). Die gro ¨ßte Zustimmung sowohl seitens der Ver- Erkrankungen entstehen ja dadurch, dass die Tiere so braucher als auch seitens der Tierhalter erfahren vor eng gehalten werden‘‘. den Diskussionen die Statements 5A: ,,Nutztiere Tab. 2 Bewertung von Statements vor und nach gemeinsamen Gruppendiskussionen mit Tierhaltern und Verbrauchern Art der Bewertungsa ¨nderung Statement Anderungen der Bewertung Bewertungen Vorher Bewertungen Nachher V sig L sig V L D sig V L D sig Keine Anderungen 1A 0,36 0,22 0,15 0,38 6,92 8,15 1,23 0,00 7,28 8,31 1,03 0,02 2B 0,09 0,91 0,19 0,57 5,70 6,54 0,84 0,22 5,79 6,35 0,55 0,49 4B 0,20 0,27 0,15 1,00 7,76 8,46 0,70 0,05 7,96 8,62 0,65 0,02 5A 0,27 0,28 0,12 0,50 8,04 8,50 0,46 0,15 8,31 8,62 0,31 0,18 Anderungen der Landwirte 1B 0,04 0,94 1,23 0,01 4,30 2,04 2,27 0,00 4,35 3,27 1,08 0,08 3A 0,08 0,56 0,38 0,04 7,50 7,35 0,15 0,99 7,42 7,73 0,31 0,37 Anderungen der Verbraucher 3B 1,40 0,01 0,15 0,55 6,40 8,12 1,72 0,00 7,80 8,27 0,47 0,21 5B 1,51 0,00 0,01 0,95 5,25 7,68 2,43 0,00 6,76 7,69 0,93 0,12 Anderungen beider Gruppen 2A 2,02 0,00 0,92 0,01 7,58 2,96 4,62 0,00 5,57 3,88 1,68 0,00 4A 2,37 0,00 0,81 0,03 7,87 3,96 3,91 0,00 5,50 4,77 0,73 0,29 Die Tabelle zeigt die Mittelwerte der Zustimmung zu den Statements (1 = stimme u ¨berhaupt nicht zu bis 9 = stimme voll und ganz zu) fu ¨r die Verbraucher (V) und die Landwirte (L) vor und nach gemeinsamen Gruppendiskussionen, Unterschiede (D) zwischen Verbrauchern und Landwirten mit entsprechenden exakten 2-seitigen Signifikanzniveaus (sig) durch Mann-Whitney-U-Test und Ande- rungen der Bewertungen mit entsprechenden exakten 2-seitigen Signifikanzniveaus (sign.) durch Wilcoxon-Vorzeichen-Rang-Test haben Anspruch auf Fu ¨rsorge und Verantwortung Die geringste mittlere Zustimmung beider Grup- durch den Menschen‘‘ und 4B: ,,Nutztiere sollen pen sowohl vor als auch nach den Diskussionen behandelt werden, wenn sie krank sind‘‘. Diese erreicht das Statement 1B: ,,Zur Landwirtschaft kann Grundeinstellungen sind gleichzeitig bei beiden Gruppen so fest verankert, dass sie auch im Verlauf Hierbei handelt es sich um Originalwortlaute aus den Gruppendiskussionen. 123 174 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft man sich nur u ¨ber die Medien informieren‘‘. Land- Verbraucher unterscheiden am Ende der Diskussio- wirte lehnen diese Aussage noch deutlicher ab als nen deutlicher zwischen Nutztierhaltung und Verbraucher, na¨hern sich nach den Diskussionen Heimtierhaltung: ‘‘Wenn wir u ¨ber Nutztiere spre- allerdings deren Meinung an. Die Rolle der Medien chen, weiß ich, dass das Leben kein Ponyhof ist.’’ wird von beiden Gruppen kritisch reflektiert, die In der Bewertung der Statements 2A: ,,Nutztiere Verbraucher gehen davon aus, dass Informationen sollten bessere Haltungsbedingungen bekommen‘‘ zur Tierhaltung in Medien nicht immer objektiv und und 4B: ,,Der Einsatz von Medikamenten in der neutral sind: ‘‘Ich glaube, es ist etwas primitiv, alles in Tierhaltung ist kritisch zu sehen‘‘ besteht vor den den Medien zu glauben.’’ Gleichzeitig verdeutlichen Diskussionen ein sichtbarer Dissens zwischen Ver- die Diskussionen, dass vielen Verbrauchern trotz brauchern und Landwirten. Die Verbraucher verschiedener Angebote von Seiten der Landwirte stimmen beiden Statements deutlich zu, Landwirte wie Hofbesichtigungen oder ,,Tage der offenen Tu¨r‘‘ lehnen sie eher ab. Nach den Diskussionen nehmen Mo ¨glichkeiten fehlen, sich faktenbasiert u ¨ber die beide Gruppen eine Vera¨nderung ihrer Positionen Landwirtschaft und die aktuellen Verfahren der ein – Verbraucher noch deutlicher als Landwirte, und Tierhaltung zu informieren. Den Verbrauchern es kommt zu einer Anna¨herung der Einscha¨tzungen. mangelt es an emotionalen und zeitlichen Kapazita- In den Diskussionen stellen die Landwirte Vergleiche ten: ,,Das ist ja eine Zeitfrage. Wir sind alle an und betonen die positiven Entwicklungen fu ¨r die berufstatig und wenn wir jetzt alle so um 4, 5 Uhr Tiere: ,,Die Haltungsbedingungen, wenn man so die nach Hause kommen und haben keine Lust mehr uns letzten Jahre, Jahrzehnte zuru ¨ckgeht, die haben sich nochmal ins Auto zu setzen, aufs Land zu fahren und ja deutlich verbessert, […] weil die Erkenntnisse ein- irgendwelche Bauern aufzusuchen und die zu fragen fach weiter gegangen sind‘‘. Sie stu ¨tzen sich auf ob das wirklich stimmt oder nicht, was man im Gesetze und Richtlinien und verweisen auch auf ihr Fernsehen sieht.‘‘ Die Bewertungsa¨nderung der Berufsethos im Zusammenhang mit der Tierhaltung: Tierhalter zu dem Statement deutet auf Versta¨ndnis ,,Leitsatz eines jeden guten Landwirtes: Das ist unsere fu ¨r dieses verbraucherseitige Dilemma. Berufung, unsere Leidenschaft und unsere Pflicht, die Die Statements 3B: ,,Die Arbeit fu ¨r Tierhalter wird Tiere mit Fu ¨rsorge und Verantwortung zu versor- durch Technik leichter und die Nutztiere ko ¨nnen gen‘‘. Daneben erklaren sie den Verbrauchern auch besser versorgt werden‘‘ und 5B: ,,Nutztiere sollen den wirtschaftlichen Druck in der Tierhaltung und uns in erster Linie zur Lebensmittelproduktion die- beschreiben mo ¨gliche dramatische Konsequenzen nen‘‘ erfahren eine deutlich ho ¨here mittlere durch zusa¨tzliche Tierwohlauflagen: ,,Wenn wir Zustimmung der Landwirte als der Verbraucher. Zu immer mehr fordern, dann bin ich mir ganz sicher, beiden Statements na¨hern sich die Verbraucher nach dass dann demna¨chst die Schweinehaltung in den Diskussionen in ihren Einscha¨tzungen den Deutschland einfach ganz verschwindet‘‘. Bei den Landwirten an. Im Verlauf der Diskussionen stellen Verbrauchern erzielen sie offenbar einen deutlichen die Landwirte die Vorteile des Technikeinsatzes in der Vertrauensgewinn und teilweise eine Erleichterung, Tierhaltung heraus. Sie verweisen auf die Funktion was sich in der Anderung des Zustimmungsgrades zu als Kontrollinstrument fu ¨r die optimale Versorgung dem Statement widerspiegelt. Teilweise bleiben der Tiere: ‘‘Aber irgendwo gibt es die Alarmanlage, jedoch Zweifel und Unsicherheiten zu den Hal- die plo ¨tzlich sagt: Die Fu ¨tterung hat gar nicht funk- tungsverfahren bestehen: ,,Gibt es keine Alternative tioniert. Da ist was leergelaufen, oder das Wasser ist dazu?‘‘ da nicht angekommen. Da gibt es die Alarmanlage, In Bezug auf den Medikamenteneinsatz in der die irgendwo das Handy des Betreibers anruft, und Tierhaltung zeigen die Landwirte Versta¨ndnis fu ¨r die sagt ,,guck, da ist was im Stall nicht in Ordnung.’’ Bedenken der Verbraucher, z.B. im Hinblick auf Daneben verweisen sie auch auf eine Erho ¨hung der multiresistente Keime. Sie erla¨utern ihnen die Vor- Betreuungszeit fu ¨r die Tiere durch den Einsatz von gehensweisen der Behandlung kranker Tiere, Technik: ‘‘(…) alleine dadurch dass man den Mist zum einzuhaltende Wartezeiten und Monitoring-Pro- Beispiel nicht mehr mit der Schubkarre rausschieben gramme der Antibiotikagaben. Am Ende der muss, habe ich ja auch mehr Zeit und ku ¨mmere mich Diskussionen liegen die Bewertungen der Statements ums einzelne Tier.’’ Mit diesen Argumenten scheinen deutlich naher beieinander. Es wird ein gegenseitiges sie die Verbraucher umstimmen zu ko ¨nnen. Die Versta¨ndnis fu ¨r die Interessen und Bedenken der Landwirte betonten auch den Unterschied zwischen jeweils anderen Gruppe sowie eigene Reflexionen Nutztieren und Heimtieren und die Funktion, die sichtbar. Nutztiere letztlich fu ¨r die Verbraucher erfu ¨llen. Die 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 175 4 Diskussion und Ausblick Mo ¨glichkeiten zu suchen, zentrale Aspekte der intensiven Tierhaltung nachvollziehbar zu vermit- Die Ergebnisse zeigen, dass Landwirte und Verbrau- teln. Auf der anderen Seite bietet der perso ¨nliche cher auf unterschiedliche Wahrnehmungen der Kontakt zu den Verbrauchern den Landwirten die Tierhaltung zuru ¨ckgreifen, dass beide Gruppen Gelegenheit, nicht nur die Kritikpunkte an der gleichzeitig ein grundsa¨tzliches Interesse an der Nutztierhaltung sondern auch die Hintergru ¨nde und Verbesserung des Tierwohls haben. Dieses Ergebnis Motivationen der Verbraucher zu verstehen. Durch la¨sst sich ethisch als Beleg fu ¨r die Annahme verste- die Weiterentwicklung alternativer Tierhaltungssys- hen, dass die Fa¨higkeit zu speziesu ¨bergreifender ¨ teme, die weniger erklarungsbedu ¨rftig sind, ko ¨nnte Einfu ¨hlung und Empathie bevo ¨lkerungsgruppen- verbraucherseitige Akzeptanz einfacher erzielt u ¨bergreifend bei Landwirten und Verbrauchern weit werden. verbreitet ist. Die Ergebnisse relativieren dabei die Der in dieser Studie verwendete gemischt- Ergebnisse von Te Velde et al. (2002) und Vanho- methodische Ansatz mit einer Abfrage der Zustim- nacker et al. (2008), wonach fu ¨r Landwirte wichtige mung zu verschiedenen Statements vor und nach Kriterien zur Bewertung der Nutztierhaltung vor den Diskussionen bietet die Mo ¨glichkeit, Diskussions- allem am Management, an technischen Verbesse- ergebnisse oder Diskussionsergebnisse sichtbar zu rungen und an Haltungssystemen an sich machen und zu quantifizieren. Der Vorher-Nachher- festgemacht werden. Auf der anderen Seite zeigen Vergleich der Statementbewertungen zeigt 4 ver- die Ergebnisse, wie wichtig Verbrauchern ein fu¨r- schiedene Arten der Einscha¨tzungsa¨nderung nach sorglicher Umgang mit den Tieren ist (Zander et al. den Diskussionen. Verbraucher a¨ndern ihre Einscha¨- 2013). tzung dabei deutlich sta¨rker als Landwirte. Sie sind Die unterschiedliche Bewertung der heutigen Tier- offener fu ¨r neue Informationen und neue Argu- haltung ist darauf zuru ¨ckzufu ¨hren, dass die Folgen mente und passen ihre Bewertung eher neu tierwohlfo ¨rdernder Maßnahmen Landwirte und Ver- an – mo ¨glicherweise auch, weil die sich daraus braucher unterschiedlich stark betrafen. In beiden ergebenden Konsequenzen (noch) nicht mitbedacht Gruppen beeinflusst vermutlich eine unterschiedlich werden (mu ¨ssen). Landwirte, die in ihre stark ausgepra¨gte Befangenheit die Wahrnehmung ¨ Einschatzungen auch die eigenen betrieblichen o¨ko- und Bewertung. Das ebenfalls unterschiedlich stark nomischen Zusammenha¨nge einbeziehen, scheinen ausgepra¨gte Unwohlsein zum Umgang mit den Tieren ¨ mehr daran interessiert, aufzuklaren als neue Infor- du ¨rfte auch damit zusammenha¨ngen, dass Landwirte mationen aus den Diskussionen mit den sich einen ,,pragmatischen Umgang‘‘ mit ihren eige- ¨ Verbrauchern zu gewinnen. Deshalb andern sie nen Emotionen gegenu ¨ber den Tieren angeeignet ihre Bewertungen nicht so stark wie die haben. Verbraucher dagegen urteilen aus der Distanz. Verbraucher. Dass bei Heimtier- und Nutztierhaltung mit zweierlei Das Ziel, der landwirtschaftlichen Tierhaltung Maß gemessen wird, verletzt ihr Moral- und wieder zu gesellschaftlicher Akzeptanz zu verhelfen, Gerechtigkeitsempfinden. wird von den politischen Akteuren ebenso wie vom Die Landwirte verfu ¨gten berufsbedingt u ¨ber einen Agrar- und Lebensmittelsektor geteilt. Die Unter- Wissensvorsprung zur Tierhaltung, der sich in einer suchung der Kommunikation zwischen Landwirten asymmetrischen Kommunikationsstruktur mit einer und Verbrauchern hat allerdings gezeigt, dass einer dominanten Rolle der Landwirte widerspiegelt. Die Einigung bisher langfristige ethische Hu ¨rden im Ergebnisse der Gruppendiskussionen zeigen den- Wege stehen. Die Studie wirft zwar Licht auf die noch, dass Verbraucher grundsa¨tzlich gegenu ¨ber Frage, inwiefern moderierte Gruppendiskussionen zu Landwirten Vertrauen aufbauen ko ¨nnen, wenn einer Anna¨herung der Einstellungen und Einscha¨t- Informationen glaubwu ¨rdig und vertrauenswu ¨rdig zungen von Verbrauchern und Landwirten fu ¨hren vermittelt werden. Falls Landwirte jedoch Verbrau- ko ¨nnen. Unklar bleibt aber insbesondere die zeitliche cher nicht ernst nehmen und versuchen, ihnen ,,ihre Stabilita¨t der neuen Bewertungen. Daher ist zu pru¨- Wahrheit’’ zu pra¨sentieren, bewegen sich die Ver- fen, ob auch andere Formen von Begegnungen braucher in ihrer Einstellung nicht und behalten ihre zwischen Tierhaltern und Verbrauchern geeignet Ansichten und Zweifel bei. sind, einen zielfu ¨hrenden Dialog zur Weiter- Versta¨ndnis fu ¨r die Schwierigkeiten der Verbrau- entwicklung und Akzeptanz der landwirtschaftlichen cher, sich aus eigener Anschauung ein Bild der Nutztierhaltung in Deutschland zu fo ¨rdern. Ohne Nutztierhaltung zu machen, bietet Landwirten die weitergehende Forschung zur Tierwohl-Kommuni- Chance, auf diese Defizite einzugehen und kation zwischen Landwirten und Verbrauchern wird 123 176 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft es auf absehbare Zeit vermutlich keinen Konsens Vanhonacker F, Verbeke W, van Poucke E, Pieniak Z, u ¨ber die ,,richtigen‘‘ Vera¨nderungen in der Nutztier- Nijs G, Tuyttens F (2012) The concept of farm ani- haltung geben. mal welfare: citizen perceptions and stakeholder opinion in flanders, Belgium. J Agric Environ Ethics 25(1):79–101 Literatur Vanhonacker F, Verbeke W, van Poucke E, Tuyttens F (2008) Do citizens and farmers interpret the con- Busch G, Kayser M, Spiller A (2013) ,,Massentierhal- cept of farm animal welfare differently? Livest Sci tung‘‘ aus VerbraucherInnensicht – Assoziationen 116:126–136 und Einstellungen. 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Department fu¨r verfahren durch Verbraucher anhand von Videos Agraro ¨konomie und Rurale Entwicklung, Georg- aus realen Schweinesta¨llen. Forschungsberichte August-Universita¨tGo ¨ttingen des Fachbereichs Agrarwirtschaft Soest, Nr. 36 Statistische Amter des Bundes und der La¨nder (2011) WBA Wissenschaftlicher Beirat Agrarpolitik beim Agrarstrukturen in Deutschland. Einheit in Vielfalt. BMEL (2015) Wege zu einer gesellschaftlich https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Themat akzeptierten Nutztierhaltung. Gutachten. Berlin isch/LandForstwirtschaft/Landwirtschaftzaehlung/ Zander K, Isermeyer F, Bu ¨rgelt D, Christoph-Schulz I, AgrarstruktureninDeutschland5411203109004. Salamon P, Weible D (2013) Erwartungen der pdf?__blob=publicationFile Gesellschaft an die Landwirtschaft. Mu ¨nster: Stif- Tashakkori A, Teddlie C (1998) Mixed methodology. tung Westfalische Landwirtschaft Combining qualitative and quantitative approa- ches. 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Lange Zeit jedoch konnten diese, dem nadine.gier@hhu.de, caspar.krampe@hhu.de Verbraucher meist unbewussten Einflu ¨sse, kaum empirisch erfasst werden. Demzufolge konnte der Mit Kommentaren von Lucia A. Reisch, CCMP, Zep- zugrundeliegende Mechanismus innerhalb der pelin Universita¨t Friedrichshafen, Am Seemooser sogenannten ,,Black Box‘‘ oft nur theoretisch Horn 20, Friedrichshafen, Deutschland, lucia.reisch beschrieben werden (Kenning & Plassmann 2005). @zu.de Mithilfe von neuroo ¨konomischen Analysen erscheint * Beide Autoren haben zu dem Artikel in gleichem es nun aber mo ¨glich, die mit dem hier interessie- Maße beigetragen. renden Verbraucherverhalten verbundenen, oft unbewussten neuralen Prozesse direkt, das heißt in - 1 Einfu ¨hrung vivo zu beobachten und hinsichtlich ihrer Verhaltensrelevanz einzuordnen. Ziel der betrieblichen Kommunikationspolitik im Die damit angesprochene Consumer Neuroscience Rahmen der marktorientierten Unternehmensfu¨- (Kenning 2014) hat in einigen Fa¨llen dazu beigetra- hrung ist es u.a., Kunden und Verbraucher u ¨ber die gen, eine erho ¨hte Varianzaufkla¨rung des Eigenschaften der angebotenen Produkte oder Ser- Verbraucherverhaltens zu erlangen (Hubert & Ken- vices zu informieren (Verbeke & Ward 2006). Im ning 2008; Kenning et al. 2017; Kenning & Plassmann Kontext der in die Lebensmittelwirtschaft eingebun- 2005; Kosslyn 1999; Plassmann et al. 2015). Darauf denen Nutztierhaltung haben dabei neben aufbauend ko ¨nnten zuku ¨nftige Informationsstrate- allgemeinen Angaben – zum Beispiel zur Art, der gien und -maßnahmen entwickelt werden, die eine Herkunft, den erna¨hrungsphysiologischen Werten effektivere und gegebenenfalls effizientere Kommu- oder den Verarbeitungseigenschaften – insbesondere nikation und Verbraucherinformation im Kontext Informationen u ¨ber die mit der Tierhaltung verbun- der Nutztierhaltung ermo ¨glichen. denen Praktiken eine hohe Bedeutung (Roininen Der vorliegende Beitrag stellt die Ergebnisse einer et al. 2006; Wille et al. 2016). So spielen, vor dem SocialLab-Studie vor, bei der 2 Verfahren der Consu- Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Diskus- mer Neuroscience eingesetzt wurden, um zu sion um artgerechte Tierhaltung und der untersuchen, wie kommunikative Maßnahmen direkt zunehmenden Kritik an der Massentierhaltung, am PoS zum Thema Tierwohl wahrgenommen und Aspekte der Prozessqualita¨t neben Kriterien der Pro- damit ggf. kaufentscheidend werden ko ¨nnen. duktqualita¨t eine u ¨bergeordnete Rolle bei Kaufentscheidungen. Um den damit verbundenen 2 Methoden und Ergebnisse Informationsbedarf der Verbraucher zu decken und am Markt ho ¨here Prozessqualitaten zu signalisieren, Um die Wirkungsweise verschiedener Kommunika- werden von den Anbietern und Herstellern tionsmaßnahmen auf die Verbraucherwahrnehmung regelmaßig Kombinationen von Bild- und Textele- im Bereich der Nutztierhaltung zu untersuchen, menten verwendet, deren Wirkungsweise die wurden im Rahmen des SocialLab-Projektes 2 soge- Wahrnehmung der Verbraucher auf kognitiver und nannte ,,bildgebende‘‘ Methoden verwendet. Zum emotionaler Ebene beeinflussen kann (Levin 1987). Es einen handelte es hierbei um die funktionale spielt also nicht nur die bewusste Wahrnehmung Magnetresonanztomografie (fMRT) (Dimoka 2010), und Verarbeitung der Information eine Rolle, son- zum anderen um die in vielerlei Hinsicht innovative dern ebenso die unbewusste Wirkung der funktionale Nah-Infrarot Spektroskopie (fNIRS) (Kop- Darstellungsweisen, sogenannten Frames (Levin 1987; ton & Kenning 2014; Krampe et al. 2016). Die Studien Levin et al. 1998). und die Ergebnisse sollen im Folgenden kurz skizziert werden. 123 178 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 2.1 fMRT-Studie Ziel der fMRT-Studie war es zu untersuchen, ob es mo ¨glich ist, mit Hilfe der Theorie des regulatorischen Fokus (Crowe & Higgins 1997) neurophysiologische und oftmals unbewusst ablaufende Wahrnehmungs- prozesse im Kontext verschiedener Haltungsmetho- den der Nutztierhaltung zu interferieren. Diese Frage ist deswegen bedeutsam, weil es bis dato unklar ist, ob kommunikative Maßnahmen u ¨berhaupt einen Einfluss auf die Einstellung der Verbraucher in die- sem Bereich haben ko ¨nnen oder ob die entsprechenden Reaktionen nicht vielmehr quasi reflexhaft ablaufen und im Gehirn mehr oder weni- ger ,,fest verdrahtet‘‘ sind. Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, wurde nach Freigabe des Studien- designs durch eine Ethikkommission eine fMRT- Analyse mit 29 Probandinnen und Probanden (Alter M = 41,45 Jahre, SD = 10,83; 14 weiblich) durchgefu¨hrt. Im Vorfeld der MRT-Messungen wurden verschie- Abb. 1 Versuchssequenz der experimentellen fMRT-Aufgabe. dene Haltungsmethoden der Nutztierhaltung Eine Versuchssequenz bestand aus drei Abschnitten, die durch eine zeitlich randomisierte Pause getrennt waren (,,jitter‘‘). In entsprechend der regulatorischen Fokus Theorie als dem Informationsabschnitt wurde zuna¨chst die Information Informationen differenziert formuliert. Dabei wur- u ¨ber eine Haltungsmethode genannt. Anschließend wurde das den two Foki unterschieden: Der Promotionsfokus ist dazugeho ¨rige Bild angezeigt. Schließlich sollte der Proband dadurch gekennzeichnet, dass er Erfolge einer Maß- diese Haltungsmethode bewerten nahme in den Vordergrund stellt. Im Gegensatz dazu ist es Merkmal des Pra¨ventionsfokus’, dass dieser Die ersten Ergebnisse der neuralen fMRT-Analyse Sicherheits- und Schutzaspekte thematisiert. Aufgabe zeigten, dass insbesondere der ventromediale pra¨- der Probanden war es, sich die entsprechend for- frontale Kortex (vmPFC) immer dann eine sta¨rkere mulierte Information aufmerksam durchzulesen und Aktivita¨t aufwies, wenn die Information im Promo- im Nachgang eine bildlich dargestellte Haltungsme- tionsfokus im Kontrast zum Pra¨ventionsfokus thode zu betrachten und anschließend zu bewerten formuliert war (Abb. 2). Demzufolge erzeugt eine (Abb. 1). In den Analysen wurde die Gehinaktivitat Information, welche sich auf Erfolge, Errungen- wa¨hrend des Informationszeitraums und der Bild- schaften und Verbesserungen fokussiert, eine wahrnehmung zwischen den beiden starkere neurale Reaktion in Hirnregionen, welche Formulierungsarten analysiert. mit emotionalen Bewertungsprozessen assoziiert 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 179 sind. Fru ¨here Studien der Consumer Neuroscience die Akzeptanz haben ko ¨nnen. So kann diese Studie haben zudem gezeigt, dass der vmPFC eine zentrale dazu beitragen, differenzierte, akzeptanzfo ¨rdernde Rolle fu ¨r das Bewertungssystem sowie das Kaufver- Kommunikation fu ¨r Verbraucher zu entwickeln. halten spielt (Bartra et al. 2013; Enax et al. 2015; Plassmann & Weber 2015). Dies bedeutet im Hinblick 2.2 fNIRS-Studie auf die Forschungsfrage zum einen, dass eine ¨ ¨ Beeinflussung neuraler Prozesse durch eine zielada- Aufbauend auf diesen Ergebnissen wurden erga- quate Darstellungsform der jeweiligen Information nzende fNIRS-Studien durchgefu ¨hrt. Die mobile fNIRS offenbar mo ¨glich ist. Zum anderen zeigt sich, dass bietet hierbei einen innovativen Ansatz die neuralen Informationen beziehungsweise Darstellungsformen, Prozesse, a¨hnlich dem Prinzip der fMRT, mittels die Verbesserungen beziehungsweise Erfolge einer Lichtimpulsen zu quantifizieren (Kopton & Kenning Maßnahme in den Vordergrund stellen, eine erho ¨hte 2014). Durch die mobile Einsetzbarkeit ko ¨nnen neur- neurale, subjektiv-emotionale Wertung erfahren als ale Prozesse und assoziiertes Konsumentenverhalten sicherheits- und schutz-orientierte Informationen. in einem naturalistischen Umfeld bemessen werden. Betrachtet man zudem die zentrale Rolle von Emo- Somit bestand das Ziel dieser Studien darin, zu pru ¨fen, tionen im Konsumverhalten insgesamt, so scheinen welche neuralen Prozesse am PoS ablaufen, wenn entsprechend modifizierte Informationen die Fa¨hig- Verbraucher eine ,,echte‘‘ nutztierhaltungsrele- keit zu besitzen, das Konsumverhalten auf neuraler vante Kaufentscheidung unter realitatsnahen Ebene signifikant zu beeinflussen. Somit kann die Art Bedingungen treffen. Parallel hierzu sollte zudem die und Weise der Kommunikation die Wahrscheinlich- Validita¨t der mobil einsetzbaren fNIRS untersucht keit erho ¨hen, dass Informationen zur Tierhaltung werden. Hierbei zeigte sich zuna¨chst, dass die mobile handlungsrelevante Implikationen fu ¨r die Verbrau- fNIRS eine valide neurowissenschaftliche Methodik im cher haben. Forschungsfeld der ,,Consumer Neuroscience‘‘ dar- Abb. 2 Neuraler Regulatorischer Fokus Effekt. Darstellung der fokus [ Pra¨ventionsfokus) in sagittaler, koronaler und axialer signifikanten Unterschiede zwischen den auf der regulatori- Ansicht (von links nach rechts), (Peak Voxel: MNI-Koordinaten -3 schen Fokustheorie basierten Informationen (Promotions- 44 -10; rot p \ .001; gelb p \ 0.0001; weiß p \ 0.00001) Betrachtet man diese Ergebnisse bezugnehmend stellt (Krampe et al. 2016). Aufbauend auf diesen auf das u ¨bergeordnete Ziel der Wirkung unter- ersten Forschungsergebnissen wurde eine zweite Stu- schiedlicher Darstellungsvarianten der die konzipiert, welche auf die Datenerhebung am PoS Tierhaltungsverfahren auf die (implizite) Wahrneh- fokussierte und somit die mobile Einsetzbarkeit der mung und die mo ¨glicherweise daraus resultierende fNIRS in einer innovativen Feldstudie pru ¨fen sollte. gesellschaftliche Akzeptanzgewinnung, so la¨sst sich Hierzu wurden außerhalb der Offnungszeiten in feststellen, dass die untersuchten Darstellungsweisen einem Lebensmittelmarkt u ¨ber der Selbstbedie- die neurale emotional-subjektive Wertung signifi- nungstheke fu ¨r Fleischwaren entweder biologisch- kant beeinflussen. In weiteren tiefergehenden oder konventionell-orientierte Tierhaltungskommu- Analysen wird nun nach Tierhaltungsmethoden nikationsmaßnahmen (TKM), die als situative Frames differenziert, da Werte und a priori Einstellungen fungierten, platziert. Um die neurale Reaktion der einen Einfluss auf den Effekt von Kommunikation auf Probandinnen (n = 18; Alter durchschnittlich 41 Jahre, 123 180 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft SD = 7,96) auf die dementsprechend vera¨nderten konventionell-orientiert). Dies la¨sst vermuten, dass Marktaufbauten zu erfassen, wurden diese mit einen die situative Pra¨sentation der TKM im Markt, also am mobilen fNIRS- und Eye-Tracking-Gera¨t ausgestattet. PoS, den entscheidenden Einfluss auf die neurale Danach wurden sie gebeten, einem vorgegebenen Reaktion der Kunden und den damit verbundenen Einkaufsweg zu folgen und einen Einkauf zu ta¨tigen. oft unbewussten Kaufentscheidungsprozess hat. Im Rahmen der Datenanalyse wurde die Gehirn- Somit scheint das Entscheidungsumfeld (also der aktivitat der beiden TKM (biologisch- und situative Frame), in welche die TKM platziert wird, konventionell-orientierte TKM) kontrastiert (Abb. 3). eine zentrale Rolle einzunehmen. Dieser Aspekt wird Die Ergebnisse der fNIRS Datenanalyse zeigten bei in der verbraucherpolitischen Diskussion u ¨ber in einer statistisch-liberalen Auswertung (p \ 0.1), dass anderer Hinsicht optimierte Informations- und insbesondere Regionen des orbitofrontalen Kortex Kommunikationsinstrumente oft u ¨bersehen und (OFC) sensitiv fu ¨r Vera¨nderungen der TKM sind. So ist unterstreicht noch einmal die zentrale Rolle des die neurale OFC-Hirnaktivita¨t im Kontrast zu kon- Handels, der das Entscheidungsumfeld maßgeblich ventioneller TKM bei biologisch-orientierter TKM gestaltet (vgl. hierzu auch den Beitrag ,,Standards, erho ¨ht. Hindernisse und Wu ¨nsche in der Nutztierhaltung – Abb. 3 Neurale Wirkung von TKM. Darstellung des Kontrastes Links oben: biologisch-orientierte TKM; links unten: konventionell- biologisch-orientierte vs. konventionell-orientierte TKM (n = 18; orientierte TKM dunkel rot p\ 0.1; Regionen des OFC in schwarzer Box) (rechts). Erga¨nzend zu den fNIRS-Daten wurden u ¨ber einen Die Perspektive des Handels‘‘ im vorliegenden Heft). Zeitraum von 6 Wochen die mit der TKM assoziierten In Bezug auf das Ziel der Identifizierung der mit dem Abverkaufszahlen pseudo-randomisiert ermittelt. relevanten Verhalten neuropsychologischen Prozesse Hierbei zeigte sich fu ¨r die biologisch-orientierte TKM zeigt die fNIRS-Technologie somit eine ho ¨here ein signifikant ho ¨herer durchschnittlicher Fleisch- externe o ¨kologische Validita¨t und gibt wichtige waren-Wochenumsatz pro Kunde (Wochenumsatz Hinweise, die in einer weniger biotischen Studien- Fleischware/Anzahl Kunden; t(5) = 2,65, p \ 0.05). anlage nicht gewonnen werden konnten. Konkret Betrachtet man beide Befunde im Zusammenhang, zeigt sich, dass kaufentscheidende Phanomene oft so la¨sst sich schlussfolgern, dass biologisch-orien- erst am PoS entstehen – ein Resultat, dass die ver- tierte TKM zu einer ho ¨heren neuralen Reaktion im haltenso ¨konomische Konsumforschung als OFC fu ¨hrt. Dies wiederum weist auf eine erho ¨ht-ak- ,,konstruierte Pra¨ferenzen‘‘ (constructive preferences) tivierte, subjektive Bewertung der Probanden hin, bezeichnet und mit der so genannten Query Theory welche offenbar verhaltensrelevante Auswirkungen (also ,,Abfrage-Theorie‘‘) begru ¨ndet (Johnson, Steffel, auf das Einkaufsverhalten der Kunden hat. & Goldstein, 2005). Dies unterstreicht in metho- Des Weiteren wurden die TKM mit Hilfe der fMRT discher Hinsicht noch einmal die besondere Bedeu- im Labor untersucht, um Befunde zur umfassenderen tung der mobilen fNIRS und verdeutlicht theoretisch Lokalisierung der neuralen Aktivita¨t zu erga¨nzen. Die die Rolle sogenannter ,,exogener Pra¨ferenzen‘‘ in den Resultate zeigen jedoch u ¨berraschenderweise keine entsprechenden Entscheidungsprozessen. signifikanten Aktivitatsunterschiede zwischen den beiden verwendeten TKM (biologisch- und 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 181 4 Ausblick und Implikationen und Erna¨hrung (BLE) im Rahmen des Programms zur Innovationsfo ¨rderung (FKZ: 2817203413). Betrachtet man die dargestellten Forschungsergeb- nisse bezugnehmend auf das u ¨bergeordnete Ziel, die neuropsychologische Wirkung unterschiedlicher Literatur Darstellungsvarianten der Tierhaltungsverfahren auf die Wahrnehmung und die mo ¨glicherweise daraus Bartra O, McGuire J T, Kable J W (2013) The valuation folgende gesellschaftliche Akzeptanzgewinnung system: a coordinate-based meta-analysis of BOLD besser zu verstehen, so la¨sst sich feststellen, dass die fMRI experiments examining neural correlates of untersuchten Darstellungsweisen die impliziten subjective value. NeuroImage 76:412–427. https:// neurophysiologischen Prozesse signifikant beeinflus- doi.org/10.1016/j.neuroimage.2013.02.063 sen. Insbesondere scheint die oftmals implizite Chowdhury RMMI, Olsen GD, Pracejus JW (2008) Wirkungsweise von Darstellungsvarianten der Tier- Affective responses to images in print advertising: haltungsverfahren bedeutsam zu sein. Des Weiteren affect integration in a simultaneous presentation spielt der Pra¨sentationsrahmen – das Framing – eine context. J Advert 37(3):7–18. https://doi.org/10.2753/ entscheidende Rolle in der (impliziten) Kommunika- JOA0091-3367370301 tionswahrnehmung und -verarbeitung der Crowe E, Higgins E T (1997) Regulatory focus and Verbraucher. Es ist daher wichtig, diese Aspekte – strategic inclinations: Promotion and prevention in Darstellung und Kontext – bei der Gestaltung von decision-making. Org Behav Hum Dec Process Kommunikationen im Bereich der Nutztierhaltung 69(2):117–132. https://doi.org/10.1006/obhd.1996. ku ¨nftig noch sta¨rker zu beachten. Und auch wenn 2675 die Ergebnisse der vorgestellten Studien vorla¨ufig Dimoka A (2010) What does the brain tell us about sind und erste Hinweise geben, in welche Richtung trust and distrust? Evidence from a functional weiter geforscht werden sollte, so wird doch neuroimaging study. MIS Quart 373–396. erkennbar, dass die Frage nach dem ,,Wie?‘‘ bei der Enax L, Krapp V, Piehl A, Weber, B (2015). Effects of Gestaltung von Verbraucherinformationen auch in social sustainability signaling on neural valuation diesem Bedarfsfeld ku ¨nftig von Bedeutung sein wird. signals and taste-experience of food products. Die Ergebnisse besta¨rken zudem die zunehmend Front Behav Neurosci 9:247. https://doi.org/10. in der sozialwissenschaftlichen Konsumforschung 3389/fnbeh.2015.00247 gewonnene Erkenntnis, dass individuelle Faktoren Higgins (1997) Beyond pleasure and pain. Am Psychol wie Wissen, Einstellungen und Handlungsintentio- 52(12):1280–300. https://doi.org/10.1037/0003-066X. nen zwar durchaus bedeutend sind fu ¨r die 52.12.1280 Kaufentscheidung, dass jedoch der unmittelbare Hubert M, Kenning P (2008) A current overview of Entscheidungskontext der letztlich ausschlaggebend consumer neuroscience. J Consum Behav ist. 7:272–292. 10.1002/cb Johnson E, Steffel M, Goldstein D G (2005) Making Die Ausfu ¨hrungen sind zum Teil das Ergebnis einer better decisions: from measuring to constructing umfassenden Diskussion mit Kollegen, denen wir zu preferences. Health Psychol 24(4):S17–S22. Dank verpflichtet sind. Er gilt allen Projektpartnern Kahneman D (2012) Schnelles Denken, langsames des Verbundprojektes ,,SocialLab – Nutztierhaltung Denken. im Spiegel der Gesellschaft‘‘, insbesondere den Kol- Kenning P, Oehler A, Reisch L A, Grugel C (2017) legen des Privaten Forschungs- und Verbraucherwissenschaften: Rahmenbedingun- Beratungsinstituts fu ¨r angewandte Ethik und Tier- gen, Forschungsfelder und Institutionen, Springer- schutz INSTET gGmbH (Prof. Dr. Jo ¨rg Luy) und der Verlag. Rheinischen Friedrich-Wilhelm-Universita¨t Bonn Kenning P, Plassmann H (2005) NeuroEconomics: An (Prof. Dr. Monika Hartmann). Zudem danken wir Frau overview from an economic perspective. Brain Res Anja Westphal und Frau Carina Hoffmann fu ¨r die Bull 67(5):343–354. https://doi.org/10.1016/j. tatkra¨ftige Unterstu ¨tzung im Rahmen der Datener- brainresbull.2005.07.006 hebung. Die Fo ¨rderung des Vorhabens erfolgte aus Kenning P (2014) Consumer Neuroscience: Ein trans- Mitteln des Bundesministeriums fu ¨r Ernahrung und disziplina¨res Lehrbuch. Kohlhammer Verlag Landwirtschaft (BMEL) aufgrund eines Beschlusses Kenning P, Plassmann H (2005) NeuroEconomics: An des deutschen Bundestages. Die Projekttragerschaft overview from an economic perspective. Brain Res erfolgte u ¨ber die Bundesanstalt fu ¨r Landwirtschaft Bull 67(5):343–354 123 182 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Krampe C, Strelow E, Kenning P (2016) Functional Plassmann H, Venkatraman V, Huettel S, Yoon C near-infrared spectroscopy (Fnirs): a new tool for (2015) Consumer neuroscience: applications, chal- consumer research? ACR North American lenges, and possible solutions. J Mark Res 8:427–435 Advances Plassmann H, Weber B (2015) Individual differences Kosslyn S M (1999) If neuroimaging is the answer, in marketing placebo effects: evidence from brain what is the question? Philos Trans R Soc Lond Ser B imaging and behavioral experiments. J Mark Res Biol Sci 354(1387):1283–1294. https://doi.org/10. 8:1–18. https://doi.org/10.1509/jmr.13.0613 1098/rstb.1999.0479 Verbeke W, Ward R W (2006) Consumer interest in ¨ ¨ Roininen K, Arvola A, Lahteenmaki L (2006) Explo- information cues denoting quality, traceability ring consumers’ perceptions of local food with two and origin: an application of ordered probit different qualitative techniques: Laddering and models to beef labels. Food Qual Preference word association. Food Qual Prefer 17(1):20-30 17(6):453–467. https://doi.org/10.1016/j.foodqual. Levin I P (1987) Associative effects of information 2005.05.010 framing. Bull Psychonomic Soc 25(2):85–86. https:// Wille S, Ermann M, Spiller A (2016) Informations- doi.org/10.3758/BF03330291 bedu ¨rfnis beim Kauf von regionalem Levin I P, Schneider S L, Gaeth G J (1998) All frames are Schweinefleisch: Ein Experiment auf Basis der not created equal: a typology and critical analysis Information-Display-Matrix. Tagungsband 2016, of framing effects 76(2):149–188 97 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 183 Zur Konzeption eines oder QS-Siegel umfassendere Merkmale. Diese setzen Verbraucherinformationssystems als Erga¨nzung – dabei durchaus auf Halo-Effekte, also auf Qualita¨ts- oder Alternative? – zum klassischen vermutungen, die u ¨ber die eigentliche Qualita¨t des Informationslabel Produktes hinausgehen. Recht schnell stoßen Label jedoch an ihre Grenzen 1 1 2 Nadine Gier , Caspar Krampe , Lucia A. Reisch , Peter und erzeugen oftmals unerwu ¨nschte Nebeneffekte Kenning (Eberle et al. 2011; Franz et al. 2010). So ko ¨nnen Ver- braucher beim allta¨glichen Einkauf durch die Vielzahl Lehrstuhl fu ¨r Betriebswirtschaftslehre, insb. Marke- an Labeln, verbunden mit einem geringen Involve- ting, Heinrich-Heine-Universita¨t, Universita¨tsstraße 1, ment, verwirrt und u ¨berfordert werden (Roosen et al. 40225 Du ¨sseldorf, Geba¨ude 24.21 2003; Verbeke 2005, 2008). Gerade im Bereich der Zeppelin Universita¨t Friedrichshafen, Am Seemooser Nutztierhaltung gibt es eine Flut an Labeln, so dass Horn 20, Friedrichshafen bisweilen je nach Qualita¨tspru ¨fung dasselbe Produkt nadine.gier@hhu.de mit mehreren, unterschiedlichen Labeln gekennze- ichnet werden kann. So fordert u.a. auch der Bundes- 1 Hintergrund und Zielsetzung verband der Verbraucherzentrale mehr Transparenz und eindeutige Kennzeichnungen im Bereich des Eine wesentliche Problematik moderner Volks- Tierwohls in der Nutztierhaltung (VZBV 2017). Diese wirtschaften bilden die oft durch arbeitsteilige Pro- Vielfalt und gelegentliche Inkonsistenz hat Auswir- zesse und entsprechend ausdifferenzierte kungen auf die Glaubwu ¨rdigkeit der einzelnen Label Wertscho ¨pfungsketten induzierten Informations- und zeigt, dass das Labelsystem in seiner jetzigen Form asymmetrien zwischen den Anbietern und Nachfra- wohl einen ,,abnehmenden Grenznutzen‘‘ hat (Ver- gern einer Leistung. Beim Thema ,,Tierwohl‘‘ kommt braucherkommission Baden-Wu ¨rttemberg 2011). Die hinzu, dass dies eine Vertrauenseigenschaft (,,Cre- Verfu ¨gbarkeit label-induzierter Information stellt dence Attributes‘‘) des Produktes darstellt, deren heute somit kein Maximierungs-, sondern ein lokales Auspragung vom Verbraucher, beispielsweise beim Optimierungsproblem dar, das in der Praxis auf Produkt ,,Fleisch‘‘, am Point-of-Sale (PoS) kaum fest- erhebliche Probleme sto ¨ßt (Kenning et al. 2017). Vor gestellt werden kann. Die Informationso ¨konomik diesem Hintergrund ist es Ziel des im Folgenden zu hat auf dieses Marktversagen reagiert und verschie- skizzierenden Forschungsprojektes, Hinweise fu ¨r die dene Ansa¨tze entwickelt, solche Informa- zuku ¨nftige effektive und, nach Mo ¨glichkeit, effiziente tionsasymmetrien zu reduzieren. Die klassische Ant- Gestaltung der Kommunikation von Verbraucherin- wort der Verbraucherpolitik ist das ,,Signaling‘‘ mit formationen zu geben. Darauf aufbauend sollen Hilfe von ,,Labels‘‘ oder ,,Siegeln‘‘. Im Kern sollen Politik- und Kommunikationsempfehlungen fu ¨r die diese dem Verbraucher auf den ersten Blick, leicht gesetzliche und privatwirtschaftliche Umsetzung von ¨ ¨ verstandlich und verlasslich eine – mehr oder weni- Kennzeichnungsmaßnahmen abgeleitet werden. Um ger – bestimmte Qualita¨t signalisieren (Eberle et al. dieses Ziel zu erreichen, werden verschiedene Ansa¨tze 2011; Olaizola und Corcoran 2003; Reisch 2003). der Verbraucherinformation diskutiert und Erkennt- Mit diesem Ansatz verbinden sich mehrere Vor- nisse aus bisherigen Forschungsarbeiten genutzt, um teile: So bieten Label zum Beispiel in der bestehende Instrumente zu optimieren bzw. zu erga¨- Lebensmittelwirtschaft die Mo ¨glichkeit, den Ver- nzen oder Alternativen zum bisherigen System der braucher direkt am PoS u ¨ber produktspezifische Informationso ¨konomik durch klassische Label zu Vertrauenseigenschaften, wie bspw. Tierwohl- oder entwickeln. Bio-Aspekte, zu informieren (Eberle et al. 2011; Jans- sen und Hamm 2012; Olaizola und Corcoran 2003; 2 Methodik Reisch 2003). Dabei lassen sich Label-Qualita¨ten in unterschiedlicher Breite und Tiefe definieren. Wah- Um das Themenfeld der Verbraucherinformation rend beispielsweise ,,gentechnikfrei‘‘ ein zuna¨chst pha¨nomenologisch zu durchdringen, wur- Prozessattribut betrachtet, behandeln Bioqualita¨ts- den im ersten Schritt im Kontext der Nutztierhaltung der Informationsstand, die Informationsbeschaffung, ¨ ¨ In wenigen Fallen (wie bei der ,,glasernen Produktion‘‘) sowie der Informationseinfluss von und zu Verbrau- bieten Anbieter die Mo ¨glichkeit, bspw. per QR Code auf der chern mittels einer Literaturrecherche und einer Packung direkt in den Stall zu schauen oder sogar sein eigenes flankierenden Fokusgruppe untersucht. Die aus der Jungtier aufzuziehen und verarbeiten zu lassen. Selbst in ¨ qualitativen Sozialforschung stammende Methode diesen Fallen bleiben jedoch Vertrauensmerkmale bestehen. 123 184 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft der Fokusgruppe (Krueger und Casey 2014) ermo¨- die Produkte und deren Eigenschaften am PoS zu glicht es, den Informationsprozess aus Sicht der informieren. So wurde die Verpackung als einzige Verbraucher zu begreifen und mo ¨gliche Anschluss- Informationsoberfla¨che angesehen, die neben dem kriterien fu ¨r die Informationsbereitstellung und subjektiven Aussehen des eigentlichen Produktes -beschaffung zu identifizieren. Im konkreten Pro- Aufschluss u ¨ber dessen Merkmale geben ko ¨nne. Im jektfall wurden mit Hilfe einer moderierten Gegensatz zu diesen grundsa¨tzlichen Aussagen Diskussion 9 Verbraucher/innen eingeladen, sich u¨- schien das Informationsbedu ¨rfnis bei den Verbrau- ber die Thematik der Informationskommunikation chern in der Fokusgruppe nur dann erho ¨ht zu sein, im Bereich der Nutztierhaltung auszutauschen und wenn durch Skandale – wie BSE in Rindfleisch oder diese zu diskutieren. Anhand der daraus gewonne- die kritische Berichterstattung u ¨ber unzureichende nen Erkenntnisse konnten unterschiedliche Tierhaltungsverfahren – der sorgenfreie Konsum Bedu ¨rfnisse und Motive der Verbraucher an Infor- von Fleischwaren eingeschra¨nkt wird. In diesem Fall mationsinhalten und zur Informationsbeschaffung werden aus ,,vertrauenden‘‘ Verbrauchern, die sich zum Thema Nutztierhaltung unterschieden werden. durch eine durchaus rationale Naivita¨t auszeichnen, Daraus abgeleitet wurden in einer tiefergehenden offenbar ,,verantwortungsvolle‘‘ Verbraucher, die Literaturrecherche Alternativen zu den heutigen ein entsprechend gesteigertes Informationsbedu¨rf- Angeboten der Verbraucherinformation gesucht, nis haben (Micklitz et al. 2010; Wobker et al. 2012). welche bereits durch Studien erste Hinweise auf ihre So gaben die Verbraucher an, wahrend solcher Kri- Effektivita¨t geben oder in a¨hnlicher Form in anderen senzeiten, welche auch moralischer Natur sein Bereichen genutzt werden. ko ¨nnen, einen erho ¨hten Informationsbedarf zu haben und vermehrt auf Label zu achten oder 3 Ausgewa¨hlte Ergebnisse alternativ auf den ,,Metzger des Vertrauens‘‘ zuru ¨ckzugreifen. Im Rahmen der Fokusgruppe zeigte sich, dass retro- Im Ergebnis zeigt sich, dass Label eher eine situa- spektiv wahrgenommene Informationen lediglich tive Relevanz haben und je nach Kontext und auf das Herkunftsland sowie quantitative Kennzahlen Involvement selektiv durch die Verbraucher wahr- wie Haltbarkeit, Preis und Gewicht, beschrankt genommen werden. Zwar werden Label eher waren und insgesamt eher undifferenziert und wahrgenommen und ko ¨nnen kaufentscheidungs- oberflachlich erinnert wurden. Informationen zur wirksam sein, wenn sie einfach und intuitiv gestaltet Haltungs- und Schlachtungsweise sowie zur Futter- und auf der Vorderseite der Verpackung angebracht bzw. Medikamentenzugabe wurden zwar in der sind, und durch entsprechende Kommunikations- Fokusgruppe als wu ¨nschenswerte Information gen- kampagnen begleitet werden (Grunert 2002; Padilla annt; sie scheinen jedoch in empirischen Studien bei et al. 2007), jedoch sind sie wa¨hrend eines gewo ¨hn- der Kaufentscheidung kaum eine Rolle zu spielen lichen Einkaufs eher wenig relevant. In (moralischen) (Andersen 2011; Harper und Henson 2001; Olaizola Krisenzeiten hingegen gewinnen sie an Bedeutung, und Corcoran 2003). Des Weiteren schienen die weisen dann aber oftmals zu wenig Informationen Verbraucher nicht grundsa¨tzlich, sondern eher aus- auf, so dass erga¨nzende Informationsquellen, die oft nahmsweise bewusst und aktiv nach ausfu ¨hrlicheren mit Personenvertrauen ausgestattet sind, hinzuge- Informationen zu suchen und nur gewisse Angaben – zogen werden. Dieses Ergebnis stimmt mit der je nach individuellem Involvement und perso ¨nlicher aktuellen Forschungslage u ¨berein, nach der ein Situation – als relevant einzuordnen. Auch Label individueller, mo ¨glichst personalisierter, zeitlich-fle- schienen hier wenig zu bewirken, da es oft keinen xibler und differenzierter Informationsfluss den entsprechenden Informationsbedarf gibt. Als Konse- Verbrauchern in ihren Entscheidungen helfen kann, quenz wurden Label von der Fokusgruppe ohne diese dabei zu u ¨berfordern (de Jonge et al. 2015; u ¨berwiegend als unversta¨ndlich beschrieben und Eberle et al. 2011; Kenning et al. 2017, S.289; Reisch ihre Fu ¨lle und Vielfalt eher als la¨stig empfunden. 2003; Weinrich und Spiller, 2016). Die folgende Gleichwohl teilten die Verbraucher die Meinung, Abbildung verdeutlicht diesen Zusammenhang dass Labels die einzige Mo ¨glichkeit bo ¨ten, sich u ¨ber grafisch. 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 185 Abb. 1 Informationsangebot und -bedarf im Zeitablauf. Der Informationsbedarf nimmt in Krisenzeiten zu und ist sonst meist gering. Diese Variabilita¨t kann das Informationsangebot durch ein starres Label nicht bedienen 3.1 Multilayer statt Binarita¨t angebotsseitig induzierten multi-layer Label zeigen sich in den Niederlanden (,,Beter Leven‘‘) bzw. in Das oben skizzierte Label-Dilemma hat aus Sicht der ¨ Danemark (,,Bedre Dyrevelfærd‘‘). Empirische Stu- Verbraucher Konsequenzen: So wird ein hoher Preis dien besta¨tigen, dass die so erreichte bei unzureichender Information u ¨ber die ,,wahren‘‘ Ausdifferenzierung der Labelstruktur zu einem ho¨- Produkteigenschaften oftmals als Barriere gesehen herenMarktanteil vonTierwohlprodukten fu¨hrt, die (Boogaard et al. 2006; Larceneux et al. 2012; Napoli- Heterogenita¨t und individuellen Bedu¨rfnisse der tano et al. 2010; Padel und Foster 2015). Eine Verbraucher besser abgedeckt und auch zeitlich Differenzierung innerhalb der offenbar schwanken- schwankende Zahlungsbereitschaften ,,abgegriffen‘‘ den preislichen Grenzen und moralischen Ansichten werden ko ¨nnen (de Jonge et al. 2015; Weinrich und ist somit kaum mo ¨glich: Dem einen Verbraucher ist Spiller 2016). es zumeist zu teuer, dem anderen ist es zu wenig Problematisch ist jedoch, dass nach wie vor eine ,,bio‘‘. Angesichts dieser Heterogenita¨twa¨re es Vielzahl an Information (Tierwohlhaltung, Fairtrade, zweckma¨ßig, den Verbrauchern die Mo ¨glichkeit zu Gentechnik, Inhaltsstoffe, u.v.m.) auf den Verpa- ero ¨ffnen, nach individuellem Involvement diejenige ckungen angeboten wird, die in den allermeisten Produktinformation zu beziehen, welche die infor- ¨ Fallen, nicht beno ¨tigt wird. So sind einzelne Infor- mierte Kaufentscheidung nach den eigenen, ggf. mationen (z.B. Laktose-, Gluten- oder Nussanteil) nur zeitlich instabilen, Pra¨ferenzen ermo ¨glichen kann. fu ¨r spezielle Ka¨ufergruppen relevant oder werden Diese Mo ¨glichkeit ließe sich durch die Integration nur nach besonderen Vorkommnissen oder morali- eines sogenannten multi-layer Labelsystems ero ¨ffnen schen Krisen durch den Verbraucher aktiv (de Jonge et al. 2015; Eberle et al. 2011; Weinrich und nachgefragt. Die damit verbundene Logik ist infor- Spiller 2016). In diesem System geht es nicht nur um mationslogistisch ineffizient und kann zudem zu der die bina¨re Unterscheidung zwischen gelabelten und ¨ bereits erwahnten Verwirrung und Uberforderung ungelabelten Produkten, sondern es wird innerhalb der Verbraucher am PoS fu ¨hren. Die in Abbildung 1 der Labelstruktur in weitere Stufen (Layer) unter- ¨ skizzierte Problematik ware somit allenfalls teilweise schieden. Durch die Einfu ¨hrung von behoben. Differenzierungsebenen ko ¨nnen somit psychologi- Eine Lo ¨sung dieser Problematik ko ¨nnte darin sche Effekte wie zum Beispiel Kompromiss- oder bestehen, den Informationsfluss nach einem anderen Anziehungseffekte entstehen, welche den Ver- Prinzip zu organisieren und den multi-layer Ansatz brauchern erlauben, nach ihrem Involvement um eine vertikale, nachfrageorientierte und damit innerhalb ihrer Preisgrenzen zu entschieden. Erste zeitlich flexible Perspektive zu erweitern (Eberle et al. Implementierungen eines noch recht einfachen 2011). Im Ergebnis wu ¨rde der Informationsfluss somit 123 186 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft nicht nach einem generellen, zeitlich unflexiblen Informationsbedarf dieser Verbrauchertypen infor- ,,Push-Ansatz‘‘ organisiert werden, wie es bei einem mationslogistisch effizient befriedigt werden und klassischen Labelansatz der Fall ist, sondern vielmehr integriert in einen klar vorgegebenen politischen nach einem ,,Pull-Prinzip‘‘, welches nicht nur zeitlich- Rahmen ko ¨nnte eine entsprechende Labelflut flexibel wa¨re, sondern auch den verschiedenen ver- mo ¨glicherweise verhindert werden (Eberle et al. brauchertypenspezifischen Informationsbedarfen/- 2011). typen, die sich situativ andern ko ¨nnen, entsprechen Abb. 2 Konzeption eines vertikalen und horizontal differenzierten Multi-layer Informationssystems. Durch eine Integration von ereignisorientierten Prozessketten (EPK) kann der Verbraucher Informationen, welche der gewu ¨nschten Informationstiefe und - breite entsprechen, aktiv anfragen 3.2 Zur Konzeption eines wu ¨rde (Micklitz et al. 2010; Wobker et al. 2012). Bei dieser Lo ¨sung ko ¨nnten sich Verbraucher bspw. Verbraucherinformationssystems im Rahmen der anhand von aufeinander aufbauenden Fragen, die Nutztierhaltung der Logik sogenannter ,,ereignisorientierter Prozess- ketten‘‘ (EPK) entspricht (analog zur Organisation von Ein dieser Konzeption entsprechender Ansatz, der betrieblichen Informationsflu ¨ssen im Rahmen von eine Vielzahl an bereits vorhandenen Verbraucher- Managementinformationssystemen (z.B. SAP R/3)), informationen integrieren ko ¨nnte und daru ¨ber hinaus eine bedarfsgerechte, situative Informations- die Informationen in der Informationstiefe beschaf- fen, welche ihrem (situativen) Involvement bzw. Typ beschaffung ermo ¨glichen wu ¨rde, bestu ¨nde in der Entwicklung eines o ¨ffentlich verfu ¨gbaren Verbrau- entsprechen. Durch bereits bekannte Technologien, wie einen QR-Code u ¨ber eine Smartphone-App oder cherinformationssystems (VIS) am PoS. Dieses fu ¨r die Nutztierhaltung durchaus innovative System soll im einem im Markt installierten Informationsterminal, ko ¨nnten so verantwortungsvolle Verbraucher bspw. Folgenden kurz skizziert werden. bei einer Produktneueinfu ¨hrung im Bereich der Ein Informationssystem ist ein Ansatz, welcher in ,,Fleischware‘‘ das Produkt einscannen. Sie wu ¨rden der Betriebswirtschaft urspru ¨nglich Informations- dann allgemeine Informationen zum Produkt erhal- nachfragen effizient und effektiv in ein System ten, welche zum Beispiel das Produkt zuna¨chst nach integrieren sollte (Becker und Schu ¨tte 2004; Schu¨tte einer einfachen multi-layer Labellogik kennzeichnen. 2011). Als VIS kann man analog hierzu ein System bezeichnen, welches den Verbrauchern ermo ¨glicht, Anschließend und anhand der integrierten EPK ko ¨nnten diese Verbraucher individuell detailliertere durch die Nutzung von Informationstechnologien und dementsprechend informierte Kaufentschei- Informationen zum Produkt auf den verschiedenen Layerebenen erlangen (Abb. 2). Durch diese Konzep- dungen die Wertscho ¨pfungskette nach dem Pull- tion wu ¨rde der breitere und tiefere 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 187 Prinzip weiterzuentwickeln und mitzugestalten (Tu- ein Crowdsourcing ermo ¨glicht (vgl. Enkel in Ken- unanen et al. 2010). ning/Lamla 2017). Zudem sollte das VIS den Anders als bei Informationssystemen bspw. im Anwendungskontext (z.B. am PoS) beru ¨cksichtigen, beruflichen Kontext, wo Nutzer auf das System fu¨r da dieser einen Einfluss auf das Nutzungsverhalten ihre Arbeitsta¨tigkeit angewiesen sind und vor allem haben wird. Verbraucher sind in diesem System ein Effektivita¨t und Effizienz wichtige Parameter wichtiges, zentrales Element und ko ¨nnen die Gestal- darstellen, sollte bei dem individuellen Gebrauch tung und Nu ¨tzlichkeit des Informationssystems durch Verbraucher eine Balance zwischen Nu¨tz- durch ihren Gebrauch entscheidend beeinflussen lichkeit und Benutzerfreundlichkeit gefunden wer- (Tuunanen et al. 2010). Der Gestaltungsprozess des den. Denn nur wenn die Verbraucher einen VIS ist entsprechend voraussetzungsvoll: Zum einen utilitarischen und hedonischen Nutzen erfahren, sind der Zeitpunkt und die Art der Teilnahme an der wird sich ein solches System dauerhaft etablieren Gestaltung des Service durch die Verbraucher fest- ko ¨nnen (Tuunanen et al. 2010). Ahnliche Anwendung zulegen, sodass die Ziele und Anspru ¨che der zeigen sich bereits fu ¨r Obst und Gemu ¨se (Max Rub- Verbraucher an das VIS den gewu ¨nschten Nutzen ner-Institut 2015) und im deutschen Ba¨ckerhandwerk erzeugen. Zum anderen mu ¨ssen die Informationen, (baeckerhandwerk.de). Mit Hilfe eines Informations- welche in dem VIS verwendet werden, effektiv und terminals ko ¨nnen sich Kunden dort u ¨ber die effizient aggregiert und integriert werden (vgl. angebotenen Waren informieren und individuelle Oehler und Kenning 2013). Denkbar ware es, dass Produktinformationen abrufen. Dadurch wird kein bereits vorhandene Systeme kombiniert werden und unversta¨ndliches Etikettierungssystem beno ¨tigt und Informationen aus vertrauensvollen und unabha¨- fachkundige Beratungsgespra¨che werden durch eine ngigen Quellen integriert werden. Kompatible SAP- weitere Informationsquelle erga¨nzt. Welche Ansa¨tze Systeme, welche bereits vom Handel genutzt werden, und Herausforderungen ein solches VIS aus theore- ko ¨nnten im VIS eine Schnittstelle bilden und so Ver- tisch-konzeptioneller Sicht integrieren mu ¨sste und brauchern Informationen zum Beispiel zur Herkunft welche Treiber der Verbraucher den Gebrauch der jeweiligen Produkte bereitstellen. So ko ¨nnten ermo ¨glichen, wurde bereits in einem ersten Rah- bspw. handelsbezogene Daten aus den Warenwirt- menkonzept zusammengefasst, welches schaftssystemen freigegeben werden und mit insbesondere den folgenden Aspekten Rechnung weiteren Daten (z.B. aus dem Bundesinformations- tragt (vgl. Tuunanen et al. 2010). Ein VIS sollte die zentrum Landwirtschaft, BZL) im VIS zu einem Verbraucher individuell nach situativer und perso¨- multilayer Informationsansatz aufbereitet und nlicher Relevanz und Involvement u ¨ber die Produkte verknu ¨pft werden (Abb. 3). informieren, sodass diese selbst bestimmen, welche Um den Handel zu motivieren, die jeweiligen Informationen sie wann erhalten wollen. Dies ko ¨nnte Systeme zu o ¨ffnen und zu pflegen wa¨re es denkbar, zum Beispiel anhand von QR-Codes in Kombination die entsprechenden Investitionen zu fo ¨rdern. Das mit Smartphone-Apps oder Informationsterminals im no ¨tige Vertrauen in das VIS ko ¨nnte durch die Unab- Markt realisiert werden. ha¨ngigkeit und ein glaubwu ¨rdiges Monitoring der Das VIS sollte eine Schnittstelle zu sozialen Netz- Inhalte gewa¨hrleistet werden. Die verwendeten werken beinhalten. Dort sollte eine unabhangige Daten sollten von o ¨ffentlichen Institutionen wie z.B. Moderation erga¨nzt durch Expertenmeinungen von der Bundesanstalt fu ¨r Landwirtschaft und Erna¨hrung Landwirten, Handlern und Wissenschaftlern statt- (BLE) verwaltet werden, wobei es wichtig ist, dass finden. Im Bereich der Nutztierhaltung ko ¨nnten Informationsstandards vereinheitlicht werden und bspw. verifizierte Nutzer (Verbraucher) aktuelle, fu¨r interne Qualita¨tskriterien, welche sich zurzeit u.a. sie relevante Themen (z.B. Medienberichte und durch private Bio-Label a¨ußern, sichtbar und trans- Warnhinweise) untereinander und mit unabha¨ngi- parent von unabha¨ngigen Informationen getrennt gen Experten diskutieren und Erfahrungen (z.B. werden (Verbraucherkommission Bayern 2012). Meinungen, Kochideen und Angebote) austauschen. Angesichts dessen bo ¨te sich insgesamt ein modula- Dadurch wird eine Identita¨tskonstruktion erzielt, rer, integrativer Aufbau an (Abb. 3). welche den Nutzer an den Service bindet und auch 123 188 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Abb. 3 Datengewinnung und -verwaltung in einem VIS. Informationen und Daten, die in das VIS mit einfließen sollen mo ¨glichst kompatibel mit vorhandenen Warenwirtschaftssystem im Handel sein 4 Ausblick Boogaard BK, Oosting SJ, Bock BB (2006) Elements of societal perception of farm animal welfare: a Labels bieten mitunter die einfachste Mo ¨glichkeit, quantitative study in the Netherlands. Livestock Sci den Verbraucher am PoS zu informieren. Sie stoßen 104:13–22 jedoch oftmals an ihre Grenzen. Aufbauend auf de Jonge J, van der Lans IA, van Trijp HCM (2015) qualitativen und quantitativen Studien kann man Different shades of grey: compromise products to rasch erkennen, dass dieser starre Ansatz der Ver- encourage animal friendly consumption. Food braucherinformation mo ¨glicherweise durch Qual Prefer 45:87–99 differenziertere, horizontal und vertikal organisierte Eberle U, Spiller A, Becker T, Heißenhuber A, Alternativansa¨tze zu optimieren wa¨re. Sinnvoller ¨ Leonhauser IU, Sundrum A (2011) Politikstrategie wa¨re es, einen systemischen Ansatz in der Form eines Food Labelling. http://www.bmelv.de/Shared VIS zu verfolgen. Durch ein solches System wa¨re es Docs/Downloads/Ministerium/Beiraete/Verbraucher- mo ¨glich, die Informationsbedarfe der Verbraucher fle- politik/2011_10_PolitikstrategieFoodLabelling.pdf. xibel und informationslogistisch optimal zu bedienen. Abgerufen 10. Oktober 2017 Enkel E (2017) Die Rolle des Konsumenten im Kontext Die folgenden Ausfu ¨hrungen sind zum Teil das der Open Innovation. In: Kenning P, Lamla J (Hrsg.) Ergebnis einer umfassenden Diskussion der Autoren Entgrenzungen des Konsums. Springer, mit verschiedenen verbraucherpolitisch aktiven Wiesbaden Wissenschaftlern, denen wir zu Dank verpflichtet Franz A, von Meyer M, Spiller A (2010) Prospects for a sind. Er gilt allen Projektpartnern des Verbundpro- european animal welfare label from the german jektes ,,SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der perspective: supply chain barriers. Int J Food Syst Gesellschaft‘‘, insbesondere den Kollegen des Dyn 4:318–329 Thu ¨nen-Instituts fu ¨r Marktanalyse (Dr. Inken Chri- Grunert K (2002) Current issues in the understanding stoph-Schulz), der Technischen UniversitatMu ¨nchen of consumer food choice. Trends Food Sci Technol (Prof. Dr. Jutta Roosen) und der Georg-August-Uni- 13:275–285 versita¨tGo ¨ttingen (Prof. Dr. Achim Spiller). 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Unvero ¨ffentlichte Point of Sale (POS) zum Shelflife und Produktei- Habilitationsschrift, Westfa¨lische Wilhelms-Uni- genschaften fu ¨r Obst und Gemu ¨se am Beispiel der versita¨tMu ¨nster Kiwi Tuunanen T, Myers MD, Cassab H (2010) A conceptual Micklitz HW, Oehler A, Piorkowsky MB, Reisch LA, framework for consumer information. Pacific Asia J Stru ¨nck C (2010) Der vertrauende, der verletzliche Assoc Inf Syst 2:47–66 oder der verantwortungsvolle Verbraucher? Pla- Verbeke W (2005) Agriculture and the food industry doyer fu ¨r eine differenzierte Strategie in der in the information age. Eur Rev Agric Verbraucherpolitik Stellungnahme des Wissen- Econ32:347–368 schaftlichen Beirats Verbraucher- und Verbeke W (2008) Impact of communication on Erna¨hrungspolitik beim BMELV consumers’ food choices. 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Agricultura Te´cnica 67:300–308 Reisch LA (2003) Transparenz auf Nahrungsmittel- markten: Theoretische Begru ¨ndung und 123 190 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Der Einfluss von Nachrichtentexten u ¨ber die drei verschiedene Idealtypen von Verbrauchern: ,,ver- Tierhaltung auf das soziale Vertrauen in Landwirte letzliche‘‘, ,,verantwortungsvolle‘‘ und ,,vertrauende‘‘ Verbraucher. Der ,,vertrauende‘‘ Verbraucher greift Sabine Groß und Jutta Roosen aufgrund von Zeit- und Interessensmangel auf die Informationen glaubwu ¨rdiger Institutionen zuru ¨ck, Lehrstuhl fu ¨r Marketing und Konsumforschung, TUM wohingegen der ,,verletzliche‘‘ Verbraucher eher u¨ber- School of Management, Technische Universita¨t fordert ist und der ,,verantwortungsvolle‘‘ Verbraucher Mu ¨nchen, Alte Akademie 16, 85354 Weihenstephan, sich mo ¨glichst vollsta¨ndig informiert. sabine.gross@tum.de Bezu ¨glich verschiedener Quellen zur Informations- gewinnung zeigen Untersuchungen einerseits, dass Zusammenfassung verschiedene Quellen als unterschiedlich vertrau- enswu ¨rdig wahrgenommen werden (Chryssochoidis Vertrauen kommt eine wichtige Bedeutung in wirt- et al. 2009). Zusa¨tzlich kann das Framing unterschiedli- schaftlichen Ablaufen zu. Besonders in Verbindung mit cher Quellen einen Einfluss darauf haben, dass landwirtschaftlichen Produkten ist Vertrauen no ¨tig, da Nachrichten als wahr oder falsch interpretiert werden viele Attribute nicht vom Verbraucher u¨berpru ¨ft wer- (Deppe et al. 2005). Rosati und Saba (2004) zeigen, dass den ko ¨nnen und dieser damit auf die Aussagen von bei der Bewertung der Informationsquelle im Zusam- Produzenten und Verbraucherorganisationen ange- menhang mit Lebensmittelrisiken den wiesen ist. Kritisch ist weiterhin, dass Vertrauen Verbraucherorganisationen ein ho ¨heres Vertrauen ent- asymmetrische Eigenschaften aufweist und dadurch gegen gebracht wird als Regierungen oder leichter zersto ¨rt als gebildet werden kann. In einer Produzentenorganisationen. Auch bei Gu ¨tesiegeln vari- Untersuchung mit 1600 Teilnehmern werden die iert das Vertrauen in Abha¨ngigkeit davon, ob das Siegel Dynamiken der Entstehung und Zersto ¨rung von Ver- von Regierungs- oder Nichtregierungsorganisationen trauen beleuchtet. Mittels verschiedener bzw. der Industrie vergeben wird (McKendree et al. 2013). Nachrichtentexte wird gepru ¨ft, wie verschiedene Ein hohes Vertrauen von Verbrauchern in die Hersteller Absender und Tendenzen einer Nachricht das soziale von Produkten ist gerade fu ¨r Produzenten wichtig, da Vertrauen von Verbrauchern beeinflussen ko ¨nnen. Vertrauen die Zahlungsbereitschaft steigern und den Ergebnisse zeigen, dass die Effekte negativer Nach- Einfluss von negativen Nachrichten puffern kann richten sta¨rker sind als die positiver Nachrichten. (Roosen et al. 2015). Weiterhin ist die Wirkung einer Nachricht vom Besonders die Informationen, die durch Medien Absender abha ¨ngig. Fu ¨r die gesamte Stichprobe stei- wie Internet, Fernsehen oder Rundfunk verbreitet gert eine positive Nachricht seitens der Politik das werden, ko ¨nnen von Produzenten kaum gesteuert Vertrauen und eine negative Nachricht einer Ver- werden. Daher ist es wichtig, den Einfluss von ver- braucherorganisation senkt das Vertrauen. Allgemein schiedenen Informationen auf das Vertrauen zu wirken die gezeigten Nachrichtentexte negativ auf kennen. Generell ist der Einfluss von positiven und jene Personen, die zuvor ein hohes Vertrauen besaßen. negativen Nachrichten ungleich. Negative Nachrichten oder Ereignisse bleiben la¨nger im 1 Einfu ¨hrung Gedachtnis, haben einen gro ¨ßeren Effekt und sind glaubwu ¨rdiger (Slovic 1993; Cvetkovich et al. 2002). Vertrauen kommt eine besondere Bedeutung fu¨r Vertrauen besitzt asymmetrische Eigenschaften. Es ist jene Bereiche zu, in denen wenig Wissen vorherrscht mo ¨glich, Vertrauen relativ leicht zu zersto ¨ren, jedoch (Siegrist und Cvetkovich 2000; Grabner-Kra¨uter und ist der Aufbau von Vertrauen ein langwieriger Pro- Kaluscha 2003) oder auch in riskanten Situationen zess (Slovic 1993). Daher ist es wichtig die Dynamiken (Mayer et al. 1995). Dies trifft auch fu ¨r typische Ver- der Entstehung und Zersto ¨rung von Vertrauen, trauensattribute beim Kauf von Lebensmitteln, wie gerade im Bereich der Landwirtschaft und der Produktionsweise, zu (Kenning und Wobker landwirtschaftlicher Produktionsarten, zu ergru¨n- 2012). Hier sind Verbraucher angewiesen auf Infor- den. Dieses Thema ist von besonderer Bedeutung, da mationen, die sie von Produzenten oder Ha¨ndlern, die Lebensmittelproduktion von verschiedenen aber auch Verbraucherorganisationen erhalten. Medien mit unterschiedlichen Tendenzen diskutiert Vertrauen wird auch verwendet, um eine Verbrau- wird. Hier trifft der Gegensatz aufeinander, dass chertypologie zu erstellen. Entsprechend ihrem Studien einerseits von einem hohen Vertrauen in den Risikoempfinden und der Art und Weise ihrer Infor- Beruf des Landwirts berichten (Bu ¨rkl et al. 2014). mationsgewinnung unterscheiden Micklitz u. a. (2010) Andererseits fehlt fu ¨r viele Landwirte jedoch die 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 191 wahrgenommene gesellschaftliche Akzeptanz ihres bei skeptischen Personen auswirken (Poortinga und Tuns. Pidgeon 2004). Obwohl Vertrauen Gegenstand vieler Forschungs- bereiche ist, fehlt es an einer allgemeingu ¨ltigen 2 Material und Methoden Definition. Ha¨ufig wird die Definition von Rousseau et al. (1998) vorgebracht, dass beim Vertrauen die Im Herbst 2016 wurde eine Online-Umfrage mit 1600 eigene Verwundbarkeit in Kauf genommen wird und Teilnehmern durchgefu ¨hrt um Aufschluss zur Dyna- gleichzeitig beim Gegenu ¨ber positive Absichten mik der Entstehung und Zersto ¨rung von Vertrauen unterstellt werden. Es wird in der Literatur zwischen zu erhalten. Die Stichprobe war fu ¨r die in Deutsch- personellen und institutionellen Vertrauen unter- land lebende Bevo ¨lkerung bezu ¨glich der Merkmale schieden, um zu beschreiben, ob es sich bei dem zu Alter, Geschlecht, Bildung, Einkommen und Bescha¨f- Vertrauenden um eine Person oder eine Institution tigungsstatus repra¨sentativ. Der Fragebogen bestand handelt (Poortinga und Pidgeon 2003; Rampl et al. aus 2 Teilen. Zuna¨chst wurde das Konstrukt ,,soziales 2012). Hier wird das Konstrukt des ,,sozialen Ver- Vertrauen‘‘ nach Earle und Cvetkovich (1995) trauens‘‘ verwendet, das nach Earle und Cvetkovich gemessen. Hierfu ¨r gaben die Befragten den Grad (1995) beschreibt, dass die Verantwortung fu ¨r eine ihrer Zustimmung zu 4 Aussagen u ¨ber Landwirte bestimmte Aufgabe weitergegeben wird. Earle und und Nutztierhaltung auf einer Skala von 1 (Stimme Cvetkovich (1999) geben an, dass es sich beim sozia- ganz und gar nicht zu) bis 6 (Stimme voll und ganz len Vertrauen im Bereich der Risikokommunikation zu) an. Eine explorative Hauptkomponenten Faktor- um nicht-personelles Vertrauen handelt, bei dem analyse besta¨tigte das Konstrukt ,,soziales Vertrauen‘‘ man die zu vertrauende Person oder Institution nicht mit 3 Aussagen und einem Cronbach’s a von 0,875. kennt. In der vorliegenden Studie soll daher der Im zweiten Schritt wurden die Teilnehmer zufa¨llig Einfluss von verschiedenen Nachrichten auf das Ver- einem von 4 Informationsszenarien zugeordnet. trauen in Landwirte untersucht werden. Hierzu Diese Szenarien beinhalten einen Nachrichtentext wurde eine Online-Befragung mit 1600 Teilnehmern von verschiedenen Absendern (Regierung oder Ver- durchgefu ¨hrt. Die Teilnehmer wurden einem von braucherverband) und Tendenzen (positiv oder vier Informationsszenarien zufallig zugeordnet und negativ) und sind der Tabelle 1 zu entnehmen. Die ihr soziales Vertrauen in Landwirte vor und nach der Texte wurden fu ¨r die Befragung auf Basis von Zei- Lektu ¨re eines Nachrichtentextes gemessen. Die Ana- tungsartikeln, Pressemitteilungen und Webseiten lyse wurde fu ¨r die Teilstichproben getrennt nach konzipiert. Die Kategorisierung von Absendern und ¨ Tendenzen wurde den Befragten nicht explizit Geschlechtern (mannlich und weiblich) und urspru ¨ng- lichem Vertrauensgrad (hohes und niedriges genannt. Die Tendenzen und Absender wurden vorab Vertrauen bei der ersten Messung) durchgefu¨hrt. In in einer Vorstudie mit 60 Teilnehmern u ¨berpru¨ft, verschiedenen Studien hat sich gezeigt, dass Frauen wobei sich die Identifikation der Absender fu ¨r die weniger Vertrauen als Ma¨nner haben (z.B. Alesina Probanden teilweise als schwierig gestaltete. und La Ferrara 2002) und sich Nachrichten sta¨rker 123 192 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Tab. 1 Ubersicht der Nachrichtentexte Politik positiv Verbraucherorganisation positiv Deutschland als Vorreiter in Sachen Tierschutz Vorstand der Verbraucherzentrale betont Fortschritte in der Tierhaltung Deutschland nimmt beim Tierschutz europaweit eine Fu ¨hrungsrolle ein. Die in der deutschen Landwirtschaft Moderne Landwirtschaft, Tierhaltung in großen Besta ¨nden und eingesetzten, modernen Techniken der Tierhaltung ermo ¨glichen industrielle Verarbeitung von Tieren ist ,,nichts an sich Schlechtes‘‘. es, Nutztiere so artgerecht wie noch nie zu halten. So fo ¨rdern Das betonte der Vorstand des Verbraucherzentrale beispielsweise ideal abgestimmte Futterrationen und helle Bundesverbandes (vzbv) vergangene Woche am Rande des Laufsta ¨lle das Tierwohl. Auch die Haltungsformen haben sich in Verbraucherpolitischen Forums seines Verbandes in Berlin. Die den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt und verbessert. Landwirtschaft in Deutschland sei ,,Gott sei Dank nicht mehr auf Bereits 86 % aller Legehennen in Deutschland leben in Boden-, dem Stand von 1800‘‘. Den Nutztieren gehe es heute wesentlich Freiland- und Oko-Haltung. In anderen EU-La ¨ndern stammen noch besser als fru ¨her. Der Vorstand pla ¨dierte dafu ¨r, in der deutlich mehr Legehennen aus ausgestalteter Ka ¨fighaltung Kommunikation gegenu ¨ber den Verbrauchern ein realistisches Bild der heutigen Landwirtschaft zu vermitteln. Es sei fu ¨r den Die Bundesregierung will auch in Zukunft Vorreiter in Sachen Verbraucher irrefu ¨hrend, wenn vor allem bei der Tierhaltung ein Tierschutz bleiben und arbeitet gemeinsam mit der ,,u ¨berholtes Bild der Landwirtschaft, dass es heute nicht mehr Landwirtschaft an neuen Wegen zur weiteren Verbesserung der gibt‘‘, gezeichnet werde. Das gelte es zu vermeiden, betonte der Tierhaltung Verbraucherschu ¨tzer Politik negativ Verbraucherorganisation negativ Die Haltung zum Tierschutz muss sich ¨ andern Der Mythos der artgerechten Tierhaltung Christian Schmidt, Bundesminister fu ¨r Erna ¨hrung und Die Fleischbranche wirbt zunehmend mit ,,artgerechter‘‘ Landwirtschaft, mo ¨chte, dass es den Tieren am Ende seiner Tierhaltung – doch was bedeutet das tatsa ¨chlich fu ¨r das Wohl der Legislaturperiode besser geht als heute. Seit 2002 steht der Tiere? Alternative Tierhaltungsformen, wie z.B. Freiland oder Bio Tierschutz als Staatsziel im Grundgesetz. ,,Es wird Zeit, dass wir ein bei Legehennen, scheinen zwar auf den ersten Blick artgerechter gemeinsames Versta ¨ndnis vereinbaren, was dies beispielsweise fu¨r zu sein, garantieren jedoch nicht, dass es den Tieren tatsa ¨chlich die Nutztierhaltung konkret bedeutet’’, sagt Schmidt. Er mo ¨chte besser ergeht. Bei der Haltung von landwirtschaftlichen den Tierschutz weiter sta ¨rken, sowie gesetzgeberisch handeln, wo Nutztieren sind Verhaltenssto ¨rungen, Krankheiten und Schmerzen es notwendig ist. Dabei darf es nicht bei scho ¨nen Worten bleiben, an der Tagesordnung. Schweine knabbern sich gegenseitig aus wie es bisher leider oft der Fall ist. Die Politik will bewertbare und Stress die Schwa ¨nze ab, Ku ¨hen wird Milch aus kranken Eutern klare Indikatoren entwickeln, die Ziele fu ¨r die Landwirtschaft abgepumpt und in Geflu ¨gelsta ¨llen ist Kannibalismus ,,normal‘‘. vorgeben und auch den Erfolg der freiwilligen Initiativen messbar Mangelhafte Tierbetreuung und schlechtes Management machen verursachen eine Vielzahl von vermeidbaren Erkrankungen und Todesfa ¨llen bei den Tieren – das gilt fu ¨r alle Haltungsverfahren, ob ‘‘Jeder muss an seinem Platz Verantwortung u ¨bernehmen – der bio oder konventionell Staat durch Rahmenbedingungen, die das Wohlbefinden von Tieren fo ¨rdern, die Landwirte, die es in die Tat umsetzen, und wir Deshalb fordern wir gesetzliche Zielvorgaben fu ¨r die als Verbraucher, die an der Ladentheke mitentscheiden’’, so Tiergesundheit: An die Bedu ¨rfnisse der Tiere angepasste Schmidt Haltungsverfahren mu ¨ssen zum allgemeinen gesetzlichen Standard werden. Alle Kontrollergebnisse zu Haltungsbedingungen und Gesundheitsdaten mu ¨ssen vero ¨ffentlicht werden. Versto¨ße mu ¨ssen konsequent geahndet werden Anschließend wurde erneut das Vertrauen jeweils einer einfaktoriellen Varianzanalyse fu¨r Man- gemessen, indem die Befragten ihre Zustimmung zu ner und Frauen wird der Einfluss der Nachrichten- den bereits im ersten Schritt 4 verwendeten Aussa- texte auf das Vertrauen u ¨berpru ¨ft. Fu ¨r die gen u ¨ber Landwirte und Nutztierhaltung angaben. Gruppeneinteilung nach dem urspru ¨nglichen Ver- Zuna¨chst werden die deskriptiven Statistiken fu ¨r die trauensgrad wird die Stichprobe am Mittelpunkt der gesamte Stichprobe angegeben. Nach einem globa- Skala geteilt, sodass eine Gruppe ,,niedriges Ver- len Vergleich der Effekte der Nachrichtentexte trauen‘‘ fu¨r Werte \ 3 der ersten Abfrage des mittels Mittelwertsvergleich wird im na¨chsten Schritt sozialen Vertrauens und eine Gruppe ,,hohes Ver- die Stichprobe nach Geschlecht aufgespalten. Mittels trauen‘‘ fu ¨r Werte C 3 entsteht. 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 193 Tab. 2 Deskriptive Statistik der Gesamtstichprobe 3 Ergebnisse Variable Definition Mittel- Standard- wert abweichung 3.1 Deskriptive Statistiken Geschlecht 1 = weiblich, 0 = ma ¨nnlich 0,506 0,500 Die Ergebnisse der deskriptiven Analyse sind in Alter 48,658 15,610 Tabelle 2 dargestellt und geben neben dem Mittel- Bildung In 6 Kategorien wert auch die Standardabweichung an. Die (Noch) kein Schulabschluss 1,6% Stichprobe war repra¨sentativ fu ¨r die deutsche Be- Hauptschulabschluss 31,7% (Volksschulabschluss) vo ¨lkerung und weist anna¨hernd eine Gleichvertei- Abschluss der polytechnischen 7,2% lung der Geschlechter auf. Im Durchschnitt waren Oberschule die Befragten 48,7 Jahre alt. Mindestens eine fach- Realschulabschluss, 27,3% gebundene Hochschulreife besaßen 32,1 % der Handelsschule (Mittlere Reife) Befragten. Die Haushaltsgro ¨ße betrug 2,3 Personen Fachabitur, Abitur (Allgemeine 15,2% oder fachgebundene und das monatliche Netto-Haushaltseinkommen lag Hochschulreife) bei der Mehrheit der Teilnehmer (52,1 %) u ¨ber 2.000 Fachhochschulabschluss, 16,9% Euro. Die Einteilung der Stichprobe entsprechend Hochschulabschluss ihres urspru ¨nglichen Vertrauens ergibt, dass etwa Haushaltsgro ¨ße Personen im Haushalt 2,230 1,097 24 % der Befragten ein niedriges soziales Vertrauen Einkommen Gemessen als monatliches Haushalts- Nettoeinkommen zu Beginn der Befragung aufweisen. Unter 500 Euro 2,1% 500 bis 899 Euro 7,1% 3.2 Globale Effekte der Nachrichtentexte 900 bis 1.299 Euro 13% 1.300 bis 1.499 Euro 8,9% Zunachst wird der Gesamteffekt der 4 Nachrichten- 1.500 bis 1.699 Euro 7,2% texte untersucht. Die Ergebnisse des 1.700 bis 1.999 Euro 9,6% Mittelwertsvergleichs sind der Tabelle 3 zu entneh- 2.000 bis 2.599 Euro 16,4% men. Nur die positive Nachricht der Politik und die 2.600 bis 3.199 Euro 12,3% negative Nachricht einer Verbraucherorganisation 3.200 bis 4.499 Euro 14,8% konnten signifikante Ergebnisse im Mittelwertsver- 4.500 bis 5.999 Euro 6,1% gleich erzielen und sind entsprechend der Erwartung Mehr als 6.000 Euro 2,5% vertrauenssteigernd bzw. vertrauenssenkend. Der Vertrauen M¨nne a r vor dem Erhalt einer 3,581 1,104 Nachricht Effekt der negativen Nachricht der Verbraucheror- Frauen vor dem Erhalt einer Nachricht 3,457 1,178 ganisation war dabei gro ¨ßer als jener der positiven Ma ¨nner nach dem Erhalt einer 3,561 1,090 Nachricht seitens der Politik (-0,32 gegenu ¨ber Nachricht ?0,21). Der nachste Schritt stellt die Wirkung der Frauen nach dem Erhalt einer 3,439 1,218 Nachrichtentexte nach Geschlecht und urspru¨ng- Nachricht lichem Vertrauen dar. Niedriges 1 = wenn Wert des Konstrukts 0,244 ,,soziales urspru ¨ngliches Vertrauen‘‘ vor der Nachricht kleiner Tab. 3 Mittelwertsvergleich der Vertrauensa¨nderung nach Vertrauen als 3 ist, 0 = wenn nicht Nachrichtentexten Politik Verbraucherorganisation Positiv Negativ Positiv Negativ Vera ¨nderung ? 0,21*** - 0,04 ? 0,05 - 0,32*** Vertrauen *, **, *** geben die Ergebnisse eines t-Tests mit einem Signifi- kanzlevel von 0,05, 0,01, 0,001 an 123 194 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 3.3 Effekte der Nachrichtentexte nach Geschlecht und Frauen reagieren a¨hnlich auf die Lektu ¨re eines urspru ¨nglichem Vertrauen Nachrichtentextes wie Ma¨nner. Grundsa¨tzlich wir- ken Nachrichten auf Frauen mit urspru ¨nglich Die Ergebnisse der einfaktoriellen Varianzanalyse sind in niedrigem Vertrauen vertrauenssteigernd. Hiervon Tabelle 4 fu ¨r die Teilstichprobe Ma¨nner und in Tabelle 5 ist jedoch die negative Nachricht einer Verbrau- fu ¨r Frauen dargestellt. Es wurde jeweils zwischen den 4 cherorganisation ausgenommen, die ebenfalls bei verschiedenen Nachrichtentexten unterschieden und Frauen mit urspru ¨nglich niedrigem Vertrauen das jeweils nach urspru ¨nglich hohem und niedrigen Ver- Vertrauen senkt (- 0,175). Die sta¨rkste Vera¨nderung trauen. Es zeigt sich dabei, dass die individuellen bei Frauen mit urspru ¨nglich niedrigem Vertrauen Vera¨nderungen innerhalb einer Gruppe nicht signifi- erzielte die positive Nachricht seitens der Politik kant sind, jedoch zwischen den Gruppen signifikante (? 0,594). Nachrichtentexte fu ¨hren bei Frauen mit Unterschiede bestehen. Der F-Test auf unterschiedliche urspru ¨nglich hohen Vertrauen zu einer Senkung des Mittelwerte zwischen den Gruppen ist sowohl fu ¨r die Vertrauens. Hier bildet die positive Nachricht seitens Teilstichprobe der Manner mit F(7, 782) = 12,71, wie auch der Politik die Ausnahme, die auch fu ¨r Frauen mit fu ¨r die der Frauen mit F(7, 802) = 20,80 hochsignifikant urspru ¨nglich hohem Vertrauen dieses erho¨ht (p\ 0,001). ¨ (? 0,304). Die gro ¨ßte Veranderung bewirkte bei Die Lektu ¨re eines Nachrichtentextes fu ¨hrt bei Frauen mit urspru ¨nglich hohem Vertrauen die Ma¨nnern mit urspru ¨nglich niedrigem Vertrauen negative Nachricht der Verbraucherorganisation grundsa¨tzlich zu einer Vertrauenssteigerung. Den (- 0,553). Insgesamt senken die Nachrichtentexte gro ¨ßten Effekt erzielt dabei die positive Nachricht einer das Vertrauen von Frauen. Der Bonferroni Post-Hoc Verbraucherorganisation (? 0,340). Dahingegen sen- Test zeigte fu ¨r die negative Nachricht der Politik ken alle Nachrichtentexte das Vertrauen von Ma¨nnern, (p \ 0,01) und die positive Nachricht der Verbrau- wenn sie urspru ¨nglich ein hohes Vertrauen besaßen. cherorganisation (p\ 0,01) signifikante Hier ist die sta¨rkste Vera¨nderung bei der negativen Unterschiede zwischen den Frauen mit urspru ¨nglich Nachricht einer Verbraucherorganisation (- 0,333) zu niedrigem und hohem Vertrauen. sehen. Insgesamt fu ¨hren die Nachrichtentexte bei Ma¨n- nern zu einer Vertrauenssenkung. Mittels einem Bonferroni Post-Hoc Test wurden die Unterschiede zwi- Tab. 5 Mittelwert der Vertrauenseffekte der Informationsszenarien fu¨r schen den Personen mit urspru ¨nglich niedrigen und Frauen, aufgeschlu ¨sselt nach urspru ¨nglichem Vertrauen, Standard- hohen Vertrauen u ¨berpru ¨ft. Mit Ausnahme der negati- abweichung in Klammern ven Nachricht der Politik (p = 0,053) sind alle Politik positiv Niedriges Vertrauen ? 0,594 Unterschiede in der Wirkung der Nachrichtentexte sta- (1,076) tistisch signifikant (p\ 0,01). Hohes Vertrauen ? 0,304 Tab. 4 Mittelwert der Vertrauenseffekte der Informationsszenarien fu¨r (0,697) Ma¨nner, aufgeschlu ¨sselt nach urspru ¨nglichem Vertrauen, Standardab- Politik negativ** Niedriges Vertrauen ? 0,326 weichung in Klammern (0,756) Politik positiv** Niedriges Vertrauen ? 0,340 Hohes Vertrauen - 0,169 (0,766) (0,707) Hohes Vertrauen - 0,074 (0,631) Verbraucherorganisation positiv** Niedriges Vertrauen ? 0,365 Politik negativ Niedriges Vertrauen ? 0,299 (0,699) (0,625) Hohes Vertrauen - 0,112 Hohes Vertrauen - 0,090 (0,816) (0,652) Verbraucherorganisation negativ Niedriges Vertrauen - 0,175 Verbraucherorganisation positiv*** Niedriges Vertrauen ? 0,496 (0,732) (0,741) Hohes Vertrauen - 0,016 Hohes Vertrauen - 0,553 (0,641) (0,939) Verbraucherorganisation negativ*** Niedriges Vertrauen ? 0,317 Anzahl 810 (0,915) Gesamt - 0,018 Hohes Vertrauen - 0,333 (0,872) (0,778) Anzahl 790 ***, **, * geben ein Signifikanzlevel von 0,05, 0,01 und 0,001 an mit einem Post- Hoc Bonferroni Test Gesamt - 0,021 (0,735) ***, **, * geben ein Signifikanzlevel von 0,05, 0,01 und 0,001 an mit einem Post- Hoc Bonferroni Test 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 195 Grundsa¨tzlich haben Frauen sta¨rker auf die managers. Risk Anal 22:359–367. https://doi.org/10. Lektu ¨re eines Nachrichtentextes reagiert mit Aus- 1111/0272-4332.00030 nahme der Frauen mit niedrigem urspru¨ng- Deppe M, Schwindt W, Kra¨mer J, et al. (2005) Evi- lichem Vertrauen, die eine Nachricht einer Verbrau- dence for a neural correlate of a framing effect: cherorganisation erhalten haben. bias-specific activity in the ventromedial prefron- tal cortex during credibility judgments. Brain Res 4 Diskussion der Ergebnisse und Fazit Bull 67:413–421. https://doi.org/10.1016/j. brainresbull.2005.06.017 Unser Experiment bestatigt, dass negative Nachrich- Earle TC, Cvetkovich G (1999) Social trust and culture ten einen gro ¨ßeren Einfluss auf das Vertrauen von in risk managment. In: Social Trust and the Verbrauchen haben als positive Nachrichten. Weiter- Management of Risk hin rufen generell die positive Nachricht der Politik Earle TC, Cvetkovich GT (1995) Social trust: toward a und die negative Nachricht einer Verbraucherorga- cosmopolitan society, 1. publ. Praeger, Westport nisation signifikante Vertrauensa¨nderungen hervor. Grabner-Kra¨uter S, Kaluscha EA (2003) Empirical Es la¨sst vermuten, dass die beiden anderen Informa- research in on-line trust: a review and critical tionsszenarien nicht zu signifikanten Anderungen assessment. Int J Hum Comput Stud 58:783–812. gefu ¨hrt haben, da es sich um eine nicht-kongruente https://doi.org/10.1016/S1071-5819(03)00043-0 Verbindung fu ¨r Verbraucher von Adressat und Ten- Kenning P, Wobker MAI (2012) Affektive und kogni- denz einer Nachricht gehandelt hat. Eine tive Verhaltensstrategien zur Uberwindung von multivariate Auswertung der Nachrichtentexte unter Informationsasymmetrien im Konsumgu ¨terhandel Einbezug der wahrgenommenen Absender ko ¨nnte - Eine empirische Analyse mit kartellrechtlichen hier weiter Aufschluss geben. Implikationen. Betriebswirtschaftliche Forsch und Weiterhin konnten wir zeigen, dass Frauen sta¨rker Prax 64:626–642 auf das Gelesene reagiert haben als Ma¨nner. Eine Mayer RC, Davis JH, Schoorman FD (1995) An inte- Panelregression ko ¨nnte weiteren Aufschluss u ¨ber den grative model of organizational trust. Acad Einfluss von soziodemografischen Angaben und Manage Rev 20:709–734 Heterogenitat liefern. McKendree M, Wydmar N, Ortega D, Foster K (2013) Consumer preferences fo verified pork practices in the production of ham products. J Agric Resour Literatur Econ 38:397–417 Micklitz H-W, Oehler A, Piorkowsky M-B, et al. (2010) Alesina AF, La Ferrara E (2002) Who trusts others? Der vertrauende, der verletzliche oder der ver- J Public Econ 85:207–234. https://doi.org/10.1016/ antwortungsvolle Verbraucher? Pla¨doyer fu ¨r eine S0047-2727(01)00084-6 differenzierte Strategie in der Verbraucherpolitik Bu ¨rkl R, Frank R, Mu ¨ller B (2014) Trust in Professions Poortinga W, Pidgeon NF (2003) Exploring the 2014. GfK Verein 1–70 dimensionality of trust in risk regulation. Risk Anal Chryssochoidis G, Strada A, Krystallis A (2009) Public 23:961–972. https://doi.org/10.1111/1539-6924.00373 trust in institutions and information sources Poortinga W, Pidgeon NF (2004) Trust, the asymmetry regarding risk management and communication: principle, and the role of prior beliefs. Risk Anal towards integrating extant knowledge. J Risk Res 24:1475–1486. https://doi.org/10.1111/j.0272-4332. 12:137–185. https://doi.org/10.1080/ 2004.00543.x 13669870802637000 Rampl LV, Eberhardt T, Schu ¨tte R, Kenning P (2012) Cvetkovich G, Siegrist M, Murray R, Tragesser S (2002) Consumer trust in food retailers: conceptual fra- New information and social trust: asymmetry and mework and empirical evidence. Int J Retail Distrib perseverance of attributions about hazard 123 196 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Manag 40:254–272. https://doi.org/10.1108/ Rousseau DM, Sitkin SB, Burt RS, Camerer C (1998) 09590551211211765 Not so different after all: a cross-discipline view of Roosen J, Bieberstein A, Blanchemanche S, et al (2015) trust. Acad Manag Rev 23:393–404. https://doi.org/ Trust and willingness to pay for nanotechnology 10.5465/AMR.1998.926617 food. Food Policy 52:75–83. https://doi.org/10.1016/j. 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Konkret soll untersucht werden, welche Maßnahmen Landwirte 1 1 Christiane Wildraut und Marcus Mergenthaler einzelbetrieblich und fu ¨r die Branche sehen und welche Hemmnisse die Konzeptentwicklung und die Fachhochschule Su ¨dwestfalen, Fachbereich Agrar- Umsetzung neuer Haltungsverfahren mo ¨glicher- wirtschaft, Soest weise beeintrachtigen. Aus den Ergebnissen sollen wildraut.christiane@fh-swf.de erste Empfehlungen fu ¨r Beratung und Politik abge- leitet werden, gesellschaftlich akzeptierte und von 1 Einleitung Tierhaltern befu ¨rwortete Verfahren der Tierhaltung zu unterstu ¨tzen. Die Perspektive von Landwirten auf Tierwohl und Tiergerechtheit ist seit einigen Jahren Gegenstand 2 Daten und Methode zahlreicher Untersuchungen (z.B. Spooner et al. 2014; Van Huik & Bock 2007). Angestoßen durch gesell- Von September bis Dezember 2016 wurden in ver- schaftlich vera¨nderte Einstellungen gegenu ¨ber der schiedenen Schwerpunktregionen der Tierhaltung Nutztierhaltung (WBA 2015) werden branchenintern insgesamt 6 Gruppendiskussionen mit Tierhal- zunehmend intensive Diskussionen zur Weiter- tern (Rind, Schwein und Geflu ¨gel) zur entwicklung von Tierhaltungsverfahren gefu ¨hrt. Die Weiterentwicklung landwirtschaftlicher Tierhal- Verbesserung des Tierwohls besitzt fu ¨r Landwirte in tungsverfahren durchgefu ¨hrt. Die Auswahl der Deutschland dabei inzwischen einen hohen Stellen- Standorte erfolgte unter Beru ¨cksichtigung der Vieh- wert (Zapf et al. 2015). Sie messen Tierwohl dichten fu ¨r die drei Tiergruppen in verschiedenen vornehmlich u ¨ber Gesundheits- und Leistungspara- Regionen Nord-, Su ¨d-, Ost- und Westdeutschlands meter (Heise & Theuvsen 2015) und bewerten aktuelle (bezogen auf Statistische Amter des Bundes und der Verfahren der Tierhaltung als positiver gegenu ¨ber Lander 2011). Die Diskussionen zur Schweinehaltung fru ¨heren Verfahren, auch mit Blick auf das Tierwohl fanden in Nordrhein-Westfalen und in Mecklenburg- (Te Velde et al. 2002; Vanhonacker et al. 2008). Vorpommern, zur Milchviehhaltung in Schleswig- Gesellschaftliche und brancheninterne Diskussionen Holstein und Bayern und zur Geflu ¨gelhaltung in zur Weiterentwicklung von Tierhaltungsverfahren Niedersachsen und in Sachsen-Anhalt statt (Tab. 1). im Hinblick auf mehr Tierwohl werden derzeit Die Rekrutierung der Landwirte erfolgte u ¨ber die weitgehend nebeneinander gefu ¨hrt (WBA 2015). Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft (DLG), u ¨ber Besonders innerhalb der konventionellen Landwirt- Arbeitskreise, Verba¨nde und Beratungsorganisatio- schaft fu ¨hrt die gesellschaftliche Kritik in Bezug auf nen sowie u ¨ber die Landwirtschaftskammern bzw. die Nutztierhaltung zu Befu ¨rchtungen, die soziale -a¨mter. Bei der Quotierung wurde darauf geachtet, Akzeptanz und damit die ‘‘Licence to produce’’ zu verschiedene Produktionsstufen und Haltungssys- verlieren (Busch et al. 2013; Te Velde et al. 2002). Von teme sowie beim Geflu ¨gel verschiedene Tierarten gesellschaftlicher Kritik sind Landwirte perso ¨nlich einzubeziehen. Eine weitere Vorgabe bestand darin, betroffen, da sie diejenigen sind, die unmittelbar dass an jeder Diskussionsrunde mindestens eine Frau Einfluss auf die Haltungsbedingungen und damit auf teilnehmen sollte, was bei 5 der 6 Diskussionsrunden die Gestaltung der Lebensumwelt der Tiere nehmen erreicht werden konnte. Insgesamt haben sich jeweils (Waiblinger 1996). Durch Investitionsentscheidungen zwischen 5 und 8 Landwirten an den Diskussionen in technische und bauliche Haltungssysteme beteiligt. bestimmen sie langfristig die Weiterentwicklung der Nutztierhaltung. Ziel des vorliegenden Beitrags ist es, die Einstel- lungen von Tierhaltern zur Weiterentwicklung der Nutztierhaltung in Deutschland zu erfassen und zu 123 198 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Tab. 1 Teilnehmer und einbezogene Produktionsstufen in den Gruppendiskussionen Diskussion Region Teilnehmer Betriebe Anzahl gesamt darunter Frauen Tierart Produktionsstufe GD_S 1 Nordrhein-Westfalen 8 2 Schwein Sauenhaltung, Ferkelaufzucht, GD_S 2 Mecklenburg-Vorpommern 7 1 Schweinemast, geschlossenes System GD_R 1 Schleswig-Holstein 5 2 Rind Milchviehhaltung, Jungviehaufzucht GD_R 2 Bayern 6 1 GD_G 1 Niedersachsen 8 1 Huhn Elterntierhaltung, GD_G 2 Sachsen-Anhalt 5 - Pute Junghennenaufzucht, Legehennenhaltung, Ha ¨hnchen-, Puten- und Entenmast Ente Inhaltlich orientierten sich die moderierten Dis- Medikamente. Das zeigt mir eigentlich, dass die Tiere kussionen an 6 aus der Literatur und eigenen gesund sind und sich wohlfu ¨hlen.‘‘ Vorarbeiten abgeleiteten Aspekten der Nutztierhal- Die Landwirte betonen das hohe Niveau aktueller tung, auf welche die Tierhalter direkt Einfluss Haltungsverfahren fu ¨r Nutztiere in Deutschland. Das nehmen ko ¨nnen: gilt in ihren Augen fu ¨r alle betrachteten Tierarten. Als Referenz werden vergangene Tierhaltungsver- 1. Stallbau fahren oder solche aus anderen La¨ndern 2. Ausgestaltung und Angebote herangezogen. Die Teilnehmer sehen die bisherigen 3. Unversehrtheit und Eingriffe Entwicklungen im Bereich der Tierhaltung in erster 4. Tiergesundheit Linie als Anpassungsstrategie an wirtschaftliche 5. Tierbetreuung Rahmenbedingungen: GD_S 1 ,,Im Grunde sind wir 6. Management dazu gezwungen worden, wenn wir weiter machen Jedes Thema wurde mit einem vorgegebenen Zeit- wollen, die Tierhaltung in diese Richtung zu entwi- fenster von maximal 15 Minuten diskutiert. Die ckeln in der Vergangenheit. Weil die Gruppendiskussionen wurden jeweils von 2 Personen Wirtschaftlichkeit sonst nicht gegeben ist.‘‘ Dass moderiert und als Audioaufnahme aufgezeichnet. diese Entwicklungen gleichzeitig zu einem Mehr an Anschließend erfolgte eine vollsta ¨ndige Transkription Tierwohl gefu ¨hrt haben, wird von den Landwirten als und der Import der Dokumente als gemeinsames Pro- positiver Nebeneffekt gewertet. jekt in das Analyseprogramm MAXQDA. Uber ein Zur Weiterentwicklung der Tierhaltungsverfahren kombiniert induktiv-deduktiv entwickeltes Kategori- außern sich die Landwirte nur vorsichtig. Maßnah- ensystem mit Codes und Subcodes wurden einzelne men zur Verbesserung des Tierwohls werden Textstellen markiert und die Texte damit fu ¨r die weitere meistens in Bezug gesetzt zu wirtschaftlichen und dokumentenu ¨bergreifende qualitativ-inhaltsanalyti- politischen Rahmenbedingungen. Außerdem werden sche Auswertung strukturiert (angelehnt an Mayring betriebliche und perso ¨nliche Hemmnisse deutlich, 2002). sich mit Fragen der Weiterentwicklung auseinan- derzusetzen. Uberwiegend zeigt sich der Wunsch 3 Ergebnisse nach Beibehaltung der aktuellen Verfahren: GD_S 1 ,,Wenn ich ein solches Problem damit ha¨tte, die Tiere Die Ergebnisse der Gruppendiskussionen verdeutli- zu halten, wie wir sie halten, dann wu ¨rde ich etwas chen, dass Landwirte Tierwohl in erster Linie an vera¨ndern. Es geht hier nicht nur um die Wirt- Gesundheitsmerkmalen und biologischen Leistungen schaftlichkeit. Es ist ja auch ein Beruf, den man gerne festmachen: GD_G 1 ,,Also fu ¨r mich das gro ¨ßte Tier- ausu ¨bt. Und das kann man nur, wenn man mit der wohl ist, wenn die Tiere eine gute Futterverwertung Haltungsform, die man ausu ¨bt, zurechtkommt. Und haben und eine gute Leistung haben und wenig wenn wir auf dem Betrieb Dinge sehen, die nicht in Ordnung sind, dann vera¨ndern wir sie.‘‘ Gleichwohl Hierbei handelt es sich um Originalwortlaute aus den Gruppendiskussionen. 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 199 sehen und benennen die Landwirte zu allen ange- entgegenzuwirken: GD_R 2 ,,Oft ist der Betrieb aber sprochenen Themen der Tierhaltung Mo ¨glichkeiten auch ein bisschen blind, und man muss den etwas fu ¨r mehr Tierwohl, die teilweise tierartenspezifisch anstupsen.‘‘ gelten und unterschiedliche Relevanz fu ¨r Tierarten oder Produktionsstufen haben. 3.2 Ausgestaltung und Angebote 3.1 Stallbau Die Ausgestaltung der Haltungsverfahren und die Angebote fu ¨r die Tiere bieten den Landwirten deut- Die Tierhalter sehen verschiedene Ansatzpunkte fu¨r lich mehr und u ¨berdies kurzfristige Mo ¨glichkeiten, mehr Tierwohl beim Stallbau bzw. bei der generellen mehr Tierwohl in den Betrieben umzusetzen: GD_S 1 Wahl des Haltungsverfahrens. Dabei machen sie ,,Da innen drin kann man kurzfristiger auch etwas deutlich, dass diese grundsa¨tzlichen Entscheidungen machen.‘‘ Angesprochen werden Verbesserungen im fu ¨r die Haltung langfristig angelegt sind: GD_S 1 Stallklima, die an die Bedu ¨rfnisse der Tiere angepasst ,,Wenn der Stall einmal steht, muss der mindestens sind, wie z.B. Ku ¨hlung oder Beschattung im Stall bei 20–30 Jahre so stehen.‘‘ Sie sprechen sich dafu ¨r aus, extremeren Witterungslagen. Die Belegdichten in dass die Wahl des Haltungsverfahrens den den Stallen werden kontrovers diskutiert. Obwohl ein Bedu ¨rfnissen der Tiere angepasst sein sollte, dazu gro ¨ßeres Platzangebot als fo ¨rderlich fu ¨r das Wohl- zahlen z.B. optimale Licht- und Luftbedingungen befinden der Tiere angesehen wird, wird darin oder Wahlmo ¨glichkeiten verschiedener Aufenthalts- oftmals kein Zusammenhang mit einem verbesserten bereiche fu ¨r die Tiere. Gesundheitsstatus der Tiere wahrgenommen: GD_G 2 Mehrheitlich wird von den Tierhaltern die Stall- ,,Dadurch haben wir schon reduzierte Tierplatzzah- haltung gegenu ¨ber der Freiland- oder len im Stall und ich kann eigentlich nicht sagen, dass Auslaufhaltung bevorzugt. Das gilt insbesondere in das besser la¨uft als in anderen Sta¨llen. Da sehe ich der Geflu ¨gel- und in der Schweinehaltung, wo die u ¨berhaupt keinen Zusammenhang.‘‘ Stallhaltung gesundheitliche und seuchenhygieni- Als wichtig und zukunftsfa¨hig mit Blick auf mehr sche Vorteile bietet. Zudem gehen sie davon aus, dass Tierwohl werden das Angebot und die Gestaltung in der Stallhaltung weniger Medikamente eingesetzt verschiedener Funktionsbereiche angesehen. Ver- werden als in der Freilandhaltung. In der Geflu ¨gel- besserungsbedarf wird beispielsweise fu ¨r die haltung wird der Wintergarten fu ¨r bestimmte Sauenhaltung gesehen: GD_S 2 ,,Alternativen zum Regionen als praktikable Alternative fu ¨r mehr Tier- Kastenstand fu ¨r die Sauen wa¨ren wu ¨nschenswert, wohl eingeschatzt: GD_G 1 ,,Deswegen werde ich fu¨r weil es fu ¨r die Sau einfach nicht scho ¨n ist.‘‘ Bedarf die Stallhaltung pla¨dieren, durchaus in Erweiterung wird auch fu ¨r die Milchviehhaltung gesehen, wo wie Winterga¨rten.‘‘ In der Schweinehaltung wird den Standardmaße fu ¨r Liegeboxen nicht als passend fu¨r Tieren zugesprochen, dass Auslaufmo ¨glichkeiten jedes Einzeltier betrachtet werden. Hier wa¨re es von zum Wohlbefinden der Tiere beitragen: GD_S 1 ,,Of- Vorteil, flexiblere Systeme zu entwickeln. Mit Blick fene Sta¨lle und ob ein Schwein wu ¨hlen kann, ist fu¨r auf Bescha¨ftigungsmo ¨glichkeiten und Tierkomfort ein Schwein mit Sicherheit besser.‘‘ Trotzdem u ¨ber- sprechen sich die Landwirte dafu ¨r aus, Angebote wiegen derzeit aus Sicht der Tierhalter die Vorteile weiterzuentwickeln, die von den Tieren gut und u ¨ber geschlossener Haltungen. Hier wird befu ¨rwortet, einen la¨ngeren Zeitraum angenommen werden. ¨ ¨ Stalle an sich attraktiver zu konzipieren, etwa an Gerade in der Mast sind zusatzliche Maßnahmen Beispielen orientiert, die in Nachbarla¨ndern bereits gewu ¨nscht, die den Tieren Abwechslung bieten. umgesetzt werden: GD_S 2 ,,…moderne große Sta¨lle Dazu za¨hlen etwa ra¨umliche Vera¨nderungen in der … sehr lichtdurchflutet, im Sauenbereich zumindest Haltungsumgebung, z.B. u ¨ber das zeitlich begrenzte mit hohen Geba¨uden…, technische Entwu ¨rfe, die Angebot bestimmter Stallbereiche: GD_G 1 ,,Das sind sehen gar nicht aus wie ein Schweinestall.‘‘ Dinge, wenn man es ausprobiert sieht man, dass das Anders sieht es in der Milchviehhaltung aus, wo den Tieren richtig gut tut.‘‘ die Weidehaltung als deutlich positiver fu ¨r die Tiere wahrgenommen wird. In großen Betrieben mit 3.3 Unversehrtheit und Eingriffe hohen Tierzahlen ist die Laufhofhaltung ein Kom- promiss. Insgesamt wird deutlich, dass der Blick von Die derzeit u ¨blichen Eingriffe an Nutztieren werden außen auf den jeweiligen Betrieb mit Anregungen von den Landwirten mit Tierschutzargumenten fu ¨r neue Haltungskonzepte als sinnvoll eingescha¨tzt befu ¨rwortet. Eine emotionale Sichtweise der Tier- wird, der eigenen Betriebsblindheit halter wurde in den Gruppendiskussionen 123 200 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft ausgeblendet: GD_G 2 ,,Wenn man damit aufge- Liegeboxengestaltung bei Milchku ¨hen oder insge- wachsen ist, dann ist das fu ¨r uns Gewohnheit.‘‘ samt die Einrichtung von Krankenbuchten oder Gleichwohl werden auch Unsicherheiten in der -abteilen, in denen kranke Tiere separat gehalten Bewertung und die Suche nach Alternativen deutlich. werden ko ¨nnen: GD_R 1 ,,Das ist ja oft das Problem, Lo ¨sungsmo ¨glichkeiten, auf bestimmte Eingriffe, wie der Keimdruck, denn bei uns ist es Abkalbebox und das Kastrieren ma¨nnlicher Ferkel, das Kupieren von Krankenbox ist eigentlich die gleiche Box.‘‘ Die reine Schwanzen bei Ferkeln, das Entfernen von Hornan- Stallhaltung wird gegenu ¨ber der Freiland- oder Aus- lagen bei Ka¨lbern oder das Schna¨belku ¨rzen im laufhaltung als gesundheitsfo ¨rdernd angesehen: Geflu ¨gelbereich zu verzichten, sehen die Tierhalter in GD_G 1 ,,Tiere, die bei nasser, kalter Witterung erster Linie u ¨ber die Zucht, z.B. auf Hornlosigkeit draußen sind, werden nun mal krank.‘‘ Eine verbes- oder auf ruhige, aggressionsfreie Tiere. Die Immu- serte Stallklimagestaltung mit Schadgasreduktionen nokastration von Ebern wird eher kritisch gesehen. wird befu ¨rwortet, um beispielsweise Atemwegser- Die zu ¨chterischen Entwicklungen in der krankungen zu vermeiden. Rinderhaltung werden als Schritt in die richtige Fu ¨r das Gesundheitsmanagement sehen die Land- Richtung gewertet, beno ¨tigen aber Zeit: GD_R 1 ,,Ich wirte einen Bedarf an technischen Lo ¨sungen zur finde das Thema muss man auch gar nicht so hoch- Einzeltierbeobachtung bzw. Erfassung von Messwer- spielen, weil in spa¨testens zehn Jahren haben wir ten. Interessant wa¨ren technische doch sowieso alle hornlos oder?‘‘ Derzeit behelfen Weiterentwicklungen zur kostengu ¨nstigen Erfassung sich einzelne Milchviehhalter damit, ma¨nnliche Ka¨l- tierbezogener Indikatoren, die fru ¨hzeitig Hinweise ber mo ¨glichst jung an Ma¨ster weiterzugeben und auf Unregelma¨ßigkeiten und Erkrankungen von u ¨berlassen dem Ma¨ster den Eingriff: GD_R 2 ,,Ich einzelnen Tieren geben und dazu beitragen ko ¨nnten, finde, das ist ein ganz schwieriges Thema. Bei uns auf eine Ausbreitung in den Bestand zu vermeiden. dem Betrieb schauen wir, dass wir sie alle mit 3 Wochen aus dem Betrieb rausbekommen.‘‘ Neben 3.5 Tierbetreuung der Zucht sehen die Landwirte auch Mo ¨glichkeiten in der Gestaltung der Haltungsumgebung, um einen Gerade vor dem Hintergrund der großen Tierbe- Verzicht auf Eingriffe am Tier zu vermeiden. Dazu stande in den Betrieben kommt der Betreuung der za¨hlt in der Geflu ¨gelhaltung eine trockene, lockere Tiere eine wichtige Funktion im Hinblick auf das Einstreu, die den Tieren Beschaftigung bietet und Tierwohl zu. Mo ¨glichkeiten zur Weiterentwicklung Kannibalismus vorbeugt: GD_G 2 ,,[Kalk] da mit rein, sehen die Landwirte einerseits im Verhalten der … Der bindet Wasser und die Hu ¨hner haben dadurch tierbetreuenden Personen und andererseits im Ein- was zu tun.‘‘ satz von Technik und in der Unterstu ¨tzung durch Spezialisten, z.B. in der Klauenpflege bei Rindern. Die 3.4 Tiergesundheit Betreuungsqualita¨t der tierbetreuenden Personen machen die Landwirte an perso ¨nlichen Vorausset- Tiergesundheit ist fu ¨r die Landwirte ein wichtiger zungen fest: GD_R 1 ,,Du brauchst dieses Gefu¨hl fu¨r Indikator fu ¨r Tierwohl. Vor dem Hintergrund der Tiere.‘‘ – ,,Also da brauchst du wirklich Leidenschaft hohen biologischen Leistungen im Nutztierbereich fu ¨r, und entweder man hat die oder man hat die stellt der Erhalt der Gesundheit eine wichtige Her- nicht. Das kann in großen Betrieben sein, das kann in ausforderung dar, bei der noch Potenziale zur kleinen Betrieben sein, das ist vo ¨llig egal.‘‘ GD_G 1 ,,Es Optimierung gesehen werden. Ansatzpunkte zur gibt welche, die merken, dass die Tiere morgen krank Weiterentwicklung werden u.a. in der Zucht auf werden und welche, dass die Tiere vorgestern schon Vitalita¨t und Robustheit gesehen. Teilweise wird eine krank waren.‘‘ Besonders beim Einsatz von Fremdar- Anpassung der Zuchtziele gewu ¨nscht, Schwei- beitskra¨ften sehen die Landwirte einen hohen Bedarf, nebereich: GD_S 2 ,,Ich sehe das nicht so als positiv, diese Mitarbeiter im Hinblick auf Tierbeobachtung diese Entwicklung, dass da immer mehr und immer und Verhalten gegenu ¨ber den Tieren zu schulen: mehr Ferkel geboren werden mu ¨ssen.‘‘ Auf den GD_G 2 ,,Setze dich mal ruhig eine halbe Stunde hin, Betrieben selbst werden Maßnahmen im wie verhalten die Tiere sich, wenn sie stehen? Was Hygienemanagement als sinnvoll erachtet, um passiert da alles, was ho ¨rt man, was riecht man?‘‘ Krankheiten vorzubeugen und die Medikamenten- Der Einsatz von Technik und Automatisierung gabe zu reduzieren. Beispiele sind hygienische wird von den Landwirten mit Blick auf die Tierbe- Maßnahmen in der Ka¨lberfu ¨tterung, um Durchfall treuung mehrheitlich als fo ¨rderlich und oder Flechten vorzubeugen, Maßnahmen in der zukunftsweisend angesehen. Einerseits werden 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 201 durch die Technik Freira¨ume geschaffen, die zur Mitarbeiter werden als fo ¨rderlich fu ¨r die optimale Tierbeobachtung genutzt werden ko ¨nnen: GD_S 1 Betreuung der Tiere betrachtet: GD_G 2 ,,Wenn der ,,Das verbinde ich unmittelbar damit, dass wir mit Mitarbeiter motiviert ist geht er auch anders mit den technischem Fortschritt und u ¨ber die Automatisie- Tieren um.‘‘ Hier werden ein regelma¨ßiger Austausch rung z.B. bei Fu ¨tterung und anderen Dingen viel mit den Mitarbeitern sowie eine Wertschatzung der mehr Zeit bekommen haben, um wirklich die Tiere geleisteten Arbeit als fo ¨rderlich angesehen. Daneben anzuschauen.‘‘ GD_R 2 ,,Man braucht erst mal die ist fu ¨r die Landwirte auch die eigene Arbeitszeit- Zeit, um das Auge auf das Tier richten zu ko ¨nnen. Ab strukturierung wichtig, um sich auf den eigenen einer gewissen Betriebsgro ¨ße ist man mit Fu ¨ttern Betrieben fu ¨r mehr Tierwohl einzusetzen: GD_R 1 und Melken so bescha¨ftigt, dass man das einzelne ,,Dann kommt es ja auch noch darauf an wie viel Zeit Tier gar nicht so wirklich beobachten kann, da schaut er hat, um sich das alles anzugucken, was es an man, dass man im Stall fertig wird. Da hilft mir die Informationen gibt.‘‘ Technik weiter, um einfach Freiheiten zu kriegen.‘‘ Zusa¨tzlich kann die Technik exakte Messwerte zum 4 Diskussion Tierverhalten und zum Gesundheitsstatus liefern, die fu ¨r die Versorgung und Betreuung genutzt werden Fu ¨r die Landwirte ist die Weiterentwicklung von ko ¨nnen. Hier sehen die Landwirte fu ¨r die Zukunft Tierhaltungsverfahren fu ¨r mehr Tierwohl aufgrund noch weiteres Potenzial: GD_S 1 ,,In Zukunft wird der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Dis- wahrscheinlich wichtig fu ¨r uns werden, elektroni- kussionen ein sehr pra¨sentes Thema. Die sche Hilfsmittel zur Verfu ¨gung zu nehmen.‘‘ gesellschaftliche Einstellung zum Tierwohl mit einem starken emotionalen Fokus ist auch fu ¨r die 3.6 Management Landwirte ein Aspekt des Tierwohlversta¨ndnisses und zeigt sich in Fu ¨rsorge, Verantwortung und teilweise Zur Weiterentwicklung des betrieblichen Manage- Mitleid gegenu ¨ber den Tieren (Tab. 2). In einzelnen ments mit Blick auf mehr Tierwohl sprechen sich die Fa¨llen werden auch Schuldgefu ¨hle gegenu ¨ber den Tierhalter insbesondere fu ¨r einen verbesserten Tieren deutlich, z.B. im Umgang mit kranken oder innerbetrieblichen und u ¨berbetrieblichen Informati- besonders bedu ¨rftigen Tieren, wenn sie in Abwa- onsaustausch aus. Innerbetrieblich geht es gung mit wirtschaftlichen Uberlegungen nicht insbesondere darum, die Vielfalt der tierbezogenen bestmo ¨glich versorgt werden ko ¨nnen. Daten, die in den Betrieben erhoben werden, In die Betrachtungsweise der Landwirte fließen anwendungsorientiert zur Verfu ¨gung zu stellen und daneben perso ¨nlich-identitatsbezogene Aspekte ein, den Nutzern je nach Aufgabenbereich zuzuleiten. die sie an ihrem Rollenversta¨ndnis und Berufsethos Vereinfachungen im Datenmanagement sollten festmachen. Die diskutierten Maßnahmen fu ¨r mehr letztlich dazu fu ¨hren, den Betriebsleitern zielgerich- Tierwohl orientieren sich im Wesentlichen an bis- tet eine Entscheidungshilfe zu bieten: GD_R 1 ,,Ich herigen und bereits etablierten Haltungsverfahren. glaube es ist die Selektion von Informationen, wir Anderungen der Verfahren wu ¨rden auch perso ¨nliche haben so viele Informationen und man muss sich auf Vera¨nderungen fu ¨r die Tierhalter bedeuten und die wesentlichen konzentrieren, das ist, glaube ich, werden teilweise nicht als Weiterentwicklung son- das gro ¨ßere Problem.‘‘ Eine besondere Rolle kommt dern als Ru ¨ckschritt gesehen. Das kann in den Augen in diesem Zusammenhang auch der Beratung zu: der Landwirte zu Gesichtsverlust innerhalb der eige- GD_R 2 ,,Die Beraterrolle die nimmt immer mehr. Vor nen Branche gegenu ¨ber Berufskollegen fu ¨hren. 20 Jahren war es noch anders, weil jeder Betrieb so Loyalita¨t und Anerkennung innerhalb der Branche gewirtschaftet hat wie es immer war, und wenn es sind offensichtlich wichtiger als Wertscha¨tzung lief dann war schon alles richtig.‘‘ Die Fachgespra¨che durch die Gesellschaft. Der Druck von außen ver- mit außerbetrieblichen Personen oder Institutionen sta¨rkt den inneren Zusammenhalt der Landwirte und werden als wertvoll angesehen, um neue Ideen fu¨r fu ¨hrt zu einer starken Unterscheidung von Eigen- den eigenen Betrieb zu generieren. Daneben ist den und Fremdgruppe. Die Erhebungsmethode Grup- Landwirten der Austausch mit Berufskollegen zu pendiskussion zeigt die Dynamik einer sich ¨ ¨ Erfahrungen mit etablierten und weniger etablierten verstarkenden Gruppenkohasion deutlich auf. Haltungsverfahren sehr wichtig, um Perspektiven fu¨r Gleichwohl veranschaulichen die Ergebnisse auch die eigene betriebliche Zukunft auszuloten. die hohe Bedeutung der individuellen Arbeitszufrie- Ein weiterer wichtiger Punkt fu ¨r mehr Tierwohl denheit und -motivation fu ¨r die tierbetreuenden wird im Personalmanagement gesehen. Motivierte Personen. Daraus leitet sich die Frage ab, inwieweit 123 202 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft engagiertes Umsetzen innovativer Verfahren durch Verantwortungsbereich ein und delegieren die mutige Pioniere und gegenseitiges Lernen dazu bei- Verantwortung fu ¨r Tierwohl an Politik und tragen ko ¨nnen, das Beharrungsvermo ¨gen in der Marktpartner. Branche aufzubrechen. Damit politische Auseinandersetzungen und der Mehr Tierwohl hat eine Chance in Betrieben interne Wettbewerb des Handels nicht auf dem umgesetzt zu werden, wenn dadurch das perso ¨nliche Ru ¨cken landwirtschaftlicher Betriebe und Betriebs- Erfolgsempfinden der Betriebsleiter und der objektiv leiter ausgetragen werden, waren neue messbare Betriebserfolg gesteigert werden ko ¨nnen. Mechanismen notwendig, Tierwohl einerseits trans- Aufgrund langer Abschreibungszeitraume und der parent und objektiv zu bewerten und andererseits im Spezifita¨t der Investitionen mit teilweise unflexiblen Sinne eines o ¨ffentlichen Gutes durch Beratung, aber Nutzungsalternativen kommen viele Ansa¨tze fu ¨r die vor allem durch neue politische Maßnahmen und Landwirte aus betrieblicher Sicht nicht in Frage. Instrumente, organisatorisch und finanziell zu Aktuelle und neue gesetzliche Vorgaben und Richt- unterstu ¨tzen. Eine entsprechende Bewertung des linien werden als Risikofaktor gesehen, da sie von Tierwohls, die weniger an der technischen Gestal- gesellschaftlichen Trends und von der jeweils regie- tung von Tierhaltungsverfahren an sich, sondern renden politischen Mehrheit beeinflusst und zudem stattdessen an den Tieren selbst orientiert ist, wu ¨rde bundesla¨nderspezifisch ausgestaltet werden. eine Verschiebung von ordnungspolitischer zu ergebnisorientierter Betrachtung des Tierwohls bedeuten. Der Maßstab fu ¨r Tierwohl wu ¨rde sich Tab. 2 Weiterentwicklung der Haltungsverfahren in unter- damit von einer input-basierten (was wird dem Tier schiedlichen Kontexten fu ¨r Landwirte geboten) zu einer output-basierten (welches Ergebnis Fokus Sichtweise Bewertungs- und wird fu ¨r das Tier erzielt) Bewertung verschieben. Einflusskriterien Durch dynamische Innovationsanreize wu ¨rden Tier/ emotional-relational Verantwortung Landwirte in ihrer Schlu ¨sselposition und ihrer Herde Fu ¨rsorge Verantwortung fu¨r das Tierwohl gesta¨rkt, weil Mitleid Tierwohlziele sich auf ganz unterschiedlichen Schuldgefu ¨hle Wegen technisch und organisatorisch erreichen Tierhalter perso ¨nlich- Arbeitszufriedenheit lassen. Gleichzeitig wu ¨rde dadurch die unterneh- identita¨tsbezogen Rollen- bzw. merische Freiheit der Tierhalter gesichert und Aufgabenversta ¨ndnis sogar erweitert werden. Die Grundlagen fu¨r neue Koha ¨sion der Berufskollegen Bewertungsansatze des Tierwohls bei verschiede- Wertscha ¨tzung durch die nen Tierarten und die Akzeptanz dieser Ansa¨tze bei Gesellschaft Landwirten sollten Gegenstand ku¨nftiger For- Betrieb o ¨konomisch-rational Betriebserfolg schung zur Unterstu ¨tzung politischer Entschei- Einkommen dungen sein. Sicherheit Perspektive Literatur Bock BB, Van Huik MM, Prutzer M, Eveillard FK, Landwirte ko ¨nnen derzeit nur schwer Offenheit Dockes A (2007) Famers’ relationship with different fu ¨r neue Ideen zu Tierhaltungsverfahren mit mehr animals: the importance of getting close to the Tierwohl, losgelo ¨st von wirtschaftlichen und politi- animals. Case studies of French, Swedish and schen Rahmenbedingungen, zeigen. Teilweise halten Dutch cattle, pig and poultry farmers. Int J Sociol sie sich in den Gruppendiskussionen auch aus stra- Anthropol 15(3):108–125 tegischen Gru ¨nden mit Vorschla¨gen zuru ¨ck, weil sie Busch G, Kayser M, Spiller A (2013) ,,Massentierhal- befu ¨rchten, dass innovative Vorsto ¨ße schnell zu einer tung‘‘ aus VerbraucherInnensicht - Assoziationen ku ¨nftigen Anforderung werden. Neue Entwicklun- und Einstellungen. Jahrbuch der Osterreichischen gen aufzuhalten bedeutet fu ¨r die Landwirte, eigene Gesellschaft fu ¨r Agraro ¨konomie, 22(1):61–70 unternehmerische Freiheiten zu bewahren und zu Heise H, Theuvsen L (2015) Biological Functioning, schu ¨tzen. Durch den Verweis auf aktuell geltende Natural Living oder Welfare-Quality: Untersu- Rahmenbedingungen schra¨nken Landwirte jedoch chungen zum Tierwohlversta¨ndnis deutscher ihren eigenen Handlungs- und Landwirte. Ber ueber Landwirtsch 93(3) 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 203 Mayring P (2002) Einfu ¨hrung in die Qualitative Sozi- Van Huik MM, Bock BB (2007) Attitudes of Dutch pig alforschung. Eine Anleitung zu qualitativem farmers towards animal welfare, BRIT FOOD J Vol. Denken. Beltz Verlag, Weinheim und Basel 109 Iss 11 pp. 879 – 890 Spooner JM, Schuppli CA, Fraser D (2014) Attitudes of Waiblinger S (1996) Die Mensch-Tier-Beziehung bei Canadian Pig Producers Toward Animal Welfare. der Laufstallhaltung von behornten Milchku ¨hen. J Agric Environ Ethics 27(4):569–589 Witzenhausen Statistische Amter des Bundes und der Lander (2011) WBA Wissenschaftlicher Beirat Agrarpolitik beim Agrarstrukturen in Deutschland. Einheit in Vielfalt. BMEL (2015) Wege zu einer gesellschaftlich https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Themati akzeptierten Nutztierhaltung. Gutachten. Berlin sch/LandForstwirtschaft/Landwirtschaftzaehlung/ Zander K, Isermeyer F, Bu ¨rgelt D, Christoph-Schulz I, AgrarstruktureninDeutschland5411203109004.pdf?__ Salamon P, Weible D (2013) Erwartungen der blob=publicationFile Gesellschaft an die Landwirtschaft. Mu ¨nster: Stif- Te Velde H, Aarts N, van Woerkum C (2002) Dealing tung Westfa¨lische Landwirtschaft with ambivalence: Farmers’ and consumers’ per- Zapf R, Schultheiß U, Achilles W, Schrader L, Knierim ception of animal welfare in livestock breeding. U, Herrmann HJ, Brinkmann J, Winckler, C (2015) J Agric Environ Ethics 15:203–219 Tierschutzindikatoren: Vorschlage fu ¨r die betrieb- Vanhonacker F, Verbeke W, van Poucke E, Pieniak Z, liche Eigenkontrolle. Darmstadt: Kuratorium fu¨r Nijs G, Tuyttens F. (2012) The concept of farm ani- Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft mal welfare: citizen perceptions and stakeholder opinion in flanders, Belgium. J Agric Environ Ethics 25(1):79–101 123 204 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Standards, Hindernisse und Wu ¨nsche in der werden, wie der Prozess der Listungsentscheidung in Nutztierhaltung – Die Perspektive des Handels diesem Zusammenhang strukturiert ist, welche Mei- nungen im LEH zu verbesserten Tierwohlstands 1 1 1 Caspar Krampe , Nadine Gier , Julia Ro ¨mhild , Peter vorherrschen und welche Position im Hinblick auf Kenning etwaige regulierende Maßnahmen den LEH pra¨gen. Zudem soll die Sicht des LEH auf den in der Diskus- Lehrstuhl fu ¨r Betriebswirtschaftslehre, insb. Marke- sion stehenden informationso ¨konomischen Nutzen ting, Heinrich-Heine-Universita¨t, Universita¨tsstraße 1, eines oder mehrerer Labels (,,Tierwohllabel‘‘) ermit- 40225 Du ¨sseldorf, Geba¨ude 24.21, Deutschland telt werden. Die so gewonnenen Ergebnisse sollen 0211-81-10278 einen Beitrag dazu leisten, etwaige Hindernisse im caspar.krampe@hhu.de Hinblick auf Maßnahmen zu identifizieren, mit denen gegebenenfalls ein ho ¨herer Tierschutzstan- 1 Einleitung und Zielsetzung dard realisiert werden ko ¨nnte. Zwischen der Wunschvorstellung und der aktuellen 2 Methode und Interviewleitfaden Wahrnehmung der Nutztierhaltung durch die Gesellschaft zeigt sich meist eine hohe Diskrepanz Um die skizzierte Zielstellung zu erreichen und um (Zander et al. 2013). Diese la¨sst sich insbesondere bei die Perspektive des LEH wissenschaftlich entspre- den Positionen der verschiedenen Akteure bei der chend differenziert zu durchdringen, wurde ein Durchsetzung ho ¨herer Tierwohlstandards beobach- qualitativer Studienansatz gewa¨hlt. Der Aufbau und ten (Zander et al. 2013). Zudem scheinen die in den der Verlauf der Studie wurden dem typischen Aufbau Medien gefu ¨hrten Diskussionen und vero¨ffentlich- a¨hnlicher Marktforschungsstudien (Kuß, Wildner, & ten Berichte rund um das Thema ,,Tierwohl‘‘ Kreis 2014) entsprechend in folgende sechs Schritte maßgeblich das Meinungsbild in den verschiedenen unterteilt: gesellschaftlichen Gruppen zu pra ¨gen, zu polarisie- ¨ 1. Festlegung der Untersuchungsziele, ren und deren Sensibilitaten zu erho ¨hen (Zander 2. Festlegung des Untersuchungsdesigns, et al.2013).Auf dieseEntwicklung muss auch deran der Vermarktung, tierischer Erzeugnisse maßgeb- 3. Entwicklung des Messinstrumentariums, 4. Durchfu ¨hrung der Erhebung, lich beteiligte Lebensmitteleinzelhandel (LEH) reagieren. Er hat dabei sogar eine zentrale Rolle, 5. Datenanalyse und -auswertung und 6. Formulierung des Ergebnisberichts. steht er doch im Spannungsfeld zwischen den Wunschvorstellungen der Verbraucher und den auf Um die gewu ¨nschten Erkenntnisse zu gewinnen den Ho ¨fen sowie in den Zulieferbetrieben realisier- wurden 15 Experteninterviews mit Top-Entscheidern baren Bedingungen. Zudem ist der LEH dem im Bereich Vertrieb und Einkauf im LEH sowie wei- Wettbewerb innerhalb des Marktes ausgesetzt, teren handelsnahen Akteuren durchgefu ¨hrt. Die indem innovative (Marketing-)Maßnahmen einzel- aufgezeichneten Mitschnitte der Experteninterviews ner Unternehmen hochgradig risikobehaftet sind wurden fu ¨r die weitere Datenanalyse sowie die damit und dementsprechend zu hohen o ¨konomischen verbundene Auswertung transkribiert (vgl. Ho ¨ld, Einbußen fu¨hren ko ¨nnen. Aber auch ein gemeinsa- 2009; Mayring & Fenzl, 2014). Die kommunizierten mes, koordiniertes Vorgehen mehrerer Daten wurden hierfu ¨r weitgehend von Dialekten Unternehmen fu¨r ho ¨here Tierwohlstandards scheint befreit, an die Standardsprache angepasst und – wo fu ¨r den Handel aus verschiedenen Gru¨nden proble- geboten – in der Grammatik korrigiert, wodurch matisch, nicht zuletzt deswegen, weil diese durch jedoch keine interpretativen Vera¨nderungen des wettbewerbsrechtliche Bestimmungen beschrankt Ausgangsmaterials vorgenommen wurden. Auf- werden. grund der besonderen Sensibilita¨t der erhobenen Vor diesem Hintergrund ist es Ziel des vorliegen- Daten wurden alle mitgeschnittenen Tonaufnahmen den Teilbeitrags, den Handel als zentralen Akteur der ausschließlich universitatsintern und vertraulich von Lebensmittelwirtschaft genauer in den Blick zu neh- den Projektmitarbeitern transkribiert und vor der men. Von besonderer Relevanz sind dabei, der Inhaltsanalyse erneut zur Kontrolle an die Inter- Zielstellung des SocialLab Verbundprojektes ent- viewpartner versendet. Zur strukturierten sprechend, die Motive und/oder Hindernisse fu ¨r die Inhaltsanalyse wurde die Software MaxQDA in der Produkteinfu ¨hrung und -listung von Produkten mit Version 12 verwendet (http://www.maxqda.de/). Diese ho ¨heren Tierwohlstandards. Konkret soll gezeigt etablierte Software ermo ¨glicht die Zuordnung von 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 205 Textstellen (,,Codierung‘‘) zu den a priori definierten Regulierung bei der Durchsetzung ho ¨herer Tier- Kernthemen (,,Codes‘‘), welche die Grundlage der wohlschutzstandards. Das Ziel dieser Thematik war hier angewandten qualitativ-strukturierenden es, Hinweise auf das Meinungsbild bzw. die Einstel- Inhaltsanalyse darstellen. lungen des LEH zu einer staatlichen Regulierung Von besonderer methodischer Bedeutung fu ¨r die im Bereich der Fleischware abzubilden. Die Studie war daru ¨ber hinaus der Interviewleitfaden, vierte und letzte Kernthematik widmete sich der welcher der Expertenbefragung als Messinstrument Wahrnehmung der Experten zum Einfluss von zugrunde lag. In diesem wurden vier Kernthemen, Labeln auf die Verbraucherentscheidung am die der oben genannten Zielstellung entsprachen Point-of-Sale sowie die damit verbundene Pro- ausgearbeitet und im Experteninterview themati- duktwahrnehmung. Abbildung 1 visualisiert die siert. Die erste Kernthematik umfasste den Prozess entsprechende Struktur des Gespra¨chsleitfadens der Listungsentscheidung im LEH. Ziel war die noch einmal. Abb. 1 Darstellung der vier Kernthemen sowie der untergeordneten Leitfragen. In den Experteninterviews wurden die Themen Listungsentscheidungen, Tierwohlstandards, Regulierung des Marktes und Produkt Labeling anhand eines strukturierten Gespra¨chsleitfadens besprochen Identifikation der jeweils zugrundliegenden 3 Die Kernthemen – Ausgewa¨hlte Ergebnisse Entscheidungsprozesse. Zudem sollte beforscht wer- den, auf welchen Entscheidungsmustern und Aufbauend auf den transkribierten Experteninter- gegebenenfalls Heuristiken die Listungsentschei- views wurde eine qualitativ-deskriptive dung beruht. Die zweite Kernthematik des erstellten Begutachtung der Daten vorgenommen (Abb. 2). Es Interviewleitfadens umfasste den gesellschaftlichen zeigte sich, dass Aspekte rund um das Thema Tier- wohlstandards einen großen Teil der kodierten Daten und politischen Wunsch nach einer Integration ho ¨herer Tierwohlstandards in die Wertscho ¨pfungs- ausmachten. Es sollte jedoch bei der nun folgenden strukturierten Inhaltsanalyse beachtet werden, dass kette. In diesem Zusammenhang wurde unter anderem die Wahrnehmung von Tierwohlstandards es sich hierbei um eine aggregierte Darstellung der durch die Verbraucher aus Sicht der Experten the- Ergebnisse handelt. Diese bildet zwar das generelle matisiert. Die dritte Kernthematik umfasste die Meinungsbild der interviewten Experten ab, ver- Wahrnehmung der Experten zur staatlichen nachla¨ssigt jedoch gegebenenfalls abweichende 123 206 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Einzelmeinungen. Pra¨gnante Aussagen der inter- Hierbei werden neue Produkte dem LEH zum einem viewten Experten des LEH sowie der handelsnahen vom Lieferanten vorgeschlagen (,,Push-Ansatz‘‘), zum Akteure werden hierbei skizziert und sollen einen anderem werden aber auch bestimmte Produkte bei Eindruck der Sichtweise der interviewten Experten den jeweiligen Lieferanten vom LEH angefragt (,,Pull- vermitteln. Ansatz‘‘). In diesem Zusammenhang scheinen das Abb. 2 Darstellung der Anzahl von Außerungen zu den 4 Kernthemen. Fu ¨r die inhaltliche Analyse wurden die transkribierten Interviews entsprechend der Kernthemen codiert und ausgewertet Im Folgenden sollen nun die mit den oben skiz- Preisbewusstsein sowie die mit den Produkten ver- zierten vier Thematiken bzw. Zielstellungen bundene Logistik zwei wichtige Komponenten im verbundenen Ergebnisse pra¨sentiert werden. Hierzu Listungsprozess zu sein. Deren Bedeutung ist jedoch wird jeweils zuna¨chst die gesamte Anzahl der zure- stark branchenabha¨ngig, so spielt die Logistik bei chenbaren Außerungen genannt bevor dann jeweils tierischen Erzeugnissen im Fast-Food Sektor eine die zentralen inhaltlichen Aspekte dargestellt wichtigere Rolle als im LEH. Bei der Listungsent- werden. scheidung von Fleischwaren scheinen zudem die Marktentwicklung, die Wettbewerbssituation, Qua- 3.1 Listungsentscheidungen – Stabilita ¨t durch litatsaspekte sowie die gesellschaftliche Entwicklung Vertrauen! eine u ¨bergeordnete Rolle zu spielen. Zusammenfassend ist zu vermuten, dass erst nach Grundlage der im Hinblick auf die erste Thematik der einigen externen und internen Pru ¨fungen der Liefe- Listungsentscheidung im LEH angewandten struktu- ranten und erst nach Begutachtung etwaiger rierenden Inhaltsanalyse sind n = 118 Außerungen Ausschlusskriterien, welche durch die Durchfu ¨hrung (,,Codierungen‘‘), welche aus 6 Experteninterviews von Audits gepru ¨ft werden, eine Listungsentschei- extrahiert und analysiert wurden. dung im LEH stattfindet. Die bewa¨hrte Die Ergebnisse der Inhaltsanalyse zeigen in diesem Zusammenarbeit mit bereits gepru ¨ften Partnern bil- Bereich der Untersuchung, dass Unternehmen des det bei der Aufnahme neuer Produkte eine wichtige LEH oftmals auf langfristige, stetige und gepru¨fte Grundlage mit entsprechenden Konsequenzen fu¨r Partnerschaften zuru ¨ckgreifen, wodurch der ,,sorg- den Entscheidungsprozess. Dabei ist anzunehmen, lose‘‘, transaktionskostenarme Fleischverkauf und - dass im weiteren Verlauf der Entscheidungsfindung konsum auf Seiten des LEH und des Verbrauchers Erfahrungswerte und einfache Heuristiken wesent- gewa¨hrleistet werden soll. Demnach werden Lis- lich fu ¨r den Entscheidungsprozess sind (Gigerenzer, tungsentscheidungen zumeist, nach einem Todd, & ABC Research Group 1999; Selten 2001). Im prima¨ren, ,,checklisten-gepru ¨ften‘‘ Auswahlverfah- Ergebnis zeigt sich, dass das gegenseitige Vertrauen, ren, in enger Zusammenarbeit mit bewa¨hrten welches sich durch die gesammelten gemeinsamen Partnern beziehungsweise Lieferanten getroffen. Erfahrungen zwischen den Akteuren im Zeitablauf 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 207 einstellt zu einer Reduktion von Transaktionskosten wird angenommen, dass die einfache Außerung der fu ¨hrt. Etablierte Anbieter sollten es daher tendenziell Verbraucher, mehr fu ¨r ,,Tierwohl‘‘ bezahlen zu wol- leichter haben, innovative Produkte im Regal zu len, nicht ohne Weiteres zu einer platzieren. Einstellungsa¨nderung fu ¨hrt, sondern eventuell auf die soziale Erwu ¨nschtheit zuru ¨ckzufu ¨hren ist. ,,[Es] ergeben sich […] Listungsentscheidungen […] auf Basis von Vorschla¨gen, die uns die Lieferanten, mit ,,Die Moral endet am Regal.‘‘ denen wir seit vielen Jahren in der Regel vertrauensvoll Im Fortgang der Gespra¨chsthematik mahnen die zusammenarbeiten, [zukommen lassen].‘‘ Ha¨ndler zudem an, dass das Thema ,,Tierwohl‘‘, als ein sehr emotionales Thema, im gesellschaftlichen 3.2 Die Integration von Tierwohlstandards – der Kontext nicht immer sachgerecht diskutiert wird. So mu ¨ndige Verbraucher? weisen die Experten des LEH die Rolle des Regulators beziehungsweise Gatekeepers zuru ¨ck und verweisen Grundlage der im Kontext der Verbraucherwahr- auf den mu ¨ndigen Verbraucher. Gru ¨nde fu ¨r das nehmung angewandten strukturierten gesteigerte Interesse am ,,Tierwohl‘‘ innerhalb der Inhaltsanalyse waren n = 91 Außerungen (,,Codie- Gesellschaft macht der LEH an gesellschaftlichen rungen‘‘), welche aus 9 Experteninterviews extrahiert Stro ¨mungen und Trends wie dem Vegetarismus, dem und analysiert wurden. Veganismus, dem Flexitarismus oder der Profilierung bestimmter Gesellschaftsschichten durch ,,gutes‘‘, ,,Fleisch und Wurst sind Kulturgut.‘‘ meist biologisch erzeugtes Essen fest. Aus Handelssicht nehmen Fleischwaren nach wie vor Zusammenfassend verweisen die Experten des LEH einen hohen Stellenwert in der Wahrnehmung der darauf, dass die Integration von Tierwohlstandards in Verbraucher ein. Als Nachweis dient den interview- die Wertscho ¨pfungskette gro ¨ßtenteils durch das ten Experten des LEH oft der Ausgabenvergleich der Einkaufsverhalten der mu ¨ndigen Verbraucher (,,Pull- Verbraucher fu ¨r Fleischwaren im Vergleich zu Ansatz‘‘) bestimmt wird, wobei angenommen wird, anderen Produktgruppen. Insgesamt wird das Thema dass die reale Kaufentscheidung im Gegensatz zu ,,Tierwohl‘‘ als fester Bestandteil der gesellschaftli- regelmaßigen Bekundungen nach wie vor stark chen Auseinandersetzung gesehen. Zudem geht der preisgetrieben ist und im sta¨ndigen Vergleich zu Handel offenbar von einem differenzierten Verbrau- Konkurrenzangeboten steht. Erga¨nzend wird ange- cherbild aus. Uberwiegend werden Verbraucher aber nommen, dass der soziale Hintergrund ebenfalls als hinreichend mu ¨ndig angesehen, um ,,am Ende einen Einfluss auf den Verbraucher und die damit des Tages das [zu] wahlen, was fu ¨r sie am besten ist‘‘. verbundene Kaufentscheidung im Bereich der Dementsprechend begreift sich der LEH lediglich als Fleischware hat. Das folgende Zitat gibt diesen Anbieter von verschiedenen Wahloptionen, jedoch Zusammenhang zutreffend wieder: nicht als Vorentscheider u ¨ber Moral und Verant- wortung; der Wille des Kunden bleibt zumindest ,,[…] Es gibt sicherlich viele Familien […], die sich […] vordergru ¨ndig frei. Trotzdem, scheinen sich die keine enorme Preissteigerung im Bereich Lebensmittel interviewten Experten des LEH sehr wohl bewusst leisten ko¨nnen.‘‘ u ¨ber das tatsa¨chliche Einkaufsverhalten der Ver- braucher zu sein. So wird davon ausgegangen, dass 3.3 Die Regulierung des Marktes – Fluch oder Segen? viele Verbraucher auf die Produkte zuru ¨ckgreifen, welche routiniert gekauft werden. Tierwohlaspekte Grundlage der in dieser Thematik angewandten spielen dabei eine untergeordnete Rolle, da der Ver- strukturierten Inhaltsanalyse waren n = 68 Außerun- braucher nach Wahrnehmung der Experten des LEH gen (,,Codierungen‘‘), die aus 8 Experteninterviews stark preisgetrieben ist. Es werden zudem Unter- extrahiert und analysiert wurden. In der Diskussion schiede zwischen Tierarten ausgemacht. So wird um eine staatliche Regulierung von Tierwohlstan- angenommen, dass die kritische Wahrnehmung der dards zeichnet sich ein differenziertes Meinungsbild Verbraucher zur Rinderhaltung im Vergleich zur ab. Generell sehen die Experten des LEH die staatliche Schweine- und/oder Geflu ¨gelhaltung als weniger Regulierung des Marktes durch die Politik kritisch. problematisch angesehen wird. Insgesamt stehen die Vielmehr betrachtet man die Mo ¨glichkeiten zur interviewten Experten des LEH der Aussage, dass Selbstregulierung des Marktes als effizient und aus- Verbraucher eine ho ¨here Zahlungsbereitschaft fu¨r reichend. Dennoch wurden durchaus Vorteile einer ,,Tierwohl-Produkte‘‘ haben, kritisch gegenu ¨ber. So Gesetzgebung fu ¨r mehr ,,Tierwohl‘‘ erkannt. So 123 208 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft werden bestehende Gesetzte zur Verbesserung der Akteuren konnte die Perspektive des Handels wissen- Tierhaltung gelobt, die Umsetzung und Kontrolle schaftlich durchdrungen werden und in Bezug auf das dieser aber bema¨ngelt. Die befragten Experten for- Thema ,,Tierwohlstandards‘‘ Motivationen und dern darum eine fundierte ,,weniger populistisch Hemmnisse der Durchsetzung identifiziert werden. orientierte‘‘ Diskussion u ¨ber mo ¨gliche Maßnahmen, Hierzu wurden 4 verschiedene Themenfelder bespro- die zu einer weiteren Verbesserung des ,,Tierwohls‘‘ chen. Im Hinblick auf die Listungsentscheidung la¨sst fu ¨hren ko ¨nnen. Des Weiteren bemangeln die inter- sich festhalten, dass der Handel versucht, durch stan- viewten Experten des LEH das zum Teil unkoordinierte darisierte Pru ¨fungen seiner Lieferanten einen ¨ ¨ Vorgehen von Bund und Landern bei der Gesetzge- unkritischen Fleischverkauf und -konsum zu gewahr- bung im Bereich der Tierhaltung. Zudem wird die leisten und daru ¨ber hinaus auf langfristige Regulierung des Marktes auf nationaler Ebene (fu¨r Partnerschaften vertraut. Bezu ¨glich der Sortiments- geltendes nationales Recht) kritisch gesehen da diese, vielfalt und Auswahl an Produkten orientiert der in Zeiten der Globalisierung/Europa¨isierung, nicht Handel sich vor allem am Kaufverhalten der Verbrau- immer mit dem europa¨ischen Recht vereinbar und cher und sieht sich als Bereitsteller der Wahloptionen durchsetzbar ist. Ein in diesem Zusammenhang und nicht als moralischen ,,Wahlhelfer‘‘ der Verbrau- bezeichnendes Zitat ist das folgende: cher. Im Themenfeld der ,,Regulierung‘‘ werden zwar Vorteile durch umsichtige und inkrementelle Regulie- ,,Wir leben ja schließlich nicht auf einer Insel.‘‘ rungen bei den Tierwohlstandards gesehen, jedoch wird der Markt zumeist als effektives System betrachtet. 3.4 Labeling – Uberforderung am Point-of-Sale?! Staatliche und selbststa¨ndige Label stellen ein Beispiel fu ¨r solche Regulierungen dar, scheinen aber (auch) Grundlage der im Zusammenhang mit der ,,Label- nach Ansicht des Handels Gefahr zu laufen, ihr Ziel diskussion‘‘ angewandten strukturierten durch die Uberlastung der Verbraucher mit zusa ¨tzli- Inhaltsanalyse waren n = 24 Außerungen (,,Codie- chen Informationen zu verfehlen. rungen‘‘), welche aus 6 Experteninterviews extrahiert Die folgenden Ausfu ¨hrungen sind zum Teil das und analysiert wurden. Ergebnis einer umfassenden Diskussion der Autoren ,,Der Kunde wird u¨berfrachtet.‘‘ mit verschiedenen verbraucherpolitisch aktiven Maßnahmen zum Tierschutz werden durch die Wissenschaftlern, denen wir zu Dank verpflichtet Experten des Lebensmitteleinzelhandels und weiteren sind. Er gilt allen Projektpartnern des Verbundpro- handelsnahen Akteure prima¨r als informationso¨ko- jektes ,,SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der nomisch motiviert und verbraucherorientiert Gesellschaft‘‘, insbesondere den Kollegen der Fach- wahrgenommen. Dabei wird kritisiert, dass der Kunde hochschule Su ¨dwestfalen (Prof. Dr. Marcus durch die Vielzahl von Labels am Point-of-Sale mitt- Mergenthaler) und der Zeppelin Universita¨t (Prof. Dr. lerweile u ¨berfordert ist und/oder diese oftmals gar Lucia Reisch). Des Weiteren mo ¨chten wir uns an nicht wahrnimmt. Folglich werden entsprechende dieser Stelle bei allen Interviewpartnern fu ¨r ihre Ansa¨tze und Kommunikationsmaßnahmen als kon- Teilnahme sowie die wertvollen Beitra¨ge bedanken. traproduktiv beschrieben, da viele Labels in direkter Die Fo ¨rderung des Vorhabens erfolgte aus Mitteln Konkurrenz zu einander stehen. Als Beispiel werden des Bundesministeriums fu ¨r Erna¨hrung und Land- vom LEH kreierte ,,Biosiegel‘‘ genannt, welche in wirtschaft (BMEL) aufgrund eines Beschlusses des direkter Konkurrenz mit ,,Biosiegeln‘‘ des Wettbewer- deutschen Bundestages. Die Projekttra¨gerschaft bers sowie der nationalen und europa¨ischen erfolgte u ¨ber die Bundesanstalt fu ¨r Landwirtschaft Kennzeichnung von biologischen Erzeugnissen ste- und Erna¨hrung (BLE) im Rahmen des Programms zur hen. Alternativen zu dem bisherigen System der Innovationsfo ¨rderung (FKZ: 2817203413). Verbraucherinformation sind daher wu ¨nschenswert (vgl. hierzu Kapitel ,,Zur Konzeption eines Verbrau- cherinformationssystems als Erga¨nzung – oder Literatur Alternative? – zum klassischen Informationslabel‘‘). Gigerenzer G, Todd P M, ABC Research Group (1999) 4 Zusammenfassung und Ausblick Simple heuristics that make us smart. Oxford Uni- versity Press In Experteninterviews mit Vertretern des Lebensmitte- Ho ¨ld R (2009) Zur Transkription von Audiodaten. leinzelhandels sowie den weiteren handelsnahen Qualitative Marktforschung, 655–668 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 209 Kuß A, Wildner R, Kreis H (2014) Explorative Unter- Zander K, Isermeyer F, Bu ¨rgelt D, Christoph-Schulz I, suchungen mit qualitativen Methoden Salamon P, Weible D (2013) Erwartungen der Marktforschung, Springer, pp 51–62 Gesellschaft an die Landwirtschaft. Mu ¨nster: Stif- Mayring P, Fenzl T (2014) Qualitative inhaltsanalyse tung Westfa¨lische Landschaft Handbuch Methoden der empirischen Sozialfor- schung, Springer, pp 543–556 Selten R (2001) What is bounded rationality bounded rationality: the adaptive toolbox, 13, 36 123 210 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Adequate animal welfare standards from a citizen consumer benefits, estimates of willingness to pay perspective – A stated choice experiment on broiler (WTP) are needed. WTP is used to measure the value that a good or service provides to consumers and can 1 1 1 Jutta Roosen , Bernhard Kalkbrenner , Silke Fischer be linked to economic welfare studies comparing costs and benefits of changes in the regulatory Chair of Marketing and Consumer Research, TUM environment (Hanley et al. 2001). Consumers and School of Management, Technical University of citizens have specific concerns that need to be Munich, Alte Akademie 16, 85354 Weihenstephan, addressed to make livestock production acceptable in Germany, their view (Scientific Advisory Board on Agricultural jroosen@tum.de Policy 2015). This paper’s objective is to investigate the different aspects characterizing broiler produc- 1 Introduction tion practices that lead to concern among consumers and to estimate WTP for changes in their regulation. A number of laws are regulating animal rights in The results are informative for future cost-benefit Germany. Among those is the regulation of Animal analyses of higher welfare standards and for organi- Protection and various specific regulations with zations designing label requirements to ensure that regard to livestock. Despite this regulatory oversight, their labels meet required demand levels in the animal welfare in farm production has become a market place. In this study, we focus on the WTP for contentious issue. Concern is particularly high regar- changes in the production of broilers. The number of ding pigs and poultry (see Christoph-Schulz et al. in broilers in Germany is estimated at 97.1 mio. in 2013 this article). As a reaction, new regulations on animal (Bundesministerium fu ¨r Erna¨hrung und Landwirt- welfare and labelling rules to enable consumer choice schaft 2016). The average number of animals per for higher animal welfare products are under discus- production unit is 21.588 (Bundesministerium fu¨r sion. At the same time, animal welfare labels gain Erna¨hrung und Landwirtschaft 2016). Around 77 % of significant market shares in some countries. For broilers are produced in units of 50.000 animals and example, products marketed in The Netherlands more. These units represent about 13 % of broiler under the Beter Leven label result in spending of 295.3 farms in Germany. mio. € (Smith and Pinckaers 2012). However, critics There is a significant number of WTP studies for argue that voluntary labels will not suffice to address animal welfare. Meta-analyses have been provided by all issues of animal welfare (Blaha 2017). The adjust- Norwood & Lusk (2011), Lagerkvist and Hess (2011) and ment in livestock husbandry standards is thus prone to Clark et al. (2017). Clark et al. (2017) find a positive possible, additional regulatory action. WTP for improved animal welfare independent of Blaha (2017) names 4 areas of action that should be species and welfare aspects. Reviewing studies of taken into account: keeping all farm animals in WTP for avoiding specific technologies Lusk et al. accordance with the animal protection law allowing (2014) find significant heterogeneity in WTP, gene- for natural behaviour and avoiding amputations, rally increasing with the income and decreasing with active animal health management for all livestock age. A stated choice study on broiler filets in the units, health monitoring, and educating animal Netherlands by de Jonge et al. (2015) included pro- livestock owners and managers. However, higher duct attributes such as the Beter Leven hallmark, animal welfare standards will come at a cost. A recent outdoor access, stocking density and day-night report by the Scientific Advisory Board on Agricul- rhythm. They find heterogeneous preferences, i.e. tural Policy (2015) estimates that the implementation different consumer segments that state varying WTP of their recommendations for a viable livestock hus- for broiler filets with higher animal welfare stan- bandry accepted by large parts of the population dards. Carlsson et al. (2007) analyzed WTP for animal would cost in the range of 3 to 5 bn. € per year. Karl & welfare for broilers in Sweden. A preference for Noleppa (2017) report that German agriculture is keeping broilers outdoors (in summer)/in smaller subject to additional costs of 696.0 mio. € for groups indoors (in winter) was found, as well as a respecting EU regulations on animal welfare, food WTP for slow growth breeds (as compared to fast safety and animal health in German livestock growing breeds) in forced choices. No WTP for production. mobile abattoirs over transport of animals to In order to understand the economic welfare slaughter houses was found. For Germany, Heise and implications of stricter production standards and to Theuvsen (2017) recently examined the general wil- investigate which standards yield additional lingness to pay for meat, eggs and milk in Germany. 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 211 Their analyses show that 76.5 % of German consu- broiler meat production. The survey included a mers state a willingness to pay a price premium for choice experiment on the preferences towards wel- higher animal welfare standards. On average, price fare standards in different production systems for premia up to 40 % could be accepted, but only few chicken and pigs. This paper focuses on the hypo- consumers would pay premia above 40 %. The study thetical choices as regards broilers. In contrast to finds that preferences are heterogeneous and factors many other studies, our survey focused on partici- such as gender and involvement influence the wil- pants choice among different regulatory options that lingness to pay. would apply to all broiler meat produced in Germany Against this background, the present study aims to and eventually lead to higher prices. Before the investigate the following 3 questions: choice experiment, we presented instructions, an introduction to the attributes, and the payment • RQ 1: From a citizen perspective, who carries the vehicle, i.e. new regulations would lead to higher responsibility for adequate animal welfare meat prices. Each choice question represents a dis- standards? crete choice between three legal environments with • RQ 2: What are consumer preferences for ade- specific animal welfare standards and the status quo. quate regulations for animal welfare for broiler Based on a literature review, we included 5 regula- production? tory parameters with 2 levels each (maximum • RQ 3: How do consumers react in their purchase number of animal capacity per operating unit, behavior to an increasing price for meat? stocking density, fattening period, housing system, and bill shortening) and 2 parameters with 4 (day-old 2 Methodology chicken) and 5 levels (price). The attributes and levels are presented in Table 1. Table 2 shows a sample 2.1 Methods choice task. We conducted an online survey to investigate citizen preferences for improved animal welfare practices in Table 1 Attributes and levels used in the choice experiments Attribut Levels Maximum number of 18.000 5.000 animal capacity Stocking density 23 Animals/ 10 animals/m 2a Fattening period Approx. Approx. 60 days 32 days Housing system Barn Free range Male chicks from Day-old Use of spring chicken Breeding for mast and Gender sexing in the egg and laying hens chicks are (male laying hybrids) laying (dual purpose breed) elimination of the male eggs killed No bill shortening Bill Without bill shortening shortening Increase in monthly €0 €2.45 €4.90 €7.35 €9.80 food spending Status quo option and reference level in the data analysis 123 212 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Table 2 Example of a choice set (translated from German) Please choose one of the 4 alternatives: Which scenario would you opt for considering the changes in your monthly food spending? Scenario A Scenario B Scenario C Status quo Maximum no. of animal capacity: 18.000 Maximum no. of animal Maximum no. of animal No. revision of the capacity: 18.000 capacity: 5.000 regulatory framework 2 2 2 10 animals/m 10 animals/m 23 animals/m Barn Barn Free range Fattening period approx. 32 days Fattening period approx. Fattening period approx. 32 days 60 days Gender sexing in the egg and elimination Use of spring chicken (male Day-old chicks are killed of the male eggs laying hybrids) Without bill shortening Bill shortening Without bill shortening Increase in monthly food spending €9.80 Increase in monthly food Increase in monthly food spending €4.90 spending €2.45 I choose: A B C D The scenarios are built on the current German (Statistisches Bundesamt 2011) average household regulations for chicken husbandry. The study focuses expenditures are 290 € per household and month for on 6 attributes and analyzes current animal welfare food, and 49 € for meat and meat products. The standards and higher standards. While the attributes expenditure change scenarios thus correspond on refer mostly to broiler production per se, some attri- average to a 5, 10, 15 and 20 % change in meat butes are based on the interlinkage to the production expenditures per household and month. of layers, as certain regulations in one sector would Using Ngene software we generated an ‘optimal have implications for the other. First, the size of the orthogonal in the difference’ design (Street et al. farm operation was defined as 18.000 chickens or 2005). We used a fractional design that resulted in 16 5.000 chickens (levels marked with a represent the choice sets. As we blocked the sets into 2 blocks, status quo). 18.000 chickens represents a common respondents had to fill in one block with 8 choice size. Second, the stocking density is either 23 animals/ sets. The resulting MNL D-error was 0.183. 2a 2 m , the current standard, or 10 animals/m . Third, as housing systems we included barn and free-range. 2.2 Data collection Fourth, the fattening period was defined as 32 or 60 days. Fifth, it is common to kill the day-old chicks of A total of 1420 respondents from Germany were laying hens after hatching since special breeds are interviewed by means of internet-based ques- used as broilers. We defined 3 alternatives for dealing tionnaires in May and June 2016. A market research with day-old chicks: the use of spring chicken (male company was in charge of recruiting the respon- laying hybrids used for meat at early age), breeding dents and conducting the survey. The panel is for mast and laying, and gender sexing in the egg representative of the German population in terms of with the elimination of the male eggs. Sixth, accor- location, monthly net income, sex, age, employment ding to current regulations farmers are allowed to status, and education. The total sample was split cut the bills of the parent birds to prevent picking. into one group filling in the chicken experiment, Another practice is to not cut the bills. Price levels while the other group took part in an experiment on were defined as increases in household expenditures pigs. 714 respondents were allocated the choice on food due to the higher costs of the different ani- experiment on chicken. The majority of the mal welfare standards. Compared to no change in respondents (52.4 %) often purchases chicken meat, the status quo (0€), we defined increases in monthly 42.4 % rarely, and 5.2 % (n = 37) do not buy chicken food spending as ?2.45€, ?4.90€, ?7.35€ and ?9.80€. at all. In this article, we only include consumers who The higher food spending is based on a percentage purchase chicken at least rarely. Hence, the final change from the average expenditures on food. sample consisted of 677 respondents. Table 3 pres- According to the Income and Expenditure Survey ents the composition of the total sample and the 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 213 broiler sub-sample. The sub-sample has similar 2.3 Statistical analysis characteristics as the total sample. We conducted a choice experiment, which builds on the random utility framework (McFadden 1974). To Table 3 Sample Characteristics test for the assumption of independence of irrelevant Variables Broiler sub- Total sample alternatives (IIA) among choice options, we conduc- sample (N = 1420) ted a Hausman test (Hausman and McFadden 1984). (N = 677) Frequency (%) Frequency The test results in significant outcomes and rejects (%) the IIA assumption. We, hence, estimate a random- parameters logit model using Stata (commands: Gender mixlogit and wtp). The data is dummy coded and the Female 50.7 51.6 parameters in this study are set to be random, but Male 49.3 48.4 price and the status quo option are defined as fixed Age (Hole and Kolstad 2012). We use 500 Halton draws to 18–24 years 7.8 8.0 estimate our random parameters logit model. 25–29 years 7.0 7.4 30–39 years 17.5 18.0 3 Results 40–49 years 16.2 16.1 50–64 years 27.9 27.9 We asked respondents about (1) the responsibilities 65 years and older 23.5 22.6 for ensuring adequate animal welfare standards, (2) Average monthly net household conducted a choice experiment on broiler husbandry income (in Euro) standards and (3) analyzed consumption responses to Less than 500 2.1 2.1 higher meat prices. Our respondents see mainly far- 500–899 7.2 7.6 mers (43.3 %) in charge of an adequate animal 900–1299 15.2 13.7 husbandry, followed by the state (26.8 %), and con- 1300–1499 8.6 8.5 sumers themselves (21.5 %). Only 6.5 % see the retail 1500–1699 7.5 7.3 sector as mainly responsible to ensure adequate 1700–1999 9.3 9.9 animal welfare. 2.2 % of the sample selected ‘‘others’’ 2000–2599 16.2 16.0 and most of them filled in that all the above-men- 2600–3199 11.8 11.8 tioned stakeholders are in charge. The results of the 3200–4499 14.2 14.7 random parameters logit model of the choice expe- 4500–5999 5.2 5.8 riment on different legal settings for farm animal At least 6000 2.7 2.7 welfare standards for chicken are presented in Education Table 4. The mean estimate coefficients show the No degree 1.5 1.0 utility attached to the different levels, and significant Secondary general school- 23.5 21.6 standard deviations represent preference leaving certificate heterogeneity. (Hauptschulabschluss) Certificate of ten-grade school 6.6 6.2 of general education in the former GDR (Polytechnische Oberschule) Intermediate school-leaving 28.4 28.9 certificate (Mittlere Reife) University/University of applied 21.1 21.4 sciences entrance qualification (Fachabitur, Abitur) Degree from university or 18.9 20.9 university of applied sciences Results for the full sample (n = 1420); Item: ‘‘In your opinion, who is mainly responsible for an adequate animal husbandry?’’ 123 214 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Table 4 Conditional Logit Parameter Estimates state a preference for free range over barn housing. As male chicks of laying hens cannot be used as fattened Variable Coef. Std. chicken, different alternatives exist to deal with this Err. issue. When compared to the status quo of killing the Mean estimates day-old chicks, consumers state preferences for bree- Status quo 0.748*** 0.107 ding for mast and laying, followed by gender sexing in Expenditures - 0.158*** 0.009 the egg and elimination of the male eggs, and the use 3.000 animals (Reference: 18.000 animals) 0.100 0.060 of spring chicken (male laying hybrids). Finally, consu- 2 2 10 animals/m (Reference: 23 animals/m ) 0.638*** 0.080 mers advocate no shortening of bills. Free range (Reference: Barn) 0.743*** 0.068 In order to analyze the WTP of consumers, we Approx. 60 days of fattening (Reference: 0.111 0.065 examine an increase of food spending for higher Approx. 32 days) farm animal welfare standards. We elicit relatively Day-old chicken (reference: day-old chicks high price premia (in terms of higher food spending) are killed) for the issue of day-old chicks. The results indicate Spring chicken (male laying hybrids) 0.793*** 0.084 higher WTP for breeding for mast and laying (?7.2€), Breeding for mast and laying 1.135*** 0.080 gender sexing in the egg and elimination of the male Gender sexing in the egg and elimination of 0.939*** 0.093 eggs (?6.0€), and spring chicken (?5.0€), i.e. male the male eggs laying hybrids, when compared to killing day-old No bill shortening (reference: bill 0.840*** 0.064 chicks. Consumers are found to be willing to increase shortening) their monthly spending by 5.3€ for animals welfare Standard deviations standards that prohibit shortening bills. The housing 3.000 animals 0.69*** 0.089 system is another important aspect analyzed in this 10 animals/m 1.562*** 0.084 study. We find additional monthly expenditures of Free range 1.073*** 0.080 4.7€ for free-range chickens, when compared to barn Approx. 60 days 1.012*** 0.074 housing. To achieve a regulation with lower densities Spring chicken (male laying hybrids) 0.783*** 0.104 2 2 of animals (10 animals/m instead of 23 animals/m ), Breeding for mast and laying 0.991*** 0.089 consumers would be willing to spend additional 4.1€ Gender sexing in the egg and elimination of 1.190*** 0.096 per month on food. the male eggs No bill shortening 1.126*** 0.069 Table 5 WTP estimates *p \ 0.05, **p \ 0.01, ***p \ 0.001 No. of observations = 21664; LR chi (8) = 1536.72; Log like- Increase in monthly food lihood =- 6066.957; Prob [ chi = 0.000 spending (in €) Maximum number of animal capacity (reference: 18.000 All estimates are significant except the maximum animals) number of animal capacity and the fattening period. 5.000 animals 0.63 (ns) However, the results of the standard deviations indi- 2 Density (reference: 23 animals/m ) cate that preference heterogeneity exists for all 10 animals/m 4.05 attributes; i.e. respondents value certain product Fattening period (reference: attributes to varying degrees. Approx. 32 days) The results show a significant preference for the approx. 60 days 0.70 (ns) status quo. 51 participants chose the status quo in all Housing system (reference: Barn) 8 choice sets presented—consistently refusing regu- Free range 4.71 latory revisions. The coefficient of expenditure is Day-old chicken (reference: negative, indicating that consumers prefer lower day-old chicks are killed) expenditures to higher ones. Spring chicken (male laying 5.03 hybrids) The maximum number of animal capacity and the Breeding for mast and laying 7.20 fattening period do not have a significant effect on choices as regards higher animal welfare standards. We Gender sexing in the egg and 5.96 elimination of the male eggs find a preference for a lower density of animals—a No bill shortening (reference: Bill 5.33 regulation with 10 animals/m is preferred over 23 2 shortening) animals/m . The housing system is another significant ns not statistically significant parameter for animal welfare standards. Consumers 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 215 heterogeneous. The size of the variation indicates In order to verify the findings of the choice experi- that some consumers value the different attribute ment, we asked respondents (n = 1420) about their levels, while others do not. The willingness to pay purchasing behavior in case the price for meat would parameters—measured in terms of a percentage increase. Around half of the consumers (49.2 %) would change from the average expenditures on meat—for not reduce their meat consumption while over a third male laying hybrids, free range and lower stocking (36.9 %) would lower it 2.7 % of the sample indicated to density are in the range of a 10 % increase in meat increase their meat consumption if higher animal expenditures. Preferences for gender sexing are welfare standards become the norm. A share of 11.2 % slightly higher. Regulations stipulating breeding for do not know if they would change their behavior. mast and laying would be favored and a willingness to spend around 15 % more per month on meat is 4 Discussion found. In our hypothetical scenario, we find a rela- tively high WTP for dual-purpose chicken, but also The objective of this study was to investigate the dif- see heterogeneous preferences. Overall, the increase ferent aspects characterizing broiler production in monthly food spending for meat between 10 % and practices that lead to concern among citizens and to 15 % can be regarded as realistic (from the consumer estimate WTP for changes in regulations. We elicited perspective) as e.g. Heise and Theuvsen (2017) found preferences of German consumers for different regu- accepted premia for products with higher animal lations as regards broiler chicken using a stated choice welfare standards of up to 40 %. However, the addi- experiment. With regard to RQ1, we find that—from a tional costs for chicken products with higher animal citizen perspective—farmers are assigned primary welfare standards needs to be investigated. Moreover, responsibility to ensure adequate animal welfare. The the acceptance e.g. of dual-purpose chicken and the state and consumers themselves are seen as further actual willingness to pay at the point-of-sale as well important actors, while the role of the retail sector is as the sensory evaluation are open questions. viewed as almost negligible. These findings correspond With regard to RQ3, we conclude that consumers to the study by Zander et al. (2013), with farmers being react differently to increasing prices for meat. While mainly responsible to ensure adequate animal hus- the majority would not change their purchase beha- bandry, followed by the state. However, the present vior, around one-third would reduce their meat study indicates a more prominent role of the consu- consumption. Only a very small share of the sample mers—21.5 % see consumers as mainly in charge would increase their meat consumption due to higher compared to 13.2 % in Zander et al. (2013). perceived animal welfare standards. Referring to cur- With respect to RQ2—consumer preferences for rent regulations in Germany, the study highlights the regulations for animal welfare for broiler produc- potential for a stronger regulatory framework from the tion—the study shows that the killing of day-old chicks citizen perspective. Consumers advocate that chicken is an issue that consumers oppose. Strong preferences have an adequate space to live, i.e. a low stocking exist for breeding for mast and laying, followed by density and an adequate housing system. Moreover, the gender sexing in the egg with the elimination of the regulator should solve the issue of killing day-old male eggs, and male laying hybrids. It must be noted chicks, in particular by focusing on breeding for mast that the survey was conducted in temporal proximity and laying, and include regulations regarding bill to the verdict of the Oberverwaltungsgericht NRW on shortening and the housing system, in particular with the killing of one-day old chicks (20 A 488/15; 20 A access to different climate zones. 530/15). Bill shortening is another issue that consumers Although we tried to reduce the hypothetical refuse as they state a relatively high willingness to pay character of this study, one has to keep in mind that a for regulation prohibiting the shortening of bills. The gap between the hypothetical and actual WTP for housing system of the broiler is also relatively import- higher animal welfare standards might exist. Analy- ant, i.e. consumers value free range over barn housing. zing actual purchase behavior using scanner data Finally, consumers value regulations enforcing lower that includes specific product details like animal densities (fewer animals/m ). The maximum number of welfare labels (which is often lacking in current data animal capacity and the length fattening period are sources) would allow investigating this issue in fur- not considered as significant parameters for animal ther detail. Moreover, other potentially important welfare. animal husbandry parameters could be included in As indicated by the significant variation in the future analyses. The complexity of the choice expe- parameters, preferences for all attributes are riment might have resulted in information overload 123 216 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft for respondents. However, we could not identify sys- method for valuing safer food. J Risk Uncertain tematic refusal to consider the options in the choice 34:123–144. https://doi.org/10.1007/s11166-007-9006- set within our sample. Despite the serious conside- 9 ration by respondents, the estimates may be Hanley N, Shogren J, White B (2001) Introduction to impacted by limited scope sensitivity (Goldberg and environmental economics. Oxford University Roosen 2007), an issue that could be investigated in Press, Oxford futures studies. Hausman J, McFadden D (1984) Specification tests for This study provides insights for legal revisions for the multinomial logit model. Econometrica adequate animal welfare standards from a citizen 52:1219–1240. https://doi.org/10.2307/1910997 perspective, while other aspects such as the view of Heise H, Theuvsen L (2017) Die Mehrzahlungsbereit- the farmers, cost issues and the implementation of schaft fu ¨r Milch, Eier und Fleisch aus new regulations also need to be considered. Future Tierwohlprogrammen: Eine repra¨sentative Ver- studies could conduct cost-benefit analyses of higher braucherbefragung. J Consum Prot Food Saf welfare standards enabling a more complete assess- 12:105–113. https://doi.org/10.1007/s00003-016-1062- ment of alternative options. 0 Hole AR, Kolstad JR (2012) Mixed logit estimation of Acknowledgment The authors thank Johanna willingness to pay distributions: a comparison of Dahlhausen for her help in planning this study and models in preference and WTP space using data the choice experiment. from a health-related choice experiment. Empir Econ 42:445–469. https://doi.org/10.1007/s00181- 011-0500-1 References Karl H, Noleppa S (2017) Kosten europa¨ischer Umweltstandards und von zusa¨tzlichen Auflagen Blaha T (2017) Wie sinnvoll sind Tierwohl-Label? in der deutschen Landwirtschaft - Eine Analyse J Consum Prot Food Saf 12:101–103. https://doi.org/ und Hochrechnung fu ¨r durchschnittliche Betriebe 10.1007/s00003-017-1105-1 und den Sektor. HFFA Research Paper, Berlin. Bundesministerium fu ¨r Erna¨hrung und Landwirt- Lagerkvist CJ, Hess S (2011) A meta-analysis of consu- schaft (2016) Statistisches Jahrbuch u ¨ber mer willingness to pay for farm animal welfare. Erna¨hrung, Landwirtschaft und Forsten - Jahrbuch Eur Rev Agric Econ 38:55–78. https://doi.org/10. 2016. Landwirtschaftsverlag GmbH, Mu ¨nster 1093/erae/jbq043 Carlsson F, Frykblom P, Lagerkvist CJ (2007) Consumer Lusk JL, Roosen J, Bieberstein A (2014) Consumer willingness to pay for farm animal welfare: mobile acceptance of new food technologies: causes and abattoirs versus transportation to slaughter. Eur roots of controversies. Annu Rev Resour Econ Rev Agric Econ 34:321–344. https://doi.org/10.1093/ 6:381–405. erae/jbm025 McFadden D (1974) Conditional logit analysis of Clark B, Stewart GB, Panzone LA, et al. (2017) Citizens, qualitative choice behavior. In: Zarembka P (ed) consumers and farm animal welfare: a meta-ana- Frontiers in Econometrics. 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Es wurde ermittelt, wie die Probanden reagieren, wenn sie mit Nachteilen eines positiv wahr- 1 1 Winnie Isabel Sonntag , Stefan Golze , Arne Kutsch- genommenen Systems und mit Vorteilen eines negativ 1 1 1 bach , Birgit Gassler , Achim Spiller wahrgenommenen Systems konfrontiert werden. Die Studie la¨sst erste Schlussfolgerungen daru ¨ber zu, wie Georg-August-Universita¨tGo ¨ttingen, Department Bu ¨rger verschiedene Nachhaltigkeitsziele gegeneinan- fu ¨r Agraro ¨konomie und Rurale Entwicklung der abwa¨gen und welche Priorisierung sie vornehmen. Marketing fu ¨r Lebensmittel und Agrarprodukte Die Ergebnisse unterstu ¨tzen politische Entscheider und winnie.sonntag@agr.uni-goettingen.de die Praxis bei der Entwicklung innovativer Tierhal- tungssysteme unter Einbeziehung von 1 Einleitung Bu ¨rgermeinungen. Eine steigende Besorgnis gegenu ¨ber intensiven Tier- 2 Vorgehensweise und Methoden haltungssystemen ist ein anhaltendes Phanomen in westlichen Gesellschaften (Van Loo et al. 2014). Ins- Vor dem Hintergrund der skizzierten Forschungslu¨- besondere Produktionsformen mit großen Tierzahlen cke wurde ein qualitatives, exploratives Vorgehen in und ganzja¨hriger Stallhaltung, die einen hohen Form von Einzelinterviews mit einem quantitativen Mechanisierungsgrad aufweisen, wie bspw. die Vorgehen in Form einer Online-Befragung Masthu ¨hnchenhaltung, werden von der Gesellschaft kombiniert. negativ bewertet (Castellini et al. 2008). Einerseits werden Geflu ¨gelprodukte aufgrund ihres geringen 2.1 Qualitative Interviews Preises und ihres erna¨hrungsphysiologischen Wertes gerne konsumiert, andererseits werden Produktsi- Fu ¨r die qualitativen Interviews wurden Bu ¨rger u ¨ber cherheit und hohe Tierwohl- und Umweltstandards Anzeigen in der Presse und sozialen Medien rekru- erwartet (De Jonge und van Trijp 2013; Vanhonacker tiert. Zwischen dem 31. Oktober und dem 03. et al. 2010). Daraus entstehen zwangsla¨ufig Zielkon- November 2016 wurden zehn 90-minu ¨tige halb- flikte, die fu ¨r Laien nicht ohne weiteres erkennbar strukturierte, intensive Leitfadeninterviews mit sind (Zander et al. 2013). Bu ¨rgern gefu ¨hrt, die keine Vorkenntnisse oder Allgemein versteht man unter einem Zielkonflikt berufliche Erfahrungen in der Landwirtschaft hatten. die Unvereinbarkeit zweier Ziele. Es kann kein Ziel Die fu ¨nf Frauen waren durchschnittlich 41 Jahre alt realisiert werden, ohne ein anderes Ziel zu ver- und die fu¨nf Ma¨nner im Durchschnitt 35 Jahre alt. nachlassigen (Laux et al. 2014). In Bezug auf die Unterstu ¨tzt von Bildern und neutral formulierten landwirtschaftliche Tierhaltung ist den meisten Bu¨r- Texten wurden Zielkonflikte bei der Auslaufhaltung gern der Zielkonflikt zwischen niedrigen Preisen fu ¨r Masthu ¨hnchen und der Bodenhaltung auf Ein- und Tierwohl gela¨ufig, allerdings existieren Zielkon- streu dargestellt (Abb. 1 und 2). Die Vor- und flikte auch zwischen verschiedenen Nachteile wurden anhand einer Literaturrecherche Nachhaltigkeitsdimensionen oder zwischen ver- identifiziert und von Experten auf Neutralitat schiedenen Tierschutzzielen (WBA 2015). Um eine begutachtet (Tab. 1). Das Vorgehen war in allen ho ¨here Akzeptanz der Tierhaltung zu erreichen, Interviews identisch. Die Probanden wurden nach muss klar sein, welche Ziele von Bu ¨rgern im Kon- einer Einfu ¨hrungsphase und der Frage nach Kon- fliktfall pra¨feriert werden. sumgewohnheiten zuna¨chst gebeten, die Bilder der Bisher ist allerdings kaum bekannt, wie Bu ¨rger Auslaufhaltung und der Bodenhaltung ohne Infor- reagieren und sich entscheiden, wenn sie sich mit mationen zu beurteilen und ihre Wahrnehmungen typischen Zielkonflikten in der Hu ¨hnchenhaltung (wie zu schildern. Danach erhielten sie die Auflistung der bspw. ho ¨herer Stickstoffeintrag vs. Tageslicht bei der Vor- und Nachteile beider Systeme. Die Interviews Auslaufhaltung) auseinandersetzen mu ¨ssen. Vor diesem wurden aufgezeichnet, anschließend transkribiert Hintergrund wurden zuna¨chst in einem innovativen und inhaltsanalytisch nach Mayring (2010) ausge- Mixed-Methods-Ansatz 10 intensive Einzelinterviews mit wertet. Dieser Auswertungsmethode folgend, deutschen Bu ¨rgern gefu ¨hrt und diese Ergebnisse wurden Aussagen zuna¨chst paraphrasiert, generali- anschließend in einer quantitativen Befragung mit 303 siert und dadurch deduktive Hauptkategorien Probanden verifiziert. In beiden Studien wurden neutral gebildet (Mayring 2010). Anschließend wurden gehaltene Informationstexte und Bilder eingesetzt, um induktive Kategorien abgeleitet und das 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 219 Kategoriensystem weiter verfeinert (Kuckarzt 2016). 4. Bewertung der identifizierten Zielkonflikte. In Somit konnten die Aussagen den gebildeten Kate- der quantitativen Befragung wurden die Redu- gorien zugeordnet werden. Die Datenanalyse erfolgt zierung der Besatzdichte sowie die mittels der Software MAXQDA. Auslaufhaltung fu ¨r Masthu ¨hnchen als Zielkon- flikte thematisiert. 2.2 Quantitative Online-Befragung Im vierten Block war das Vorgehen fu ¨r jeden Zielkonflikt identisch. Zunachst erhielten die Pro- In Anlehnung an die Ergebnisse der qualitativen banden gleichzeitig Bilder und Informationstexte mit Interviews wurde im Marz 2017 eine deutschland- Vor- und Nachteilen des jeweiligen Systems (Abb. 1 weite Online-Umfrage mit Quoten fu ¨r Alter, bis 2 und Tab. 1). Nach der Informationsgabe wurden Geschlecht und Bildung in Zusammenarbeit mit die Teilnehmer gebeten, einzelne Zielkonflikte zum einem Panel-Anbieter durchgefu ¨hrt. Insgesamt wur- jeweiligen System zu bewerten. Ziel war herauszu- den 303 deutsche Bu ¨rger u ¨ber 18 Jahre befragt. Der finden, wie sich die Teilnehmer bei Konflikten Fragebogen gliederte sich in 4 Blo ¨cke: zwischen verschiedenen Nachhaltigkeitszielen (wie 1. Allgemeine soziodemographische Angaben, z.B. Tierwohl vs. Umweltschutz) und zwischen 2. Na¨he zur Landwirtschaft und Konsumverhalten, altruistischen und egoistischen Zielen (wie z.B. Tier- 3. Einstellungsfragen zum Informations- und Ein- wohl vs. Produktqualita¨t) entscheiden. Die kaufsverhalten sowie zur Tierwohldiskussion Auswertung der erhobenen Daten wurde mittels IBM und SPSS 24 durchgefu¨hrt. 123 220 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Abb. 1 Eingesetzte Bilder zum Zielkonflikt Bodenhaltung auf Einstreu Abb. 2 Eingesetzte Bilder zum Zielkonflikt Auslaufhaltung 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 221 Tab. 1 Informationen fu ¨r die Interviewteilnehmer Vorteile Nachteile Bodenhaltung 1 Umweltparameter wie Temperatur, Licht und Aufgrund der hohen Tierzahlen kommt es bei den Luftwechselrate ko ¨nnen kontrolliert werden Ha ¨hnchen zu Behinderungen beim Aufstehen und Bewegen 2 Emissionen wie Geruch oder La ¨rm sind verringert Dies hat eine Bewegungseinschra ¨nkung fu ¨r die Ha ¨hnchen zur Folge 3 Durch Stallhaltung wird die physiologische Entwicklung Das Ausu ¨ben natu ¨rlicher Verhaltensweisen ist erschwert der Tiere optimiert. Sie ist o ¨konomisch sehr effizient und weniger arbeitsintensiv 4 Hygienische Probleme durch Krankheitsu ¨bertra ¨ger aus Die Tiere weisen mehr Befiederungsdefekte durch der Umwelt sind minimiert Kratzverletzungen auf 5 Erho ¨hte Tiersicherheit, da die Tiere nicht mit Kotplatz und Liegebereich ko ¨nnen aufgrund der Beutegreifern in Kontakt kommen Besatzdichte weniger getrennt werden 6 Durch Intensivhaltung großer Tierzahlen verringert sich Die Gefahr von Infektionen durch Ausscheidungen ist der Fla ¨chenbedarf pro Tier vergro ¨ßert Auslaufhaltung 1 Es wird den Tieren ermo ¨glicht in Interaktion mit der Mit diesem System sind erho ¨hte Investitions- und Umwelt zu treten. Die Ha ¨hnchen haben Wahlfreiheit Betriebskosten verbunden zwischen verschiedenen Klimabedingungen und Zugang zum Tageslicht 2 Sozialverhalten und arttypisches Verhalten wie scharren, Durch den ho ¨heren Platzbedarf und die erweiterten picken oder sandbaden ko ¨nnen besser ausgelebt Bewegungsmo ¨glichkeiten der Tiere, die zu einem werden erho ¨hten Futterverbrauch fu ¨hren, ist die Haltung kostenintensiver 3 Die Tiere weisen weniger Befiederungsdefekte durch Aufgrund des Kontakts zur Außenwelt und Wildvo ¨geln ist Kratz- und Pickverletzungen auf der Hygienestatus schwerer aufrecht zu halten, da eine erho ¨hte Gefahr der Aufnahme von Krankheitserregern besteht 4 Die Tiere haben weniger schwere La ¨sionen an den Der Kontakt zu Beutegreifern verringert die Fußballen Tiersicherheit 5 Es steht mehr Platz pro Tier zur Verfu ¨gung Es kommt zu einer Ubernutzung des stallnahen Bereiches, indem die Grasnarbe zersto ¨rt wird und starke Uberdu ¨ngung stattfindet 6 Die Tiere leben in der Regel la ¨nger Insgesamt erweist sich dieses System als arbeitsintensiver Quelle: Bessei 2006; Dawkins et al. 2003; Ellendorff et al. 2002; Fanatico et al. 2005; Feddes et al. 2002; Ghosh et al. 2012; Knierim 2013; Puron et al. 1995; Reiter und Bessei 2000; Stahl et al. 2002; Tuyttens et al. 2008; Wolf-Reuter 2004 3 Ergebnisse 3.1.2 Konfrontation mit Zielkonflikten Nur drei Probanden konnten auf die Frage, was unter 3.1 Qualitative Interviews einem Zielkonflikt zu verstehen sei, eine konkrete Antwort geben. Die restlichen Teilnehmer erkla¨rten, 3.1.1 Einscha¨tzung des eigenen Wissensstandes und nicht zu wissen, was ein Zielkonflikt sei. Zur Konsumverhaltens Unterstu ¨tzung wurde deshalb ein thematisch ent- Das Vorwissen und die Erfahrungen zum Thema ferntes Beispiel genannt (Geldanlage mit niedrigem Hu ¨hnchenmast waren bei den Probanden eher ger- Risiko aber auch geringer Rendite). Anschließend ing. Direkten Kontakt zur Hu ¨hnchenmast hatten wurde offen abgefragt, welche Zielkonflikte in der lediglich 2 der Befragten. Auf die Frage, wie sich die Haltung von Masthu ¨hnchen vorliegen ko ¨nnten. Interviewten aktuelle Haltungsformen in der Hu ¨hn- Neun von zehn Probanden konnten mindestens chenmast vorstellen, wurden fast ausschließlich einen Zielkonflikt nennen. Die ha¨ufigsten Beispiele negative Begriffe verwendet. Unter den Probanden waren der Konflikt zwischen Produktpreis bzw. Zah- befanden sich eine Veganerin, ein Vegetarier und lungsbereitschaft und Qualita¨t der Tierhaltung bzw. acht Fleischesser. Der Fleischkonsum der Fleischesser des Fleisches. schwankte von einer Fleischmahlzeit pro Woche bis hin zum ta¨glichen Fleischkonsum. Sieben Probanden aßen auch Hu ¨hnchenfleisch. 123 222 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Bodenhaltung auf Einstreu nicht ausschlaggebend. Die erschwerte Aufrechter- Beim Fallbeispiel Bodenhaltung auf Einstreu wur- haltung des Hygienestatus wurde negativ bewertet den die Probanden zuna¨chst gebeten Bilder (Abb. 1 und weckte bei den Probanden die Sorge, dass die und 2) ohne Informationen zu bewerten. Insgesamt Tiere mehr Antibiotika bekommen, sich dadurch die beschrieben die Teilnehmer ihre Wahrnehmungen Fleischqualitat verschlechtert und somit auch die als negativ. Ein Großteil der Befragten a¨ußerte eigene Gesundheit negativ beeinflusst wird. Insge- Besorgnis u ¨ber das Wohl der Tiere in dieser Hal- samt gaben die Probanden aber an, dass sich ihr tungsform. Vor allem, dass die Tiere zumindest positiver Eindruck des Haltungssystems durch die zur ¨ ¨ Tageslicht sehen, wurde als Wunsch geaußert. Verfu ¨gung gestellte Information noch verstarkt habe Anschließend erhielten die Probanden Texte mit Vor- und dass es anzustreben sei, deutlich mehr Tiere in und Nachteilen (Zielkonflikten) des jeweiligen Hal- diesem System zu halten. tungssystems. Sie wurden erneut gebeten ihre Quantitative Befragung Wahrnehmungen zu beschreiben und sich fu ¨r eine Auf Basis der Ergebnisse der Interviews wurde eine Argumentationsrichtung, also entweder fu ¨r die Vor- Online-Befragung mit 303 Teilnehmenden durch- oder die Nachteile, zu entscheiden. Wa¨hrend die gefu ¨hrt. Es nahmen insgesamt 48,8 % ma¨nnliche und Nachteile allen Befragten fast ausnahmslos bekannt 51,2 % weibliche Teilnehmende an der Online-Befra- waren, erschienen die Vorteile u ¨berwiegend neu. Die gung teil. Diese waren im Mittel 48,6 Jahre alt und ¨ ¨ Probanden außerten gro ¨ßtenteils Verstandnis fu ¨r die gro ¨ßtenteils Angestellte (35,3 %) und Rentner (26,1 %), Tierhalter und konnten die genannten Vorteile des die oftmals in Zwei-Personen-Haushalten (43,6 %) Systems nachvollziehen. Dieses Versta¨ndnis wollten oder in Single-Haushalten (29,0 %) lebten. Insgesamt die Probanden jedoch nicht als Akzeptanz verstanden spiegelt die Stichprobe die deutsche Bevo ¨lkerung wissen. Zu den plausiblen Argumenten za¨hlte in relativ gut wider. erster Linie die erho ¨hte Kontrolle der Umweltpara- Einscha¨tzung des eigenen Wissensstandes und meter wie Temperatur, Licht und Luftwechselrate. Konsumverhaltens Mehrmals genannt wurde auch die o ¨konomische Bei der Frage nach ihrem Bezug zur Masthu ¨hn- Effizienz, wobei dies als positiv fu ¨r die Produzenten chenhaltung scha¨tzten die Probanden ihr Interesse und nicht fu ¨r das Tier oder die Verbraucher gewertet an der Landwirtschaft (73,6 %) und an der Hu ¨hn- wurde. Dass mit dem geschlossenen System eine chenhaltung (76,5 %) als mittel bis sehr hoch ein. Das Minimierung hygienischer Probleme durch Krank- eigene Wissen u ¨ber die Hu ¨hnchenhaltung wurde heitsu ¨bertra¨ger aus der Umwelt einhergeht, wurde hingegen als mittel bis gering bewertet (75,2 %). als vorteilhaft empfunden. Als nachteilig fu ¨hrten die 93,7 % der Probanden kaufen Fleisch und Wurstwa- Probanden das unnatu ¨rliche und nicht arttypische ren und rund 80 % der Befragten essen mehrfach pro Verhalten der Hu ¨hnchen in einem solchen System Woche bis ta¨glich Fleisch. an. Insgesamt bewertete eine Probandin abschließ- Konfrontation mit Zielkonflikten end die Bodenhaltung als positiv, die anderen 9 Nachdem die Probanden Bilder und Informati- Teilnehmer gewichteten die Nachteile der Boden- onstexte zu den jeweiligen Haltungsformen erhalten haltung sta¨rker. Die zur Verfu ¨gung gestellte hatten (s. Tab. 1 und Abb. 1 und 2 im Anhang), wur- Information fu ¨hrte nach eigener Angabe bei keinem den sie gebeten, Zielkonflikte anhand einer Probanden zu einer vera¨nderten Wahrnehmung der 5-stufigen Skala (von ,,stimme voll und ganz zu‘‘ bis Bodenhaltung auf Einstreu. ,,stimme ganz und gar nicht zu‘‘) zu bewerten. Auslaufhaltung fu¨r Masthu¨hnchen Reduzierung der Besatzdichte Nachfolgend wurden die Probanden mit Bildern Bei den Zielkonflikten zur Reduzierung der und Zielkonflikten der Auslaufhaltung konfrontiert. Besatzdichte entschied sich der Großteil der Teilneh- Die Bilder der Auslaufhaltung wurden sehr positiv mer fu ¨r das Wohl der Tiere (s. Tab. 2). Weder ein bewertet. Vereinzelt schlossen einige Probanden geringer Preis noch eine bessere wirtschaftliche aufgrund der Auslaufhaltung auch auf ein hochwer- Situation des Landwirts oder eine gleichbleibende tigeres Nahrungsmittel. Ein weiterer, oft Produktqualita¨t konnten fu ¨r die Probanden Ein- wiedergegebener Vorteil war, dass sich die Tiere schra¨nkungen des Tierwohls rechtfertigen. Lediglich durch die Interaktion mit der Umwelt arttypischer ein guter Gesundheitszustand der Tiere, bedingt verhalten ko ¨nnten. Auf der Seite der Nachteile wurde durch moderne Stalltechnik und optimales Stallma- die Problematik der erho ¨hten Betriebskosten und des nagement, fu ¨hrte zu etwas Unsicherheit in der Arbeitsaufwandes verdeutlicht, fu ¨r die perso ¨nliche Bewertung. Beurteilung dieses Haltungssystems war dies aber 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 223 Tab. 2 Bewertung der Zielkonflikte zur Reduzierung der Auslaufhaltung Besatzdichte ¨ Ahnliche Resultate fanden sich bei der Bewertung der Zielkonflikte der Auslaufhaltung (s. Tab. 3). So Zielkonflikt Stimme voll Teils/teils Stimme nicht zu Reduzierung der und ganz zu & stimme ganz nahm der Großteil der Probanden negative Auswir- Besatzdichte & stimme zu und gar nicht zu kungen der Auslaufhaltung auf die Umwelt und eine Erho ¨hung des Preises in Kauf, wenn es den Es ist akzeptabel, dass die Tiere weniger Platz haben, wenn … Tieren im Gegenzug besser geht. Eine erho¨hte der Fleischpreis 9% 18% 73% Infektionsgefahr durch pathogene Erreger und gering bleibt Keime wurde als Zielkonflikt noch am starksten die Landwirte 14% 31% 55% kostendeckend gewichtet, trotzdem u¨berwogen die Pra¨ferenzen fu¨r arbeiten ko ¨nnen die Auslaufhaltung. die Fleischqualita¨t 19% 26% 55% gleich bleibt die Tiere durch den 35% 28% 37% Tab. 3 Bewertung der Zielkonflikte zur Auslaufhaltung Einsatz von moderner Zielkonflikt Stimme Teils/teils Stimme nicht Stalltechnik und Auslaufhaltung voll und zu & stimme gutem ganz zu & ganz und gar Stallmanagement stimme zu nicht zu gesund sind Ein gesteigerter Na ¨hrstoffeintrag (Nitrat) in den Boden ist Es ist akzeptabel, dass die Tiere unter erho ¨hten Stresslevels akzeptabel, wenn … leben, wenn … die Tiere Zugang 51% 30% 19% der Fleischpreis 8% 16% 76% zu Tageslicht und gering bleibt frischer Luft die Landwirte 12% 21% 67% haben kostendeckend die Tiere ihre 61% 25% 14% arbeiten ko ¨nnen arttypischen die Fleischqualita¨t 12% 21% 67% Verhaltensmuster gleich bleibt ausu ¨ben ko ¨nnen die Tiere durch den 22% 23% 54% die Tiere sich 63% 24% 13% Einsatz von besser moderner fortbewegen Stalltechnik und Eine ho ¨here Gefahr der Infektion mit Krankheiten ist gutem akzeptabel, wenn … Stallmanagement gesund sind die Tiere Zugang 46% 34% 20% zu Tageslicht und Es ist akzeptabel, dass die Tiere zum Ende der Mastperiode auf frischer Luft feuchter Einstreu leben, wenn … haben der Fleischpreis 5% 17% 78% die Tiere ihre 52% 29% 19% gering bleibt arttypischen die Landwirte 8% 22% 70% Verhaltensmuster kostendeckend ausu ¨ben ko ¨nnen arbeiten ko ¨nnen die Tiere sich 55% 27% 18% die Fleischqualita¨t 10% 22% 68% besser gleich bleibt fortbewegen die Tiere durch den 17% 26% 57% Eine ho ¨here Gefahr durch Angriffe von Raubtieren ist Einsatz von akzeptabel, wenn … moderner die Tiere Zugang 61% 27% 12% Stalltechnik und zu Tageslicht und gutem frischer Luft Stallmanagement haben gesund sind die Tiere ihre 65% 26% 9% Quelle: Eigenen Erhebung, n = 303 arttypischen Verhaltensmuster ausu ¨ben ko ¨nnen die Tiere sich 66% 25% 9% besser fortbewegen 123 224 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Tab. 3 continued gro ¨ßerer Bedeutung als egoistische Ziele, wie bspw. ein geringer Verbraucherpreis oder die Produkt- Zielkonflikt Stimme voll Teils/teils Stimme nicht zu qualita¨t. In gleichem Maße entschieden sich Bu ¨rger Auslaufhaltung und ganz zu & stimme ganz & stimme zu und gar nicht zu fu ¨r das Wohl der Tiere, auch zu Lasten von anderen Nachhaltigkeitszielen wie dem Umweltschutz. Bei Ein ho ¨herer Preis fu ¨r Ha ¨hnchenfleisch ist gerechtfertigt, wenn … Zielkonflikten innerhalb des Tierschutzes wurde das die Tiere Zugang zu 71% 20% 9% Ausleben von natu ¨rlichen Verhaltensmustern ho ¨her Tageslicht und gewichtet als die Tiergesundheit, hier war die frischer Luft haben Abwagung allerdings weniger eindeutig. Wirt- die Tiere ihre 73% 18% 9% arttypischen schaftlichkeitsgesichtspunkte fu ¨r die Landwirte Verhaltensmuster za¨hlten im Konfliktfall besonders wenig. Zudem ausu ¨ben ko ¨nnen zeigte sich in den Interviews, dass Probanden von die Tiere sich besser 75% 17% 8% einer schlechten Haltung teilweise auch auf eine fortbewegen nachteilige Produktqualita¨t schließen und Gefahren Trockeneres Geflu ¨gelfleisch ist gerechtfertigt, wenn … fu ¨r die eigene Gesundheit ableiten. die Tiere Zugang zu 56% 29% 15% Auch wenn die quantitative Studie aufgrund der Tageslicht und frischer Luft haben mit rund 300 Probanden begrenzten Stichprobe die Tiere ihre 58% 27% 15% nicht reprasentativ fu ¨r die deutsche Bevo ¨lkerung ist, arttypischen so lassen sich dennoch vorsichtige Schlussfolgerun- Verhaltensmuster gen ableiten. Insgesamt verbesserte sich trotz ausu ¨ben ko ¨nnen ausgeglichener, neutraler Information durch Bilder die Tiere sich besser 59% 26% 15% und Texte die Wahrnehmung von als negativ emp- fortbewegen fundenen Systemen (Bodenhaltung auf Einstreu, Quelle: Eigenen Erhebung, n = 303 hohe Besatzdichte) nicht. Auch fu ¨hrte die Konfron- tation mit Nachteilen der als positiv empfundenen Auslaufhaltung nicht dazu, dass Probanden diese 4 Schlussfolgerungen Haltungsform kritisch sahen. Daraus la¨sst sich ableiten, dass eine bu ¨rgernahe Bislang wurde der Umgang von Bu ¨rgern mit Ziel- Kommunikationsstrategie, die auf Aufklarung und konflikten in der Tierhaltung lediglich als Informationen setzt, wenig erfolgreich sein wird, Nebenbefund thematisiert (Zander et al. 2013). Der Systeme mit negativem Image positiv darzustellen. innovative Zugang eines Mixed-Methods-Ansatzes, Sehen sich Bu ¨rger mit Zielkonflikten konfrontiert, der die Bu ¨rgerwahrnehmung und -bewertung der dominiert das Tierwohl. Das deutet darauf hin, dass Masthu ¨hnchenhaltung sowohl qualitativ als auch Haltungssysteme, die Tierwohlaspekte nicht beru¨ck- quantitativ detailliert darstellt, liefert daher wertvolle sichtigen, langfristig schwer zu vermitteln sein Hinweise fu ¨r nachhaltige Vera¨nderungsprozesse in werden. In den qualitativen Interviews wurde immer der Tierhaltung. Insbesondere in Kombination mit wieder angesprochen, dass die Landwirtschaft die den Ergebnissen von Rovers et al. 2017 (in diesem Zielkonflikte mo ¨glichst durch Innovationen auflo ¨sen Heft) wird so ein breiteres Versta¨ndnis von Bu ¨rge- mu ¨sste. Hieraus ergeben sich umfangreiche For- rerwartungen und -wahrnehmungen geschaffen. Die schungsdesiderate fu ¨r die Nutztierwissenschaften. explorativen Ergebnisse zeigen, dass ein Bewusstsein fu ¨r Zielkonflikte in der Tierhaltung im Allgemeinen und in der Hu ¨hnchenmast im Besonderen bei Bu¨- Literatur rgern kaum bis gar nicht vorhanden ist. Den Befragten ist meist nicht bekannt, dass die mehr- Bessei W (2006) Welfare of broilers - a review. Worlds heitlich pra¨ferierten Haltungssysteme auch Nachteile Poult Sci J 62:455–466 aufweisen. Entsprechend wurden die Probanden im Castellini C, Berri C, Le Bihan-Duval E, Martino G zweiten Schritt mit balancierten Informationen (2008) Qualitative attributes and consumer per- (gleich vielen Vor- wie Nachteilen) zu unterschiedli- ception of organic and free-range poultry meat. chen Haltungssystemen konfrontiert. Worlds Poult Sci J 64:500–512 Bei der Analyse der Bewertung vorgegebener Dawkins MS, Cook PA, Whittingham MJ, Mansell KA, Zielkonflikte zeigte sich, dass das Wohl der Tiere Haroer AE (2003) What makes free-range broiler dominiert. So war ein hoher Tierwohlstatus von 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 225 chickens range? In situ measurement of habitat Puron D, Santamaria R, Segura JC, Alamilla JL (1995) preference. Anim Behav 66:151–160 Broiler performance at different stocking densities. De Jonge J, van Trijp HC (2013) Meeting heterogeneity J Appl Poult Res 4:55–60 in consumer demand for animal welfare: a Reiter K, Bessei W (2000) Einfluß der Besatzdichte bei reflection on existing knowledge and implications Broilern auf die Temperatur in der Einstreu und im for the meat sector. J Agric Environ Ethics Tierbereich. Arch Geflugelkd 64:204–206 26:629–661 Stahl P, Ruette S, Gros L (2002) Predation on free- Ellendorf F, Berk J, Da¨nicke S et al. (2002) Interdiszi- ranging poultry by mammalian and avian preda- plinare Bewertung unterschiedlich intensiver tors. Field loss estimates in a French rural area. Produktionssysteme von Masthu ¨hnchen unter Mammal Rev 32:227–234 Aspekten von Tierschutz, Produktqualita¨t, Umwelt, Tuyttens F, Heyndrickx M, de Boeck M et al. (2008) Wirtschaftlichkeit. Agrar-oder Verbraucherwende: Broiler chicken health, welfare and fluctuating Wer bestimmt den Markt?:20–41 asymmetry in organic versus conventional pro- Fanatico AC, Cavitt LC, Pillai PB, Emmert JL, Owens duction systems. Livest Sci 113:123–132 CM (2005) Evaluation of slower-growing broiler Van Loo EJ, Caputo V, Nayga RM, Verbeke W (2014) genotypes grown with and without outdoor access: Consumers’ valuation of sustainability labels on meat quality. Poultry Sci 84:1785–1790 meat. Food Policy 49:137–150 Feddes JJ, Emmanuel EJ, Zuidhof MJ (2002) Broiler Vanhonacker F, Van Poucke E, Tuyttens F, Verbeke W performance, bodyweight variance, feed and water (2010) Citizens’ views on farm animal welfare and intake, and carcass quality at different stocking related information provision: Exploratory insights densities. Poultry Sci 81:774–779 from flanders, Belgium. J Agric Environ Ethics Ghosh S, Majumber D, Goswami R (2012) Broiler per- 23:551–569 formance at different stocking densities. 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Beltz, Weinheim richt, Braunschweig 123 226 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Mehr als eine Nische? Das Potenzial des Bezug auf potenzielle Marketingstrategien fu ¨r Fleisch Zweinutzungshuhns als Alternative zum und Eier von grundlegender Bedeutung. Das Ziel Ku ¨kento ¨ten unserer Untersuchungen besteht daher darin, die Akzeptanzvoraussetzungen von Produkten der 1 2 1 Nanke Bru ¨mmer,Jo ¨rg Luy , Anja Rovers , Inken Zweinutzungshu ¨hner beim Verbraucher zu erfassen Christoph-Schulz und zu verstehen. Dazu wurde eine Forschungsko- operation mit dem von Prof. Dr. Silke Rautenschlein Thu ¨nen-Institut fu ¨r Marktanalyse, Braunschweig koordinierten Forschungsprojekt ,,IntegHof – Geflu¨- Privates Forschungs- und Beratungsinstitut fu¨r gelhaltung neu strukturiert‘‘ der Tierarztlichen angewandte Ethik und Tierschutz INSTET gGmbH, Hochschule Hannover initiiert. Im IntegHof-Projekt Berlin wird das Zweinutzungshuhn aus Sicht der Tierge- nanke.bruemmer@thuenen.de sundheit, der Wirtschaftlichkeit, des Tierverhaltens sowie der Verbraucher untersucht. 1 Einleitung 2 Methodik Durch das Gerichtsurteil des Oberverwaltungsge- richts Mu ¨nster im Mai 2016 ru ¨ckte das To ¨ten Um die komplexe und weitgehend unerforschte The- ma¨nnlicher Eintagsku ¨ken der Legehennenlinien in matik der Verbrauchersicht auf das Zweinutzungshuhn den Fokus der Offentlichkeit. Das Gerichtsurteil zu untersuchen, haben wir uns fu ¨r eine qualitative besagt, dass das To ¨ten der ma¨nnlichen Eintagsku ¨ken Methode entschieden, die induktiv entwickelt wurde. aus wirtschaftlichen Gru ¨nden gerechtfertigt sei, da Als Folge einer sich rasch vera¨ndernden Welt und auf- bisher noch keine praktikablen Alternativen zur To¨- kommender Herausforderungen gewinnen induktive tung vorliegen (Beckmann 2016). Zuvor war nicht Methoden an Bedeutung, weil sie besser als deduktive vielen Bu ¨rgern bewusst, dass in Deutschland ja¨hrlich Ansa¨tze auf Vera¨nderungen im sozialen Kontext rea- mehr als 45 Mio. ma¨nnliche Eintagsku ¨ken von gieren ko ¨nnen (Flick 2009). Um die qualitativen Daten Legelinien geto ¨tet werden, was sich durch die medi- zu generieren, wurden Gruppendiskussionen durch- ale Berichterstattung schlagartig a¨nderte. gefu ¨hrt. Gruppendiskussionen sind eine empirische Das To ¨ten von Eintagsku ¨ken ist sowohl in der kon- Forschungsmethode mit Fokus auf Gruppendynami- ventionellen als auch in der o ¨kologischen Haltung von ken und Interaktionen zwischen den Teilnehmern Legehennen u ¨blich, weil die Mast der ma ¨nnlichen (Finch und Lewis 2003). Laut Morgan (1997) sind Grup- Ku ¨ken der Legelinien aufgrund der geringen Mast- pendiskussionen eine Forschungsmethode, bei welcher leistung unrentabel ist (Damme 2015; Rautenschlein Daten durch Gruppeninteraktionen zu einem vorge- 2016). Die Geschlechtsbestimmung im Ei, die Mast der gebenen Thema gesammelt werden. Ziel ist es, eine mannlichen Tiere der Legehybriden oder Zweinut- Atmospha¨re zu schaffen, die eine nahezu natu ¨rliche zungshuhnrassen bilden drei Alternativen zur Konversation mit vielfa ¨ltigen Meinungen und Aussa- Eintagsku¨kento ¨tung (Bruijnis et al. 2015). Als Zwei- gen fo ¨rdert (Lamnek 2005). Daru ¨ber hinaus fu ¨hrt die nutzungshuhn werden Rassen bezeichnet, die sich Konversationssituation mit anderen Teilnehmern zu sowohl fu ¨r die Eier- als auch fu ¨r die Fleischproduktion tieferen Einsichten in Motivationen und Rechtferti- eignen. Zu ¨chter von Zweinutzungshu ¨hnern stehen gungen und stimuliert neue Gedanken (Finch und allerdings vor dem Problem, dass sich schnelles Lewis 2003). Fleischwachstum und eine hohe Legeleistung schlecht Die insgesamt sechs Gruppendiskussionen fu¨r miteinander vereinbaren lassen, denn die Hennen die vorliegende Studie wurden im Juni 2016 mit legen weniger und kleinere Eier und die Hahne setzen jeweils sechs bis acht Teilnehmern in Berlin, Mu¨n- weniger Fleisch an und beno ¨tigen mehr Zeit und chen und Cloppenburg durchgefu¨hrt. Die Futter fu ¨r das Wachstum (Leenstra et al. 2011; Gras- Teilnehmer wurden von einem Marktforschungs- horn 2013). Folglich haben Eier und Fleisch von unternehmen rekrutiert und waren Konsumenten Zweinutzungshu ¨hnern andere Eigenschaften und von Hu ¨hnerfleisch und Eiern. Personen mit einem sind teurer als Produkte von spezialisierten Hu ¨hner- beruflichen Hintergrund im Bereich Landwirt- rassen (Koenig et al. 2012; Kaufmann et al. 2016). schaft, Lebensmittelindustrie oder Marktforschung Die Konsumentenakzeptanz von Produkten der wurden von den Diskussionen ausgeschlossen. Zweinutzungshu ¨hner ist fu ¨r weitere Anstrengungen von Zu ¨chtern, Landwirten und schließlich auch in Kreisstadt in einer Region mit intensiver Geflu ¨gelhaltung in Niedersachsen. 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 227 Daru ¨ber hinaus wurden Quoten fu ¨r das Alter (zwi- einige Teilnehmer zwischen Eiern zum Kochen und schen 20 und 70 Jahren), Geschlecht (Anteil der Backen oder Fru ¨hstu ¨ckseiern unterscheiden und daher Ma¨nner und Frauen zwischen 33,3 % und 66,6 %) bevorzugt Freiland- oder Bio-Eier als Fru ¨hstu¨ckseier und Bescha¨ftigung (Anteil der Bescha¨ftigten ca. verwenden wu ¨rden, wobei das Haltungssystem bei 67 %) beru ¨cksichtigt. Das genaue Thema war im Eiern fu ¨r verarbeitete Lebensmittel als weniger Vorfeld nicht bekannt und wa¨hrend der Diskus- bedeutend eingestuft wurde. Nur wenige Diskussions- sionen wurden keine Informationen gegeben oder teilnehmer erklarten, dass sie ausdru ¨cklich weiße oder Fragen beantwortet. Der Leitfaden enthielt zuerst braune Eier wegen ihrer Assoziationen mit den Hal- Fragen zum Eier- und Hu ¨hnchenfleischkonsum tungsbedingungen der Hu ¨hner kaufen wu ¨rden. Es sowie zum Einkaufsverhalten. Anschließend wur- wurde erwa ¨hnt, dass zu Ostern bevorzugt weiße Eier den die Vorstellungen zur derzeitigen Legehennen- gekauft wu ¨rden, um diese besser fa ¨rben zu ko ¨nnen. In und Masthu ¨hnchenhaltung erfasst und u¨ber die Bezug auf die Ei-Gro¨ßewaren dieMeinungen vielfa¨lti- Eintagsku¨kento¨tung sowie mo¨gliche Alternativen ger. Einige Diskussionsteilnehmer erla ¨uterten, dass sie zu dieser Praxis gesprochen. Anschließend wurde nicht auf die Ei-Gro ¨ße achten wu ¨rden, wohingegen zum Konzept des Zweinutzungshuhns u ¨bergeleitet, andere sagten, dass sie vorzugsweise große Eier Vor- und Nachteile diskutiert und wichtige Kauf- auswahlen wu ¨rden. Zusammengefasst wurden das kriterien fu ¨r die Produkte erfasst. Abschließend Haltungssystem, eine regionale Herkunft, das Min- wurde noch u ¨ber das Thema einer mo¨glichen desthaltbarkeitsdatum und die Unversehrtheit als Mehrzahlungsbereitschaft gesprochen. Die Diskus- wichtigste Kaufkriterien bei Eiern identifiziert. sionen dauerten 90 Minuten und wurden audio- und videogestu ¨tzt aufgezeichnet und anschließend 3.2 Allgemeine Wahrnehmungen der Hu ¨hnerhaltung transkribiert. Die Transkripte wurden schließlich inhaltsanalytisch nach Mayring (2015) ausgewertet. Die spontanen Außerungen der Teilnehmer zur Hu ¨h- nerhaltung wurden von Begriffen wie ‘‘Tierfabriken’’, 3 Ergebnisse ‘‘Mangel an Transparenz’’ und ‘‘Profitgier’’ dominiert. In Bezug auf die Haltung der Legehennen waren die Dis- 3.1 Kaufkriterien fu¨r Hu ¨hnerfleisch und Eier sowie kussionsteilnehmer vor allem u ¨ber die Qualitatdes Konsumgewohnheiten Futters besorgt. Es wurde vermutet, dass die Hu ¨hner mit ‘‘Mu ¨ll’’ gefu ¨ttert wu ¨rden und sich dies in der Eiqualitat Zu Beginn der Diskussionen wurden die Teilnehmer widerspiegelt. In diesem Zusammenhang wurde auch nach ihren Konsumgewohnheiten hinsichtlich Hu ¨h- das Ku ¨rzen der Schnabel thematisiert. Das Bild von Hu ¨h- nerfleisch und Eiern gefragt. Die am ha ¨ufigsten nern in Ka¨figen, in welchen diese zusammengepfercht genannten Kaufkriterien bei Hu ¨hnerfleisch waren die gehalten wu ¨rden und keinen Platzfu ¨r Bewegung ha¨tten, Fleischfarbe, das Mindesthaltbarkeitsdatum und eine war noch pra¨sent, obwohl die konventionelle Ka¨fighal- regionale Herkunft. Auch eine o ¨kologische Tierhaltung tung seit 2010 in Deutschland verboten ist. Die war ein Aspekt, der mehrfach genannt wurde. Einige Vorstellung der Haltung von Masthu ¨hnchen war von der Teilnehmer erkla¨rten, dass sie nicht in der Lage seien, Idee gepra¨gt, dass diese den ganzen Tag fressen mu ¨ss- sich Bio-Hu ¨hnerfleisch zu leisten und daher konven- ten, um an Gewicht zuzunehmen. Die tionell produziertes Hu ¨hnerfleisch kaufen wu ¨rden. In Diskussionsteilnehmer vermuteten auch, dass es keine diesem Zuge wurde auch erwahnt, dass die Haltungs- akzeptable Mensch-Tier-Beziehung geben wu ¨rde und bedingungen aufgrund der Angaben auf der dass die Stallarbeiter die Tiere nicht angemessen Verpackung schwierig nachzuvollziehen seien. In behandeln wu ¨rden. Die Vermutung der prophylak- Bezug auf die Konsumgewohnheiten wurde u ¨berdies tischen Gabe von Antibiotika wurde von den Diskutan- deutlich, dass die Diskutanten Teilstu ¨cke wie Hu ¨hner- ten wiederholt kritisch thematisiert. Zudem wurde brust oder -flu¨gel gegenu ¨ber einem ganzen Huhn u ¨berwiegend die Auffassung vertreten, dass Freiland- bevorzugen. Nur sehr wenige Diskussionsteilnehmer haltung am ehesten den Erwartungen an eine gaben an, gelegentlich ein ganzes Huhn zu kaufen und artgerechte Tierhaltung entspra¨che. viele hatten noch nie ein ganzes Huhn zubereitet. Im Hinblick auf den Kauf von Eiern gaben einige 3.3 Moralische Bedenken und Alternativen zum Diskussionsteilnehmer an, nicht auf das Haltungssys- Ku ¨kento ¨ten tem zu achten. Fu ¨r andere Diskutanten war dieser Aspekt sehr wichtig, sie wu ¨rden vor allem Freiland- Das Thema des To ¨tens ma¨nnlicher Eintagsku ¨ken oder Bio-Eier einkaufen. Ein weiterer Punkt war, dass wurde in jeder Gruppendiskussion von den 123 228 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Diskutanten ohne konkrete Nachfrage durch die Zweinutzungshuhns erkla¨rt. Die Reaktionen waren Diskussionsleitung angesprochen. Den meisten Teil- u ¨berwiegend positiv, aber es wurden auch Bedenken nehmern war diese ga¨ngige Praxis in der gea¨ußert. Der am ha¨ufigsten genannte negative Legehennenhaltung bewusst. Dies ko ¨nnte auch auf Aspekt war der ho ¨here Preis fu ¨r Fleisch und Eier von die Tatsache zuru ¨ckzufu ¨hren sein, dass das Thema zu Zweinutzungshu ¨hnern. Die positiven Aspekte betra- diesem Zeitpunkt in den Medien aufgrund des fen in erster Linie ethische Aspekte, da die ¨ ¨ Gerichtsurteils zum Eintagsku ¨kento ¨ten sehr prasent mannlichen Ku ¨ken der Zweinutzungsrassen nicht als war. Viele Diskussionsteilnehmer dru ¨ckten ihre Eintagsku ¨ken geto ¨tet werden. Einige Teilnehmer Empo ¨rung u ¨ber das To ¨ten der Eintagsku ¨ken aus. vermuteten, dass die Fleischqualitat aufgrund einer Aussagen wie ‘‘Wenn man sich vorstellt, das sind la¨ngeren Mastdauer und eines langsameren Menschen. Die Jungen werden geschreddert und an Fleischwachstums besser sein ko ¨nnte. Andere emp- Tiere verfu ¨ttert. Das ist ja ekelhaft’’ oder ‘‘Alle Ma¨nner fanden die Situation als Dilemma zwischen dem bringt man um’’ demonstrieren, wie die moralische Uberleben der ma¨nnlichen Ku ¨ken und dem ho ¨heren Urteilsbildung durch Einfu ¨hlung in die Betroffenen Preis fu¨r Hu ¨hnerfleisch und Eier. Neben dem ho ¨heren (Empathie) in der Praxis ha¨ufig abla¨uft. Viele Teil- Preis wurde von einem Diskutanten auch die ineffi- nehmer haben sich offenbar selbst in die Rolle der ziente Ressourcennutzung (u.a. aufgrund des betroffenen Tiere versetzt und beurteilen das Ein- erho ¨hten Futterbedarfs) der Zweinutzungshu ¨hner tagsku ¨kento ¨ten nun aus dieser Perspektive. Die kritisch angemerkt. Ein weiterer Punkt, der von den meisten Diskussionsteilnehmer waren sich einig, dass Diskutanten betont wurde, betraf die Angst, dass das To ¨ten von Ku ¨ken aus moralischer Sicht nicht Gentechnik fu ¨r die Zucht von Zweinutzungshu ¨hnern akzeptabel sei und forderten, dass die Praxis gestoppt verwendet werden ko ¨nnte. werden mu ¨sse. Nur wenige argumentierten, dass das Huhn sowieso geto ¨tet werden wu ¨rde und es somit 3.5 Potenzielle Kaufkriterien egal sei, ob fru ¨her oder spa¨ter. Bei der Diskussion u ¨ber die Gru ¨nde wurde davon ausgegangen, dass es Wa¨hrend der Diskussionen wurde deutlich, dass fu¨r aus ,,Profitgru ¨nden’’ sei und dass die Ha¨hne nicht viele Teilnehmer die alleinige Vermeidung des Ku¨- ¨ ¨ genug Fleischwachstum hatten. Erganzend wurde kento ¨tens nicht ausreicht, um Produkte von gelegentlich gea¨ußert, dass die Verbraucher diese Zweinutzungshu ¨hnern zu kaufen. Dies wu ¨rden sie Situation bislang nicht beeinflussen ko ¨nnten. nur tun, wenn gleichzeitig auch die Haltungsbedin- Alle drei Alternativen zum Ku ¨kento ¨ten waren nur gungen dieser Tiere verbessert werden. Als Beispiele wenigen Diskutanten bekannt. Die Geschlechtsbe- fu ¨r bessere Haltungsbedingungen wurden ‘‘gutes stimmung im Ei war eine Option, die mehrmals Futter’’, ‘‘keine Antibiotika’’, ‘‘viel mehr Platz’’ und angesprochen wurde. Einige Teilnehmer nannten ‘‘Einstreu’’ genannt. Auch die Kennzeichnung der auch die Mast der Ha¨hne der Legehennenlinien als Herkunft stellt fu ¨r einige Diskutanten ein wichtiges eine mo ¨gliche Alternative zur To ¨tung von Ein- Kaufkriterium dar. In diesem Zusammenhang wurde tagsku ¨ken, wa¨hrend die Verwendung von vorgeschlagen, die Adresse des Landwirtes auf der Zweinutzungshu ¨hnern u ¨berhaupt nicht erwa¨hnt Verpackung anzugeben. Wie zu erwarten war, wurde wurde. Als die Teilnehmer gefragt wurden, ob sie auch der Preis als wichtiges Kaufkriterium genannt. eine Idee ha¨tten, was unter Zweinutzungshu ¨hnern Die Mehrheit der Diskussionsteilnehmer gab an, dass zu verstehen sei, konnten sich nur wenige darunter sie einen Aufpreis fu ¨r Fleisch und Eier aus ‘‘Sympathie etwas vorstellen. Die Teilnehmer antworteten zum mit den Ku ¨ken’’ oder um ‘‘Fleisch mit reinem Gewis- Beispiel: ‘‘Ich habe keine Ahnung, was gemeint sein sen zu essen’’, zahlen wu ¨rden. Allerdings wurde diese ko ¨nnte. Haben die zwei Ko ¨pfe?‘‘ oder ‘‘Das klingt wie Mehrzahlungsbereitschaft von einigen Diskutanten in der Roboterie hergestellt’’. In Bezug auf den Begriff relativiert: ‘‘Es ha¨ngt davon ab, wie viel mehr ich ,,Zweinutzungshuhn‘‘ waren sich fast alle Teilnehmer bezahlen muss’’. Im Fall von Eiern gaben einige Teil- daru ¨ber einig, dass die Benennung unangemessen nehmer an, dass sie bereit seien, einen Aufpreis von sei und irrefu ¨hrende Vorstellungen verursache. bis zu 50 % zu zahlen. Fu ¨r Fleisch schien die Bereit- schaft, einen Aufpreis zu zahlen, nicht so hoch zu 3.4 Das Konzept Zweinutzungshuhn sein, wie folgende Aussagen verdeutlichen: ‘‘Ich wu¨r- de einen Aufpreis von 20 % bezahlen, wenn das Da der Schwerpunkt unserer Untersuchung auf der Fleisch besser schmeckt’’ und ‘‘ich wu ¨rde nicht 10 € Verbraucherperspektive liegt, wurde den Teilneh- mehr bezahlen’’. Mehr Geld fu ¨r Fleisch auszugeben mern im Laufe der Diskussion das Konzept des und gleichzeitig den Fleischverzehr zu reduzieren, 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 229 wurde von mehreren Diskutanten als Lo ¨sung gese- Fleisch und Eiern von Zweinutzungshu ¨hnern rea- hen. Nur wenige Teilnehmer gaben an, dass sie nicht gieren wu ¨rden. Dazu wurde ihnen mitgeteilt, dass bereit seien, einen Aufpreis zu zahlen. diese Lebensmittel sich im Preis und in verschie- denen Eigenschaften von den derzeit marktu ¨blichen 4 Diskussion Produkten unterscheiden wu ¨rden. Das interessante Ergebnis besteht darin, dass die Verbraucher Die Ergebnisse dieser qualitativen Untersuchungen anscheinend nicht willens oder nicht in der Lage deuten an, dass es zu dem jetzigen Zeitpunkt sind, eine rechtfertigungsfa¨hige Auswahlentschei- schwierig werden ko ¨nnte, die Produkte des Zwei- dung zwischen zwei jeweils unterschiedlich nutzungshuhns fla¨chendeckend zu vermarkten. Die defizita¨ren Produkten zu treffen. Sie forderten sehr Eier der Hennen ko ¨nnten den notwendigen Preis deutlich Eier und Fleisch von Hu ¨hnern, deren Hal- erzielen, da derzeit ein Preisaufschlag von zwei bis tung keine Defizite aufweist. Nur unter dieser vier Cents pro Ei kalkuliert wird. Bei gleichzeitig gedanklichen Pra¨misse waren die Teilnehmer bereit, verbesserter Haltung ko ¨nnten sie durchaus in der u ¨ber einen Aufpreis nachzudenken. Insgesamt fiel Gunst der Konsumenten stehen. Fu ¨r die ma¨nnlichen die Zustimmung zu dieser Option kleiner aus, als die Tiere sieht es dagegen problematisch aus. Neben Empo ¨rung zuvor erwarten ließ. Als Hauptgrund dem, von den meisten Teilnehmern als zu hoch dafu ¨r wurden die u ¨brigen vom Verbraucher bereits beschriebenen Preis (7 € Preisaufschlag/kg Fleisch identifizierten Defizite in der Geflu ¨gelhaltung ko ¨nnten laut Experten realistisch sein) kommt angefu ¨hrt. Hier wurden insbesondere das Platzan- erschwerend hinzu, dass bisher keine Bereitschaft gebot pro Tier und fehlende Einstreu erwa¨hnt. Dazu besteht, das eigene Kaufverhalten zu a¨ndern. kamen aus der Sicht der Diskussionsteilnehmer die Die Resultate aus den Gruppendiskussionen ver- als problematisch wahrgenommene Behandlung der deutlichen, dass den Haltungsbedingungen eine Tiere mit Antibiotika sowie Skepsis in Bezug auf die herausragende Rolle im Hinblick auf die Mehrzah- Futterqualita¨t. Die Geflu ¨gelhaltung wurde als nicht lungsbereitschaft der Verbraucher zukommt. Den transparent genug wahrgenommen. meisten Diskussionsteilnehmern wu ¨rde allein der In ethischer Hinsicht lieferten unsere Diskussionen Einsatz von Zweinutzungshu ¨hnern in einem sonst mit Verbrauchern interessante Hinweise darauf, wie unvera¨nderten Haltungssystem nicht genu ¨gen. Sie und wann Verletzungen des Moral- und Gerechtig- wu ¨nschen sich vorrangig eine verbesserte Haltung keitsempfindens zu einer Veranderung des der Tiere. Auch wurde eine deutliche Kennzeichnung Konsumverhaltens fu ¨hren ko ¨nnen. Die Diskussionen der geografischen Herkunft als potenzielles Kaufkri- fanden zeitnah zur medialen Berichterstattung u ¨ber terium fu ¨r Produkte von Zweinutzungshu ¨hnern das Gerichtsurteil zur Zula¨ssigkeit der Eintagsku¨- hervorgehoben. Dies sind Aspekte, denen bei der kento ¨tung statt. Darin kann einerseits ein glu ¨cklicher Vermarktung von Produkten der Zweinutzungshu¨h- Zufall und andererseits eine Verzerrung der Unter- ner Rechnung getragen werden sollte. Zudem zeigte suchung gesehen werden, da die Berichterstattung sich, dass die Bezeichnung ,,Zweinutzungshuhn‘‘ als teilweise kritisch war. Bei den Diskussionsteilneh- ungeeignet und irrefu ¨hrend empfunden wurde, da mern war die Empo ¨rung u ¨ber die Praxis und das sie in erster Linie negative Assoziationen hervorrief. Urteil noch deutlich spu ¨rbar. Mehrheitlich wurde von Einige Diskussionsteilnehmer a¨ußerten in diesem ihnen die Praxis der Eintagsku ¨kento ¨tung als nicht Zusammenhang Bedenken hinsichtlich des Einsatzes akzeptabel bewertet und ein gesetzliches Verbot von Gentechnik beim Zweinutzungshuhn. Hier hat gefordert. sich die Methodik der Gruppendiskussionen als sehr Aufgrund der hier vorgestellten qualitativen nu ¨tzlich erwiesen, um Einblicke in die Bedenken der Ergebnisse kann gegenwa¨rtig damit gerechnet wer- Verbraucher zu bekommen und um ku ¨nftig mo ¨gli- den, dass sich Fleisch und Eier vom chen Verwirrungen und Missversta¨ndnissen Zweinutzungshuhn nur als Nischenprodukt fu ¨r be- vorzubeugen. Diese Erkenntnisse ha¨tten allein durch stimmte Ka¨ufersegmente eignen werden. Der na¨- quantitative Erhebungsmethoden nicht erzielt wer- chste Schritt besteht darin, eine deutschlandweite den ko ¨nnen. Onlinebefragung mit 1500 Konsumenten von Hu ¨hn- Den Teilnehmern wurde im Diskussionsverlauf chenfleisch und Eiern auszuwerten und die eine Mo ¨glichkeit aufgezeigt, wie sie selbst Einfluss Zahlungsbereitschaft fu ¨r Eier und Fleisch von Zwei- auf den Markt und damit auf die Verbreitung der nutzungshu ¨hnern zu ermitteln. Im SocialLab-Projekt Eintagsku ¨kento ¨tung nehmen ko ¨nnten. Sie bestand werden diese Daten dann mit den Ergebnissen aus darin, sich vorzustellen, wie sie auf das Angebot von Interviews mit dem Lebensmitteleinzelhandel und 123 230 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Tierhaltern bezu ¨glich mo ¨glicher Fo ¨rder- und uenfte/verwendung_der_m_nnlichen_k_ken_der_ Hemmfaktoren im Hinblick auf die Haltung und legeherk_nfte.html. Abgerufen 15.05.2016 Vermarktung von Zweinutzungshu ¨hnern und ihren Kaufmann F, Nehrenhaus U, Andersson R (2016) Das Produkten zusammengefu¨hrt. Duale Huhn. Der Verbraucher mu ¨sste umdenken. 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Rundsch Fleischhy- ken der Legeherku¨nfte. http://www.wingvechta.de/ giene Lebensmittelu ¨berwachung 68(8):276–278 themen/verwendung_der_maennlichen_legeherk 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 231 Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft bezeichnet werden. Diese dichotome Wahrnehmung der Nutztierhaltung wird in mehreren Beitra¨gen die- Zusammenfassung und erste Schlussfolgerungen ses Heftes angesprochen und detaillierter dargestellt. Sie pra¨gt die individuelle und die o ¨ffentliche Wahr- 1 2 Inken Christoph-Schulz , Monika Hartmann , Peter nehmung unabha¨ngig vom Realita¨tsbezug und von 3 4 5 Kenning ,Jo ¨rg Luy , Marcus Mergenthaler , Lucia der Realisierbarkeit der beschriebenen Bilder. 6 7 8 Reisch , Jutta Roosen , Achim Spiller In Hinblick auf diese verbreiteten Bildmuster, die in vielen Bu ¨rgern tief verwurzelt zu sein scheinen, Thu ¨nen-Institut fu ¨r Marktanalyse, Braunschweig ist es nicht verwunderlich, dass sich zwischen Rheinische Friedrich-Wilhelm-Universita¨t, Bonn Landwirten und Bu ¨rgern bzw. Verbrauchern teils Heinrich-Heine-Universita¨t, Du ¨sseldorf große Unterschiede in der Wahrnehmung der Privates Forschungs- und Beratungsinstitut fu¨r Nutztierhaltung ergeben. Wa¨hrend viele Landwirte angewandte Ethik und Tierschutz INSTET gGmbH, die in den vergangenen Jahrzehnten eingefu¨hrten Berlin Maßnahmen zur Effizienzsteigerung eher als Fachhochschule Su ¨dwestfalen, Soest erforderlich und daher als Verbesserung wahr- Copenhagen Business School; Zeppelin Universita¨t, nehmen, erkennen die befragten Bu ¨rger eine Friedrichshafen prima¨r an einzelbetrieblicher Gewinnorientierung Technische Universita¨tMu ¨nchen ausgerichtete Entwicklung. Fu ¨r das einzelne Tier Georg-August-Universita¨t, Go ¨ttingen und seine natu ¨rliche Lebensweise wird diese Ent- inken.christoph@thuenen.de wicklung als eher abtra¨glich erachtet. Wie unterschiedlich dabei die Vorstellungen sind, zeigt 14 15 1 Landwirte, Konsumenten und Bu ¨rger sich am Beispiel der zunehmenden Technisierung in der Tierhaltung: Landwirte betonen die Vorzu¨ge Wie Simons et al. in ihrem Beitrag zeigen, erfolgt des hohen Technisierungsgrades, weil sie neben bereits die Wahrnehmung der Nutztierhaltung in den damit verbundenen wirtschaftlichen Vorteilen einem polarisierenden Wertungsrahmen. Die Wer- und der Arbeitserleichterung mehr Zeit fu¨r die tungen sind implizit in den Bildern enthalten, die die Tiere haben. Dagegen gehen die befragten Bu¨rger Vorstellung der Studienteilnehmer zur Tierhaltung davon aus, dass Landwirte aufgrund des hohen pra¨gen und werden weniger oder gar nicht durch Technisierungsgrades seltener direkten Kontakt zu konkretes Wissen beeinflusst. Diese aus realen, ihren Tieren haben. Allerdings halten es Landwirte medialen oder nur vorgestellten Erlebnissen resultie- und Bu¨rger fu ¨r notwendig, dass Landwirte Zeit mit renden Bilder zeigen ein ausgepra¨gtes Spannungsfeld ihren Tieren verbringen, bspw. um fru¨hzeitig zwischen einer akzeptierten, scho ¨nen und ethisch Krankheitenzuerkennen(Rovers et al.; Wildraut unbedenklichen sowie einer nicht akzeptierten, et al.; Wildraut und Mergenthaler). unscho ¨nen und ethisch problematischen Nutztier- Die Stallhaltung ist ein weiteres, kontrovers disku- haltung. Insbesondere die Bilder einer idyllischen tiertes Thema. So betonen Landwirte, dass sie eher Welt, in der die Bauernfamilie mit den Tieren zusam- einen positiven Effekt der Stallhaltung hinsichtlich der men auf dem Hof im Rahmen einer Tiergesundheit sehen und daher der Weidehaltung bei kleinstrukturierten Landwirtschaft lebt, bilden den Rindern bzw. der Freilandhaltung bei Schweinen und Maßstab fu ¨r das, was als ,,gute Tierhaltung‘‘ bezeichnet Hu ¨hnern kritisch gegenu ¨berstehen (Wildraut und und dessen Umsetzung gewu ¨nscht wird. Landwirte Mergenthaler). Die Verbraucher und Bu ¨rger sind und Tiere leben im Sinne eines ,,fairen Deals‘‘ zusam- gegenteiliger Auffassung (Ku ¨hl et al.; Rovers et al.) und men und sind aufeinander angewiesen. Dem Idealbild lehnen eine reine Stallhaltung fast immer ab. Die stehen Schreckensbilder gegenu ¨ber, die von den Stu- Weide- bzw. Freilandhaltung wird pra ¨feriert. Dabei ist dienteilnehmern von sich aus als ,,Massentierhaltung‘‘ die Vermutung, dass die Tiere dadurch ihr natu ¨rliches Verhalten ausleben ko ¨nnen, ein Hauptargument. Allerdings kann bereits die Gewa¨hrung einer Aus- Im Folgenden sind die Begriffe Konsument und Verbraucher als a¨quivalent anzusehen. laufmo ¨glichkeit die Akzeptanz erho ¨hen (Ku ¨hl et al.). Im Folgenden wird sowohl von Konsumenten als auch von Wie relevant Haltungsaspekte der Tiere fu ¨r die Bu ¨rgern gesprochen. Der Grund ist, dass in manchen Studien Zahlungsbereitschaft sind, zeigen Bru ¨mmer et al. Konsumenten als Nachfrager auf Markten, in anderen Studien und Roosen et al. Bei Betrachtung unterschiedlicher Menschen in ihrer Rolle als Staatsbu ¨rger und ,,Verbraucher- Maßnahmen in der Legehennen- und Masthu ¨hn- bu ¨rger‘‘ (consumer citizen) untersucht wurden. Dieser unter- chenhaltung wird deutlich, dass die Befragten das schiedlichen Perspektive gilt es, Rechnung zu tragen. 123 232 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft To ¨ten der ma¨nnlichen Eintagsku ¨ken in der Lege- ,,Verbraucherinformationssysteme‘‘, die Konsumen- hennenhaltung ablehnen. Als Lo ¨sungsansatz werden ten unter Beru ¨cksichtigung neuropsychologischer von den Befragten beider Studien die Zu ¨chtung von Erkenntnisse individuell nach situativer und perso¨n- Zweinutzungsrassen und die Geschlechtsbestim- licher Relevanz und Involvement u ¨ber Produkte mung im Ei befu ¨rwortet. Die von Bru ¨mmer et al. informieren, um ihnen eine bewusste auf ihre untersuchten Konsumenten machten außerdem Bedu ¨rfnisse zugeschnittene Kaufentscheidung zu deutlich, dass eine Mehrzahlungsbereitschaft daran ermo ¨glichen. In Hinblick auf Verbraucherinforma- gebunden ist, nicht nur die Eintagsku ¨kento ¨tung zu tionen und ihre Auswirkungen auf befragte vermeiden, sondern auch die Haltungsbedingungen Verbraucher analysieren Groß und Roosen den Ein- 16 17 zu verbessern. Roosen et al. kommen zu einem a¨hn- fluss negativ und positiv formulierter lichen Ergebnis. Beide Studien beruhen auf Nachrichtentexte auf das Vertrauen. So haben nega- hypothetischen Entscheidungen der Befragten. tive Nachrichten generell einen gro ¨ßeren Einfluss auf Allerdings lassen sich hieran die Priorita¨ten der Bu¨r- das Verbrauchervertrauen als positive. ger und Verbraucher ablesen, mit denen in ihren Gier, Krampe et al. zeigen außerdem, wie bedeut- Augen kritische Aspekte der Tierhaltung zu a¨ndern sam die implizite Wirkungsweise von sind. Darstellungsvarianten der Tierhaltungsverfahren ist. Demzufolge kann eine Information, welche sich auf 2 Verbraucherkommunikation und - die Errungenschaften sowie Erfolge einer Tierhal- informationen tungsmaßnahme bezieht, implizit die Bewertung dieser beeinflussen. Des Weiteren spielt das Ent- Sonntag et al. zeigen in ihren Untersuchungen zur scheidungsumfeld eine wesentliche Rolle, denn Bewertung von Zielkonflikten, dass zusa¨tzliche Bildkommunikationsmaßnahmen u ¨ber die Nutztier- Informationen u ¨ber die Tierhaltung eine besonders haltung haben offenbar nur im direkten durchdachte Vorgehensweise beno ¨tigen. Trotz neu- Entscheidungskontext, z.B. am Point-of-Sale, einen traler Informationen durch Bilder und Texte Einfluss auf die implizite und subjektive Wahrneh- verbessert sich die Wahrnehmung von als negativ mung bzw. Bewertung der Information. empfundenen Haltungssystemen nicht. Außerdem fu ¨hrt die Konfrontation der Studienteilnehmer mit 3 Handel verschiedenen Nachteilen der von ihnen als positiv empfundenen Auslaufhaltung nicht dazu, dass sie Krampe et al. betrachten in ihrem Beitrag den Han- diese Haltungsform kritischer sehen. Seitens der del als Gatekeeper zwischen Lieferant und Verbraucher herrscht zudem gro ¨ßtenteils Uberein- Verbraucher. Sie beleuchten drei Schlu ¨sselaspekte: stimmung, dass es Aufgabe der Landwirte ist, die Listungsentscheidung, die Sortimentsvielfalt existierende Zielkonflikte zu lo ¨sen. Dies sollte mit sowie die Regulierung des Marktes. Aus den Unter- Hilfe von Innovationen erfolgen. Zudem wird deut- suchungen geht hervor, dass in Bezug auf die lich, dass sich die befragten Verbraucher im Falle Listungsentscheidung versucht wird, durch standar- eines Zielkonfliktes zwischen Tierwohl und Umwelt- disierte Pru ¨fungen der Lieferanten, Verbrauchern schutz bzw. zwischen Tierverhaltensoptionen und einen vertrauensvollen Fleischkauf und -konsum zu Tiergesundheit fu ¨r ein Mehr an Tierwohl und fu¨r gewa¨hrleisten. Dabei wird offenbar vor allem auf Natu ¨rlichkeit entscheiden. langfristige Partnerschaften gesetzt. Hinsichtlich der Gier, Krampe et al. untersuchen die Wirkung ver- Sortimentsvielfalt und Produktauswahl wird das schiedener Kommunikationsmaßnahmen auf die Kaufverhalten der Verbraucher als entscheidend Verbraucherwahrnehmung. Sie kommen zu dem beschrieben. Ein Versuch als ,,moralischer Wahlhel- Ergebnis, dass unterschiedliche Darstellungsweisen fer‘‘ zu agieren, erfolgt dagegen nicht. Bezu ¨glich der Tierhaltung eine spezifische neuropsycholo- mo ¨glicher Regulierungen werden zwar durchaus gische Wirkung entfalten, die sich in unterschiedlichen Vorteile gesehen, allerdings wird der Markt als ein expliziten Bewertungen der kommunizierten grundsa¨tzlich effektives System betrachtet, das Maßnahmen manifestiert. Die Autoren folgern, dass eigentlich keiner weiteren Regulierung bedarf. Label, es grundsatzlich mo ¨glich erscheint, eine die subjektiven, impliziten Wertungen beeinflussende, Beispiel negative Information: Tierhaltung muss sich akzeptanzfo ¨rdernde Kommunikationsstrategie verbessern. zu entwickeln. Auf Basis ihrer Ergebnisse Beispiel positive Information: Erzielen von Fortschritten im pla¨dieren sie fu ¨r entsprechend gestaltete Sachen Tierhaltung. 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 233 seien sie staatlich oder privatwirtschaftlich getragen, kann helfen, vorherrschende Anforderungen von werden eher kritisch gesehen. Hier wird die Gefahr Konsumenten und Bu ¨rgern umzusetzen. Zudem einer Uberlastung der Verbraucher mit zusa¨tzlichen sollte auf Bescha¨ftigungsmo ¨glichkeiten geachtet Informationen beschrieben, die das eigentliche Ziel, werden die in bereits bestehende Stallsysteme inte- die Verbraucher beim Einkauf zu unterstu ¨tzen, griert werden ko ¨nnen. Außerdem wird die sta¨rkere verfehlt. Betonung der Zuchtziele Tiergesundheit und Robustheit als ein wichtiger, von Stallbausystemen Erste Schlussfolgerung und Perspektiven losgelo ¨ster Aspekt fu ¨r ein Mehr an Tierwohl gesehen. Aus den vorliegenden Arbeiten ko ¨nnen die folgen- ¨ Aus Sicht der Landwirte waren technisch flexible den ersten Schlussfolgerungen gezogen werden. Zu Systeme und langfristig verla¨ssliche o ¨konomische beachten ist, dass aus den Werthaltungen, Einstel- und politische Rahmenbedingungen auf der einen lungen und Pra¨ferenzen der verschiedenen, im Seite und weniger ordnungspolitische Vorgaben auf Projekt untersuchten, gesellschaftlichen Gruppen der anderen Seite wu ¨nschenswert. Begru ¨ndet wird (Bu ¨rger, Konsumenten, Landwirte, Ha¨ndler) keine dies neben dem Schutz der unternehmerischen direkten Handlungsempfehlungen abgeleitet wer- Freiheit auch damit, dass Tierwohl sta¨rker vom Tier den ko ¨nnen. Die Ausgestaltung einer her und ergebnisorientiert betrachtet werden sollte. zukunftsfahigen Tierhaltung ist vielmehr das Ergeb- Landwirte sehen darin die Voraussetzung, um in nis eines gesellschaftlichen Diskurses, in den neben ¨ offenen Markten und im Wettbewerb mit dem den verschiedenen gesellschaftlichen Positionen Lebensmitteleinzelhandel die Zukunftsfa¨higkeit der auch naturwissenschaftlich-technische sowie ver- eigenen Familienbetriebe zu sichern. Dabei ist auch braucherwissenschaftliche Aspekte einfließen. Der zu bedenken, dass die Einfu ¨hrung eines Mehr an innovative Charakter von SocialLab liegt darin, in Tierwohl auf Seiten der Landwirte eine gro ¨ßere systematischer Form Politik, Zivilgesellschaft und Chance haben wird, wenn die Vera¨nderungen im Wirtschaft u ¨ber die Positionen der Beteiligten auf- Einklang mit der Wahrnehmung, den Werten und zukla¨ren und den notwendigen Diskurs damit dem beruflichen Selbstversta¨ndnis der Betriebsleiter transparenter und informationshaltiger zu gestalten. sind und die Aussicht gegeben ist, durch die Vera¨n- derungen brancheninterne Anerkennung und 1 Landwirte gesellschaftliche Wertscha¨tzung zu erfahren. Die In offenen Ma¨rkten ko ¨nnen landwirtschaftliche Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen fu¨r Familienbetriebe und Unternehmen nur bestehen, mehr Tierwohl sollten also zum einen perso ¨nliche wenn sie wettbewerbsfa¨hig sind. Deshalb ko ¨nnen sie Erfolge der Betriebsleiter und zum anderen finanzi- nicht losgelo ¨st von wirtschaftlichen und politischen elle Erfolge der vera¨nderungsbereiten Betriebe Rahmenbedingungen agieren. Dies gilt folglich auch ermo ¨glichen. Einflussfaktoren auf die einzelbetrieb- in Hinblick auf Innovationen, die ein ho ¨heres Maß an lichen Entscheidungen zur Ubernahme und Tierwohl gewa¨hrleisten. Im Rahmen der Diskussion Weiterentwicklung technischer und organisatori- um Verbesserungen in der Tierhaltung ist es außer- scher Innovationen fu ¨r mehr Tierwohl sollten hierbei dem entscheidend, wie schnell verschiedene sta¨rker in den Fokus zuku ¨nftiger Forschung ru ¨cken. Maßnahmen umgesetzt werden ko ¨nnen. Die befrag- In diesem Zusammenhang sollten explizit auch ver- ten Landwirte betonen, dass neue Stallbaukonzepte haltenso ¨konomische Untersuchungsdesigns Anwen- nicht kurzfristig umzusetzen sind, da Stallbauten auf ¨ dung finden, die praxisnah Wirkzusammenhange lange Abschreibungsfristen ausgelegt sind und sich erforschen. Darauf basierend lassen sich spezifische als Investition mit hoher Spezifita¨t und wenig Nut- Informationen fu ¨r politische Entscheidungen ablei- zungsalternativen ausweisen. Mehr Mo ¨glichkeiten ten, die eine Weiterentwicklung zu einer in der werden bei der spezifischen Ausgestaltung der Sta¨lle Breite akzeptierten Tierhaltung ermo ¨glichen. gesehen. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang u.a. die Implementierung verschiedener Funktions- 2Bu ¨rger bzw. Verbraucher bereiche (z.B. Liege-, Fress- Kot-, Aktivita¨tsbereich), Zusa¨tzlich zu den Bedu ¨rfnissen der Landwirte ist die um den Tieren ein Mehr an artgerechtem Leben zu Beru ¨cksichtigung gesellschaftlicher Anspru ¨che und ermo ¨glichen. Auch die Einfu ¨hrung bautechnisch Erwartungen von hoher Bedeutung. Bu ¨rger ent- flexiblerer Systeme, wie z.B. flexible Liegeboxen und scheiden in ihrer Doppelrolle als Verbraucher und als Freifla¨chen zum Liegen in der Milchviehhaltung oder Wa¨hler langfristig mit, was am Markt existieren kann flexible Kastensta¨nde in der Sauenhaltung, um tier- und was nicht (Allen et al. 1991; Buller und Roe 2012; individuelle Gro ¨ßenunterschiede zu beru ¨cksichtigen, 123 234 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Weary et al. 2016). Die bisher vorliegenden Arbeiten anzusprechen, da mit gro ¨ßerer Akzeptanz durch den des SocialLab zeigen, dass sich Studienteilnehmer Bu ¨rger bzw. Verbraucher zu rechnen ist, wenn der mitunter gar nicht mit der Thematik ,,Tierwohl in der Eindruck eines ,,fairen Deals‘‘ zwischen Mensch und Nutztierhaltung‘‘ bescha¨ftigen mo ¨chten. Andere Tier entsteht (Nutzung tierischer Produkte gegen wiederum beschreiben ihre Vorstellungen dagegen gutes Leben des Tieres). Kommunikation ist somit ein ausfu ¨hrlich und formulieren umfangreiche Erwar- entscheidender Bestimmungsfaktor fu ¨r die Entwick- tungen. Die Vorstellungen sind dabei haufig durch lung von Akzeptanz. Dabei scheint der oftmals die mediale Berichterstattung gepra¨gt und nur in impliziten Wirkungsweise von Darstellungsvarianten seltenen Fallen liegen spezifische Kenntnisse u ¨ber die der Tierhaltungsverfahren eine besondere Bedeu- Tierhaltung vor. tung zuzukommen. Im Rahmen der bisher In den meisten Fa¨llen fu ¨hlen sich die befragten vorliegenden Arbeiten des SocialLab spielt der Pra¨- Teilnehmer in ihrer Rolle als Konsument u ¨berfordert. sentationsrahmen – das sogenannte Framing – eine Einerseits akzeptieren sie das, was sie u ¨ber die entscheidende Rolle in der Kommunikationswahr- Nutztierhaltung zu wissen glauben, nicht, anderer- nehmung und -verarbeitung der Verbraucher. Es ist seits tolerieren viele von ihnen die Zusta¨nde in ihrem daher wichtig, diese Aspekte bei der Gestaltung von alltaglichen Einkaufsverhalten. Die Gru ¨nde fu ¨r dieses Kommunikation im Bereich der Nutztierhaltung Verhalten sind vielschichtig. Generell gilt jedoch zu ku ¨nftig noch sta¨rker zu beachten. Das ,,Wie?‘‘ der beru ¨cksichtigen, dass der Lebensmitteleinkauf nicht Gestaltung wu ¨rde dann starker betont werden mu¨s- die einzige Herausforderung im Alltag der Verbrau- sen. Gleichwohl gilt es zu vermeiden, dass cher ist. Werden Bu ¨rger bzw. Verbraucher explizit entsprechende Maßnahmen als scho ¨nfa¨rbend wahr- mit Fragen der Nutztierhaltung konfrontiert, zeigen genommen werden, um einen mo ¨glichen weiteren sie sich zumeist auch dann ausgesprochen kritisch, Glaubwu ¨rdigkeitsverlust des Sektors zu vermeiden. wenn sie sich zuvor nicht mit dem Thema bescha¨ftigt In Hinblick auf eine zielgerichtete Verbraucherin- haben. Zahlungsbereitschaftsstudien ermitteln formation wa¨ren unter Beru ¨cksichtigung immer wieder eine Mehrzahlungsbereitschaft fu¨r informationslogistischer Erkenntnisse u.a. folgende Tierwohlaspekte und es wird auch zuku ¨nftig wichtig Maßnahmen denkbar: sta¨rkere Nutzung sozialer sein, die Praferenzstruktur zu kennen und bei der Netzwerke, die bereits heute in vielen Branchen Verbraucherkommunikation zu beru ¨cksichtigen. genutzt werden. Sie ko ¨nnten ein flexibles Element Diskrepanzen zwischen am Point-of-Sale gezeigten eines modernen ,,Verbraucherinformationssystems‘‘ und in Befragungen gea¨ußerten Zahlungsbereit- bilden, welches auch in Hinblick auf die gesell- schaften ko ¨nnen aber auch ein Hinweis auf eine schaftliche Akzeptanz der landwirtschaftlichen Trittbrettfahrer-Problematik sein, wie sie bei der Nutztierhaltung wu ¨nschenswert wa¨re. Mit Hilfe einer Bereitstellung o ¨ffentlicher Gu ¨ter auftritt. Hier wa¨re Moderation und Experten (Landwirte, Ha¨ndler und zu kla¨ren, wie ein mo ¨gliches Marktversagen durch Wissenschaftler) ko ¨nnen verifizierte Nutzer (Ver- politische Eingriffe oder organisatorisch-institutio- braucher) u ¨ber fu ¨r sie relevante Themen im nelle Innovationen behoben werden kann und Bedarfsfalle untereinander und mit unabha¨ngigen Verbrauchern Konsumentscheidungen ermo ¨glicht Experten diskutieren und Erfahrungen austauschen. werden ko ¨nnen, die in Einklang mit ihren Praferen- Dadurch ko ¨nnten relevante Informationen ohne zen stehen. (große) Uberforderung den interessierten Verbrau- chern zur Verfu ¨gung gestellt werden. Der 3 Kommunikation Informationsgegenstand ko ¨nnte dabei gezielt durch Fu ¨r eine Verbesserung der Akzeptanz der Tierhal- den Verbraucher erbeten werden, aber zugleich auch tung sind Anderungen und Weiterentwicklungen aktiv von den Experten vermittelt werden. Die aktuell hin zu tiergerechteren Verfahren notwendig, aber an vielen Stellen beobachtbaren Informationsineffi- nicht hinreichend. Die hier vorliegenden Ergebnisse zienzen ko ¨nnten so reduziert werden. Durch das zeigen, dass Verbesserungen in der Tierhaltung Bu¨r- Gewa¨hrleisten der Unabha¨ngigkeit der Inhalte und gern und Verbrauchern gegenu ¨ber unter eines glaubwu ¨rdigen Monitorings wu ¨rde Vertrauen Beru ¨cksichtigung (neuro-)psychologischer und ver- in das Verbraucherinformationssystem aufgebaut. haltenso ¨konomischer Zusammenhange kommuni- Die verwendeten Daten sollten von o ¨ffentlichen ziert werden mu ¨ssen. Hierbei kommt der Kommuni- Institutionen wie z.B. der Bundesanstalt fu ¨r Land- kation eine Sonderstellung zu. Es ist dabei notwen- wirtschaft und Ernahrung (BLE) verwaltet werden. dig, die Empfindungskategorien Mitgefu ¨hl, Auch wenn Label mitunter als die einfachste Mo¨g- lichkeit der Verbraucherinformation angesehen Gerechtigkeit und Respekt beim Bu ¨rger/Verbraucher 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 235 werden, stoßen sie regelma¨ßig an ihre Grenzen. Blickwinkeln beurteilt und bei Bedarf angepasst und Bedarfsgerechte, differenziertere, horizontal und weiterentwickelt werden. Dabei muss bei Tierwohl- vertikal organisierte Alternativansa¨tze ko ¨nnten aspekten auch eine betriebswirtschaftliche Betrach- zumindest fu ¨r einige Verbrauchersegmente zu einer tung unter Beru ¨cksichtigung o ¨konomischer, Lo ¨sung beitragen. Dabei ist es erforderlich, die politischer und gesellschaftlichen Rahmenbedin- Heterogenita¨t der Verbraucher besser als bisher gungen erfolgen. Landwirte und berufssta¨ndische abzudecken, ihren Informationsbedarf flexibel zu Vertretungen mu ¨ssen fru ¨hzeitig eingebunden wer- bedienen und so einer Uberforderung den, um die Umsetzbarkeit, auch unter entgegenzuwirken. Beru ¨cksichtigung von Aspekten wie der Arbeitssi- cherheit, zu kla¨ren. Parallel bedarf es der 4 Handel fru ¨hzeitigen Untersuchung der Wahrnehmung und Bei Listungsentscheidungen fu ¨r Produkte mit einem Akzeptanz innovativer Ansa¨tze durch die Gesell- ho ¨heren Tierwohlstandard setzen der Lebensmitte- schaft, um zu vermeiden, dass aufgrund von leinzelhandel (LEH) und weitere handelsnahe Fehlinterpretationen etwaige Innovationen von Akteure vor allem auf standardisierte Prozesse und vornherein abgelehnt werden. Wie oben dargestellt, langfristige Partnerschaften. Oft werden relativ ein- geben die Verbraucher im Falle von Zielkonflikten fache Heuristiken benutzt, die wissenschaftlich noch zwischen Tierwohl und bspw. Umweltschutz dem wenig durchdrungen sind. Durch eine Aufklarung Tierwohl Vorrang. Und auch aus der Nationalen ihres Gebrauchs ko ¨nnte die Qualita¨t der Listungs- Nutztierstrategie (BMEL 2017) geht hervor, dass bei Unvereinbarkeiten bspw. hinsichtlich des Umwelt- entscheidung von Tierwohlprodukten verbessert werden. Des Weiteren werden Label kritisch vom LEH schutzes, dem Tierwohl Vorrang zu geben ist. und weiteren handelsnahen Akteuren betrachtet. Ein derart multidisziplina¨rer Ansatz entspricht Hier wird die Gefahr einer Uberlastung der Ver- zum einen dem Innovationscharakter des SocialLab, braucher mit zusa¨tzlichen Informationen erkannt, das sich auch zum Ziel gesetzt hat, Innovationen, wie die das eigentliche Ziel der Verbrauchererleichte- beispielsweise neue Formen der Tierhaltung oder rung beim Einkauf verfehlt. Um die Uberlastung der zu ¨chterische Vera¨nderungen aus der Perspektive Verbraucher zu verringern, sollten weitere Anreize unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen zu fu ¨r den LEH zur Beteiligung an der bereits genannten untersuchen. Zum anderen deckt er sich mit Pla¨nen systemischen Lo ¨sung (Gier et al.) geschaffen werden. des BMEL in Bezug auf die Entwicklung eines ,,Stalls Fo ¨rderlich wa¨ren hier auch Anreize, die eine wei- der Zukunft‘‘ (BMEL 2017). terfu ¨hrende Entwicklung entsprechender Markt- Das BMEL fo ¨rdert mit SocialLab einen ungewo ¨hn- bzw. Marketinginnovationen unterstu ¨tzen (z.B. im lich breiten und methodisch vielfa¨ltigen Hinblick auf handels- und steuerrechtliche Aspekte). Forschungsverbund. Die in diesem Heft vorgestellten Zwischenergebnisse bieten facettenreiche Informa- Summa summarum tionen zum Status quo. Der Transformationsprozess Die Nutztierhaltung hat in den vergangenen Jahr- in der Tierhaltung wird allerdings ein langfristiger zehnten an gesellschaftlicher Akzeptanz verloren. Weg werden. Entwu ¨rfe fu ¨r den ,,Stall der Zukunft‘‘ Um diese Akzeptanz zuru ¨ckzugewinnen, wird es werden in den nachsten Jahren im Hinblick auf ihre notwendig sein, Vera¨nderungen herbeizufu ¨hren, die Wahrnehmung und gesellschaftliche Akzeptanz zu vom Laien (Verbraucher, Bu ¨rger) als Verbesserung pru ¨fen sein. Hierfu ¨r bietet SocialLab neben der Ent- wahrgenommen werden. Die SocialLab-Zwischener- wicklung innovativer Ansa¨tze auch die Chance, die vorliegenden ersten Evidenzen zuku ¨nftig in Form gebnisse deuten allerdings darauf hin, dass Landwirte und Laien die Nutztierhaltung unter- einer La¨ngsschnittstudie und begleitet durch ad-hoc- schiedlich wahrnehmen. Fu ¨r zuku ¨nftige Studien zu zentralen Einzelfragen systematisch wei- Forschungsarbeiten bezu ¨glich innovativer Haltungs- terzufu ¨hren und zu einem wissenschaftlichen systeme ist es daher erforderlich, diese Arbeiten in Monitoring des Transformationsprozesses einem großen disziplinu ¨bergreifenden Verbund auszubauen. durchzufu ¨hren, um die Thematik ganzheitlich zu untersuchen und existierende Problemfelder zu lo ¨sen bzw. neu entstehende fru ¨hzeitig zu entdecken. Im besten Falle wu ¨rden Prototypen und innovative Ansa¨tze fu ¨r bspw. neue Stallsysteme entwickelt wer- den, die anschließend aus unterschiedlichsten 123 236 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Literatur Porter ME, Kramer MR (2011) Creating shared value. Harvard Bus Rev Jan./Febr, 63–70 Allen P, van Dusen D, Lundy J, Gliessmann S (1991) Weary DM, Ventura BA, von Keyserlingk MAG (2016) Integrating social, environmental, and economic Societal views and animal welfare science: issues in sustainable agriculture. Am J Altern Agric understanding why the modified cage may fail 6:34–39 and other stories. Animal 10(2):309–317 BMEL (2017) Nutztierhaltungsstrategie. Zukunftsfa- Open Access This article is distributed under the terms of the hige Tierhaltung in Deutschland. http://www. Creative Commons Attribution 4.0 International License bmel.de/DE/Tier/_texte/Nutztierhaltungsstrategie. (http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/), which permits html Abgerufen 19.10.2017 unrestricted use, distribution, and reproduction in any med- Buller H, Roe E (2012) Modifying and commodifying ium, provided you give appropriate credit to the original author(s) and the source, provide a link to the Creative Com- farm animal welfare: the economisation of layer mons license, and indicate if changes were made. chickens. J Rural Stud 33:141–149 http://www.deepdyve.com/assets/images/DeepDyve-Logo-lg.png Journal für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit Springer Journals

SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft

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Subject
Life Sciences; Life Sciences, general; Food Science; Biotechnology; Agriculture; Chemistry/Food Science, general; Plant Genetics and Genomics
ISSN
1661-5751
eISSN
1661-5867
D.O.I.
10.1007/s00003-017-1144-7
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Abstract

J Consum Prot Food Saf (2018) 13:145–236 Journal of Consumer Protection and Food Safety https://doi.org/10.1007/s00003-017-1144-7 Journal fu¨r Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit ANNOUNCEMENTS AND REPORTS Published online: 5 February 2018 The Author(s) 2018. This article is an open access publication Erste Ergebnisse und Implikationen zwischen diesen Gruppen. Von Seiten der Gesell- schaft sind ethische Uberlegungen in Bezug auf den 1 2 Inken Christoph-Schulz , Monika Hartmann , Peter Umgang mit Nutztieren von Relevanz, was durch 3 4 5 Kenning ,Jo ¨rg Luy , Marcus Mergenthaler , Lucia verschiedene Autoren empirisch gezeigt werden 6 7 8 Reisch , Jutta Roosen , Achim Spiller konnte (Ohl und van der Staay 2012; Spooner et al. 2014). Dabei handelt es sich keineswegs um eine auf Thu ¨nen-Institut fu ¨r Marktanalyse, Braunschweig Deutschland beschra¨nkte Debatte (Tonsor et al. 2009; Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universitat, Bonn Vanhonacker et al. 2012). Bereits 2006 sahen 77% der Heinrich-Heine-Universita¨t, Du ¨sseldorf in einer EU-weiten Studie befragten Bu ¨rger die Privates Forschungs- und Beratungsinstitut fu ¨r ange- Notwendigkeit, das Wohl landwirtschaftlicher Nutz- wandte Ethik und Tierschutz INSTET gGmbH, Berlin tiere besser zu schu ¨tzen (European Commission Fachhochschule Su ¨dwestfalen, Soest 2007). Dieser Anteil stieg in einer erneuten Umfrage Copenhagen Business School, Zeppelin Universita¨t, im Jahr 2015 auf 82% (European Commission 2016). Friedrichshafen Medienberichte u ¨ber die Nutztierhaltung zeigen Technische Universita¨tMu ¨nchen oftmals kritische Bedingungen fu ¨r die Tiere und lo¨- Georg-August-Universita¨t, Go ¨ttingen sen bei einer Vielzahl von Bu ¨rgern Entsetzen und inken.christoph@thuenen.de Ablehnung u ¨ber die dargestellte Tierhaltung aus (Boehm et al. 2010; Thompson et al. 2011; Spiller et al. In Deutschland und den u ¨brigen EU-Mitgliedstaaten 2012). Im Fokus der o ¨ffentlichen Kritik stehen vor hat die landwirtschaftliche Nutztierhaltung seit der allem die Schweine- und Geflu ¨gelhaltung (European Jahrtausendwende erheblich an gesellschaftlicher Commission 2005; Vanhonacker et al. 2009; Kayser Akzeptanz verloren (European Commission 2005, et al. 2012; Wildraut et al. 2015), wahrend die 2016). Als Reaktion auf den Akzeptanzverlust stellte Milchviehhaltung im Vergleich durch befragte das Bundesministerium fu ¨r Erna¨hrung und Land- Bu ¨rger besser bewertet wird (European Commission wirtschaft (BMEL) im Juni 2017 seine 2005; Evans und Miele 2008; Boogaard et al. 2011). In ,,Nutztierhaltungsstrategie‘‘ vor (BMEL 2017a) und Bezug auf die Schweinehaltung besteht weitgehen- auch hier wird die wachsende Kritik der Gesellschaft der Konsens, dass das Platzangebot sowie die betont. Die folgenden Beitra¨ge, die sa¨mtlich aus dem Bodenbeschaffenheit von zentraler Bedeutung sind durch die Innovationsfo ¨rderung des BMEL gefo ¨rder- (Kayser et al. 2012; Wildraut et al. 2015; Weible et al. ten Projekt ,,SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel 2016). Daru ¨ber hinaus werden die Licht- und der Gesellschaft‘‘ stammen, unterstreichen diesen Punkt und verdeutlichen sowohl die Relevanz der Einbeziehung unterschiedlicher gesellschaftlicher Zur besseren Lesbarkeit werden im Folgenden lediglich die ¨ ¨ ¨ Gruppen wie auch den notwendigen Dialog mannlichen Bezeichnungen gewahlt. Selbstverstandlich sind Manner und Frauen gleichermaßen gemeint. 123 146 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Klimaverha¨ltnisse, vorzugsweise mit Außenklima- erho ¨hen. Beispiele hierfu ¨r sind das im Jahr 2013 ein- reizen (BMEL 2015b) sowie angebotene Spiel- und gefu ¨hrte Tierschutzlabel des Deutschen Bescha¨ftigungsmo ¨glichkeiten als besonders relevant Tierschutzbundes, die in 2015 gestartete betrachtet (Ermann et al. 2016). Die Geflu ¨gelhaltung Brancheninitiative ,,Initiative Tierwohl‘‘, das ebenfalls wird ebenfalls ha¨ufig sehr skeptisch gesehen (Ver- in 2015 vero ¨ffentlichte Gutachten des Wis- beke und Viaene 2000; Vanhonacker und Verbeke senschaftlichen Beirats fu ¨r Agrarpolitik beim 2009; Heng et al. 2013). Neben hohen Besatzdichten, Bundesministerium fu ¨r Ernahrung und Land- dem Einsatz von Antibiotika und der Gro ¨ße der Be- wirtschaft zum Tierwohl (BMEL 2015b) oder das ¨ ¨ stande, ist die To ¨tung von mannlichen Eintagsku ¨ken geplante staatliche Tierwohl-Label, dessen Kriterien ein von der Gesellschaft zunehmend beachtetes im April 2017 vorgestellt wurden (BMEL 2017b). Thema (Bruijnis et al. 2015). Zudem wa¨chst die Erkenntnis, dass eine wis- Aber auch die Milchviehhaltung ist nicht unum- senschaftliche Fundierung der politischen stritten. Im Vordergrund der Kritik steht vor allem Maßnahmen dazu beitragen ko ¨nnte, mo ¨gliche das unzureichende Platzangebot, die seltene Weide- Fehlentwicklungen fru ¨hzeitig zu identifizieren und haltung, der hohe Einsatz von Kraftfutter zur evidenzbasiert zu gestalten (Oehler et al. 2013). Optimierung der Milchleistung sowie die vermutete Vor diesem Hintergrund schlossen sich im Herbst prophylaktische Gabe von Medikamenten (Christoph- 2012 die Autoren dieses Beitrags und Wissenschaftler Schulz et al. 2015) und schließlich das betaubungslose aus ihren Teams zu einem Konsortium zusammen, Enthornen der Ka¨lber (Gauly 2015). Dass Bu ¨rger die um das Thema ‘‘Bewertung und Akzeptanz der Milchviehhaltung jedoch durchaus ambivalent beur- Nutztierhaltung in Deutschland’’ im Rahmen der teilen und sowohl Vor- als auch Nachteile sehen, Projektgruppe ,,SocialLab‘‘ strukturiert und umfas- zeigen Boogaard et al. (2011): So wird der heutzutage send mit unterschiedlichen, aufeinander hohe hygienische Standard in als ,,modern‘‘ bezeich- abgestimmten Methoden zu untersuchen (Thu ¨nen- neten Betrieben durchaus befu ¨rwortet, wa¨hrend Institut 2015). Sa¨mtliche Partner des Konsortiums gleichzeitig der Wunsch nach ,,traditionellen‘‘ arbeiten seit Jahren zu Themen der Agraro ¨konomik, Betrieben besteht. In Bezug auf die Rinderhaltung Verbraucherforschung, Verhaltenso ¨konomik und/ gibt es bisher weniger kritische Diskussionen. Bio- oder Tierethik und decken gemeinsam ein breites produktion, verbesserte Haltungsbedingungen und Theorien- und Methodenspektrum ab. Fu ¨r jede For- eine grasbasierte Fu ¨tterung wirken positiv auf die schungsfrage innerhalb des Projektes wird dabei auf Kaufpra¨ferenz von Rindfleisch (Risius und Hamm die Kombination mehrerer, ada¨quater Methoden 2017), wahrend u ¨ber die Intensivmast bisher kaum geachtet. Der Methodenbaukasten, der im SocialLab debattiert wird. Die zunehmende Kritik hat auch verwendet wird, besteht aus qualitativen und quan- o ¨konomische Auswirkungen auf die Branche. Fleisch titativen Methoden, aber auch aus experimentellen und Fleischprodukte stellten zwar 2015 mit einem Verfahren. Zu den qualitativen Methoden za¨hlen Anteil von 23,5% am Gesamtumsatz die wichtigste u. a. Gruppendiskussionen, Experten- und Tiefenin- und Milch und Milchprodukte (ohne Speiseeis) mit terviews. Quantitative Methoden sind z. B. durch knapp 14% die zweitwichtigste Produktgruppe der standardisierte Befragungen und Panelanalysen ver- deutschen Ernahrungsindustrie dar (BVE 2016), treten. Zu den experimentellen Methoden geho ¨ren allerdings stagniert der Konsum seit vielen Jahren u. a. bildgebende Verfahren der Consumer Neuro- bzw. geht leicht zuru ¨ck (BMEL 2015a). Die Proteste science und die Blickregistrierung. Mit dieser Vor- gegen die vorherrschenden Haltungsbedingungen gehensweise ist es mo ¨glich, im Rahmen des SocialLab nehmen gleichzeitig zu (Laine et al. 2017). Der Anteil Projektes die Komplexita¨t der Nutztierhaltung, so wie der Vegetarier in der deutschen Bevo ¨lkerung ist von sie heute in der Gesellschaft gesehen wird, ada¨quat knapp 2% Mitte der 2000er Jahre auf 4–5% 10 Jahre zu wu ¨rdigen und abzubilden. Das Projekt stellt in spa¨ter gestiegen (MRI 2008; Cordts et al. 2013; Men- seiner Breite auch weltweit eine Innovation dar. sink et al. 2016). Zu betonen ist, dass das Ziel des SocialLab Teams Schlu ¨sselakteure – u.a. das BMEL, die Agrar- und ist, evidenzbasiert Parameter der Akzeptanz fu ¨r eine Erna¨hrungswirtschaft, der Lebensmitteleinzelhandel gesellschaftlich akzeptierte und konsensfa¨hige Nutz- und einige NGOs – versuchen in ju ¨ngerer Zeit tierhaltung zu erforschen und in konkrete versta¨rkt, mit unterschiedlichen Maßnahmen den Politikempfehlungen zu u ¨berfu ¨hren. In diesem Pro- gesellschaftlichen Anliegen Rechnung zu tragen und zess werden sowohl die Perspektive der in erster Linie das Tierwohl zu verbessern, um so die gesellschaftliche Akzeptanz der Nutztierhaltung zu www.sociallab-nutztiere.de Zugriff am 2.11.2017. 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 147 Landwirtschaft und des Handels, als auch die der Der Beitrag von Rovers et al. bietet Einblicke in die Verbraucher beru ¨cksichtigt, um in komplexen und Wahrnehmung der landwirtschaftlichen Nutztier- langfristig wirkenden Zusammenha¨ngen konkrete haltung von Rind, Schwein und Huhn durch Politikgestaltungsmo ¨glichkeiten zu erarbeiten. Die Landwirte und Bu ¨rger. Dabei zeigen sich tierarten- Erreichung dieses Ziels setzt eine la¨ngerfristig ange- spezifische, aber auch tierartenu ¨bergreifende legte Forschung der Partner des Konsortiums im Unterschiede, z.B. beim Einsatz von Technik im Stall. Verbund voraus. Damit folgt das Projekt ,,SocialLab‘‘ Wahrend Landwirte die Arbeitserleichterung und in weiten Teilen der Strategie der Deutschen Agrar- positive Effekte fu ¨r das Tierwohl durch eine bessere forschungsallianz (DAFA 2012). Tierversorgung und -u ¨berwachung betonen, gehen Im Rahmen dieses ,,Reports‘‘ werden der (Fach-) die Bu ¨rger von einem verminderten Mensch-Tier- Offentlichkeit erste Ergebnisse des Projektes pra¨sen- Kontakt aus. tiert und Implikationen fu ¨r die weitere Forschung Der Beitrag von Wildraut und Mergenthaler baut abgeleitet. Im Folgenden werden die verschiedenen auf dem Beitrag von Rovers et al. insofern auf, dass Schwerpunkte der einzelnen Beitra¨ge kurz skizziert. die in den Gruppendiskussionen identifizierten Kon- Im Mittelpunkt der Beitra¨ge von Simons et al., Ku¨hl flikte zur Nutztierhaltung gemeinsam mit et al., Rovers et al. und Wildraut und Mergenthaler Landwirten und Verbrauchern diskutiert wurden, stehen Fragen, wie die Nutztierhaltung durch die um konkret zu untersuchen, wie beide Gruppen in Gesellschaft und gesellschaftliche Gruppen akzep- der direkten Konfrontation zu diesen Konflikten ste- tiert bzw. wahrgenommen wird und welche hen. Die Ergebnisse zeigen u.a., dass insbesondere Anforderungen an die Tierhaltungsverfahren sich Verbraucher, aber in Grenzen auch Landwirte bereit aus der gesellschaftlichen Diskussion ableiten lassen. sind, ihre Einscha¨tzungen zu a¨ndern, wenn sie die Die Erkenntnisse dieser Studien bilden eine wichtige Sichtweise der anderen Gruppe ho ¨ren. Grundlage fu ¨r die folgenden Analysen, die die hier Der zweite Abschnitt dieses Beitrags umfasst die gewonnenen Erkenntnisse in ihre Arbeiten mit ein- Arbeiten von Gier, Krampe et al., Gier et al. sowie von beziehen. Die Grundlagenstudie von Simons et al. Groß und Roosen. Ubergeordnet geht es um die Sys- zeigt, dass die Wahrnehmung der Tierhaltung durch tematisierung und Untersuchung vorhandener eine Bildkonfiguration charakterisiert ist, in der das Informationen, deren Wirkung und der Ableitung Bild einer ,,heilen Welt‘‘ (,,Museumslandwirtschaft‘‘) von Hinweisen fu ¨r die zuku ¨nftige Gestaltung von dem einer ,,Schreckenswelt‘‘ (,,Massentierhaltung‘‘) Verbraucherinformationen. Die Arbeiten bauen auf gegenu ¨bersteht. Wa¨hrend die ,,Museumsland- den Erkenntnissen des ersten Arbeitspakets auf und wirtschaft‘‘ sich durch einen als fair empfundenen erweitern diese u.a. um die Wirkung sachlicher und Deal zwischen Mensch und Tier auszeichnet, steht emotionaler Informationen auf Verbraucher. Uber die ,,Massentierhaltung‘‘ fu ¨r einen unwu ¨rdigen diese Erkenntnisse hinaus ko ¨nnen beispielsweise die Umgang mit den Tieren. Die Konfiguration ist stark Ergebnisse zur Wahrnehmung wertvolle Erga¨nzun- durch mediale Berichte und sowohl von Sehnsu ¨chten gen bieten. Dies tra¨gt fundamental dazu bei, das als auch von Schreckensphantasien und Deutungs- komplexe Zusammenspiel der unterschiedlichen mustern beeinflusst. Einflussfaktoren auf die Wahrnehmung und Akzep- In der Arbeit von Ku ¨hl et al. werden fu ¨r Milchku¨he, tanz der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung zu Mastschweine und Mastha¨hnchen vier verschiedene, durchdringen und Wege aufzuzeigen, wie diese fu ¨r die Praxis wichtige Haltungssysteme (Stallhaltung, beeinflusst werden ko ¨nnen. Außenklimastall, Stallhaltung mit Auslauf und Stall- Gier, Krampe et al. befassen sich im ersten Beitrag haltung mit Weidegang im Sommer) in mit den Informationen, die Verbraucher tagta¨glich systematischer Form auf ihre Bewertung und Akzep- beim Einkauf tierischer Produkte in Bild- und Textform tanz durch die Bu ¨rger verglichen. Die Ergebnisse wahrnehmen. Zudem vergleichen sie die neuralen verdeutlichen, dass die Gesellschaft die reine Stallhal- Wirkungen von Kommunikationsmaßnahmen in tung fu ¨r Nutztiere sehr kritisch bewertet. Fu ¨r alle unterschiedlichen Produktionsformen (biologische, Tierarten zeigt sich eine klare Pra¨ferenz fu¨r Hal- konventionelle Haltung). Die Autoren finden tungssysteme, die den Tieren zumindest Außenklima z.B. heraus, dass sich fu ¨r biologisch-orientierte Kom- ermo ¨glichen. Dabei wird die Weidehaltung am besten munikationsmaßnahmen ein signifikant ho ¨herer bewertet. Die Ergebnisse zeigen Forschungsbedarf durchschnittlicher Fleischwaren-Wochenumsatz pro hinsichtlich innovativer Haltungssysteme auf, die die Kunde ergibt. Anforderungen der Bu ¨rger aufgreifen. Der zweite Artikel von Gier et al. befasst sich mit dem Labelling und den Mo¨glichkeiten, aber auch 123 148 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Grenzen dieser besonderen Art der Ver- Das vierte und abschließende Arbeitspaket ermit- braucherkommunikation. Verbraucher beschrei- telt die Anspru ¨che der Verbraucher an die ben in dieser Studie Labels als ha¨ufig Tierhaltungsverfahren in Hinblick auf entstehende unversta¨ndlich und die Labelvielfalt als eher la¨stig. Zielkonflikte und pru ¨ft die Mo ¨glichkeiten der Daru ¨ber hinaus wird als innovativer Ansatz ein Umsetzbarkeit. Dabei baut es sehr stark auf den ,,Verbraucherinformationssystem‘‘ skizziert, mit ersten drei Arbeitspaketen auf. Außerdem wird die dem informationslogistische Ineffizienzen redu- gesellschaftliche Bewertung innovativer Tierhal- ziert werden ko¨nnten. tungsverfahren betrachtet. Der Beitrag von Groß und Roosen untersucht den Sonntag et al. untersuchen, wie Bu ¨rger reagieren, Einfluss von Nachrichtentexten auf das soziale Ver- wenn sie mit Zielkonflikten konfrontiert werden, die trauen von Verbrauchern in Landwirte im Kontext zwischen verschiedenen Nachhaltigkeitszielen der Nutztierhaltung. Personen, die zuna¨chst ein bestehen, wie etwa zwischen dem Tierwohl auf der geringes (hohes) Vertrauen in Landwirte haben, rea- einen und der Tiergesundheit oder dem Umwelt- gieren auf den Erhalt einer Nachricht positiv schutz auf der anderen Seite. Die Autoren zeigen mit (negativ). Negative Nachrichten haben einen sta¨rke- ihrer Untersuchung, dass das Wohl der Tiere domi- ren Effekt als positive. niert. So ist ein hoher Tierwohlstatus von gro ¨ßerer Der dritte große Abschnitt dieses Beitrages unter- Bedeutung als bspw. ein geringer Verbraucherpreis sucht die Sichtweise spezifischer Akteure entlang der oder die Produktqualitat. In gleichem Maße ent- Wertscho ¨pfungskette sowie die o ¨konomischen Aus- schieden sich Bu ¨rger fu ¨r das Wohl der Tiere auch zu wirkungen von obligatorischen und/oder freiwilligen Lasten von anderen Nachhaltigkeitszielen, wie z.B. Tierschutzstandards. Die in den ersten zwei Arbeits- dem Umweltschutz. paketen gewonnenen Erkenntnisse werden weiter Bru ¨mmer et al. befassen sich mit dem Zwei- konkretisiert, indem Motive, aber auch Hemmnisse nutzungshuhn und ermitteln u.a., dass das dafu ¨r untersucht werden, Produkte mit strengeren Ku ¨kento ¨ten zwar abgelehnt wird, die befragten Ver- Tierschutzstandards zu produzieren, in das Sortiment braucher aber nicht bereit sind, eigene aufzunehmen bzw. zu kaufen. Konsumgewohnheiten deutlich zu a¨ndern. Die Wildraut und Mergenthaler untersuchen die Ergebnisse dieses Beitrages wurden durch die enge Bereitschaft von Landwirten, derzeitige Tierhal- Zusammenarbeit mit dem Projekt ,,IntegHof – tungsverfahren hinsichtlich mehr Tierwohl Geflu ¨gelhaltung neu strukturiert‘‘ gewonnen, das weiterzuentwickeln. Aus Sicht der Landwirte ko ¨nnten sich aus naturwissenschaftlicher Sicht mit dem die Haltungsverfahren in Deutschland weiter ver- Zweinutzungshuhn befasst und an der Tierarztlichen bessert werden, Ideen werden allerdings aufgrund Hochschule in Hannover koordiniert wird. politischer und wirtschaftlicher Einschra¨nkungen sowie perso ¨nlicher und beruflicher Vorbehalte Danksagung zuru ¨ckhaltend formuliert. Der zweite Beitrag von Krampe et al. betrachtet ‘‘SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesell- das Meinungsbild des Lebensmitteleinzelhandels und schaft’’ wird aus Mitteln des Bundesministeriums fu¨r geht explizit auf Fragen zur Listungsentscheidung, Ernahrung und Landwirtschaft (BMEL) aufgrund zur staatlichen Regulierung bei der Durchsetzung eines Beschlusses des deutschen Bundestages gefo¨r- und Integration ho ¨herer Tierschutzstandards in die dert. Die Projekttragerschaft erfolgt u ¨ber die Wertscho ¨pfungskette sowie auf den Einfluss von Bundesanstalt fu ¨r Landwirtschaft und Erna¨hrung Labels auf die Verbraucher ein. (BLE) im Rahmen des Programms zur Innova- Roosen et al. analysieren die Pra¨ferenzen der Ver- tionsfo ¨rderung (FKZ: 2817202813). SocialLab braucher bezu ¨glich angemessener Tierwohl- Deutschland ist ein Zusammenschluss folgender regulierungen fu ¨r Masthu ¨hner und die Verantwort- Partner: Heinrich-Heine-Universita¨tDu ¨sseldorf, lichkeiten hierfu ¨r ebenso wie die Reaktion auf Thu ¨nen-Institut fu ¨r Marktanalyse (Gesamtkoordina- steigende Fleischpreise. Die Ergebnisse betonen die tion), Georg-August-Universita¨tGo ¨ttingen, Problematik der To ¨tung von Eintagsku ¨ken. So wer- Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universita¨t Bonn, den Zweinutzungshu ¨hner im Vergleich zur Fachhochschule Su ¨dwestfalen Soest, Technische Geschlechtsbestimmung im Ei pra¨feriert. Landwirte Universita¨tMu ¨nchen, Privates Forschungs- und werden als Hauptverantwortliche fu ¨r das Tierwohl Beratungsinstitut fu ¨r angewandte Ethik und Tierschutz identifiziert. INSTET GmbH. Daru ¨ber hinaus danken wir den Per- sonen und Institutionen, die uns im Rahmen der 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 149 jeweiligen Teilprojekte unterstu ¨tzt haben sowie ins- sch-DAFA-FFNutztiereWeb.pdf. Abgerufen 19.10. besondere den Mitgliedern des SocialLab-Beirats (vgl. 2017 www.sociallab-nutztiere.de). Ermann M, Graskemper V, Spiller A (2016) Die Wir- kung von gefu ¨hrten Stallbesichtigungen auf Bu ¨rger – eine Fallstudie auf nordwestdeutschen Literatur Schweinemastbetrieben. 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Die Qualita¨t der Ergebnisse ha¨ngt ab von der Fa¨- Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universita¨t Bonn, higkeit des Forschers, die Schilderungen in den Institut fu ¨r Lebensmittel- und Ressourceno ¨konomik, Interviews empathisch zu verstehen (Fitzek 2010). Der Professur fu ¨r Marktforschung der Agrar- u. Ansatz nutzt explizit den Forscher und sein Ernahrungswirtschaft Empathievermo ¨gen als grundlegende Voraussetzung Privates Forschungs- und Beratungsinstitut fu¨r fu ¨r das Versta¨ndnis der relevanten Zusammenha¨nge. angewandte Ethik und Tierschutz INSTET gGmbH, Eine spezifische Schulung der Forscher ist Voraus- Berlin setzung, um die verdeckten Motive und Emotionen Wirtschaftspsychologen Vierboom & Partner, Hen- aufdecken zu ko ¨nnen (Reik 1983). Eine solche, der nef (Sieg) Zielsetzung dieser Untersuchung angemessene Vor- johannes.simons@ilr.uni-bonn.de gehensweise ist notwendigerweise subjektiv. Um mo ¨gliche Verzerrungen der Ergebnisse durch das 1 Zielsetzung und Einordnung emotionale Erleben der Interviewer methodisch zu kontrollieren, werden die Untersuchungen in einem Die Zielsetzung der nachfolgend dargestellten Grund- Team von Forschern durchgefu ¨hrt, diskutiert und lagenstudie bestand in der Analyse der ausgewertet. gesellschaftlichen Akzeptanzbildung dessen, was als Interviews und Gruppendiskussionen dauern in derzeitige Tierhaltung in Deutschland wahrgenommen der Regel eineinhalb bis zwei Stunden. Dieser Zeit- wird. Hierzu war es notwendig, die Wahrnehmung als rahmen kann nicht genu ¨gen, um die perso ¨nliche Grundlage der Akzeptanzbildung in die Untersuchung Motivstruktur des Teilnehmers genau zu untersuchen einzubeziehen. Die Ergebnisse basieren auf Gruppen- - was auch nicht das Ziel der Untersuchung war. Er ist diskussionen und Tiefeninterviews, in denen die Sicht aber ausreichend, um unterschiedliche Facetten der der jeweiligen Teilnehmer auf das Thema Tierhaltung Wahrnehmung der Tierhaltung zu beleuchten, z.B. im Vordergrund steht. Sie sollen zu einem besseren unterschiedliche Bilder von der Tierhaltung und Verstandnis der Wahrnehmung der Tierhaltung und deren Akzeptanz. der Akzeptanzbildung beitragen und als Interpretati- onsrahmen fu ¨r weitere Untersuchungen dienen. 3 Stichprobe 2 Vorgehensweise Fu ¨r eine umfassende Analyse muss die Rekrutierung der Teilnehmer so vorgenommen werden, dass alle Die Analyse erfolgte auf Basis der Morphologischen hypothetisch relevanten Aspekte von wenigstens Psychologie, die auf die Erkla¨rung der Dynamik psy- einem, besser aber von mehreren Teilnehmern chischer Prozesse ausgerichtet ist. Sie konzentriert angesprochen werden. Als hypothetisch relevant fu¨r sich auf die zugrundeliegenden, unterschiedlichen, die Akzeptanz der Nutztierhaltung wurden regionale zum Teil gegensa¨tzlichen und zueinander in einem Einflu ¨sse und die Grundhaltung zum Fleischverzehr Spannungsverhaltnis stehenden Motive (Ziems 2004). eingescha¨tzt. Um diese Unterschiede abzudecken, Die Morphologische Psychologie geht davon aus, wurden die Interviews in verschiedenen Regionen dass unbewusste und vorbewusste Prozesse Verhalten bzw. Sta¨dten Deutschlands durchgefu ¨hrt: in den und Wahrnehmung steuern. In Einklang mit der Großsta¨dten Berlin und Bochum, in Oldenburg, einer psychoanalytischen Theorie soll ein umfassender Stadt im Zentrum der deutschen Schweine-, Geflu ¨gel- Ansatz die jeweiligen psychischen Pha¨nomene er- und Eierproduktion, in Kempten, einer Stadt im kla¨ren (Lo ¨nneker 2011). In der Analyse konzentriert Voralpenland in einer Ferienregion mit intensiver sich die Morphologische Psychologie dabei nicht auf Milchproduktion, in Go ¨ttingen im Zentrum personenorientierte Konzepte, sondern darauf, Deutschlands sowie Erfurt im Osten Deutschlands als welche Wirkungen von einem spezifischen Produkt zwei Regionen mit geringer Tierdichte. In Ko ¨ln, einer oder einer Idee ausgehen ko ¨nnen. weiteren Großstadt, wurde lediglich eine 123 152 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Gruppendiskussion veranstaltet. Zwei der Grup- 4.1 Grundlegende Bildfiguration pendiskussionen (Berlin und Ko ¨ln) sowie vier Einzel- interviews an jeweiligen Orten fanden mit Die Analyse der Wahrnehmung von Tierhaltung Vegetariern oder Veganern statt. Diskussionen mit ergibt eine Figuration, die aus einem scho ¨nen und geliebten Bild von Tieren und Tierhaltung auf der Vegetariern und Veganern sowie Fleischessern in einer Gruppe wurden nicht organisiert aus der einen Seite sowie aus Schock- und Schreckensbildern auf der anderen Seite besteht. Im Folgenden werden Erwartung heraus, dass bei einer solchen Konstella- tion die Auseinandersetzung zwischen den Gruppen diese beiden Seiten mit den Begriffen Museums- landwirtschaft und Massentierhaltung bezeichnet. und nicht mehr die Wahrnehmung der Tierhaltung im Vordergrund stehen wu ¨rde. Museumslandwirtschaft: Die Bilder der Museums- Der Gesamtumfang der Stichprobe betra¨gt 116 landwirtschaft sind auf eine heile Welt der Personen mit 67 Teilnehmerinnen und 49 Teil- Tierhaltung und der mit der Tierhaltung befassten nehmern. 42 Personen waren zwischen 20 und Personen ausgelegt. Charakteristisch ist ein wert- 30 Jahren, 37 zwischen 31 und 50 und 30 zwischen schatzender Umgang mit den Tieren, der sich in 51 und 73. Sieben Personen machten keine einer als tiergerecht wahrgenommenen Haltung a¨ußert. Halter und Tiere werden ha¨ufig als gutmu ¨tig Altersangaben. Die Rekrutierung der Teilnehmer erfolgte durch und geduldig beschrieben, die im Sinne eines ,,fairen Deals‘‘ zusammenleben und aufeinander angewiesen ein kommerzielles Marktforschungsinstitut. Die Erhebung fand im Zeitraum zwischen September sind. Den Hintergrund fu ¨r diese Bilder bieten Vor- und Dezember 2015 statt. Vorab wurden die Teil- stellungen von Ho ¨fen aus der Vergangenheit oder nehmer lediglich daru ¨ber informiert, dass von solchen Betrieben, die die Entwicklung zur Landwirtschaft und Erna¨hrung die Themen der modernen Landwirtschaft nicht mitgemacht haben. Interviews bzw. der Diskussionen sein wu ¨rden. Traditionen, Bestandigkeit, Kindheitserinnerungen oder Vorstellungen von einer glu ¨cklichen Kindheit 4 Ergebnisse sind wichtige Bestandteile. Gespeist werden die Bilder der Museumslandwirt- schaft durch Medienberichte, Heimatfilme und Die Beobachtungen in den Interviews und Grup- pendiskussionen zeigen vor allem bei Fleischessern Werbung, durch eigene Sehnsu ¨chte und Erfahrun- gen, durch Erlebnisse wie dem Urlaub und das einen Unwillen, sich intensiv mit der Tierhaltung auseinanderzusetzen. Die Bescha¨ftigung erscheint oft Einkaufen auf dem Bauernhof oder durch die Teil- nahme an traditionsreichen landwirtschaftlichen anstrengend. Unwillen und Anstrengung deuten darauf hin, dass diese Auseinandersetzung im Alltag Festen. Die Museumslandwirtschaft steht aufgrund gemieden wird. Bei Vegetariern und Veganern des als fair empfundenen Deals zwischen Mensch bestehen demgegenu ¨ber tendenziell konkretisierte und Tier fu ¨r eine akzeptierte Form der Tierhaltung. Vorstellungen u ¨ber negative Seiten der Tierhaltung, Fragen nach der umfassenden Realisierbarkeit dieser die Belebung von abstoßenden Bildern aus der Tier- Art von Landwirtschaft oder der Vollstandigkeit der haltung fa¨llt deutlich leichter und die Vorstellungen z.B. im Hinblick auf Arbeitsverha¨lt- nisse und Tierwohl spielen bei der Faszination, wenn Auskunftsbereitschaft ist gro ¨ßer als bei den Fleischessern. u ¨berhaupt, nur eine untergeordnete Rolle. Vielmehr sind die Bilder Ausdruck des Wunsches, komplexe Die Wahrnehmung der Tierhaltung generiert sich aus Bildern und Informationen, die aus Massen- Zusammenha¨nge auf eine einfache und u ¨berschau- medien, Internet, sozialen Medien, perso ¨nlicher bare Ordnung zu bringen. Sie sprechen die Kommunikation und eigenen Erfahrungen stammen Sehnsucht nach Bestandigkeit und geringer Kom- und durch Systematisierungen und Schlussfolgerun- plexita¨t der eigenen Lebensverha¨ltnisse an und gen in einen Sinnzusammenhang gebracht werden. ko ¨nnen damit als Gegenbilder zu einem hektisch und Perso ¨nliche Erfahrungen mit der heutigen Tierhal- kompliziert erlebten Alltag dienen. Fu ¨r die tung sind dabei eher die Ausnahme. Obwohl der Begriff ,,Massentierhaltung‘‘ urspru ¨nglich von der Bundesregierung wertneutral als ,,Haltung großer Nutz- tierbestande auf begrenztem Raum in neuzeitlichen 57 Einzelinterviews, ein Interview mit 2 Personen und 7 Haltungssystemen‘‘ definiert wurde (Bundesregierung 1971, S. Gruppendiskussionen (2 Gruppen mit je 9 Teilnehmern, 2 9), hat sich die Rede von der ,,Massentierhaltung‘‘ zum Gruppen mit je 8 Teilnehmern und weitere 3 Gruppen mit je 6, Inbegriff moralischen Fehlverhaltens in Bezug auf Tiere 7 oder 10 Teilnehmern). entwickelt. 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 153 gewo ¨hnlichen Anforderungen des Alltags ist die 4.2 Einordnung der Massentierhaltung in das Museumslandwirtschaft allerdings zu begrenzt. Gesamtbild von der Tierhaltung Massentierhaltung: Der Museumslandwirtschaft steht die Massentierhaltung gegenu ¨ber. Charakteris- Die Existenz der nicht akzeptierten Massentierhal- tung wird in der Regel nicht angezweifelt, tisch sind dunkle, enge Sta¨lle, in denen Tiere vor sich hinvegetieren. Der Umgang mit den Tieren wird als Unterschiede ergeben sich allerdings bei der Ein- ¨ ¨ ordnung der Massentierhaltung in den nicht wertschatzend und als tierqualerisch wahrgenommenen. Massentierhaltung steht der Gesamtkomplex sowohl der Tierhaltung als auch des eigenen Alltags. Hierzu konnten in der Analyse vor Bedeutung nach vor allem fu ¨r Maßlosigkeit, fu ¨r die Verletzung moralischer Grundsa¨tze und fehlende allem zwei Ansa¨tze identifiziert werden: Individualita¨t. Mit einer Fixierung auf bestimmte • Massentierhaltung als Skandal in einem ansons- Gro ¨ßenordnungen wie der Anzahl der Tiere pro ten funktionierenden Versorgungssystem: Hierbei Betrieb la¨sst sie sich nur unzureichend charakteri- besteht die Vorstellung oder Hoffnung, dass sieren. In diesem System, das auch die verarbeitende gro ¨ßere Organisationen und Kontrollbeho ¨rden Industrie und z.T. den Handel mit einbezieht, wird das Funktionieren des Systems u ¨berwachen, so unterstellt, dass die Tiere als seelenlose Ware dass Abweichungen und Sto ¨rungen weitgehend behandelt werden und die Halter entweder den Tie- durch Aufdeckung und durch die Bestrafung der ren gegenu ¨ber gefu ¨hllos sind oder selber Opfer eines Verursacher vermieden werden. ausbeuterischen Systems wurden, in dem sie sich – • Massentierhaltung als Normalita¨t in einem mora- z.B. getrieben von der Fleischwirtschaft – gezwung- lisch verwerflichen System: Hierbei sind den enermaßen schuldig machen. Das Schreddern von Schreckensphantasien u ¨ber den Umgang mit Ku ¨ken, Kastration, das Kupieren von Schwa¨nzen oder den Tieren und den Charakter der Menschen das Schlachten nicht ausreichend beta¨ubter Tiere kaum Grenzen gesetzt. Entsprechende Außerun- sind Beispiele, die in diesem Zusammenhang er- gen beziehen sich in der Regel auf mediale wa¨hnt werden. Der Einsatz von Antibiotika wird oft Darstellungen der Tierhaltung, die durch eigene als notwendige Maßnahme zur Aufrechterhaltung Vermutungen, Spekulationen und Verda¨chtigun- eines als krank erlebten Systems eingeschatzt. Bei der gen angereichert und auf diese Weise Beschreibung der Massentierhaltung verwischt die weiterentwickelt werden. Grenze zwischen dem Umgang mit Tieren und dem Umgang mit Menschen. Stallanlagen werden auch 4.3 Vorstellungen zur Weiterentwicklung der als ,,Tier-KZ‘‘ bezeichnet und die Behandlung der Arbeiter in den Schlachtha¨usern als ebenso unwu ¨rdig Tierhaltung beschrieben wie die der Tiere. Insbesondere bei der Diskussion um den Einsatz von Antibiotika wird Fu ¨r die Beurteilung unterschiedlicher Tierhal- befu ¨rchtet, dass das als maßlos eingescha¨tzte System tungsverfahren und deren Weiterentwicklung katastrophale Folgen fu ¨r die menschliche Gesundheit bestehen vermeintlich klare Vorstellungen hinsicht- hat. Fleisch, das auf der einen Seite ,,ein Stu¨ck lich der Beurteilungskategorien. Vor allem Bewegungsfreiheit, Licht, frische Luft und Bescha¨fti- Lebenskraft‘‘ darstellt, wird damit zum trojanischen Pferd, das die Mo ¨glichkeiten zur Krankheitsbeka¨mp- gungsmo ¨glichkeiten werden immer wieder genannt. fung ausho ¨hlt. Die Existenz eines Sektors, der sich wenig um moralische Grundsa¨tze oder gesetzliche 4.4 Perso¨nliche Auseinandersetzung mit der Regelungen zu ku ¨mmern scheint, kann daru ¨ber Massentierhaltung hinaus auch als Zeichen fu ¨r die allgemeine gesell- schaftliche Entwicklung und als Bedrohung fu ¨r den Die Auseinandersetzung mit den Bildern und eigenen Alltag erlebt werden. Die Massentierhaltung Vorstellungen von Massentierhaltung ko ¨nnen zu ist die nicht akzeptierte Form der Tierhaltung. Sie heftigen emotionalen Reaktionen und in der Folge zu entsprechenden Abwehrreaktionen fu ¨hren. Es wird in nahezu allen Interviews angesprochen und bietet aufgrund fehlender Erfahrung mit der Tier- besteht eine starke Tendenz, nichts oder wenig wis- sen zu wollen, um sich emotionalen Sto ¨rungen nicht haltung Raum fu ¨r ausufernde und auch faszinierende Schreckensphantasien. Sie steht mit aussetzen zu mu ¨ssen. In der Untersuchung wurden ¨ vor allem folgende Gru ¨nde deutlich: ihrer beangstigenden Maßlosigkeit der als angenehm empfundenen Begrenzung der Museumslandwirt- schaft gegenu ¨ber. 123 154 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft • Der Genuss von Fleisch und Fleischprodukten Je nachdem, in welchem Zusammenhang die wird durch Berichte u ¨ber Massentierhaltung und Tierhaltung diskutiert wird (Schuldzuweisung, Bei- die dadurch ausgelo ¨ste Konfrontation mit unap- spiel fu ¨r eine unmoralische Gesellschaft, eigener petitlichen Bildern eingeschra¨nkt. Fleischkonsum) kann die Beurteilung ein und des- • Die Auseinandersetzung mit der Fleischerzeu- selben Teilnehmers unterschiedlich ausfallen. Es gibt gung verdeutlicht den Verwendern von eine erhebliche intrapersonelle Variabilita¨t der ge- Tierprodukten eine eigene Verstrickung in ein ¨ außerten Einstellungen und der jeweils als wichtig System, das als maßlos und unmoralisch beurteilt erachteten Aspekte. Dies weist stark darauf hin, dass wird. die Deutungen der Bilder vom jeweiligen Diskussi- • Die Schreckensbilder der Massentierhaltung und onsrahmen abha¨ngen. die in diesem Zusammenhang wahrgenommene Brutalitat gegenu ¨ber lebenden Kreaturen lo ¨sen 5 Ethische Einordnung Angste um die eigene Verwundbarkeit aus. Jede Wahrnehmung einer konkreten Tierhaltung Wa¨hrend die ersten beiden Punkte vor allem fu¨r wird beeinflusst von einem im Laufe des individuellen Fleischesser gelten, trifft der dritte Punkt auch auf Lebens sich entwickelnden Spannungsfeld zwischen Teilnehmer zu, die sich fleischlos ernahren. Das den Vorstellungen von ,,guter und richtiger‘‘ bzw. Gefu ¨hl der Verstrickung in ein als maßlos und ,,schlechter und falscher‘‘ Tierhaltung. Die subjektive unmoralisch erlebtes System und damit die Thema- Vorstellung davon, was ,,gut und richtig‘‘ bzw. tisierung der eigenen Maßlosigkeit wecken den ,,schlecht und falsch‘‘ ist, resultiert aus den Bildern, die Bedarf nach Begrenzungen. Im Gesamtbild von Tier- sich spontan einstellen, wenn die Tierhaltung in den haltung erkla¨rt sich die Attraktivita¨t der Kategorien Mitgefu ¨hl, Gerechtigkeit und Respekt Museumslandwirtschaft auch aus ihrer Funktion als einmal als akzeptable und einmal als inakzeptable das Gegenbild zur Massentierhaltung. Entsprechende Variante beschrieben werden soll. Mitgefu ¨hl und Begrenzungswu ¨nsche kommen auch im Wunsch Gerechtigkeit sind moralische Kategorien, die Empa- oder im Vorsatz zum Ausdruck, den eigenen thie (Einfu ¨hlung in die Betroffenen) voraussetzen; Fleischkonsum einzuschra¨nken. Schuldzuweisungen Respekt bildet demgegenu ¨ber eine empathiefreie und eigene Ohnmachtsbekundungen ko ¨nnen eben- moralische Kategorie, die mit Wertscha¨tzung korre- falls helfen, das Gefu ¨hl der eigenen Verstrickung liert. Werden Menschen aufgefordert, Bilder der abzumildern. Bei Veganern und z.T. auch Vegetariern landwirtschaftlichen Tierhaltung zu beschreiben, die ist dagegen eine Tendenz festzustellen, die unmoral- sie als akzeptierbar empfinden, dann entstehen Bilder, ischen und ungesunden Aspekte der Tierhaltung zu die einen respektvollen Umgang mit den Tieren zei- betonen und damit die eigene, freiwillige Begren- gen, die kein Mitleid auslo ¨sen und sich als ,,fairer Deal‘‘ zung zu begru ¨nden und positiv herauszustellen. zwischen Mensch und Tier verstehen lassen. Bilder In der Auseinandersetzung um die Tierhaltung einer inakzeptablen Form landwirtschaftlicher Tier- werden perso ¨nliche Zielkonflikte deutlich wahrge- haltung sind demgegenu ¨ber charakterisiert durch nommen, z.B. der Zielkonflikt zwischen einer einen respektlosen Umgang mit dem Tier (,,Ausbeu- preiswerten Versorgung und Forderungen nach ver- tung‘‘, ,,Instrumentalisierung‘‘), durch Mitleid oder besserten Tierschutzstandards. Es besteht auch ein durch eine Ungerechtigkeitsempfindung. Bewusstsein fu ¨r den Widerspruch zwischen den Ein- Wahrend die Teilnehmer dieser Untersuchung die stellungen zur Tierhaltung auf der einen Seite und inakzeptablen Bilder von sich aus mit dem Begriff dem Kauf- und Konsumverhalten auf der anderen. Massentierhaltung in Verbindung brachten, wurde Hierfu ¨r werden unterschiedliche Argumente angefu¨- Museumslandwirtschaft von den Autoren verwendet, hrt, wie z.B. Budgetrestriktionen, fehlende um die Bilder der akzeptierten Tierhaltung begrifflich Verfu ¨gbarkeit von Fleisch mit ho ¨heren Tierwohlstan- zusammenzufassen. Bezeichnet man die Pole des fu¨r dards, Scheu und Unlust vor der Verkomplizierung die Nutztierhaltung relevanten Wertungsrahmens in allta¨glicher Kaufentscheidungen, fehlendes Wissen, diesem Sinne mit Museumslandwirtschaft und fehlende Wirksamkeit des eigenen Handelns, fehlen- Massentierhaltung, dann wird versta¨ndlich, wie die des Verantwortungsgefu¨hl fu ¨r Misssta¨nde usw. beiden Bildgruppen bzw. die beiden Begriffe sich aus Entsprechende Erklarungen verringern zwar das Einzelbildern zusammensetzen, die jeweils reale, Unbehagen u ¨ber das eigene Verhalten; sie beseitigen mediale oder nur vorgestellte Erlebnisse des es aber nicht. Beurteilenden darstellen. Auf der Seite der Museums- landwirtschaft dominieren scho ¨ne Bilder, weil 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 155 Scho ¨nheit mit Wertscha¨tzung und Wertscha¨tzung mit • Museumslandwirtschaft als akzeptierte und Mas- Respekt assoziiert ist. Die Bilder der Massentierhaltung sentierhaltung als nicht akzeptierte Form der werden demgegenu ¨ber von abstoßenden Elementen Tierhaltung bilden eine weit verbreitete Bildkonfi- gepra¨gt (Dreck, Dunkelheit, Leid) und lassen Raum fu¨r guration. Die der Massentierhaltung zugeschriebene, angsteinflo ¨ßende Maßlosigkeit findet einen du ¨stere Phantasien. Fu ¨r die gesellschaftliche Debatte um die Zukunft Gegenpol in den als wohltuend erlebten Begren- zungen der Museumslandwirtschaft. der Nutztierhaltung kommt diesen Bildern bzw. Begriffen gro ¨ßte Wichtigkeit zu. Die Museumsland- • Auch wenn die Grenzen der Umsetzbarkeit der Museumslandwirtschaft wahrgenommen werden, wirtschaft dient subjektiv als ,,Machbarkeitsnachweis‘‘ einer ethisch sauberen Tierhaltung. Diese Bilder dienen die scho ¨nen Bilder des als fair empfunde- brauchen in der Praxis aber nicht eins zu eins realisiert nen Deals zwischen Mensch und Tier als Maßstab werden (es ist kein Museumsbauernhof erforderlich). einer zu entwickelnden ethisch und moralisch Notwendig ist vielmehr, dass die Bilder neuer Nutz- vertretbaren Tierhaltung. tierhaltungsformen in den drei angesprochenen • In den Interviews und Gruppendiskussionen Kategorien – Mitgefu ¨hl, Gerechtigkeit und Respekt – gelingt es den Teilnehmern nicht, konkrete Vor- stellungen von einer Tierhaltung zu entwickeln, ebenfalls als ,,akzeptierbar‘‘ bewertet werden. Das ist dann der Fall, wenn sie als ,,fairer Deal‘‘ zwischen die sowohl ihren Anspru ¨chen an Tierwohl und Umweltvertra¨glichkeit, wie auch ihren Anspru¨- Mensch und Tier verstanden werden ko ¨nnen, weil ein ,,fairer Deal‘‘ nicht nur Ungerechtigkeit, sondern auch chen an Versorgung und Bezahlbarkeit Mitleid und Respektlosigkeit logisch ausschließt. Da entspricht. Eine Abwa¨gung der mit einer ,,Muse- sich in den vergangenen Jahrzehnten Schreckens- umslandwirtschaft‘‘ verbundenen Konsequenzen phantasien zur Massentierhaltung verbreitet haben, erfolgt kaum. erscheint es daru ¨ber hinaus unverzichtbar, Transpa- • Reaktionen und Fragen nach der Beurteilung der renz fu ¨r den Bu ¨rger bzw. Verbraucher herzustellen Tierhaltung werden beeinflusst von der eigenen (,,gla¨serne Produktion‘‘), da nur so diesen sich spontan Verstrickung in das System. Bei Fleischessern aufdra¨ngenden Verda¨chtigungen entgegengewirkt ko ¨nnen heftige Schuldzuweisungen und hohe moralischen Anforderungen an die Akteure der werden kann. Wertscho ¨pfungskette von der empfundenen Mit- schuld ablenken. 6 Zusammenfassende Einordnung • Argumentationen und gea¨ußerte Einstellungen zur Tierhaltung variieren in Abha¨ngigkeit vom Bei der Beurteilung und Einordnung der Ergebnisse der vorliegenden Studie als auch von qualitativen und Diskussionszusammenhang. quantitativen Befragungen im Allgemeinen ist zu • Fu ¨r eine Verbesserung der Akzeptanz der Tierhal- beru ¨cksichtigen, dass die Bewusstmachung, die in sol- tung sind Anderungen und Weiterentwicklungen chen Befragungen stattfindet, im Alltag in der Regel hin zu tiergerechteren Verfahren notwendig, aber nicht erfolgt. Entsprechend finden sich in den Inter- nicht hinreichend, wenn diese nicht auch zu einer views immer wieder Aussagen und ,,Bekenntnisse‘‘, Anderung der Bilder und Deutungsmuster fu ¨hren. Kommunikation ist ein entscheidender Bestim- dass die als wichtig angesehene Tierschutzproblematik im Alltag kaum eine Rolle spielt. Die mentale Verfas- mungsfaktor fu ¨r die Entwicklung der Akzeptanz. Dabei ist zu beachten, dass eine Kommunikation, sung beim Kauf und Verzehr von Fleisch unterscheidet sich erheblich von der in der Untersuchungssituation. die als scho¨n fa¨rbend wahrgenommen wird, zu Unabha¨ngig von der Bedeutung der Thematik im All- einem weiteren Glaubwu ¨rdigkeitsverlust fu ¨r den tag lassen sich fu ¨r die Diskussion um die Sektor fu ¨hren wu ¨rde, weil sie die im Konzept der Wahrnehmung und Akzeptanz der Tierhaltung fol- Massentierhaltung enthaltenen Deutungsmuster gende Punkte herausstellen: u ¨ber die unmoralischen Handlungen der Akteure des Fleischsektors versta¨rkt. • Die Vorstellungen von der Tierhaltung und deren • Bei Analyse der Marktreaktionen ist zu beru ¨cksich- Akzeptanz sind stark von medialen Berichten, von tigen, dass sich die mentale Verfassung in Kaufsi- Sehnsu ¨chten als auch Schreckensphantasien und tuationen erheblich von der bei Befragungen von Deutungsmustern beeinflusst. Das fu¨hrt zu unterscheidet. Spaltungen und Verdra¨ngungen, der Frage, inwieweit diese Vorstellungen den die beim Kauf und Verzehr auftreten und die durch Verha¨ltnissen in der Tierhaltung gerecht werden. die Einbindung in bestimmte Situationen und 123 156 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Verwendungszusammenhange gefo ¨rdert werden, Lo ¨nneker J (2011) Die Wirkung von Qualita¨ten - treten bei den Befragungen weniger stark auf. Gestalten im Wandel. In: Naderer G, Balzer E (eds.) Qualitative Marktforschung in Theorie und Praxis, 2nd edn. Gabler, Wiesbaden, pp 83–110 Melchers C, Ziems D (2001) Morphologische Markt- Literatur psychologie. Ko¨ln Reik T (1983) Listening with the third ear: Macmillan. Bundesregierung (1971) Bundestagsdrucksache VI/ Farrar, Straus and Giroux, New York 2559 vom 07.09.1971. Entwurf eines Tierschutzge- Ziems D (2004) The morphological approach for setzes. http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/06/025/ unconscious consumer motivation research. 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Die Ergebnisse dieser vergleichenden Bewertung ermo ¨glichen Schlussfol- Georg-August-Universita¨tGo ¨ttingen, Department gerungen fu ¨r zukunftsweisende Haltungssysteme. fu ¨r Agraro ¨konomie und Rurale Entwicklung Marketing fu ¨r Lebensmittel und Agrarprodukte 2 Vorgehensweise und Auswertung sarah.kuehl@agr.uni-goettingen.de Um Unterschiede in der Bewertung moderner 1 Einleitung Nutztierhaltungssysteme aufzuzeigen, wurde im Februar 2016 eine Online-Befragung mit 1.074 Die Nutztierhaltung wird in Deutschland sehr diffe- Probanden durchgefu ¨hrt. Die Stichprobe war renziert wahrgenommen: Einerseits werden die hinsichtlich Alter (ab 16 Jahren), Geschlecht und Haltungsbedingen der Tiere vermehrt kritisiert und Einkommen repra¨sentativ fu¨r diedeutscheBevo¨l- andererseits ist sie durch romantische Bilder aufge- kerung. Die Probanden beurteilten fu¨r Milchku¨he, laden (Kayser et al. 2012; Kayser und Spiller 2012; Mastschweine und Masthu ¨hnchen je 4 verschiedene Isermeyer 2014). Zudem bestehen tierartenspezifische Haltungssysteme (Stallhaltung, Außenklimastall, Unterschiede in der Wahrnehmung und Bewertung. Stallhaltung mit Auslauf und Stallhaltung mit Wa¨hrend die Milchviehhaltung im Vergleich zur Weide im Sommer). Aufgrund des Umfangs der Fleischwirtschaft eher positiv wahrgenommen wird Fragestellung wurde der Fragebogen so geteilt, dass (Albersmeier und Spiller 2010), wird bspw. die Hu¨- 358 Probanden die Milchviehhaltung bewerteten, hnchenhaltung mit ihren hohen Tierzahlen und 356 die Mastschweinehaltung und 360 die Mast- mechanisierten Abla¨ufen negativ bewertet (Busch hu ¨hnchenhaltung. Eingesetzt wurden Bilder der et al. 2015). Insgesamt erfa¨hrt die Nutztierhaltung, jeweiligen Systeme und neutrale Kurzbeschreibun- und dadurch auch der Konsum tierischer Produkte, gen ihrer wesentlichen Merkmale (vgl. Abb. 1–3). Die eine zunehmende Skepsis und einen wachsenden Bewertung der Haltungssysteme erfolgte anhand Akzeptanzverlust in Teilen der Gesellschaft von literaturgestu ¨tzten Statements (Conner et al. (Vanhonacker et al. 2014). Daher ist es wichtig zu 2008), welche sich auf das Wohlbefinden der Tiere ermitteln, welche Haltungssysteme bei welchen sowie auf die sensorischen Aspekte tierischer Pro- Tierarten akzeptiert oder abgelehnt werden und zu dukte beziehen. Die Bewertung der vier analysieren, worin diese Bewertungen begru ¨ndet Haltungssysteme erfolgte randomisiert, um Rei- liegen. henfolgeeffekte zu vermeiden. Abschließend sollten Bisherige Studien konnten eine Pra¨ferenz der Bu¨- die Probanden die gesehenen Haltungssysteme rger fu ¨r Weidehaltung und Auslauf ins Freie fu¨r zusammenfassend bewerten. Die Datenauswertung Nutztiere aufzeigen (Conner et al. 2008; Weinrich erfolgte mittels uni- und bivariater Analysen in IBM et al. 2014). Es existieren jedoch keine Studien, in SPSS Statistics 24. denen Bewertungen hinsichtlich der verschiedenen modernen Haltungssysteme in systematischer Form erfasst wurden. Die vorliegende Untersuchung 123 158 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Diese Bilder zeigen die Innen und Außenansichten der reinen Stallhaltung von Kühen: Diese Bilder zeigen die Innen- und Außenansichten der reinen Stallhaltung von Schweinen: Die Kühe sind immer im Stall, dort können sie sich frei bewegen und sind nicht angebunden. Der Stall hat feste Wände mit Tür-, Tor- und Fensterflächen. Der Luaustausch erfolgt über Die Schweine sind immer im Stall, dort können sie sich frei bewegen und sind mit anderen Lüungsanlagen (z.B. Venlatoren) Schweinen zusammen in einer Gruppenbucht. Der Stall hat feste Wände mit geschlossenen Quelle: ©Bildagentur Landpixel Tür-, Tor- und Fensterflächen. Lüungs- und Klimageräte sorgen für ein geregeltes Raumklima, unabhängig von der Temperatur und der Lufeuchgkeit draußen. Diese Bilder zeigen die Innen und Außenansichten der reinen Stallhaltung von Kühen in Außenklimaställen: Diese Bilder zeigen die Innen- und Außenansichten der reinen Stallhaltung von Schweinen in Außenklimaställen: Die Kühe sind immer im Stall, dort können sie sich frei bewegen und sind nicht angebunden. Diese Stallform bietet im Gegensatz zu einem normalen Stall zusätzlich Kontakt zu Die Schweine sind immer im Stall, dort können sie sich frei bewegen und sind mit anderen Außenklima (natürliche Wierung: Sonnenschein, Kälte, Wind etc.) über große Öffnungen Schweinen zusammen in einer Gruppenbucht. Diese Stallform bietet im Gegensatz zu an der Front, offene Stallseitenwände oder einen offenen Giebel. Um die Tiere z.B. vor einem normalen Stall zusätzlich Kontakt zu Außenklima (natürliche Wierung: Wind zu schützen, stehen spezielle Windschutznetze oder steuerbare Jalousien an den Sonnenschein, Kälte, Wind etc.) über offene Seitenwände. Um die Tiere z.B. vor Wind zu offenen Wänden zur Verfügung. Die Temperatur und die Lufeuchgkeit sind im Stall schützen, stehen spezielle Windschutznetze oder steuerbare Jalousien an den offenen ähnlich wie außerhalb des Stalls. Wänden zur Verfügung. Die Liege- und Ruhezonen sind wärmegedämmt oder eingestreut. Die Schweine können im Stall einen beliebigen Klimabereich aufsuchen. Quelle: © Bildagentur Landpixel Quelle: © Bildungs und Wissenszentrum Boxberg Schweinehaltung, Schweinezucht Diese Bilder zeigen die Innen- und Außenansichten der Stallhaltung von Kühen mit Zugang (Landesanstalt für Schweinezucht LSZ) zu einem Auslauf (Lauof), der den Tieren zusätzlich zur Verfügung steht: Diese Bilder zeigen die Innen- und Außenansichten der Stallhaltung von Schweinen mit Zugang zu einem Auslauf, der den Tieren zusätzlich zur Verfügung steht: Die Kühe werden im Stall gehalten, dort können sie sich frei bewegen und sind nicht angebunden. Zusätzlich können sie nach eigenem Bedürfnis ganzjährig einen Auslauf Die Schweine werden im Stall gehalten, dort können sie sich frei bewegen und sind mit (Lauof) außerhalb des Stalls nutzen. Dieser Auslauf ist an den Stall angegliedert und hat anderen Schweinen zusammen in einer Gruppenbucht. Zusätzlich können sie nach eigenem meist einen betonierten Boden. Der Lauof ist unter freiem Himmel oder teilweise Bedürfnis ganzjährig einen Auslauf außerhalb des Stalls nutzen. Dieser Auslauf ist an den überdacht und bietet den Tieren die Möglichkeit zum Orts- und Klimawechsel, sofern es die Stall angegliedert und ist meist betoniert und nicht zwingend mit Stroh eingestreut. Der Wierung erlaubt. Auslauf ist unter freiem Himmel oder teilweise überdacht und bietet den Tieren die Quelle: © Bildagentur Landpixel Möglichkeit zum Orts- und Klimawechsel, sofern es die Wierung erlaubt. Diese Bilder zeigen die Innen- und Außenansichten der Stallhaltung von Kühen mit Zugang Quelle: © Bildagentur Landpixel, © KTBL, Stephan Fritsche auf eine Weide bzw. einen Naturboden, der den Tieren zusätzlich zur Verfügung steht: Diese Bilder zeigen die Haltung von Schweinen in Hüen mit Zugang auf eine Wiese bzw. einen Naturboden: Die Kühe werden im Stall gehalten, dort können sie sich frei bewegen und sind nicht angebunden. Zusätzlich haben sie für einen besmmten Zeitraum des Jahres, sofern es die Die Schweine werden für eine gewisse Zeit im Stall gehalten, dort können sie sich frei Wierung erlaubt, Zugang auf eine Weide bzw. einen Naturboden. Der Zugang auf die bewegen und sind mit anderen Schweinen zusammen in einer Gruppenbucht. Außerdem Weide bzw. den Naturboden bietet die Möglichkeit zum Orts- und Klimawechsel. leben Sie für einen besmmten Zeitraum des Jahres im Freien auf einer umzäunten Wiese Quelle: © Nina Gaus bzw. einem Naturboden. Dort stehen ihnen zum Schutz vor der Wierung Hüen zur Verfügung. Sie können sich auf der Wiese bzw. dem Naturboden zusammen mit anderen Schweinen nach ihrem eigenem Bedürfnis frei bewegen. Abb. 1 Bewertungsgrundlagen fu ¨r verschiedene Haltungssys- Quelle: © Bildagentur Landpixel teme in der Online-Befragung zur Tierart ,,Kuh‘‘ Abb. 2 Bewertungsgrundlagen fu ¨r verschiedene Haltungssys- teme in der Online-Befragung zur Tierart ,,Schwein‘‘ 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 159 3 Ergebnisse Diese Bilder zeigen die Innen- und Außenansichten der reinen Stallhaltung von Hähnchen: 3.1 Stichprobenbeschreibung Das Geschlechterverha¨ltnis in der Stichprobe ist mit Die Hähnchen sind immer im Stall, dort werden sie auf Einstreu gehalten und können sich 51,6 % weiblichen zu 48,4 % ma¨nnlichen Teilneh- frei bewegen. Der Stall hat feste Wände mit geschlossenen Tür-, Tor- und Fensterflächen. menden ausgeglichen und Lüungs- und Klimageräte sorgen für ein geregeltes Raumklima, unabhängig von der bevo ¨lkerungsrepra¨sentativ. Unter den Befragten Temperatur und der Lufeuchgkeit draußen. Quelle: © Bildagentur Landpixel ergibt sich eine Altersspanne von 16 bis 81 Jahren mit Diese Bilder zeigen die Innen- und Außenansichten der reinen Stallhaltung von Hähnchen in Außenklimaställen: einem Durchschnittsalter von 47 Jahren. Die vorlie- gende Stichprobe entspricht hinsichtlich Geschlecht, Alter und Einkommen annahernd dem deutschen Bevo ¨lkerungsdurchschnitt. 6,2 % der Probanden waren Vegetarier, wobei der Anteil der Frauen (79,1 %) unter den Vegetariern u ¨berwog. Die Hähnchen sind immer im Stall, dort werden sie auf Einstreu gehalten und können sich frei bewegen. Diese Stallform bietet im Gegensatz zu einem normalen Stall zusätzlich Kontakt zu Außenklima (natürliche Wierung: Sonnenschein, Kälte, Wind etc.) über offene 3.2 Tierartu ¨bergreifende Wahrnehmungen der Seitenwände. Um die Tiere z.B. vor Wind zu schützen, stehen spezielle Windschutznetze Haltungssysteme oder steuerbare Jalousien an den offenen Wänden zur Verfügung. Venlatoren sorgen zusätzlich für den Luaustausch. Quelle: © Wiesenhof Privathof, Hof Goebl Diese Bilder zeigen die Innen- und Außenansichten der Stallhaltung von Hähnchen mit 3.2.1 Milchviehhaltung Von allen Haltungssystemen Zugang zu einem Auslauf (Kaltscharrraum), der den Tieren zusätzlich zur Verfügung steht: wurde der Stall mit Weidezugang am positivsten beurteilt; gefolgt vom Stall mit Auslauf und dem Außenklimastall. Tabelle 1 zeigt, dass 80 % der Befragten zustimmten, dass die Tiere mit Weidezu- gang gesund leben, wahrend dies fu ¨r den Außenklimastall von 31 % der Probanden und fu ¨r den Die Hähnchen werden im Stall auf Einstreu gehalten und können sich dort frei bewegen. Stall mit Auslauf von 38 % der Probanden zustim- Zusätzlich können sie nach eigenem Bedürfnis ganzjährig einen Auslauf (Kaltscharrraum) außerhalb des Stalls nutzen. Ein Kaltscharrraum ist meist an die Längsseite des Stalls mend bewertet wurde (zwischen letzteren keine angegliedert, ist betoniert und eingestreut. Dieser Auslauf ist ein überdachter und signifikanten Unterschiede). engmaschig umzäunter Außenbereich, der den Tieren die Möglichkeit zum Orts- und Klimawechsel bietet, sofern es die Wierung erlaubt.© Bildagentur Landpixel, © Wiesenhof Privathof, Hof Aenberger, Hof Alnger, Hof Pirzer Diese Bilder zeigen die Innen- und Außenansichten der Stallhaltung von Hähnchen mit Zugang auf eine Grünfläche bzw. einen Naturboden, der den Tieren zusätzlich zur Verfügung steht: Die Hähnchen werden im Stall auf Einstreu gehalten und können sich dort frei bewegen. Zusätzlich haben sie ab einem gewissen Alter Zugang auf eine Grünfläche bzw. einen Naturboden. Der Zugang auf die Grünfläche bzw. den Naturboden besteht für einen besmmten Zeitraum des Jahres und wenn es die klimaschen Bedingungen erlauben. Die Hähnchen haben tagsüber die Möglichkeit zum Orts- und Klimawechsel. Quelle: © Bildagentur Landpixel, © Wiesenhof Privathof, Hof Pirzer Abb. 3 Bewertungsgrundlagen fu ¨r verschiedene Haltungs- systeme in der Online-Befragung zur Tierart ,,Hu ¨hnchen‘‘ 123 160 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Tab. 1 Bewertung der Haltungssysteme fu ¨r Milchku ¨he anhand ausgewa¨hlter Kriterien a b c d Statements Stall Außenklima Stall mit Auslauf Stall mit Weide -- ?/-??--?/-??-- ?/-??-- ?/-?? Die Tiere leben hier gesund.*** 61% 31% 8% 26% 43% 31% 19% 44% 38% 3% 18% 80% bcd ad ad abc 2,25 (0,96) 3,06 (0,94) 3,25 (0,98) 4,13 (0,83) Hier fehlt es den Ku ¨hen an nichts.*** 75% 19% 6% 58% 29% 13% 40% 33% 26% 6% 24% 70% bcd acd abd abc 2,01 (0.88) 2,41 (1,00) 2,86 (1,12) 3,94 (0,94) Hier bekommen die Ku ¨he ausreichend Tageslicht.*** 75% 18% 7% 24% 38% 38% 5% 23% 72% 2% 14% 84% bcd acd abd abc 2,04 (0,93) 3,15 (1,00) 3,88 (0,85) 4,25 (0,78) Hier bekommen die Ku ¨he ausreichend Frischluft.*** 52% 34% 15% 15% 28% 56% 4% 20% 77% 2% 9% 89% bcd acd abd abc 2,47 (1,01) 3,50 (0,96) 3,96 (0.79) 4,32 (0,73) Die Tiere ko ¨nnen hier ihr natu ¨rliches 86% 10% 4% 66% 23% 11% 48% 28% 24% 2% 13% 85% bcd acd abd abc Verhalten voll ausleben.*** 1,73 (0,82) 2,23 (1,02) 2.69 (1,15) 3,87 (0,95) Milch von diesen Tieren schmeckt gut.*** 31% 42% 27% 19% 43% 38% 12% 35% 52% 2% 13% 85% bcd acd abd abc 2,89 (0,97) 3,18 (0,93) 3,50 (0.91) 4,15 (0,75) Dem Landwirt ist das Wohl seiner Tiere 57% 34% 10% 27% 46% 27% 18% 42% 40% 2% 13% 85% bcd acd abd abc wichtig, wenn er sie so ha ¨lt.*** 2,31 (0,98) 2,97 (1,00) 3,29 (1,00) 4,18 (0,77) Die auf einer 5-stufigen Skala bewerteten Statements wurden wie folgt zusammengefasst: – ,,Stimme u ¨berhaupt nicht zu (1)‘‘ und ,,Stimme nicht zu (2)‘‘; ?- ,,Teils, teils (3)‘‘; ?? ,,Stimme zu (4)‘‘ und ,,Stimme voll und ganz zu (5)‘‘ Angegeben sind zusa ¨tzlich jeweils der Mittelwert und die Standardabweichung in Klammern Signifikanzniveau fu ¨r Unterschiede zwischen den Haltungssystemen: *** p B 0.000 a,b,c,d Signifikante Unterschiede (p B 0.05) zwischen den einzelnen Haltungssystemen, die mittels post hoc Tests ermittelt wurden Die reine Stallhaltung wird skeptisch bewertet: 3.2.2 Mastschweinehaltung Drei von vier Probanden lehnten die Aussage ab, dass es Milchku ¨hen im Stall an nichts fehlt. Vor allem Der Stall mit Weidezugang wurde auch in der Mast- schweinehaltung am positivsten bewertet, die reine hinsichtlich des Mangels an ausreichendem Tages- licht wurde die Stallhaltung kritisch beurteilt. Erst bei Stallhaltung deutlich negativer. Im Gegensatz zur diffe- renzierten Wahrnehmung des Außenklimastalls und Weidegang waren 70 % der Befragten u ¨berzeugt, dass es den Ku ¨hen an nichts fehlt. Zusa¨tzlich waren 7 des Stalls mit Auslauf bei der Milchvieh- und Geflu ¨gel- von 10 Probanden nur bei einem Auslauf ins Freie der haltung zeigten sich jedoch kaum signifikante Meinung, dass den Tieren ausreichend Tageslicht Unterschiede in der Bewertung dieser beiden Hal- und Frischluft zur Verfu ¨gung stehen. tungssysteme fu ¨r Mastschweine (Tab. 2). 92 % der Die ausschließliche Stallhaltung wurde vor allem Befragten waren der Meinung, dass Schweine, die hinsichtlich der Mo ¨glichkeiten der Ku ¨he ihr natu ¨rli- Zugang zu Weidefla¨chen haben, gesund leben, wa¨h- rend dies fu ¨r den Außenklimastall und den Stall mit ches Verhalten auszuleben, kritisch beurteilt, denn 86 % der Befragten sahen diese nicht gegeben. Die Auslauf nur ein Drittel der Probanden zustimmend beantwortete; fu ¨r den dargestellten Stall lehnten zwei Tierwohlbewertung strahlt auf die intrinsischen Produktmerkmale ab: Weniger als ein Drittel der Drittel der Befragten dieses Statement ab. Kaum ein ¨ Befragter vertrat die Meinung, dass es diesen Tieren an Befragten schatzte Milch von Ku ¨hen aus reiner Stallhaltung als gut im Geschmack ein, wa¨hrend bei nichts fehlt. Die Mo ¨glichkeiten natu ¨rliches Verhalten Milch von Ku ¨hen mit Weidezugang der Geschmack auszuleben und ausreichend Zugang zu Tageslicht und u ¨beraus positiv bewertet wurde. Auffallend hoch war Frischluft, wurden fu ¨r die Stallhaltung am negativsten auch die Zustimmung zum Statement, dass Land- bewertet. Auch beim Außenklimastall und dem Stall mit wirten das Wohl der Tiere wichtig ist, wenn den Auslauf war rund die Halfte der Befragten der Ansicht, Tieren Weidezugang ermo ¨glicht wird. Bei reiner dass die Tiere in beiden Systemen ihr natu ¨rliches Ver- halten nicht ausleben ko ¨nnen. Erst mit Weidezugang Stallhaltung waren davon nur 10 % der Probanden u ¨berzeugt. stimmten 90 % der Befragten dieser Aussage zu. 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 161 Tab. 2 Bewertung der Haltungssysteme fu ¨r Mastschweine anhand ausgewa¨hlter Kriterien a b c d Statements Stall Außenklima Stall mit Auslauf Stall mit Weide -- ?/-??-- ?/-??-- ?/-??-- ?/-?? Die Tiere leben hier gesund.*** 66% 28% 6% 28% 39% 33% 25% 42% 33% 1% 8% 92% bcd ad ad abc 2,09 (0,91) 3,05 (1,01) 3,07 (0,98) 4,47 (0,66) Hier fehlt es den Schweinen an nichts.*** 81% 15% 4% 47% 29% 25% 39% 36% 25% 2% 12% 86% bcd ad ad abc 1,83 (0,84) 2,70 (1,07) 2,80 (1,05) 4,36 (0,77) Hier bekommen die Schweine ausreichend Tageslicht.*** 88% 10% 2% 18% 39% 43% 9% 32% 59% 0% 3% 97% bcd acd abd abc 1,67 (0,74) 3,31 (0,97) 3,61 (0,89) 4,65 (0,55) Hier bekommen die Schweine ausreichend Frischluft.*** 69% 24% 8% 13% 25% 62% 8% 27% 56% 1% 4% 95% bcd ad ad abc 2,10 (0,92) 3,60 (0,96) 3,69 (0,89) 4,64 (0,59) Die Tiere ko ¨nnen ihr natu ¨rliches Verhalten 87% 11% 2% 55% 31% 15% 47% 34% 19% 2% 9% 90% bcd ad ad abc voll ausleben.*** 1,61 (0,78) 2,46 (1,01) 2,59 (1,08) 4,45 (0,75) Fleisch von diesen Tieren schmeckt gut.*** 48% 38% 14% 20% 40% 41% 19% 36% 45% 3% 9% 88% bcd ad ad abc 2,46 (1,01) 3,22 (0,94) 3,29 (1,00) 4,32 (0,81) Dem Landwirt ist das Wohl seiner Tiere 70% 25% 5% 26% 36% 38% 27% 35% 38% 1% 6% 93% bcd ad ad abc wichtig, wenn er sie so ha ¨lt.*** 2,02 (0,91) 3,13 (1,02) 3,12 (1,05) 4,49 (0,67) Die auf einer 5-stufigen Skala bewerteten Statements wurden wie folgt zusammengefasst: – ,,Stimme u ¨berhaupt nicht zu(1)‘‘ und ,,Stimme nicht zu(2)‘‘; ?- ,,Teils, teils(3)‘‘; ?? ,,Stimme zu(4)‘‘ und ,,Stimme voll und ganz zu(5)‘‘ Angegeben sind zusa ¨tzlich jeweils der Mittelwert und die Standardabweichung in Klammern Signifikanzniveau fu ¨r Unterschiede zwischen den Haltungssystemen: *** p B 0.000 a,b,c,d Signifikante Unterschiede (p B 0.05) zwischen den einzelnen Haltungssystemen, die mittels post hoc Tests ermittelt wurden Bei Schweinen polarisiert im Vergleich zu Ku¨hen 3.2.3 Masthu ¨hnchenhaltung und Hu ¨hnern die Geschmacksbewertung besonders deutlich, stark negativ fu ¨r die Stallhaltung, sehr Auch fu ¨r die Masthu ¨hnchenhaltung wurde die Stall- positiv fu ¨r die Freilandhaltung. Die Ansicht, dass haltung mit Weidezugang in allen Kriterien am Landwirten das Wohl der Tiere nicht wichtig sei, positivsten beurteilt. Tabelle 3 verdeutlicht ahnlich wenn die Tiere im Stall gehalten werden, vertraten 7 wie bei Ku ¨hen, dass ein Stall mit Auslauf positiver bewertet wird als ein Außenklimastall, und dieser von 10 Probanden. Außenklimastall und Stall mit Auslauf wurden positiver bewertet, aber nur mit wiederum positiver als die reine Stallhaltung. Weidezugang wurde den Landwirten u ¨berwiegend zuerkannt, dass ihnen das Wohl ihrer Tiere wichtig ist. Tab. 3 Bewertung der Haltungssysteme fu ¨r Masthu ¨hnchen anhand ausgewa¨hlter Kriterien a b c d Statements Stall Außenklima Stall mit Auslauf Stall mit Weide -- ?/-? ?- -?/-? ?- - ?/-?? -- ?/-?? Die Tiere leben hier gesund.*** 70% 23% 7% 47% 38% 16% 30% 43% 27% 11% 29% 59% bcd acd abd abc 2,08 (0,95) 2,56 (0,98) 2,94 (0,98) 3,70 (0,89) Die Tiere ko ¨nnen ihr natu ¨rliches Verhalten voll ausleben.*** 85% 10% 5% 73% 19% 8% 49% 36% 15% 11% 26% 62% bcd acd abd abc 1,69 (0,87) 2,07 (0,94) 2,55 (1,03) 3,56 (1,01) Hier fehlt es den Ha ¨hnchen an nichts.*** 82% 11% 6% 65% 25% 22% 47% 38% 16% 3% 20% 76% bcd acd abd abc 1,88 (0,91) 2,29 (0,96) 2,62 (1,00) 3,47 (1,03) Hier bekommen die Ha ¨hnchen ausreichend Tageslicht.*** 87% 9% 4% 35% 34% 31% 21% 39% 39% 6% 17% 77% bcd acd abd abc 1,70 (0,83) 2,91 (1,07) 3,24 (0,98) 4,05 (0,85) 123 162 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Tab. 3 continued a b d Statements Stall Außenklima Stall mit Stall mit Weide Auslauf -- ?/-? ?- -?/-? ? - -?/- ? ?- -?/-? ? Hier bekommen die Ha ¨hnchen ausreichend Frischluft.*** 63% 26% 10% 21% 35% 44% 18% 34% 48% 9% 22% 69% bcd ad ad abc 2,20 (1,00) 3,23 (1,07) 3,38 (0,99) 4,09 (0,82) Fleisch von diesen Tieren schmeckt gut.*** 48% 34% 18% 35% 41% 25% 22% 43% 34% 15% 29% 56% bcd acd abd abc 2,53 (1,04) 2,82 (0,98) 3,19 (0,96) 3,78 (0,89) Dem Landwirt ist das Wohl seiner Tiere wichtig, wenn er sie so 76% 17% 8% 47% 36% 17% 26% 43% 31% 11% 21% 68% bcd acd abd abc ha ¨lt.*** 1,96 (0,96) 2,58 (1,01) 3,03 (1,02) 3,77 (0,95) Die auf einer 5-stufigen Skala bewerteten Statements wurden wie folgt zusammengefasst: – ,,Stimme u ¨berhaupt nicht zu(1)‘‘ und ,,Stimme nicht zu(2)‘‘; ?- ,,Teils, teils(3)‘‘; ?? ,,Stimme zu(4)‘‘ und ,,Stimme voll und ganz zu(5)‘‘ Angegeben sind zusa ¨tzlich jeweils der Mittelwert und die Standardabweichung in Klammern Signifikanzniveau fu ¨r Unterschiede zwischen den Haltungssystemen: *** p B 0.000 a,b,c,d Signifikante Unterschiede (p B 0.05) zwischen den einzelnen Haltungssystemen, die mittels post hoc Tests ermittelt wurden Lediglich 7 % der Befragten stimmten zu, dass Tiere signifikant positiver bewertet, wa¨hrend fu ¨r Milchku¨- im Stall ein gesundes Leben fu ¨hren. Die Bewertung he und Masthu ¨hnchen erst der Auslauf die des Stalls mit Weide fiel mit 6 von 10 zustimmenden Zustimmung erho ¨ht; fu ¨r Mastschweine kann ein Probanden weniger positiv aus als fu ¨r die Milchvieh- Auslauf am Stall die Bewertung im Vergleich zum und Mastschweinehaltung. Bei Stallhaltung sahen Außenklimastall nicht weiter verbessern. Bei Stall- 85 % der Befragten keine Mo ¨glichkeit fu ¨r die Tiere ihr haltung mit Weidegang stimmten die Probanden natu ¨rliches Verhalten ausleben zu ko ¨nnen; fu ¨r den u ¨ber alle Tierarten hinweg am starksten zu, dass die Außenklimastall sahen dies rund drei Viertel der Tiere gesund leben, ausreichend Tageslicht bekom- Probanden als nicht gegeben an und fu ¨r den Stall mit men und ihr natu ¨rliches Verhalten ausleben ko ¨nnen. Auslauf rund die Ha¨lfte der Probanden. Nur mit Allerdings war diese Zustimmung fu ¨r Mastschweine Weidezugang waren 3 von 4 Probanden u ¨berzeugt, signifikant ho ¨her als fu ¨r Milchku ¨he und dass es den Tieren an nichts fehlt. Bei Stallsystemen Masthu ¨hnchen. wurde ausreichendes Tageslicht und Frischluft Bei der Erwartung an geschmackliche Eigenschaf- angezweifelt; wahrend beides fu ¨r den Außenklima- ten der tierischen Produkte zeigt sich ein stall positiver bewertet wurde. einheitliches Bild: So werden Produkte von Tieren, Etwa die Halfte der Befragten lehnte zudem die die im Stall gehalten werden, negativer bewertet als Aussage ab, dass Hu ¨hnchenfleisch von Tieren aus Produkte von Tieren aus Haltungssystemen mit Stallhaltung gut schmeckt. 76 % der Probanden Zugang ins Freie. Allerdings ist die Zustimmung, dass waren der Ansicht, dass Landwirten das Wohl der Hu ¨hnchenfleisch aus Haltungssystemen mit Zugang Tiere nicht wichtig sei, wenn sie im Stall gehalten zu einer Gru ¨nfla¨che gut schmeckt, signifikant gerin- werden. Beim Außenklimastall traf dies fu ¨r die Ha¨lfte ger als fu ¨r Fleisch von Mastschweinen und Milch von der Befragten zu. Ku ¨hen mit Zugang zu einer Weide. 3.2.4 Vergleichende Darstellung zwischen den 4 Schlussfolgerungen Tierarten Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass die Gesellschaft Uber alle Tierarten hinweg zeigt sich damit eine die reine Stallhaltung fu ¨r Nutztiere ablehnt. Eine klare Pra¨ferenzreihung der Haltungssysteme, es gibt gewisse Skepsis war auf Basis der bisherigen Literatur aber auch tierartenspezifische Unterschiede. Die zu erwarten (Kayser et al. 2012; Busch et al. 2015), die reine Stallhaltung wird insbesondere hinsichtlich Sta¨rke der Ablehnung ist jedoch frappierend. Auch ausreichend Tageslicht und Frischluft fu ¨r Milchku¨he Außenklimasta¨lle ko ¨nnen die gesellschaftliche positiver bewertet als fu ¨r Masthu ¨hnchen- und Mast- Akzeptanz nur bedingt erho ¨hen. Das kann ein Hin- schweine. Der Außenklimastall wird vor allem in weis darauf sein, dass die Verbesserungen gegenu ¨ber Bezug auf das Wohlbefinden von Mastschweinen der reinen Stallhaltung zwar wahrgenommen, aber 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 163 als noch nicht ausreichend eingescha¨tzt werden. diesen Haltungssystemen und besta¨tigt die positiven Lediglich fu ¨r Mastschweine konnte diese Haltungs- Wechselbeziehungen zwischen der Wahrnehmung form eine Akzeptanz von u ¨ber 20 % erzielen. des altruistischen Merkmals Tierwohl und den int- Insbesondere hinsichtlich der Natu ¨rlichkeit des rinsischen Merkmalen Gesundheit und Geschmack Haltungssystems schneidet die reine Stallhaltung (von Meyer-Ho ¨fer et al. 2015). Durch die Vermarktung schlecht ab. Die Probanden vermuten, dass die Tiere von gesellschaftlich erwu ¨nschten Produktionsme- hier nicht ausreichend Tageslicht und Frischluft thoden kann somit mo ¨glicherweise eine ho ¨here bekommen und ihr natu ¨rliches Verhalten nicht aus- Wertscho ¨pfung und ein Vorteil fu ¨r Unternehmen leben ko ¨nnen. Eine natu ¨rliche Haltungsumwelt ist und Gesellschaft erzielt werden (Porter und Kramer offensichtlich maßgeblich fu ¨r eine positive Bewer- 2011). Zusa¨tzlich ist die Beru ¨cksichtigung gesell- tung und ethische Vertretbarkeit der Nutztierhaltung schaftlicher Anspru ¨che und Erwartungen fu ¨r eine (Lassen et al. 2006; Dawkins und Bonney 2008; Boo- nachhaltige Nutztierhaltung von hoher Bedeutung, gaard et al. 2006). Dabei finden sich auch da Bu ¨rger in ihrer Rolle als Verbraucher, aber auch Unterschiede zwischen den Tierarten. Die reine als Wa¨hler langfristig mitentscheiden, was am Markt Stallhaltung wird in der Milchviehhaltung bspw. existieren kann (Allen et al. 1991; Buller und Roe 2012; positiver bewertet als fu ¨r Mastschweine und Weary et al. 2016). Masthu ¨hnchen. Trotz der positiveren Bewertung Weitere Studien sind jedoch notwendig, um die bzgl. Frischluftkontakt und Wohlbefinden findet Kauf- und Zahlungsbereitschaft fu ¨r Produkte aus den aber auch fu ¨r Milchku ¨he die reine Stallhaltung kaum jeweiligen Haltungssystemen zu ermitteln und Akzeptanz. Marktpotenziale und Vermarktungsmo ¨glichkeiten Der Außenklimastall wird insbesondere fu ¨r Mast- abscha¨tzen zu ko ¨nnen. Wa¨hrend die Weidehaltung schweine bzgl. Tageslicht- und Frischluftkontakt, fu ¨r Milchku ¨he eher geringe Kostennachteile aber auch bzgl. des Wohlbefindens der Tiere deutlich gegenu ¨ber der reinen Stallhaltung aufweist (Gillespie positiver bewertet als die geschlossene Stallhaltung. und Nehring 2014), sto ¨ßt sie bei Wachstumsprozes- Die Akzeptanz bleibt jedoch niedrig. In der Mast- sen zurzeit technologisch an Grenzen. Innovative hu ¨hnchenhaltung hat der Außenklimastall kaum Haltungssysteme, die Weidegang fu ¨r große Milch- einen positiven Effekt auf die Akzeptanz. Generell viehbetriebe ermo ¨glichen wu ¨rden, waren ein werden alle Haltungssysteme fu ¨r Masthu ¨hnchen am spannender Ansatzpunkt. Auch sollten betriebswirt- negativsten bewertet. Dies ko ¨nnte daraus resultieren, schaftliche Berechnungen die Kostenunterschiede dass sich Bu ¨rger von der großen Anzahl der Tiere zwischen Weidesystemen tierartenspezifisch analy- meist u ¨berfordert fu ¨hlen und laut Studien bspw. eine sieren. Der vorliegende Beitrag kann eine solche Reduzierung der Bestandsgro ¨ße gar nicht wahrneh- Gesamtbewertung der Haltungssysteme als Voraus- men (Busch et al. 2015). setzung einer umfassenden Diskussion noch nicht Damit die Nutztierhaltung langfristig gesell- leisten, er zeigt aber durch den Verweis auf die schaftlich akzeptiert wird, ist der Zugang ins Freie hohen Akzeptanzprobleme der reinen Stallhaltung notwendig. Fu ¨r alle Tierarten zeigt sich eine klare auf, dass eine umfassende Bewertung notwendig ist Pra¨ferenz fu ¨r Haltungssysteme, die den Tieren und z.B. der derzeitige Ru ¨ckgang der Weidehaltung Zugang ins Freie ermo ¨glichen. Dabei wird die Wei- beim Milchvieh das gute Image der Milchwirtschaft dehaltung am besten bewertet, was sich auch in bedroht (Reijs et al. 2013). Fu ¨r Mastschweine ko ¨nnten anderen Studien des SocialLab-Projektes zeigt (wie innovative Haltungssysteme mit Auslauf wie z. B. das z.B. von Rovers et al. in diesem Heft). Diese hohe Pig-Port-System interessante Perspektiven bieten. Fu¨r Akzeptanz entspricht zudem den Ergebnissen ande- Masthu ¨hnchen sind Systeme mit Kaltscharrraum, wie rer Autoren (Cardoso et al. 2016; Sonntag et al. 2017). sie z. B. Wiesenhof im Tierschutzlabelprogramm des Aber auch ein Auslauf erho ¨ht die Akzeptanz deutlich. Deutschen Tierschutzbund betreibt, eine produkti- Etwa die Ha¨lfte aller Probanden akzeptiert die Stall- onstechnisch gut funktionierende Haltungsform, die haltung, wenn die Tiere zumindest Zugang zu einem den Ablehnungsgrad von 83 auf 52 % senkt. Auslauf haben – der Anteil der Probanden, die dieses System nicht akzeptieren, sinkt auf unter 20 % bei allen Nutztieren. Literatur Zudem werden Haltungssysteme mit Auslauf oder Weide mit positiven Auswirkungen auf den Ge- Albersmeier F, Spiller A (2010) Die Reputation der schmack der Produkte assoziiert. Dies ist ein wichti- Fleischwirtschaft: eine Kausalanalyse. Ger J Agric ges Ergebnis fu ¨r die Vermarktung von Produkten aus Econ 59(4):258–270 123 164 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Allen P, Dusen D van, Lundy J, Gliessmann S (1991) Hambrusch J, Hoffmann C, Kantelhardt J, Oedel- Integrating social, environmental, and economic Wieser T (Hrsg.) Jahrbuch der o ¨sterreichischen issues in sustainable agriculture. Am J Altern Agric Gesellschaft fu ¨r Agraro ¨konomie 21(1):23–31 6:34–39 Lassen J, Sandøe P, Forkman B (2006) Happy pigs are Boogaard BK, Oosting, SJ, Bock BB (2006) Elements of dirty! – conflicting perspectives on animal welfare. societal perception of farm animal welfare: a Livest Sci 103:221–230 quantitative study in the Netherlands. Livest Sci Meyer-Ho ¨fer M v, Nitzko S, Spiller A (2015) Is there an 104:13–22 expectation gap? Consumers’ expectations Buller H, Roe E (2012) Modifying and commodifying towards organic. 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Thu ¨nen Working Paper 30:1–35 Kayser M, Schlieker K, Spiller A (2012) Die Wahrneh- Consumer Attitudes in Germany towards Diffe- mung des Begriffs ,,Massentierhaltung‘‘ aus Sicht rent Dairy Housing Systems and their implications der Gesellschaft. Ber u ¨ber Landwirtsch for the Marketing of Pasture Raised Milk. IFAMR 90(3):417–428 17(4):205–222 Kayser M, Spiller A (2012) Das Image der verschiede- nen Fleischarten aus KonsumentInnen-Sicht. In: 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 165 Analyse der Wahrnehmung der Nutztierhaltung 2 Methodische Vorgehensweise durch unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen Die Wahrnehmung der Nutztierhaltung wurde mit 1 2 Anja Rovers , Christiane Wildraut , Marcus Mergen- Hilfe von leitfadengestu ¨tzten Gruppendiskussionen 2 3 explorativ erhoben. Bei Gruppendiskussionen gibt thaler , Winnie Isabel Sonntag , Marie von Meyer- 3 3 4 1 Ho ¨fer , Achim Spiller ,Jo ¨rg Luy , Doreen Saggau , die Diskussionsleitung das Thema vor und lenkt den 1 1 weiteren Verlauf der Gespra¨chsrunde, indem, gema¨ß Nanke Bru¨mmer , Inken Christoph-Schulz Leitfaden, gezielt offene Fragen an die Gruppe ge- stellt werden. Vorteilhaft daran ist, dass viele Ergeb- Thu ¨nen-Institut fu ¨r Marktanalyse, Braunschweig Fachhochschule Su ¨dwestfalen, Fachbereich Agrar- nisse erst aufgrund der Diskussion zum jeweiligen wirtschaft, Soest Thema in einem dynamischen Prozess entstehen und Georg-August-Universita¨tGo ¨ttingen, Department auch unerwartete Aspekte auftreten (Wilson 1997; fu ¨r Agraro ¨konomie und Rurale Entwicklung, Marke- Halkier 2010), was mit standardisierten Befragungen ting fu ¨r Lebensmittel und Agrarprodukte nicht mo ¨glich ist. Die Ergebnisse sind ohne Anspruch Privates Forschungs- und Beratungsinstitut fu¨r auf Repra¨sentativita¨t, liefern jedoch detaillierte Ein- blicke zur Frage, wie die Gesellschaft die Haltung der angewandte Ethik und Tierschutz INSTET gGmbH, Berlin verschiedenen Tierarten einscha¨tzt, was Haupt- kritikpunkte sind und welche Aspekte eine eher anja-karolina.rovers@thuenen.de untergeordnete Rolle spielen. Die Gruppendiskus- 1 Einleitung sionen fanden pro Tierart in je zwei (Landwirte) bzw. drei/vier (Bu ¨rger) Orten von September bis November In Deutschland zeigt sich bei der Nutztierhaltung 2015 statt. Jede Diskussionsrunde hatte vier bis elf eine wachsende Diskrepanz zwischen den derzeit Teilnehmer und wurde in den folgenden Orten vorherrschenden Haltungsverfahren und gesell- durchgefu ¨hrt (Tab. 1): schaftlichen Wu ¨nschen (Kayser et al. 2012). Tierwohl und unterschiedliche ethische Bewertungen der Tab. 1 Orte der Gruppendiskussionen mit Landwirten und Nutztierhaltung sind im o ¨ffentlichen Diskurs prasent Bu ¨rgern (WBA 2015). Untersuchungen deuten immer wieder Tierart Landwirte Bu ¨rger darauf hin, dass eine gesellschaftliche Mehrheit ein Rind Schleswig (Schleswig- Schwerin (Mecklenburg- eher negatives Bild hat, v.a. bei intensiven Haltungs- Holstein) Vorpommern) systemen (bspw. Lemke et al. 2006; Weible et al. Kempten (Bayern) Essen (Nordrhein-Westfalen) 2016). Werden die Haltungsbedingungen der Nutz- Kempten (Bayern) tierarten miteinander verglichen, wird vor allem die Schwein Borken (Nordrhein- Oldenburg (Niedersachsen) Haltung von Schweinen und Geflu ¨gel kritisiert und Westfalen) Fulda (Hessen) als verbesserungswu ¨rdig empfunden (Europa¨ische Thu ¨rkow Halle (Sachsen-Anhalt) Kommission 2007; Kayser et al. 2012). Im Gegensatz (Mecklenburg- dazu wird die Milchviehhaltung deutlich positiver Vorpommern) ¨ ¨ eingeschatzt (Europaische Kommission 2005; Huhn Frisoythe Hamburg (Hamburg) Christoph-Schulz et al. 2015). Der WBA hat vor die- (Niedersachsen) Vechta (Niedersachsen) sem Hintergrund ein Gutachten mit neun Leitlinien Magdeburg (Sachsen- Wu ¨rzburg (Bayern) fu ¨r eine zukunftsfa¨hige, in weiten Teilen der Anhalt) Erfurt (Thu ¨ringen) Bevo ¨lkerung akzeptierte Nutztierhaltung erstellt. Im vorliegenden qualitativen Beitrag wird die Die Landwirte wurden mit Hilfe von Berufsverban- Wahrnehmung der heutigen Nutztierhaltung basie- den zu den Diskussionsrunden eingeladen. Dabei rend auf den Leitlinien des WBA-Gutachtens waren pro Runde mindestens eine weibliche detaillierter untersucht. Fu ¨r die Tierarten Rind, Betriebsleiterin sowie Vertreter unterschiedlicher Schwein und Huhn wird die Wahrnehmung aus Sicht Produktionsstufen der jeweiligen Tierart vertreten. von Bu ¨rgern und Landwirten differenziert erfasst. Die Bu ¨rger wurden auf Basis bestimmter Quoten Der Begriff ,,Bu ¨rger‘‘ wird hier in Abgrenzung zum Begriff ,,Landwirte‘‘ verwendet und beinhaltet alle in Deutschland Mit den Bu ¨rgern wurde jeweils in zwei Runden pro Ort lebenden Personen ohne einen beruflichen Bezug zur Land- diskutiert. wirtschaft oder Lebensmittelindustrie bzw. ohne entsprechende Ausbildungen/Studienabschlu ¨sse. Alter (20 bis 70 Jahre), Geschlecht (33 % bis 67 % weiblich). 123 166 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft durch ein Marktforschungsunternehmen akquiriert. ermo ¨glicht werde bzw. gewonnene zeitliche Frei- Der Diskussionsleitfaden fu ¨r die Landwirte enthielt ra¨ume fu ¨r eine intensivierte Tierbetreuung genutzt offene Fragen zu den Gru ¨nden fu ¨r die Wahl der werden ko ¨nnten. Der Kritik am Medikamentenein- jeweiligen Haltungsform, zu ihrer Wahrnehmung satz halten Landwirte entgegen, dass fu ¨r sie eine daru ¨ber, zur Wahrnehmung der gesellschaftlichen Gefa¨hrdung der Tiergesundheit durch einen aus- Debatte um die Nutztierhaltung, zu den betriebli- bleibenden Medikamenteneinsatz nicht mit chen Mo ¨glichkeiten der Tierhalter, sich fu ¨r mehr Tierschutz und Tierwohl zu vereinbaren ist. Ein- Tierwohl zu engagieren sowie zu ihren Wu ¨nschen an schra¨nkungen beim Medikamenteneinsatz lehnen Politik und Gesellschaft. Der Diskussionsleitfaden fu¨r Landwirte deshalb ab. Die Landwirte sehen ihre die Bu ¨rger war so gestaltet, dass sich die offen Nutztiere als Produktionsgrundlage und grenzen die gestellten Fragen an den Leitlinien aus dem WBA- Nutztierhaltung deutlich von der Heimtierhaltung Gutachten orientierten. Alle Diskussionen hatten ab. Bei den Bu ¨rgern kritisieren sie Anthropomorphi- eine La¨nge von bis zu 120 Minuten und wurden sierungstendenzen gegenu ¨ber Tieren. aufgezeichnet. Die anschließend erstellten Trans- Nachfolgend werden ausgewa¨hlte Ergebnisse der kripte wurden einer qualitativen Inhaltsanalyse mit- Gruppendiskussionen mit den Bu ¨rgern vorgestellt: hilfe von MAXQDA unterzogen und kategorisiert (vgl. Die Diskussionsteilnehmer betonen, dass es heutzu- Mayring 2002). tage immer weniger landwirtschaftliche Betriebe gabe. Dadurch sei es schwerer geworden, perso¨n- 3. Ergebnisse lichen Kontakt zur Landwirtschaft zu haben. Deshalb seien die Medien oftmals die einzige Informations- 3.1 Tierartenu ¨bergreifende Ergebnisse quelle. Die mediale Berichterstattung sei allerdings meist negativ und zeige oft ,,Horrorbilder‘‘. Man Folgende ausgewa¨hlte Ergebnisse sind fu ¨r alle Dis- mu ¨sse daher kritisch reflektieren, woher die Infor- kussionsrunden mit den Landwirten festzuhalten: Im mationen stammen und versuchen, starke Hinblick auf Informationsmo ¨glichkeiten u ¨ber Land- Beeinflussung zu vermeiden. Direktvermarktung sei wirtschaft und Tierhaltung erla¨utern Landwirte eine eine gute Mo ¨glichkeit, Einblicke in die Land Vielzahl von Optionen, wie bspw. einen ,,Tag der wirtschaft zu erhalten. offenen Hoftu ¨r‘‘. Gleichzeitig beklagen sie, dass die Ha¨ufig verwenden die Teilnehmer den Begriff von ihnen und der Branche angebotenen Informati- ,,Massen(tier)haltung‘‘. Dieser wird meist mit onsmo ¨glichkeiten nicht umfassender genutzt fehlendem Freilandzugang, zu geringem Platzange- werden. Sie kritisieren zudem die einseitige und bot und intransparenten, abgeschlossenen Systemen reißerische Berichterstattung der Medien. Landwirte verbunden, v.a. beim Schwein und beim Huhn. Aus- verweisen auf wirtschaftliche Rahmenbedingungen nahmen seien Biobetriebe. Die Diskutanten heben und Zusatzkosten einer verbesserten Nutztierhal- ha¨ufig hervor, dass heutzutage viel Technik einge- tung. Sie sehen trotz der gea¨ußerten setzt wu ¨rde, um verschiedene Prozesse, wie z.B. die gesellschaftlichen Forderungen keine am Point-of- Fu ¨tterung, automatisiert durchzufu ¨hren. Die Teil- Sale gezeigten Mehrzahlungsbereitschaften. Fu ¨r die nehmer vermuten dadurch einen verminderten Landwirte ist das als Hinweis zu verstehen, dass Bu¨r- Mensch-Tier-Kontakt. gern das Anliegen Tierwohl hauptsa¨chlich dann Beim Thema Medikamenteneinsatz ist am ha¨ufig- wichtig ist, wenn sie keine Mehrkosten tragen sten von Antibiotika die Rede. Dabei wird erwahnt, mu ¨ssen. dass es Ru ¨cksta¨nde in Fleisch oder Eiern ga¨be, mit Der Einsatz von Technik in der Tierhaltung wird denen die Gefahr von antibiotikaresistenten Bakterien von den Landwirten als Anpassungsstrategie an einhergehe. Teilweise wird hierbei betont, dass Anti- wirtschaftliche Rahmenbedingungen gesehen. Der biotika prophylaktisch (z.B. mit dem Futter) gegeben technische Fortschritt bedeute Erleichterung der wu ¨rden. Beim Schwein ist außerdem ha¨ufig von leis- eigenen ko ¨rperlichen Arbeit und habe positive tungssteigernden Medikamenten oder von Hormonen Effekte fu ¨r das Tierwohl, weil durch Technik eine die Rede. Teilweise werden auch Ru ¨cksta¨nde von bessere Tierversorgung und -u ¨berwachung Medikamenten in der Milch vermutet. Oft wird ange- nommen, dass der Medikamenteneinsatz infolge der Der Meinungsaustausch innerhalb der Diskussionen zwi- als schlecht und nicht artgerecht eingescha¨tzten Hal- schen Personen mit unterschiedlicher Ernahrungsweise war tungsbedingungen erforderlich sei und verringert ausdru ¨cklich erwu ¨nscht. Daher waren neben Personen, die werden ko ¨nnte, wenn sich die Haltung verbessern Fleisch essen, auch max. zwei Personen pro Gruppe vertreten, ¨ wu ¨rde. die sich vegetarisch oder vegan ernahren. 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 167 Einige Diskutanten betonen, dass Tiere generell Alternative gesehen. Auslaufmo ¨glichkeiten werden fu ¨hlende Lebewesen seien. Besonders beim Schwein aus finanziellen, tier- und seuchenhygienischen werden einzelne Haltungsbedingungen, v.a. das ge- sowie beho ¨rdlichen Gru ¨nden kritisch gesehen. Auch ringe Platzangebot oder die Lichtverha¨ltnisse im Stall, werden begrenzte Absatzpotenziale als Hemmnis als abtra¨glich fu ¨r das Wohlbefinden der Tiere einge- angefu¨hrt. stuft. Andere Teilnehmer bekra¨ftigen, dass es einem Huhn: Tier generell nur dann gut gehen wu ¨rde, wenn es seine Die Landwirte beklagen Unkenntnis der Bevo ¨lke- natu ¨rlichen Bedu ¨rfnisse erfu ¨llen ko ¨nne. rung zur Legehennenhaltung. Das Verbot der Ka¨fighaltung von Legehennen sei bei vielen Ver- 3.2 Tierartenspezifische Ergebnisse brauchern nicht angekommen. Daraus schließen sie, dass Vera¨nderungen nach den Wu ¨nschen der Aus den Diskussionen mit den Landwirten lassen sich Gesellschaft letztlich zu keiner allgemein besseren folgende, ausgewa¨hlte Ergebnisse fu ¨r die drei Tier- Beurteilung der Tierhaltung fu ¨hren. Die Legehen- arten festhalten: nenhaltung wird von Landwirten als ein Bereich der Rind: Nutztierhaltung angefu ¨hrt, in dem den Tieren heute mehr Platz und Bewegungsmo ¨glichkeiten geboten Milchviehhalter betrachten die Fu ¨tterung von werden. Dabei differenzieren sie die Effekte und Milchku ¨hen als wichtige Managementaufgabe. In weisen beispielsweise auf erhebliche erho ¨hte ihren Augen erfordern die erreichten zu ¨chte- gesundheitliche und hygienische Probleme in der rischen Entwicklungen zu hohen Milchleistungen eine bedarfsgerechte Fu ¨tterung der einzelnen Tiere, Freilandhaltung hin. Gleichzeitig gewinnen sie dieser Haltungsform durchaus auch a¨sthetische und emo- die ohne Kraftfuttergaben nicht erreicht werden ko ¨nne. Sie sehen weiteren Entwicklungen der Auto- tionale Mehrwerte ab. In der intensiven Hu ¨hnchenmast sehen Landwirte eine hocheffiziente matisierung und Technisierung in den Sta¨llen mit großem Interesse entgegen. Als positiv bewerten sie Fleischproduktion, die es Bu ¨rgern ermo ¨glicht, gu ¨nstig ¨ gesundes Fleisch einzukaufen, wofu ¨r der steigende Pro- u.a. die dadurch entstehenden Freiraume fu ¨r die Tierhalter und den Komfort fu ¨r die Tiere, beispiels- Kopf-Verbrauch von Geflu ¨gelfleisch spreche. Die Inhaltsanalyse der Gruppendiskussionen mit weise wenn Milchku ¨he individuelle Melkzeiten eines den Bu ¨rgern liefert die folgenden, fu ¨r die drei Melkroboters nutzen ko ¨nnen. Die Weidehaltung sehen Landwirte kontrovers. Insbesondere in Betrie- untersuchten Tierarten ausgewa¨hlten Ergebnisse: ben mit gro ¨ßeren Tierbesta¨nden und knappen Rind: arrondierten Fla¨chen stellen in ihren Augen moder- Die Bu ¨rger beschreiben Ku ¨he auf der Weide als ne Laufsta¨lle mit Bewegungsfreiheit fu ¨r die Tiere und ihre Idealvorstellung, weil dies einer natu ¨rlichen verschiedenen Funktionsbereichen einen tierwohl- Haltung entspreche. Einige Teilnehmer fragen sich gerechten Kompromiss dar. jedoch, inwiefern die Tiere, wenn sie es nicht anders Schwein: gewohnt seien, u ¨berhaupt die Weide vermissen wu¨r- den. Einige Bu ¨rger ra¨umen ein, dass Weidehaltung Eingriffe am Tier, wie Kastration von ma¨nnlichen Ferkeln, Za¨hneschleifen von Saugferkeln sowie nicht immer umzusetzen sei und Milchku ¨he daher ha¨ufig auch nur im Stall gehalten wu ¨rden. Gras und Kupieren der Schwa¨nze werden als Notwendigkeit zur Sicherstellung von Tierwohl in den derzeitigen Heu seien das natu ¨rliche Futter fu ¨r das Rind. Viele Teilnehmer ra¨umen aber Informationsdefizite bezu¨g- Haltungssystemen betrachtet. Nicht thematisiert wird von Landwirten, dass diese Eingriffe derzeit lich der Fu ¨tterung ein und wu ¨ssten v.a. nicht, was im Kraftfutter enthalten sei. Im Hinblick auf Melk- gesetzlich teilweise nur als Ausnahme erlaubt sind. Landwirte sehen Kastensta¨nde fu ¨r Sauen der Grup- roboter ist das Bild heterogen. Wahrend einige Teil- nehmer diese favorisieren und sogar als penhaltung als u ¨berlegen an, weil damit die tierindividuelle Beobachtung vereinfacht wird und ,,kuhfreundlich‘‘ bezeichnen, berichteten andere, dass sie sie als a¨ußerst negativ empfinden. rangniedere Sauen besser geschu ¨tzt werden. Auslauf und Bescha¨ftigung werden von Landwirten sehr dif- Schwein: ferenziert betrachtet. Bescha¨ftigungsmo ¨glichkeiten Aussagen zum Platzangebot fu ¨r Schweine erfolgen innerhalb der bestehenden Haltungssysteme sind fu¨r ¨ ¨ sehr haufig und vordergru ¨ndig. Es wird erwahnt, Landwirte einfach umzusetzen. Unter a¨sthetischen dass es ,,eng‘‘ im Stall sei, die Tiere ,,eingepfercht‘‘ Gesichtspunkten wird Strohhaltung als interessante 123 168 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft gehalten wu ¨rden oder dass ,,kein Platz‘‘ fu ¨r die Tiere • Kranke Nutztiere sollen behandelt werden. vorhanden sei. Besonders ha¨ufig werden negativ • Nutztiere dienen dem Menschen zur behaftete Adjektive in Verbindung mit Muttersauen Lebensmittelproduktion. in Kastensta¨nden genannt, wobei der Begriff Kas- Bu¨rger tenstand nicht explizit verwendet wird. Auf dessen Funktion wird durch die Teilnehmer nicht einge- • Der direkte Bezug zu Landwirtschaft und Nutztier- ¨ haltung geht zuru ¨ck. gangen. Wenn es um Einrichtungsgegenstande oder Bescha¨ftigungsmo ¨glichkeit geht, ist in einigen Aus- • Die Haltungsbedingungen fu ¨r Nutztiere sind viel- ¨ fach verbesserungswu ¨rdig. sagen von Ballen oder Ketten die Rede. Einige Diskutanten heben hervor, dass Schweine intelligente • Heutige Tiersta¨lle sind sehr technisiert und auto- Tiere seien, die sich eigentlich Bescha¨ftigung wu¨n- matisiert, was den Mensch-Tier-Kontakt mindert. schen. Teilweise waren in den Diskussionen bis auf • Der Einsatz von Medikamenten in der Nutztier- Impfungen keine weiteren Eingriffe am Schwein in haltung wird sehr kritisch gesehen. der Vorstellung der Teilnehmer vorhanden. Daher • Nutztiere haben Anspruch auf Fu ¨rsorge und wurde fallbedingt in die Runden gegeben, dass Fer- Verantwortung durch den Menschen. ¨ ¨ kelkastration, Schwanze kupieren und Zahne Die Analyse zeigt außerdem, dass es nicht um die abschleifen u ¨bliche Eingriffe seien. Am ha¨ufigsten Nutztierhaltung per se geht. So treten tierartenspezifi- nahmen die Diskutanten dann zur Kastration Stellung. sche Unterschiede auf, die wiederum differenziert Huhn: zwischen Landwirten und Bu ¨rgern festzustellen waren: Das gesetzliche Verbot der konventionellen Ka¨fig- Rind haltung ist bei Bu ¨rgern kaum pra¨sent. Wenn in den Landwirte Gruppen die Haltungsbedingungen von Legehennen und Masthu ¨hnchen thematisiert werden, beschrei- • Aufgrund der zu erbringenden Leistung mu ¨ssen ben die Teilnehmer jeweils gitterartige Kafigsysteme. in der Milchviehfu ¨tterung auch Kraftfutter und Insgesamt dominieren bei der Beschreibung der andere Zusa¨tze eingesetzt werden. Wahrnehmung negative Begriffe, die zeigen, welch • Das Melken wird mit zunehmendem Automati- schlechtes Image die Geflu ¨gelhaltung bei deutschen sierungsgrad durchgefu ¨hrt. Dies spart Zeit und Bu ¨rgern hat. Positive Assoziationen wurden mit Arbeit. Freilandhaltung und o ¨kologischer Haltung gea¨ußert. • In der Milchviehhaltung ist Weidegang nicht Ferner wird ein hoher Medikamenten- und Antibio- u ¨berall durchfu ¨hrbar. tikaeinsatz vermutet. Ein Großteil der Teilnehmer Bu ¨rger war davon u ¨berzeugt, dass die Tiere pra¨ventiv mit Antibiotika behandelt werden. Es wurde in diesem • Die alleinige Fu ¨tterung von Rindern mit Gras und Zusammenhang die Sorge vor Resistenzbildung, Heu ist grundsa¨tzlich erwu ¨nscht. antibiotikahaltigen Produkten (Eier und Hu ¨hnchen- • Das Melken ist mit Hilfe von Maschinen und fleisch) und eines damit einher gehenden, negativen Computern ein technisierter Vorgang, was den Einflusses auf die eigene Gesundheit geaußert. direkten Kontakt zu den Milchku ¨hen vermindern kann. 4 Zusammenfassung, Diskussion und Ausblick • In der Milchviehhaltung werden Weidegang und Bewegungsfreiheit als positiv wahrgenommen. Zu allen Diskussionen ko ¨nnen jeweils fu ¨r Landwirte Schwein und Bu ¨rger folgende tierartenu ¨bergreifende, aus- gewa¨hlte Ergebnisse aufgezeigt werden: Landwirte Landwirte • Die vorherrschenden technischen und wirtschaftli- chen Rahmenbedingungen erlauben es nicht, auf • Die Gesellschaft gewinnt Informationen u ¨ber die bestimmte Eingriffe am Schwein zu verzichten. Landwirtschaft u ¨berwiegend aus den Medien. • Die Haltung von Muttersauen in Kastensta¨nden • Es ist ha¨ufig unklar, wer die entstehenden Mehr- schu ¨tzt die Ferkel. kosten fu ¨r verbesserte Nutztierhaltung tragen soll. • Auslauf und Bescha¨ftigungsmo ¨glichkeiten fu¨r • Technik und automatisierte Prozesse erleichtern Schweine machen die Produktion aufwendiger die Arbeit fu ¨r Tierhalter und ermo ¨glichen eine und teurer. verbesserte Tierbeobachtung und -versorgung. 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 169 Bu ¨rger Medienvertreter ermo ¨glicht werden sollten, um Transparenz zu gewa¨hrleisten. Auch die Teilnehmer • Bestimmte Eingriffe am Schwein sind teilweise der vorliegenden Erhebung – sowohl Landwirte als unerwu ¨nscht. auch Bu ¨rger – berichten positiv von Direktvermark- • Die Haltung von Muttersauen in Kastenstanden tung oder Aktionen wie einem Tag der offenen wird als ,,einpferchen‘‘ empfunden. Hoftu ¨r. Beim Huhn sind dagegen bereits umgesetzte • Schweine sind intelligente Tiere, die Auslauf und Maßnahmen, wie die Abschaffung der Kafighaltung Bescha¨ftigungsmo ¨glichkeiten brauchen. in Deutschland, noch nicht grundsa¨tzlich bei Bu¨- Huhn rgern bekannt. Daraus la¨sst sich ableiten, dass Verbesserungen in Landwirte der Tierhaltung schwierig fu¨r Bu ¨rger zu kommuni- • Die Abschaffung der Ka¨fighaltung ist bei vielen zieren sind, um eine positive Einstellung gegenu ¨ber Bu ¨rgern nicht angekommen. bereits umgesetzten Maßnahmen zu erzielen. Eine • Es gibt deutliche Verbesserungen in der Hu ¨hner- wirksame Kommunikation wird von Busch et al. (2015) haltung, wie bspw. mehr Platz oder als entscheidend fu ¨r eine verbesserte gesellschaftliche Bewegungsmo ¨glichkeiten. Akzeptanz der Tierhaltung, die aus der Wahrneh- • Durch eine kurze und intensive Mast kann dem mung generiert wird, erachtet. Mithilfe der erzielten Wunsch der Bu ¨rger entsprochen und Hu ¨hnchen- Ergebnisse ko ¨nnen noch keine Ru ¨ckschlu ¨sse auf die fleisch gu ¨nstig produziert werden. Wahrnehmung der Gesamtbevo ¨lkerung getroffen werden. Die vorliegenden Ergebnisse bedu ¨rfen daher Bu ¨rger weiterer Validierung in gro ¨ßeren Stichproben und • Die Abschaffung der Ka¨fighaltung ist vielen bilden die Basis fu ¨r standardisierte Befragungen mit Bu ¨rgern nicht bekannt. Landwirten und Bu ¨rgern. Eine weiterfu ¨hrende Unter- • Hu ¨hnerhaltung wird bis auf Auslaufsysteme eher suchung des Dialogprozesses zwischen Landwirten negativ wahrgenommen. und Bu ¨rgern nehmen Wildraut et al. (in diesem Bei- • Es wird vermutet, dass in der Hu ¨hnerhaltung ein trag) vor, der an wesentliche Erkenntnisse dieser hoher Antibiotikaeinsatz stattfindet, der sich auf Analyse anschließt und diese vertieft. Derzeit ist nicht die Produktqualita¨t und die eigene Gesundheit abscha¨tzbar, wie sich die Wahrnehmung der Nutz- negativ auswirkt. tierhaltung im Zeitablauf konkret verandert hat. Um zu u ¨berpru ¨fen, inwiefern Maßnahmen zur Verbesse- Wie fru ¨here Studien zeigen, besitzen Landwirte rung einen positiven Einfluss auf die Wahrnehmung und Bu ¨rger ein unterschiedliches Verstandnis von haben, ist es unabdingbar, in regelma¨ßigen Absta¨nden Tierwohl (Vanhonacker et al. 2008). Entsprechend identische Fragen an die Bevo ¨lkerung zu stellen. Dabei verdeutlichen die Ergebnisse auch eine teils unter- dienen die bevorstehenden, quantitativen Befragun- schiedliche Wahrnehmung, z.B. wenn es um gen als erste Befragungswelle. Kastensta¨nde fu ¨r Sauen geht oder um den Einsatz Zudem besteht wenig Wissen daru¨ber, wie Sta¨lle von Melkrobotern in der Milchviehhaltung. Die fu ¨r die verschiedenen Nutztierarten gestaltet sein Ergebnisse decken sich mit bisher vorliegenden, teils mu ¨ssten, die von den unterschiedlichen gesell- ebenfalls qualitativen Studien. Beispielsweise wurde schaftlichen Gruppen mehrheitlich (besser) zum Thema Schwein erarbeitet, dass das Platzange- akzeptiert werden wu ¨rden. Vor diesem Hinter- bot von zentraler Bedeutung ist (bspw. Kayser et al. grund ist es erforderlich, verschiedene Prototypen 2012; Wildraut et al. 2015; Weible et al. 2016). Die zu entwickeln. Zu untersuchen wa¨re dann, wie Diskussionsteilnehmer kritisieren außerdem fehlende Landwirte sie bezogen auf ihren Arbeitsalltag Bescha¨ftigungsmo ¨glichkeiten fu ¨r die Schweine. bewerten und wie Nutztierwissenschaftler und Busch et al. (2015) konnten jedoch zeigen, dass diese Bu ¨rger diese Stallneubauten beurteilen. Auf Basis – wenn im Stall vorhanden – selbst bei Vorlage von dieser Ergebnisse wa¨re es weiter erforderlich, dass Bildmaterial von den Befragten in deren Studie ggf. mehrere, nacheinander geschaltete Bewer- mehrheitlich nicht als solche erkannt wurden. Dass tungsrunden stattfinden. Ein derartiges Vorgehen die beim Bu ¨rger existierende Vorstellung von entspricht dem Innovationscharakter des SocialLab, tatsa¨chlich erlebten Eindru ¨cken bei realen das sich u.a. zum Ziel gesetzt hat, neue Stallsysteme Stallbesichtigungen abweicht, haben Ermann et al. oder auch neue Zu ¨chtungsrassen aus der Perspek- (2016) nachgewiesen. Sie schlussfolgern, dass Stall- tive unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen besichtigungen insbesondere fu ¨r Kritiker und zu untersuchen. 123 170 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Literatur Lemke D, Schulze B, Spiller A, Wocken C (2006) Ver- brauchereinstellungen zur modernen Busch G, Gauly S, Spiller A (2015) Wie wirken Bilder Schweinehaltung: Zwischen Wunsch und Wirk- aus der modernen Tierhaltung der Landwirtschaft lichkeit. Wien: Jahrbuch der Osterreichischen auf Verbraucher? Neue Ansatze aus dem Bereich Gesellschaft fu ¨r Agraro ¨konomie des Neuromarketings. In: Schriftenreihe der Ren- Mayring P (2002) Einfu ¨hrung in die Qualitative Sozi- tenbank, Band 31, Die Landwirtschaft im Spiegel alforschung. Eine Anleitung zu qualitativem von Verbrauchern und Gesellschaft, S. 67–94 Denken. Beltz Verlag, Weinheim und Basel Christoph-Schulz I, Salamon P, Weible D (2015) What Vanhonacker F Verbeke W van Poucke E, Tuyttens F is the benefit of organically reared dairy cattle? (2008) Do citizens and farmers interpret the con- Societal perception towards conventional and cept of farm animal welfare differently? Livest Sci organic dairy farming. Int J Food Syst Dyn 116:126–136 6(3):139–146 Weible D, Christoph-Schulz I, Salamon P, Zander K Ermann M, Graskemper V, Spiller, A (2016) Die Wir- (2016) Citizens’ perception of modern pig pro- kung von gefu ¨hrten Stallbesichtigungen auf duction in Germany: a mixed-method research Bu ¨rger – eine Fallstudie auf nordwestdeutschen approach. Brit Food J 118(8):2014–2032 Schweinemastbetrieben. 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In: Berichte u ¨ber Landwirt- schaft, Heft 90, Nummer 3:417–428 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 171 Anna¨herungen in der Bewertung der Verbraucher (vgl. Simons et al. in diesem Heft), die sie landwirtschaftlichen Nutztierhaltung - Ergebnisse als entfremdet wahrnehmen und erachten die Forde- aus gemeinsamen Diskussionsrunden mit rungen nach einem verbesserten Tierschutz in der Tierhaltern und Verbrauchern intensiven Tierhaltung als schwer umsetzbar. So besteht zwischen der Wahrnehmung von Tier- 1 2 3 Christiane Wildraut , Anja Rovers , Winnie Sonntag , haltungsverfahren durch Verbraucher und durch 2 3 Inken Christoph-Schulz , Marie von Meyer-Ho ¨fer , Landwirte eine deutliche Diskrepanz (Vanhonacker 4 1 3 Jo ¨rg Luy , Jenny Wolfram , Achim Spiller , Marcus et al. 2008). Die Landwirtschaft insgesamt und auch Mergenthaler einzelne Personen bzw. die Landwirtsfamilien sehen sich mittlerweile zunehmend unter Rechtferti- Fachhochschule Su ¨dwestfalen, Fachbereich Agrar- gungsdruck und bema¨ngeln ihrerseits eine Kluft wirtschaft, Soest zwischen stetig steigenden moralischen Anspru ¨chen Thu ¨nen-Institut fu ¨r Marktanalyse, Braunschweig der Gesellschaft an die landwirtschaftliche Erzeu- Georg-August-Universita¨tGo ¨ttingen, Department gung auf der einen und unvera¨ndert niedrigen fu ¨r Agraro ¨konomie und Rurale Entwicklung, Mar- Zahlungsbereitschaften auf der anderen Seite (Vier- keting fu ¨r Lebensmittel und Agrarprodukte boom et al. 2015). Der fehlende Konsens zwischen Privates Forschungs- und Beratungsinstitut fu¨r Landwirten und Verbrauchern in Bezug auf die angewandte Ethik und Tierschutz INSTET gGmbH, Nutztierhaltung fu ¨hrt bei den Tierhaltern zu Angst Berlin vor einem Verlust der sozialen Akzeptanz und der wildraut.christiane@fh-swf.de ‘‘Licence to produce’’ (Busch et al. 2013; Te Velde et al. 2002). 1 Einleitung In die brancheninterne Diskussion zur Weiterent- wicklung von Tierhaltungsverfahren und die Das Verha¨ltnis zwischen Landwirtschaft und Gesell- Verbesserung des Tierwohls werden Verbraucher schaft hat sich in den vergangenen Jahren bislang nicht strukturiert einbezogen. Dabei scheint zunehmend distanziert (Wildraut et al. 2015). Obwohl es problematisch, wenn sich die Nutztierhaltung eine insgesamt positive Grundhaltung seitens der wenig am o ¨ffentlichen Diskurs beteiligt und statt- Gesellschaft gegenu ¨ber der Landwirtschaft doku- dessen mit Ru ¨ckzug oder Abschottung reagiert (WBA mentiert ist (Zander et al. 2013; Helmle 2011), wird die 2015). Bisherige Kommunikationsstrategien der Branche in der gesellschaftlichen Diskussion ha¨ufig Branche und auch einzelner Landwirte fu ¨r mehr und zunehmend scharf kritisiert. Die Kritik an der Konsens mit der Gesellschaft im Hinblick auf die landwirtschaftlichen Nutztierhaltung ha¨ngt maß- aktuellen Tierhaltungsverfahren beschra¨nken sich geblich mit einem wahrgenommenen Mangel an ha¨ufig auf einseitig ausgerichtete Aufkla¨rungs- Tierwohl und unzureichender Beru ¨cksichtigung der konzepte. Vor dem Hintergrund der Bedu ¨rfnisse der Tiere zusammen (Vanhonacker et al. anhaltenden Diskussionen scheinen sie nicht 2012; WBA 2015). Entwicklungen zu gro ¨ßeren Tier- auszureichen, um die Kluft zwischen Verbraucher besta¨nden in der modernen Nutztierhaltung und und Landwirten bei der Bewertung der Verfahren eine damit einhergehende fortschreitende Techni- und des Tierwohls zu verringern und die Konflikte zu sierung der Verfahren mit wenig Einblick in Fragen aktueller und ku ¨nftiger Tierhaltungsverfah- Tierstalle und einer geringen Transparenz der Tier- ren zu lo ¨sen. Um eine langfristige Akzeptanz- und haltung insgesamt fo ¨rdern das Unbehagen bei Imageverbesserung zu erreichen, werden weitere Verbrauchern (Busch et al. 2013). Insgesamt sind sich Kommunikationsansa¨tze und -instrumente mit Pro- Verbraucher jedoch unsicher, wann es den Tieren zessen gegenseitigen Lernens empfohlen (Spiller eher schlecht oder eher gut geht. Ihre Kriterien zur et al. 2016). Gleichzeitig fehlen allerdings Unter- Bewertung von Tierhaltungsverfahren und Tierwohl suchungen zum Einsatz und zur Wirksamkeit neuer sind sto ¨ranfa¨llig (Wildraut et al. 2015). Instrumente. Landwirte sehen derzeitige Tierhaltungssysteme als Um diesem Defizit abzuhelfen, zielt die vorlie- positiv und innovativ, begru ¨nden ihre Einscha¨tzungen gende Teilstudie darauf ab, die Einstellungen zur zum Tierwohl u ¨ber Gesundheits- und Leistungspa- Nutztierhaltung und zum Tierwohl vor, wahrend und rameter und bewerten aktuelle Verfahren der Tier- nach gemeinsamen Gruppendiskussionen mit Ver- haltung als fo ¨rderlich fu ¨r das Tierwohl (Te Velde et al. brauchern und Tierhaltern zu analysieren. Damit soll 2002; Vanhonacker et al. 2008). Sie beklagen die oft- ein Beitrag fu ¨r ein besseres Versta¨ndnis des Konflikts mals idealisierte ,,Museumslandwirtschaft‘‘ der und der Kommunikation zwischen Landwirten und 123 172 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Verbrauchern in Bezug auf moderne Verfahren der These stand eine Diskussionszeit von 10 Minuten zur Tierhaltung geleistet werden. Daru ¨ber hinaus soll Verfu ¨gung. untersucht werden, inwieweit perso ¨nliche Begeg- Um zu erfassen, ob sich die Meinungen der Land- nungen in Form von moderierten wirte und der Verbraucher wa¨hrend ihrer Diskussion Gruppendiskussionen dazu geeignet sind, die Kluft u ¨ber die benannten Konflikte der Tierhaltung zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft zu a¨ndern, wurde das qualitative Vorgehen in den verringern. Gruppendiskussionen um einen quantitativen Part erga¨nzt (Tashakkori & Teddlie 1998). Dazu wurde vor und nach den Gruppendiskussionen jeweils die 2 Daten und Methode Zustimmung zu Statements mit inhaltlichem Bezug zu den diskutierten Thesen anonym und standardi- Im Rahmen eines gemischt-methodischen Untersu- siert anhand einer Skala abgefragt (Tab. 1). Vo ¨llige chungsdesigns wurden im Ma¨rz und April 2016 in 6 Ablehnung der Statements entsprach dem Wert 1 auf unterschiedlichen Schwerpunktregionen der Tier- der Skala, vo ¨llige Zustimmung entsprach dem Wert haltung in Deutschland gemeinsame 9. Zusa¨tzlich wurde die Option ,,Kann ich nicht Gruppendiskussionen mit insgesamt 26 Verbrau- beurteilen’’ angeboten. chern und 26 Landwirten (je Erhebung 4 bis 6 Verbraucher und eine aquivalente Anzahl Landwirte) Tab. 1 Eingesetzte Statements vor und nach gemeinsamen zu aktuellen Tierhaltungsverfahren durchgefu¨hrt. Gruppendiskussionen mit Tierhaltern und Verbrauchern Jeweils 2 Diskussionsrunden bezogen sich auf die Allgemeine Statements Tierarten Schwein (Nordrhein-Westfalen und Meck- 1A Unsere Gesellschaft hat immer weniger direkten Bezug lenburg-Vorpommern), Rind (Schleswig-Holstein und zur Landwirtschaft Bayern) und Geflu ¨gel (Niedersachsen und Sachsen- 1B Zur Landwirtschaft kann man sich nur u ¨ber die Medien Anhalt). Die Auswahl der Befragungsregionen informieren erfolgte mit dem Ziel der Beru ¨cksichtigung von 2A Nutztiere sollten bessere Haltungsbedingungen Viehdichten fu ¨r die 3 Tierarten in Nord-, Su ¨d-, Ost- bekommen und Westdeutschland (bezogen auf Statistische 2B Niemand will die entstehenden Mehrkosten fu ¨r bessere Amter des Bundes und der La¨nder 2011). Haltungsbedingungen von Nutztieren tragen Die Auswahl und Rekrutierung der Landwirte 3A Heutige Tiersta ¨lle sind sehr technisiert und automatisiert erfolgte u ¨ber die berufssta¨ndische Vertretung auf der 3B Die Arbeit fu ¨r Tierhalter wird durch Technik leichter und jeweiligen Landesebene. Die Verbraucher wurden die Nutztiere ko ¨nnen besser versorgt werden u ¨ber ein Marktforschungsinstitut rekrutiert. 4A Der Einsatz von Medikamenten in der Tierhaltung ist kritisch zu sehen Quotierungsvorgabe fu ¨r die Auswahl der Landwirte 4B Nutztiere sollen behandelt werden, wenn sie krank sind war eine Einbeziehung verschiedener Produktions- 5A Nutztiere haben Anspruch auf Fu ¨rsorge und systeme und die Teilnahme von mindestens einer Verantwortung durch den Menschen Frau. Die Verbraucherstichprobe wurde nach Alter 5B Nutztiere sollen uns in erster Linie zur (18 bis 70 Jahre), Geschlecht (mindestens 50 % weib- Lebensmittelproduktion dienen lich) und Erwerbstatigkeit (mindestens 33 % erwerbsta¨tig) quotiert, um eine breite Datengrund- lage zu erreichen. Der Konsum von tierischen Produkten (in Bezug auf die 3 Tierarten als Diskussi- In der Auswertung wurde die Gruppe der Tierhalter onsthema) war Voraussetzung fu ¨r die Teilnahme der der Gruppe der Verbraucher gegenu ¨bergestellt, um zu Verbraucher an der Untersuchung. Personen mit pru ¨fen, ob die inhaltliche Auseinandersetzung mit der landwirtschaftlichem Hintergrund waren von der Thematik eine Vera¨nderung der Beurteilung der State- Verbraucherstichprobe ausgeschlossen. ments bei Landwirten und Verbrauchern auslo ¨st. Als Leitfaden fu ¨r die moderierten Diskussionen mit Dazu wurden zuna¨chst die Mittelwerte der Bewer- den Teilnehmern dienten Thesen zur Tierhaltung, die tungen der Statements durch Landwirte einerseits und im Rahmen von zuvor getrennt durchgefu ¨hrten Verbraucher andererseits berechnet und die Diffe- Gruppendiskussionen mit Landwirten und Bu ¨rgern renzen auf signifikante Unterschiede durch den nicht- als konfliktbehaftet abgeleitet worden waren (vgl. parametrischen Mann-Whitney-U-Test getestet. Im Rovers et al. in diesem Beitrag) und seitens der Anschluss wurden die Mittelwerte vor den Diskussio- Moderation in die Gruppe gegeben wurden. Fu ¨r jede nen den Werten nach den Diskussionen im nicht 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 173 parametrischen Wilcoxon-Vorzeichen-Rang-Test der Diskussionen und nach den Diskussionen keine gegenu ¨bergestellt und auf signifikante Unterschiede Anderungen in den Bewertungen erfahren. Darin getestet. Die beiden genannten Tests liefern auch in zeigt sich verbraucherseitig die hohe Bedeutung des kleineren Stichproben robuste Ergebnisse. Tierschutzgedankens, der auch ethisch begru ¨ndet Die moderierten Gruppendiskussionen wurden als wird, wie dieses Zitat zeigt: ,,Ich finde, man sollte ein Audioaufnahme aufgezeichnet. Anschließend Tier trotzdem voller Respekt behandeln, auch wenn erfolgten eine Transkription und eine qualitative es keinen Namen tragt‘‘. Die Tierhalter brachten ein Inhaltsanalyse (basierend auf Mayring 2002). Hierbei besonderes Verha¨ltnis zu ihren Tieren zum Ausdruck, wurden u ¨ber ein Kategoriensystem mit Codes und welches sich vom Verhaltnis der Industrie bzw. des Subcodes Textstellen markiert und die Texte damit Gewerbes zu den dortigen ,,Produktionsfaktoren‘‘ fu ¨r die weitere dokumentenu ¨bergreifende Analyse grundsa¨tzlich unterscheidet. Sie betonen sowohl ein strukturiert, z.B. bezogen auf inhaltliche Aspekte professionelles als auch ein dazugeho ¨riges emotio- oder auf Kommunikationsmuster der Teilnehmer. nales Verha¨ltnis zu ihren Tieren: ,,Es ist ja unsere Grundlage. Die Grundlage unseres Wirtschaftens 3 Ergebnisse sind die Tiere und der Boden. Und damit gehen wir so gut um, wie es nur geht‘‘. Die moralische Ver- Die diskutierten Thesen, die sowohl fu ¨r Verbraucher pflichtung im Umgang mit kranken Tieren sehen die als auch fu ¨r Landwirte Dilemmata darstellen, werden Landwirte als berufliche Selbstverstandlichkeit und von beiden Gruppen teilweise a¨hnlich bewertet, alternativlos: ,,Wenn Tiere krank sind, mu ¨ssen sie teilweise aber auch kontrovers gesehen. Deutlich behandelt werden. Da gibt es gar keine Diskussion, wird das am Grad der mittleren Zustimmung zu den das ist Tierschutz und Tierwohl‘‘. Die Verbraucher abgefragten Statements vor den Diskussionen, der teilen diese Einscha¨tzung, vermuten jedoch, dass der die Ausgangsstandpunkte beider Gruppen wider- Medikamenteneinsatz durch Anderungen der Hal- spiegelt, mit denen sie in den Dialog eintreten. (Tab. tungsbedingungen reduziert werden ko ¨nnte: ,,Viele 2). Die gro ¨ßte Zustimmung sowohl seitens der Ver- Erkrankungen entstehen ja dadurch, dass die Tiere so braucher als auch seitens der Tierhalter erfahren vor eng gehalten werden‘‘. den Diskussionen die Statements 5A: ,,Nutztiere Tab. 2 Bewertung von Statements vor und nach gemeinsamen Gruppendiskussionen mit Tierhaltern und Verbrauchern Art der Bewertungsa ¨nderung Statement Anderungen der Bewertung Bewertungen Vorher Bewertungen Nachher V sig L sig V L D sig V L D sig Keine Anderungen 1A 0,36 0,22 0,15 0,38 6,92 8,15 1,23 0,00 7,28 8,31 1,03 0,02 2B 0,09 0,91 0,19 0,57 5,70 6,54 0,84 0,22 5,79 6,35 0,55 0,49 4B 0,20 0,27 0,15 1,00 7,76 8,46 0,70 0,05 7,96 8,62 0,65 0,02 5A 0,27 0,28 0,12 0,50 8,04 8,50 0,46 0,15 8,31 8,62 0,31 0,18 Anderungen der Landwirte 1B 0,04 0,94 1,23 0,01 4,30 2,04 2,27 0,00 4,35 3,27 1,08 0,08 3A 0,08 0,56 0,38 0,04 7,50 7,35 0,15 0,99 7,42 7,73 0,31 0,37 Anderungen der Verbraucher 3B 1,40 0,01 0,15 0,55 6,40 8,12 1,72 0,00 7,80 8,27 0,47 0,21 5B 1,51 0,00 0,01 0,95 5,25 7,68 2,43 0,00 6,76 7,69 0,93 0,12 Anderungen beider Gruppen 2A 2,02 0,00 0,92 0,01 7,58 2,96 4,62 0,00 5,57 3,88 1,68 0,00 4A 2,37 0,00 0,81 0,03 7,87 3,96 3,91 0,00 5,50 4,77 0,73 0,29 Die Tabelle zeigt die Mittelwerte der Zustimmung zu den Statements (1 = stimme u ¨berhaupt nicht zu bis 9 = stimme voll und ganz zu) fu ¨r die Verbraucher (V) und die Landwirte (L) vor und nach gemeinsamen Gruppendiskussionen, Unterschiede (D) zwischen Verbrauchern und Landwirten mit entsprechenden exakten 2-seitigen Signifikanzniveaus (sig) durch Mann-Whitney-U-Test und Ande- rungen der Bewertungen mit entsprechenden exakten 2-seitigen Signifikanzniveaus (sign.) durch Wilcoxon-Vorzeichen-Rang-Test haben Anspruch auf Fu ¨rsorge und Verantwortung Die geringste mittlere Zustimmung beider Grup- durch den Menschen‘‘ und 4B: ,,Nutztiere sollen pen sowohl vor als auch nach den Diskussionen behandelt werden, wenn sie krank sind‘‘. Diese erreicht das Statement 1B: ,,Zur Landwirtschaft kann Grundeinstellungen sind gleichzeitig bei beiden Gruppen so fest verankert, dass sie auch im Verlauf Hierbei handelt es sich um Originalwortlaute aus den Gruppendiskussionen. 123 174 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft man sich nur u ¨ber die Medien informieren‘‘. Land- Verbraucher unterscheiden am Ende der Diskussio- wirte lehnen diese Aussage noch deutlicher ab als nen deutlicher zwischen Nutztierhaltung und Verbraucher, na¨hern sich nach den Diskussionen Heimtierhaltung: ‘‘Wenn wir u ¨ber Nutztiere spre- allerdings deren Meinung an. Die Rolle der Medien chen, weiß ich, dass das Leben kein Ponyhof ist.’’ wird von beiden Gruppen kritisch reflektiert, die In der Bewertung der Statements 2A: ,,Nutztiere Verbraucher gehen davon aus, dass Informationen sollten bessere Haltungsbedingungen bekommen‘‘ zur Tierhaltung in Medien nicht immer objektiv und und 4B: ,,Der Einsatz von Medikamenten in der neutral sind: ‘‘Ich glaube, es ist etwas primitiv, alles in Tierhaltung ist kritisch zu sehen‘‘ besteht vor den den Medien zu glauben.’’ Gleichzeitig verdeutlichen Diskussionen ein sichtbarer Dissens zwischen Ver- die Diskussionen, dass vielen Verbrauchern trotz brauchern und Landwirten. Die Verbraucher verschiedener Angebote von Seiten der Landwirte stimmen beiden Statements deutlich zu, Landwirte wie Hofbesichtigungen oder ,,Tage der offenen Tu¨r‘‘ lehnen sie eher ab. Nach den Diskussionen nehmen Mo ¨glichkeiten fehlen, sich faktenbasiert u ¨ber die beide Gruppen eine Vera¨nderung ihrer Positionen Landwirtschaft und die aktuellen Verfahren der ein – Verbraucher noch deutlicher als Landwirte, und Tierhaltung zu informieren. Den Verbrauchern es kommt zu einer Anna¨herung der Einscha¨tzungen. mangelt es an emotionalen und zeitlichen Kapazita- In den Diskussionen stellen die Landwirte Vergleiche ten: ,,Das ist ja eine Zeitfrage. Wir sind alle an und betonen die positiven Entwicklungen fu ¨r die berufstatig und wenn wir jetzt alle so um 4, 5 Uhr Tiere: ,,Die Haltungsbedingungen, wenn man so die nach Hause kommen und haben keine Lust mehr uns letzten Jahre, Jahrzehnte zuru ¨ckgeht, die haben sich nochmal ins Auto zu setzen, aufs Land zu fahren und ja deutlich verbessert, […] weil die Erkenntnisse ein- irgendwelche Bauern aufzusuchen und die zu fragen fach weiter gegangen sind‘‘. Sie stu ¨tzen sich auf ob das wirklich stimmt oder nicht, was man im Gesetze und Richtlinien und verweisen auch auf ihr Fernsehen sieht.‘‘ Die Bewertungsa¨nderung der Berufsethos im Zusammenhang mit der Tierhaltung: Tierhalter zu dem Statement deutet auf Versta¨ndnis ,,Leitsatz eines jeden guten Landwirtes: Das ist unsere fu ¨r dieses verbraucherseitige Dilemma. Berufung, unsere Leidenschaft und unsere Pflicht, die Die Statements 3B: ,,Die Arbeit fu ¨r Tierhalter wird Tiere mit Fu ¨rsorge und Verantwortung zu versor- durch Technik leichter und die Nutztiere ko ¨nnen gen‘‘. Daneben erklaren sie den Verbrauchern auch besser versorgt werden‘‘ und 5B: ,,Nutztiere sollen den wirtschaftlichen Druck in der Tierhaltung und uns in erster Linie zur Lebensmittelproduktion die- beschreiben mo ¨gliche dramatische Konsequenzen nen‘‘ erfahren eine deutlich ho ¨here mittlere durch zusa¨tzliche Tierwohlauflagen: ,,Wenn wir Zustimmung der Landwirte als der Verbraucher. Zu immer mehr fordern, dann bin ich mir ganz sicher, beiden Statements na¨hern sich die Verbraucher nach dass dann demna¨chst die Schweinehaltung in den Diskussionen in ihren Einscha¨tzungen den Deutschland einfach ganz verschwindet‘‘. Bei den Landwirten an. Im Verlauf der Diskussionen stellen Verbrauchern erzielen sie offenbar einen deutlichen die Landwirte die Vorteile des Technikeinsatzes in der Vertrauensgewinn und teilweise eine Erleichterung, Tierhaltung heraus. Sie verweisen auf die Funktion was sich in der Anderung des Zustimmungsgrades zu als Kontrollinstrument fu ¨r die optimale Versorgung dem Statement widerspiegelt. Teilweise bleiben der Tiere: ‘‘Aber irgendwo gibt es die Alarmanlage, jedoch Zweifel und Unsicherheiten zu den Hal- die plo ¨tzlich sagt: Die Fu ¨tterung hat gar nicht funk- tungsverfahren bestehen: ,,Gibt es keine Alternative tioniert. Da ist was leergelaufen, oder das Wasser ist dazu?‘‘ da nicht angekommen. Da gibt es die Alarmanlage, In Bezug auf den Medikamenteneinsatz in der die irgendwo das Handy des Betreibers anruft, und Tierhaltung zeigen die Landwirte Versta¨ndnis fu ¨r die sagt ,,guck, da ist was im Stall nicht in Ordnung.’’ Bedenken der Verbraucher, z.B. im Hinblick auf Daneben verweisen sie auch auf eine Erho ¨hung der multiresistente Keime. Sie erla¨utern ihnen die Vor- Betreuungszeit fu ¨r die Tiere durch den Einsatz von gehensweisen der Behandlung kranker Tiere, Technik: ‘‘(…) alleine dadurch dass man den Mist zum einzuhaltende Wartezeiten und Monitoring-Pro- Beispiel nicht mehr mit der Schubkarre rausschieben gramme der Antibiotikagaben. Am Ende der muss, habe ich ja auch mehr Zeit und ku ¨mmere mich Diskussionen liegen die Bewertungen der Statements ums einzelne Tier.’’ Mit diesen Argumenten scheinen deutlich naher beieinander. Es wird ein gegenseitiges sie die Verbraucher umstimmen zu ko ¨nnen. Die Versta¨ndnis fu ¨r die Interessen und Bedenken der Landwirte betonten auch den Unterschied zwischen jeweils anderen Gruppe sowie eigene Reflexionen Nutztieren und Heimtieren und die Funktion, die sichtbar. Nutztiere letztlich fu ¨r die Verbraucher erfu ¨llen. Die 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 175 4 Diskussion und Ausblick Mo ¨glichkeiten zu suchen, zentrale Aspekte der intensiven Tierhaltung nachvollziehbar zu vermit- Die Ergebnisse zeigen, dass Landwirte und Verbrau- teln. Auf der anderen Seite bietet der perso ¨nliche cher auf unterschiedliche Wahrnehmungen der Kontakt zu den Verbrauchern den Landwirten die Tierhaltung zuru ¨ckgreifen, dass beide Gruppen Gelegenheit, nicht nur die Kritikpunkte an der gleichzeitig ein grundsa¨tzliches Interesse an der Nutztierhaltung sondern auch die Hintergru ¨nde und Verbesserung des Tierwohls haben. Dieses Ergebnis Motivationen der Verbraucher zu verstehen. Durch la¨sst sich ethisch als Beleg fu ¨r die Annahme verste- die Weiterentwicklung alternativer Tierhaltungssys- hen, dass die Fa¨higkeit zu speziesu ¨bergreifender ¨ teme, die weniger erklarungsbedu ¨rftig sind, ko ¨nnte Einfu ¨hlung und Empathie bevo ¨lkerungsgruppen- verbraucherseitige Akzeptanz einfacher erzielt u ¨bergreifend bei Landwirten und Verbrauchern weit werden. verbreitet ist. Die Ergebnisse relativieren dabei die Der in dieser Studie verwendete gemischt- Ergebnisse von Te Velde et al. (2002) und Vanho- methodische Ansatz mit einer Abfrage der Zustim- nacker et al. (2008), wonach fu ¨r Landwirte wichtige mung zu verschiedenen Statements vor und nach Kriterien zur Bewertung der Nutztierhaltung vor den Diskussionen bietet die Mo ¨glichkeit, Diskussions- allem am Management, an technischen Verbesse- ergebnisse oder Diskussionsergebnisse sichtbar zu rungen und an Haltungssystemen an sich machen und zu quantifizieren. Der Vorher-Nachher- festgemacht werden. Auf der anderen Seite zeigen Vergleich der Statementbewertungen zeigt 4 ver- die Ergebnisse, wie wichtig Verbrauchern ein fu¨r- schiedene Arten der Einscha¨tzungsa¨nderung nach sorglicher Umgang mit den Tieren ist (Zander et al. den Diskussionen. Verbraucher a¨ndern ihre Einscha¨- 2013). tzung dabei deutlich sta¨rker als Landwirte. Sie sind Die unterschiedliche Bewertung der heutigen Tier- offener fu ¨r neue Informationen und neue Argu- haltung ist darauf zuru ¨ckzufu ¨hren, dass die Folgen mente und passen ihre Bewertung eher neu tierwohlfo ¨rdernder Maßnahmen Landwirte und Ver- an – mo ¨glicherweise auch, weil die sich daraus braucher unterschiedlich stark betrafen. In beiden ergebenden Konsequenzen (noch) nicht mitbedacht Gruppen beeinflusst vermutlich eine unterschiedlich werden (mu ¨ssen). Landwirte, die in ihre stark ausgepra¨gte Befangenheit die Wahrnehmung ¨ Einschatzungen auch die eigenen betrieblichen o¨ko- und Bewertung. Das ebenfalls unterschiedlich stark nomischen Zusammenha¨nge einbeziehen, scheinen ausgepra¨gte Unwohlsein zum Umgang mit den Tieren ¨ mehr daran interessiert, aufzuklaren als neue Infor- du ¨rfte auch damit zusammenha¨ngen, dass Landwirte mationen aus den Diskussionen mit den sich einen ,,pragmatischen Umgang‘‘ mit ihren eige- ¨ Verbrauchern zu gewinnen. Deshalb andern sie nen Emotionen gegenu ¨ber den Tieren angeeignet ihre Bewertungen nicht so stark wie die haben. Verbraucher dagegen urteilen aus der Distanz. Verbraucher. Dass bei Heimtier- und Nutztierhaltung mit zweierlei Das Ziel, der landwirtschaftlichen Tierhaltung Maß gemessen wird, verletzt ihr Moral- und wieder zu gesellschaftlicher Akzeptanz zu verhelfen, Gerechtigkeitsempfinden. wird von den politischen Akteuren ebenso wie vom Die Landwirte verfu ¨gten berufsbedingt u ¨ber einen Agrar- und Lebensmittelsektor geteilt. Die Unter- Wissensvorsprung zur Tierhaltung, der sich in einer suchung der Kommunikation zwischen Landwirten asymmetrischen Kommunikationsstruktur mit einer und Verbrauchern hat allerdings gezeigt, dass einer dominanten Rolle der Landwirte widerspiegelt. Die Einigung bisher langfristige ethische Hu ¨rden im Ergebnisse der Gruppendiskussionen zeigen den- Wege stehen. Die Studie wirft zwar Licht auf die noch, dass Verbraucher grundsa¨tzlich gegenu ¨ber Frage, inwiefern moderierte Gruppendiskussionen zu Landwirten Vertrauen aufbauen ko ¨nnen, wenn einer Anna¨herung der Einstellungen und Einscha¨t- Informationen glaubwu ¨rdig und vertrauenswu ¨rdig zungen von Verbrauchern und Landwirten fu ¨hren vermittelt werden. Falls Landwirte jedoch Verbrau- ko ¨nnen. Unklar bleibt aber insbesondere die zeitliche cher nicht ernst nehmen und versuchen, ihnen ,,ihre Stabilita¨t der neuen Bewertungen. Daher ist zu pru¨- Wahrheit’’ zu pra¨sentieren, bewegen sich die Ver- fen, ob auch andere Formen von Begegnungen braucher in ihrer Einstellung nicht und behalten ihre zwischen Tierhaltern und Verbrauchern geeignet Ansichten und Zweifel bei. sind, einen zielfu ¨hrenden Dialog zur Weiter- Versta¨ndnis fu ¨r die Schwierigkeiten der Verbrau- entwicklung und Akzeptanz der landwirtschaftlichen cher, sich aus eigener Anschauung ein Bild der Nutztierhaltung in Deutschland zu fo ¨rdern. Ohne Nutztierhaltung zu machen, bietet Landwirten die weitergehende Forschung zur Tierwohl-Kommuni- Chance, auf diese Defizite einzugehen und kation zwischen Landwirten und Verbrauchern wird 123 176 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft es auf absehbare Zeit vermutlich keinen Konsens Vanhonacker F, Verbeke W, van Poucke E, Pieniak Z, u ¨ber die ,,richtigen‘‘ Vera¨nderungen in der Nutztier- Nijs G, Tuyttens F (2012) The concept of farm ani- haltung geben. mal welfare: citizen perceptions and stakeholder opinion in flanders, Belgium. J Agric Environ Ethics 25(1):79–101 Literatur Vanhonacker F, Verbeke W, van Poucke E, Tuyttens F (2008) Do citizens and farmers interpret the con- Busch G, Kayser M, Spiller A (2013) ,,Massentierhal- cept of farm animal welfare differently? Livest Sci tung‘‘ aus VerbraucherInnensicht – Assoziationen 116:126–136 und Einstellungen. 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Lange Zeit jedoch konnten diese, dem nadine.gier@hhu.de, caspar.krampe@hhu.de Verbraucher meist unbewussten Einflu ¨sse, kaum empirisch erfasst werden. Demzufolge konnte der Mit Kommentaren von Lucia A. Reisch, CCMP, Zep- zugrundeliegende Mechanismus innerhalb der pelin Universita¨t Friedrichshafen, Am Seemooser sogenannten ,,Black Box‘‘ oft nur theoretisch Horn 20, Friedrichshafen, Deutschland, lucia.reisch beschrieben werden (Kenning & Plassmann 2005). @zu.de Mithilfe von neuroo ¨konomischen Analysen erscheint * Beide Autoren haben zu dem Artikel in gleichem es nun aber mo ¨glich, die mit dem hier interessie- Maße beigetragen. renden Verbraucherverhalten verbundenen, oft unbewussten neuralen Prozesse direkt, das heißt in - 1 Einfu ¨hrung vivo zu beobachten und hinsichtlich ihrer Verhaltensrelevanz einzuordnen. Ziel der betrieblichen Kommunikationspolitik im Die damit angesprochene Consumer Neuroscience Rahmen der marktorientierten Unternehmensfu¨- (Kenning 2014) hat in einigen Fa¨llen dazu beigetra- hrung ist es u.a., Kunden und Verbraucher u ¨ber die gen, eine erho ¨hte Varianzaufkla¨rung des Eigenschaften der angebotenen Produkte oder Ser- Verbraucherverhaltens zu erlangen (Hubert & Ken- vices zu informieren (Verbeke & Ward 2006). Im ning 2008; Kenning et al. 2017; Kenning & Plassmann Kontext der in die Lebensmittelwirtschaft eingebun- 2005; Kosslyn 1999; Plassmann et al. 2015). Darauf denen Nutztierhaltung haben dabei neben aufbauend ko ¨nnten zuku ¨nftige Informationsstrate- allgemeinen Angaben – zum Beispiel zur Art, der gien und -maßnahmen entwickelt werden, die eine Herkunft, den erna¨hrungsphysiologischen Werten effektivere und gegebenenfalls effizientere Kommu- oder den Verarbeitungseigenschaften – insbesondere nikation und Verbraucherinformation im Kontext Informationen u ¨ber die mit der Tierhaltung verbun- der Nutztierhaltung ermo ¨glichen. denen Praktiken eine hohe Bedeutung (Roininen Der vorliegende Beitrag stellt die Ergebnisse einer et al. 2006; Wille et al. 2016). So spielen, vor dem SocialLab-Studie vor, bei der 2 Verfahren der Consu- Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Diskus- mer Neuroscience eingesetzt wurden, um zu sion um artgerechte Tierhaltung und der untersuchen, wie kommunikative Maßnahmen direkt zunehmenden Kritik an der Massentierhaltung, am PoS zum Thema Tierwohl wahrgenommen und Aspekte der Prozessqualita¨t neben Kriterien der Pro- damit ggf. kaufentscheidend werden ko ¨nnen. duktqualita¨t eine u ¨bergeordnete Rolle bei Kaufentscheidungen. Um den damit verbundenen 2 Methoden und Ergebnisse Informationsbedarf der Verbraucher zu decken und am Markt ho ¨here Prozessqualitaten zu signalisieren, Um die Wirkungsweise verschiedener Kommunika- werden von den Anbietern und Herstellern tionsmaßnahmen auf die Verbraucherwahrnehmung regelmaßig Kombinationen von Bild- und Textele- im Bereich der Nutztierhaltung zu untersuchen, menten verwendet, deren Wirkungsweise die wurden im Rahmen des SocialLab-Projektes 2 soge- Wahrnehmung der Verbraucher auf kognitiver und nannte ,,bildgebende‘‘ Methoden verwendet. Zum emotionaler Ebene beeinflussen kann (Levin 1987). Es einen handelte es hierbei um die funktionale spielt also nicht nur die bewusste Wahrnehmung Magnetresonanztomografie (fMRT) (Dimoka 2010), und Verarbeitung der Information eine Rolle, son- zum anderen um die in vielerlei Hinsicht innovative dern ebenso die unbewusste Wirkung der funktionale Nah-Infrarot Spektroskopie (fNIRS) (Kop- Darstellungsweisen, sogenannten Frames (Levin 1987; ton & Kenning 2014; Krampe et al. 2016). Die Studien Levin et al. 1998). und die Ergebnisse sollen im Folgenden kurz skizziert werden. 123 178 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 2.1 fMRT-Studie Ziel der fMRT-Studie war es zu untersuchen, ob es mo ¨glich ist, mit Hilfe der Theorie des regulatorischen Fokus (Crowe & Higgins 1997) neurophysiologische und oftmals unbewusst ablaufende Wahrnehmungs- prozesse im Kontext verschiedener Haltungsmetho- den der Nutztierhaltung zu interferieren. Diese Frage ist deswegen bedeutsam, weil es bis dato unklar ist, ob kommunikative Maßnahmen u ¨berhaupt einen Einfluss auf die Einstellung der Verbraucher in die- sem Bereich haben ko ¨nnen oder ob die entsprechenden Reaktionen nicht vielmehr quasi reflexhaft ablaufen und im Gehirn mehr oder weni- ger ,,fest verdrahtet‘‘ sind. Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, wurde nach Freigabe des Studien- designs durch eine Ethikkommission eine fMRT- Analyse mit 29 Probandinnen und Probanden (Alter M = 41,45 Jahre, SD = 10,83; 14 weiblich) durchgefu¨hrt. Im Vorfeld der MRT-Messungen wurden verschie- Abb. 1 Versuchssequenz der experimentellen fMRT-Aufgabe. dene Haltungsmethoden der Nutztierhaltung Eine Versuchssequenz bestand aus drei Abschnitten, die durch eine zeitlich randomisierte Pause getrennt waren (,,jitter‘‘). In entsprechend der regulatorischen Fokus Theorie als dem Informationsabschnitt wurde zuna¨chst die Information Informationen differenziert formuliert. Dabei wur- u ¨ber eine Haltungsmethode genannt. Anschließend wurde das den two Foki unterschieden: Der Promotionsfokus ist dazugeho ¨rige Bild angezeigt. Schließlich sollte der Proband dadurch gekennzeichnet, dass er Erfolge einer Maß- diese Haltungsmethode bewerten nahme in den Vordergrund stellt. Im Gegensatz dazu ist es Merkmal des Pra¨ventionsfokus’, dass dieser Die ersten Ergebnisse der neuralen fMRT-Analyse Sicherheits- und Schutzaspekte thematisiert. Aufgabe zeigten, dass insbesondere der ventromediale pra¨- der Probanden war es, sich die entsprechend for- frontale Kortex (vmPFC) immer dann eine sta¨rkere mulierte Information aufmerksam durchzulesen und Aktivita¨t aufwies, wenn die Information im Promo- im Nachgang eine bildlich dargestellte Haltungsme- tionsfokus im Kontrast zum Pra¨ventionsfokus thode zu betrachten und anschließend zu bewerten formuliert war (Abb. 2). Demzufolge erzeugt eine (Abb. 1). In den Analysen wurde die Gehinaktivitat Information, welche sich auf Erfolge, Errungen- wa¨hrend des Informationszeitraums und der Bild- schaften und Verbesserungen fokussiert, eine wahrnehmung zwischen den beiden starkere neurale Reaktion in Hirnregionen, welche Formulierungsarten analysiert. mit emotionalen Bewertungsprozessen assoziiert 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 179 sind. Fru ¨here Studien der Consumer Neuroscience die Akzeptanz haben ko ¨nnen. So kann diese Studie haben zudem gezeigt, dass der vmPFC eine zentrale dazu beitragen, differenzierte, akzeptanzfo ¨rdernde Rolle fu ¨r das Bewertungssystem sowie das Kaufver- Kommunikation fu ¨r Verbraucher zu entwickeln. halten spielt (Bartra et al. 2013; Enax et al. 2015; Plassmann & Weber 2015). Dies bedeutet im Hinblick 2.2 fNIRS-Studie auf die Forschungsfrage zum einen, dass eine ¨ ¨ Beeinflussung neuraler Prozesse durch eine zielada- Aufbauend auf diesen Ergebnissen wurden erga- quate Darstellungsform der jeweiligen Information nzende fNIRS-Studien durchgefu ¨hrt. Die mobile fNIRS offenbar mo ¨glich ist. Zum anderen zeigt sich, dass bietet hierbei einen innovativen Ansatz die neuralen Informationen beziehungsweise Darstellungsformen, Prozesse, a¨hnlich dem Prinzip der fMRT, mittels die Verbesserungen beziehungsweise Erfolge einer Lichtimpulsen zu quantifizieren (Kopton & Kenning Maßnahme in den Vordergrund stellen, eine erho ¨hte 2014). Durch die mobile Einsetzbarkeit ko ¨nnen neur- neurale, subjektiv-emotionale Wertung erfahren als ale Prozesse und assoziiertes Konsumentenverhalten sicherheits- und schutz-orientierte Informationen. in einem naturalistischen Umfeld bemessen werden. Betrachtet man zudem die zentrale Rolle von Emo- Somit bestand das Ziel dieser Studien darin, zu pru ¨fen, tionen im Konsumverhalten insgesamt, so scheinen welche neuralen Prozesse am PoS ablaufen, wenn entsprechend modifizierte Informationen die Fa¨hig- Verbraucher eine ,,echte‘‘ nutztierhaltungsrele- keit zu besitzen, das Konsumverhalten auf neuraler vante Kaufentscheidung unter realitatsnahen Ebene signifikant zu beeinflussen. Somit kann die Art Bedingungen treffen. Parallel hierzu sollte zudem die und Weise der Kommunikation die Wahrscheinlich- Validita¨t der mobil einsetzbaren fNIRS untersucht keit erho ¨hen, dass Informationen zur Tierhaltung werden. Hierbei zeigte sich zuna¨chst, dass die mobile handlungsrelevante Implikationen fu ¨r die Verbrau- fNIRS eine valide neurowissenschaftliche Methodik im cher haben. Forschungsfeld der ,,Consumer Neuroscience‘‘ dar- Abb. 2 Neuraler Regulatorischer Fokus Effekt. Darstellung der fokus [ Pra¨ventionsfokus) in sagittaler, koronaler und axialer signifikanten Unterschiede zwischen den auf der regulatori- Ansicht (von links nach rechts), (Peak Voxel: MNI-Koordinaten -3 schen Fokustheorie basierten Informationen (Promotions- 44 -10; rot p \ .001; gelb p \ 0.0001; weiß p \ 0.00001) Betrachtet man diese Ergebnisse bezugnehmend stellt (Krampe et al. 2016). Aufbauend auf diesen auf das u ¨bergeordnete Ziel der Wirkung unter- ersten Forschungsergebnissen wurde eine zweite Stu- schiedlicher Darstellungsvarianten der die konzipiert, welche auf die Datenerhebung am PoS Tierhaltungsverfahren auf die (implizite) Wahrneh- fokussierte und somit die mobile Einsetzbarkeit der mung und die mo ¨glicherweise daraus resultierende fNIRS in einer innovativen Feldstudie pru ¨fen sollte. gesellschaftliche Akzeptanzgewinnung, so la¨sst sich Hierzu wurden außerhalb der Offnungszeiten in feststellen, dass die untersuchten Darstellungsweisen einem Lebensmittelmarkt u ¨ber der Selbstbedie- die neurale emotional-subjektive Wertung signifi- nungstheke fu ¨r Fleischwaren entweder biologisch- kant beeinflussen. In weiteren tiefergehenden oder konventionell-orientierte Tierhaltungskommu- Analysen wird nun nach Tierhaltungsmethoden nikationsmaßnahmen (TKM), die als situative Frames differenziert, da Werte und a priori Einstellungen fungierten, platziert. Um die neurale Reaktion der einen Einfluss auf den Effekt von Kommunikation auf Probandinnen (n = 18; Alter durchschnittlich 41 Jahre, 123 180 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft SD = 7,96) auf die dementsprechend vera¨nderten konventionell-orientiert). Dies la¨sst vermuten, dass Marktaufbauten zu erfassen, wurden diese mit einen die situative Pra¨sentation der TKM im Markt, also am mobilen fNIRS- und Eye-Tracking-Gera¨t ausgestattet. PoS, den entscheidenden Einfluss auf die neurale Danach wurden sie gebeten, einem vorgegebenen Reaktion der Kunden und den damit verbundenen Einkaufsweg zu folgen und einen Einkauf zu ta¨tigen. oft unbewussten Kaufentscheidungsprozess hat. Im Rahmen der Datenanalyse wurde die Gehirn- Somit scheint das Entscheidungsumfeld (also der aktivitat der beiden TKM (biologisch- und situative Frame), in welche die TKM platziert wird, konventionell-orientierte TKM) kontrastiert (Abb. 3). eine zentrale Rolle einzunehmen. Dieser Aspekt wird Die Ergebnisse der fNIRS Datenanalyse zeigten bei in der verbraucherpolitischen Diskussion u ¨ber in einer statistisch-liberalen Auswertung (p \ 0.1), dass anderer Hinsicht optimierte Informations- und insbesondere Regionen des orbitofrontalen Kortex Kommunikationsinstrumente oft u ¨bersehen und (OFC) sensitiv fu ¨r Vera¨nderungen der TKM sind. So ist unterstreicht noch einmal die zentrale Rolle des die neurale OFC-Hirnaktivita¨t im Kontrast zu kon- Handels, der das Entscheidungsumfeld maßgeblich ventioneller TKM bei biologisch-orientierter TKM gestaltet (vgl. hierzu auch den Beitrag ,,Standards, erho ¨ht. Hindernisse und Wu ¨nsche in der Nutztierhaltung – Abb. 3 Neurale Wirkung von TKM. Darstellung des Kontrastes Links oben: biologisch-orientierte TKM; links unten: konventionell- biologisch-orientierte vs. konventionell-orientierte TKM (n = 18; orientierte TKM dunkel rot p\ 0.1; Regionen des OFC in schwarzer Box) (rechts). Erga¨nzend zu den fNIRS-Daten wurden u ¨ber einen Die Perspektive des Handels‘‘ im vorliegenden Heft). Zeitraum von 6 Wochen die mit der TKM assoziierten In Bezug auf das Ziel der Identifizierung der mit dem Abverkaufszahlen pseudo-randomisiert ermittelt. relevanten Verhalten neuropsychologischen Prozesse Hierbei zeigte sich fu ¨r die biologisch-orientierte TKM zeigt die fNIRS-Technologie somit eine ho ¨here ein signifikant ho ¨herer durchschnittlicher Fleisch- externe o ¨kologische Validita¨t und gibt wichtige waren-Wochenumsatz pro Kunde (Wochenumsatz Hinweise, die in einer weniger biotischen Studien- Fleischware/Anzahl Kunden; t(5) = 2,65, p \ 0.05). anlage nicht gewonnen werden konnten. Konkret Betrachtet man beide Befunde im Zusammenhang, zeigt sich, dass kaufentscheidende Phanomene oft so la¨sst sich schlussfolgern, dass biologisch-orien- erst am PoS entstehen – ein Resultat, dass die ver- tierte TKM zu einer ho ¨heren neuralen Reaktion im haltenso ¨konomische Konsumforschung als OFC fu ¨hrt. Dies wiederum weist auf eine erho ¨ht-ak- ,,konstruierte Pra¨ferenzen‘‘ (constructive preferences) tivierte, subjektive Bewertung der Probanden hin, bezeichnet und mit der so genannten Query Theory welche offenbar verhaltensrelevante Auswirkungen (also ,,Abfrage-Theorie‘‘) begru ¨ndet (Johnson, Steffel, auf das Einkaufsverhalten der Kunden hat. & Goldstein, 2005). Dies unterstreicht in metho- Des Weiteren wurden die TKM mit Hilfe der fMRT discher Hinsicht noch einmal die besondere Bedeu- im Labor untersucht, um Befunde zur umfassenderen tung der mobilen fNIRS und verdeutlicht theoretisch Lokalisierung der neuralen Aktivita¨t zu erga¨nzen. Die die Rolle sogenannter ,,exogener Pra¨ferenzen‘‘ in den Resultate zeigen jedoch u ¨berraschenderweise keine entsprechenden Entscheidungsprozessen. signifikanten Aktivitatsunterschiede zwischen den beiden verwendeten TKM (biologisch- und 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 181 4 Ausblick und Implikationen und Erna¨hrung (BLE) im Rahmen des Programms zur Innovationsfo ¨rderung (FKZ: 2817203413). Betrachtet man die dargestellten Forschungsergeb- nisse bezugnehmend auf das u ¨bergeordnete Ziel, die neuropsychologische Wirkung unterschiedlicher Literatur Darstellungsvarianten der Tierhaltungsverfahren auf die Wahrnehmung und die mo ¨glicherweise daraus Bartra O, McGuire J T, Kable J W (2013) The valuation folgende gesellschaftliche Akzeptanzgewinnung system: a coordinate-based meta-analysis of BOLD besser zu verstehen, so la¨sst sich feststellen, dass die fMRI experiments examining neural correlates of untersuchten Darstellungsweisen die impliziten subjective value. NeuroImage 76:412–427. https:// neurophysiologischen Prozesse signifikant beeinflus- doi.org/10.1016/j.neuroimage.2013.02.063 sen. Insbesondere scheint die oftmals implizite Chowdhury RMMI, Olsen GD, Pracejus JW (2008) Wirkungsweise von Darstellungsvarianten der Tier- Affective responses to images in print advertising: haltungsverfahren bedeutsam zu sein. Des Weiteren affect integration in a simultaneous presentation spielt der Pra¨sentationsrahmen – das Framing – eine context. J Advert 37(3):7–18. https://doi.org/10.2753/ entscheidende Rolle in der (impliziten) Kommunika- JOA0091-3367370301 tionswahrnehmung und -verarbeitung der Crowe E, Higgins E T (1997) Regulatory focus and Verbraucher. Es ist daher wichtig, diese Aspekte – strategic inclinations: Promotion and prevention in Darstellung und Kontext – bei der Gestaltung von decision-making. Org Behav Hum Dec Process Kommunikationen im Bereich der Nutztierhaltung 69(2):117–132. https://doi.org/10.1006/obhd.1996. ku ¨nftig noch sta¨rker zu beachten. Und auch wenn 2675 die Ergebnisse der vorgestellten Studien vorla¨ufig Dimoka A (2010) What does the brain tell us about sind und erste Hinweise geben, in welche Richtung trust and distrust? Evidence from a functional weiter geforscht werden sollte, so wird doch neuroimaging study. MIS Quart 373–396. erkennbar, dass die Frage nach dem ,,Wie?‘‘ bei der Enax L, Krapp V, Piehl A, Weber, B (2015). Effects of Gestaltung von Verbraucherinformationen auch in social sustainability signaling on neural valuation diesem Bedarfsfeld ku ¨nftig von Bedeutung sein wird. signals and taste-experience of food products. Die Ergebnisse besta¨rken zudem die zunehmend Front Behav Neurosci 9:247. https://doi.org/10. in der sozialwissenschaftlichen Konsumforschung 3389/fnbeh.2015.00247 gewonnene Erkenntnis, dass individuelle Faktoren Higgins (1997) Beyond pleasure and pain. Am Psychol wie Wissen, Einstellungen und Handlungsintentio- 52(12):1280–300. https://doi.org/10.1037/0003-066X. nen zwar durchaus bedeutend sind fu ¨r die 52.12.1280 Kaufentscheidung, dass jedoch der unmittelbare Hubert M, Kenning P (2008) A current overview of Entscheidungskontext der letztlich ausschlaggebend consumer neuroscience. J Consum Behav ist. 7:272–292. 10.1002/cb Johnson E, Steffel M, Goldstein D G (2005) Making Die Ausfu ¨hrungen sind zum Teil das Ergebnis einer better decisions: from measuring to constructing umfassenden Diskussion mit Kollegen, denen wir zu preferences. Health Psychol 24(4):S17–S22. Dank verpflichtet sind. Er gilt allen Projektpartnern Kahneman D (2012) Schnelles Denken, langsames des Verbundprojektes ,,SocialLab – Nutztierhaltung Denken. im Spiegel der Gesellschaft‘‘, insbesondere den Kol- Kenning P, Oehler A, Reisch L A, Grugel C (2017) legen des Privaten Forschungs- und Verbraucherwissenschaften: Rahmenbedingun- Beratungsinstituts fu ¨r angewandte Ethik und Tier- gen, Forschungsfelder und Institutionen, Springer- schutz INSTET gGmbH (Prof. Dr. Jo ¨rg Luy) und der Verlag. Rheinischen Friedrich-Wilhelm-Universita¨t Bonn Kenning P, Plassmann H (2005) NeuroEconomics: An (Prof. Dr. Monika Hartmann). Zudem danken wir Frau overview from an economic perspective. Brain Res Anja Westphal und Frau Carina Hoffmann fu ¨r die Bull 67(5):343–354. https://doi.org/10.1016/j. tatkra¨ftige Unterstu ¨tzung im Rahmen der Datener- brainresbull.2005.07.006 hebung. Die Fo ¨rderung des Vorhabens erfolgte aus Kenning P (2014) Consumer Neuroscience: Ein trans- Mitteln des Bundesministeriums fu ¨r Ernahrung und disziplina¨res Lehrbuch. Kohlhammer Verlag Landwirtschaft (BMEL) aufgrund eines Beschlusses Kenning P, Plassmann H (2005) NeuroEconomics: An des deutschen Bundestages. Die Projekttragerschaft overview from an economic perspective. Brain Res erfolgte u ¨ber die Bundesanstalt fu ¨r Landwirtschaft Bull 67(5):343–354 123 182 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Krampe C, Strelow E, Kenning P (2016) Functional Plassmann H, Venkatraman V, Huettel S, Yoon C near-infrared spectroscopy (Fnirs): a new tool for (2015) Consumer neuroscience: applications, chal- consumer research? ACR North American lenges, and possible solutions. J Mark Res 8:427–435 Advances Plassmann H, Weber B (2015) Individual differences Kosslyn S M (1999) If neuroimaging is the answer, in marketing placebo effects: evidence from brain what is the question? Philos Trans R Soc Lond Ser B imaging and behavioral experiments. J Mark Res Biol Sci 354(1387):1283–1294. https://doi.org/10. 8:1–18. https://doi.org/10.1509/jmr.13.0613 1098/rstb.1999.0479 Verbeke W, Ward R W (2006) Consumer interest in ¨ ¨ Roininen K, Arvola A, Lahteenmaki L (2006) Explo- information cues denoting quality, traceability ring consumers’ perceptions of local food with two and origin: an application of ordered probit different qualitative techniques: Laddering and models to beef labels. Food Qual Preference word association. Food Qual Prefer 17(1):20-30 17(6):453–467. https://doi.org/10.1016/j.foodqual. Levin I P (1987) Associative effects of information 2005.05.010 framing. Bull Psychonomic Soc 25(2):85–86. https:// Wille S, Ermann M, Spiller A (2016) Informations- doi.org/10.3758/BF03330291 bedu ¨rfnis beim Kauf von regionalem Levin I P, Schneider S L, Gaeth G J (1998) All frames are Schweinefleisch: Ein Experiment auf Basis der not created equal: a typology and critical analysis Information-Display-Matrix. Tagungsband 2016, of framing effects 76(2):149–188 97 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 183 Zur Konzeption eines oder QS-Siegel umfassendere Merkmale. Diese setzen Verbraucherinformationssystems als Erga¨nzung – dabei durchaus auf Halo-Effekte, also auf Qualita¨ts- oder Alternative? – zum klassischen vermutungen, die u ¨ber die eigentliche Qualita¨t des Informationslabel Produktes hinausgehen. Recht schnell stoßen Label jedoch an ihre Grenzen 1 1 2 Nadine Gier , Caspar Krampe , Lucia A. Reisch , Peter und erzeugen oftmals unerwu ¨nschte Nebeneffekte Kenning (Eberle et al. 2011; Franz et al. 2010). So ko ¨nnen Ver- braucher beim allta¨glichen Einkauf durch die Vielzahl Lehrstuhl fu ¨r Betriebswirtschaftslehre, insb. Marke- an Labeln, verbunden mit einem geringen Involve- ting, Heinrich-Heine-Universita¨t, Universita¨tsstraße 1, ment, verwirrt und u ¨berfordert werden (Roosen et al. 40225 Du ¨sseldorf, Geba¨ude 24.21 2003; Verbeke 2005, 2008). Gerade im Bereich der Zeppelin Universita¨t Friedrichshafen, Am Seemooser Nutztierhaltung gibt es eine Flut an Labeln, so dass Horn 20, Friedrichshafen bisweilen je nach Qualita¨tspru ¨fung dasselbe Produkt nadine.gier@hhu.de mit mehreren, unterschiedlichen Labeln gekennze- ichnet werden kann. So fordert u.a. auch der Bundes- 1 Hintergrund und Zielsetzung verband der Verbraucherzentrale mehr Transparenz und eindeutige Kennzeichnungen im Bereich des Eine wesentliche Problematik moderner Volks- Tierwohls in der Nutztierhaltung (VZBV 2017). Diese wirtschaften bilden die oft durch arbeitsteilige Pro- Vielfalt und gelegentliche Inkonsistenz hat Auswir- zesse und entsprechend ausdifferenzierte kungen auf die Glaubwu ¨rdigkeit der einzelnen Label Wertscho ¨pfungsketten induzierten Informations- und zeigt, dass das Labelsystem in seiner jetzigen Form asymmetrien zwischen den Anbietern und Nachfra- wohl einen ,,abnehmenden Grenznutzen‘‘ hat (Ver- gern einer Leistung. Beim Thema ,,Tierwohl‘‘ kommt braucherkommission Baden-Wu ¨rttemberg 2011). Die hinzu, dass dies eine Vertrauenseigenschaft (,,Cre- Verfu ¨gbarkeit label-induzierter Information stellt dence Attributes‘‘) des Produktes darstellt, deren heute somit kein Maximierungs-, sondern ein lokales Auspragung vom Verbraucher, beispielsweise beim Optimierungsproblem dar, das in der Praxis auf Produkt ,,Fleisch‘‘, am Point-of-Sale (PoS) kaum fest- erhebliche Probleme sto ¨ßt (Kenning et al. 2017). Vor gestellt werden kann. Die Informationso ¨konomik diesem Hintergrund ist es Ziel des im Folgenden zu hat auf dieses Marktversagen reagiert und verschie- skizzierenden Forschungsprojektes, Hinweise fu ¨r die dene Ansa¨tze entwickelt, solche Informa- zuku ¨nftige effektive und, nach Mo ¨glichkeit, effiziente tionsasymmetrien zu reduzieren. Die klassische Ant- Gestaltung der Kommunikation von Verbraucherin- wort der Verbraucherpolitik ist das ,,Signaling‘‘ mit formationen zu geben. Darauf aufbauend sollen Hilfe von ,,Labels‘‘ oder ,,Siegeln‘‘. Im Kern sollen Politik- und Kommunikationsempfehlungen fu ¨r die diese dem Verbraucher auf den ersten Blick, leicht gesetzliche und privatwirtschaftliche Umsetzung von ¨ ¨ verstandlich und verlasslich eine – mehr oder weni- Kennzeichnungsmaßnahmen abgeleitet werden. Um ger – bestimmte Qualita¨t signalisieren (Eberle et al. dieses Ziel zu erreichen, werden verschiedene Ansa¨tze 2011; Olaizola und Corcoran 2003; Reisch 2003). der Verbraucherinformation diskutiert und Erkennt- Mit diesem Ansatz verbinden sich mehrere Vor- nisse aus bisherigen Forschungsarbeiten genutzt, um teile: So bieten Label zum Beispiel in der bestehende Instrumente zu optimieren bzw. zu erga¨- Lebensmittelwirtschaft die Mo ¨glichkeit, den Ver- nzen oder Alternativen zum bisherigen System der braucher direkt am PoS u ¨ber produktspezifische Informationso ¨konomik durch klassische Label zu Vertrauenseigenschaften, wie bspw. Tierwohl- oder entwickeln. Bio-Aspekte, zu informieren (Eberle et al. 2011; Jans- sen und Hamm 2012; Olaizola und Corcoran 2003; 2 Methodik Reisch 2003). Dabei lassen sich Label-Qualita¨ten in unterschiedlicher Breite und Tiefe definieren. Wah- Um das Themenfeld der Verbraucherinformation rend beispielsweise ,,gentechnikfrei‘‘ ein zuna¨chst pha¨nomenologisch zu durchdringen, wur- Prozessattribut betrachtet, behandeln Bioqualita¨ts- den im ersten Schritt im Kontext der Nutztierhaltung der Informationsstand, die Informationsbeschaffung, ¨ ¨ In wenigen Fallen (wie bei der ,,glasernen Produktion‘‘) sowie der Informationseinfluss von und zu Verbrau- bieten Anbieter die Mo ¨glichkeit, bspw. per QR Code auf der chern mittels einer Literaturrecherche und einer Packung direkt in den Stall zu schauen oder sogar sein eigenes flankierenden Fokusgruppe untersucht. Die aus der Jungtier aufzuziehen und verarbeiten zu lassen. Selbst in ¨ qualitativen Sozialforschung stammende Methode diesen Fallen bleiben jedoch Vertrauensmerkmale bestehen. 123 184 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft der Fokusgruppe (Krueger und Casey 2014) ermo¨- die Produkte und deren Eigenschaften am PoS zu glicht es, den Informationsprozess aus Sicht der informieren. So wurde die Verpackung als einzige Verbraucher zu begreifen und mo ¨gliche Anschluss- Informationsoberfla¨che angesehen, die neben dem kriterien fu ¨r die Informationsbereitstellung und subjektiven Aussehen des eigentlichen Produktes -beschaffung zu identifizieren. Im konkreten Pro- Aufschluss u ¨ber dessen Merkmale geben ko ¨nne. Im jektfall wurden mit Hilfe einer moderierten Gegensatz zu diesen grundsa¨tzlichen Aussagen Diskussion 9 Verbraucher/innen eingeladen, sich u¨- schien das Informationsbedu ¨rfnis bei den Verbrau- ber die Thematik der Informationskommunikation chern in der Fokusgruppe nur dann erho ¨ht zu sein, im Bereich der Nutztierhaltung auszutauschen und wenn durch Skandale – wie BSE in Rindfleisch oder diese zu diskutieren. Anhand der daraus gewonne- die kritische Berichterstattung u ¨ber unzureichende nen Erkenntnisse konnten unterschiedliche Tierhaltungsverfahren – der sorgenfreie Konsum Bedu ¨rfnisse und Motive der Verbraucher an Infor- von Fleischwaren eingeschra¨nkt wird. In diesem Fall mationsinhalten und zur Informationsbeschaffung werden aus ,,vertrauenden‘‘ Verbrauchern, die sich zum Thema Nutztierhaltung unterschieden werden. durch eine durchaus rationale Naivita¨t auszeichnen, Daraus abgeleitet wurden in einer tiefergehenden offenbar ,,verantwortungsvolle‘‘ Verbraucher, die Literaturrecherche Alternativen zu den heutigen ein entsprechend gesteigertes Informationsbedu¨rf- Angeboten der Verbraucherinformation gesucht, nis haben (Micklitz et al. 2010; Wobker et al. 2012). welche bereits durch Studien erste Hinweise auf ihre So gaben die Verbraucher an, wahrend solcher Kri- Effektivita¨t geben oder in a¨hnlicher Form in anderen senzeiten, welche auch moralischer Natur sein Bereichen genutzt werden. ko ¨nnen, einen erho ¨hten Informationsbedarf zu haben und vermehrt auf Label zu achten oder 3 Ausgewa¨hlte Ergebnisse alternativ auf den ,,Metzger des Vertrauens‘‘ zuru ¨ckzugreifen. Im Rahmen der Fokusgruppe zeigte sich, dass retro- Im Ergebnis zeigt sich, dass Label eher eine situa- spektiv wahrgenommene Informationen lediglich tive Relevanz haben und je nach Kontext und auf das Herkunftsland sowie quantitative Kennzahlen Involvement selektiv durch die Verbraucher wahr- wie Haltbarkeit, Preis und Gewicht, beschrankt genommen werden. Zwar werden Label eher waren und insgesamt eher undifferenziert und wahrgenommen und ko ¨nnen kaufentscheidungs- oberflachlich erinnert wurden. Informationen zur wirksam sein, wenn sie einfach und intuitiv gestaltet Haltungs- und Schlachtungsweise sowie zur Futter- und auf der Vorderseite der Verpackung angebracht bzw. Medikamentenzugabe wurden zwar in der sind, und durch entsprechende Kommunikations- Fokusgruppe als wu ¨nschenswerte Information gen- kampagnen begleitet werden (Grunert 2002; Padilla annt; sie scheinen jedoch in empirischen Studien bei et al. 2007), jedoch sind sie wa¨hrend eines gewo ¨hn- der Kaufentscheidung kaum eine Rolle zu spielen lichen Einkaufs eher wenig relevant. In (moralischen) (Andersen 2011; Harper und Henson 2001; Olaizola Krisenzeiten hingegen gewinnen sie an Bedeutung, und Corcoran 2003). Des Weiteren schienen die weisen dann aber oftmals zu wenig Informationen Verbraucher nicht grundsa¨tzlich, sondern eher aus- auf, so dass erga¨nzende Informationsquellen, die oft nahmsweise bewusst und aktiv nach ausfu ¨hrlicheren mit Personenvertrauen ausgestattet sind, hinzuge- Informationen zu suchen und nur gewisse Angaben – zogen werden. Dieses Ergebnis stimmt mit der je nach individuellem Involvement und perso ¨nlicher aktuellen Forschungslage u ¨berein, nach der ein Situation – als relevant einzuordnen. Auch Label individueller, mo ¨glichst personalisierter, zeitlich-fle- schienen hier wenig zu bewirken, da es oft keinen xibler und differenzierter Informationsfluss den entsprechenden Informationsbedarf gibt. Als Konse- Verbrauchern in ihren Entscheidungen helfen kann, quenz wurden Label von der Fokusgruppe ohne diese dabei zu u ¨berfordern (de Jonge et al. 2015; u ¨berwiegend als unversta¨ndlich beschrieben und Eberle et al. 2011; Kenning et al. 2017, S.289; Reisch ihre Fu ¨lle und Vielfalt eher als la¨stig empfunden. 2003; Weinrich und Spiller, 2016). Die folgende Gleichwohl teilten die Verbraucher die Meinung, Abbildung verdeutlicht diesen Zusammenhang dass Labels die einzige Mo ¨glichkeit bo ¨ten, sich u ¨ber grafisch. 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 185 Abb. 1 Informationsangebot und -bedarf im Zeitablauf. Der Informationsbedarf nimmt in Krisenzeiten zu und ist sonst meist gering. Diese Variabilita¨t kann das Informationsangebot durch ein starres Label nicht bedienen 3.1 Multilayer statt Binarita¨t angebotsseitig induzierten multi-layer Label zeigen sich in den Niederlanden (,,Beter Leven‘‘) bzw. in Das oben skizzierte Label-Dilemma hat aus Sicht der ¨ Danemark (,,Bedre Dyrevelfærd‘‘). Empirische Stu- Verbraucher Konsequenzen: So wird ein hoher Preis dien besta¨tigen, dass die so erreichte bei unzureichender Information u ¨ber die ,,wahren‘‘ Ausdifferenzierung der Labelstruktur zu einem ho¨- Produkteigenschaften oftmals als Barriere gesehen herenMarktanteil vonTierwohlprodukten fu¨hrt, die (Boogaard et al. 2006; Larceneux et al. 2012; Napoli- Heterogenita¨t und individuellen Bedu¨rfnisse der tano et al. 2010; Padel und Foster 2015). Eine Verbraucher besser abgedeckt und auch zeitlich Differenzierung innerhalb der offenbar schwanken- schwankende Zahlungsbereitschaften ,,abgegriffen‘‘ den preislichen Grenzen und moralischen Ansichten werden ko ¨nnen (de Jonge et al. 2015; Weinrich und ist somit kaum mo ¨glich: Dem einen Verbraucher ist Spiller 2016). es zumeist zu teuer, dem anderen ist es zu wenig Problematisch ist jedoch, dass nach wie vor eine ,,bio‘‘. Angesichts dieser Heterogenita¨twa¨re es Vielzahl an Information (Tierwohlhaltung, Fairtrade, zweckma¨ßig, den Verbrauchern die Mo ¨glichkeit zu Gentechnik, Inhaltsstoffe, u.v.m.) auf den Verpa- ero ¨ffnen, nach individuellem Involvement diejenige ckungen angeboten wird, die in den allermeisten Produktinformation zu beziehen, welche die infor- ¨ Fallen, nicht beno ¨tigt wird. So sind einzelne Infor- mierte Kaufentscheidung nach den eigenen, ggf. mationen (z.B. Laktose-, Gluten- oder Nussanteil) nur zeitlich instabilen, Pra¨ferenzen ermo ¨glichen kann. fu ¨r spezielle Ka¨ufergruppen relevant oder werden Diese Mo ¨glichkeit ließe sich durch die Integration nur nach besonderen Vorkommnissen oder morali- eines sogenannten multi-layer Labelsystems ero ¨ffnen schen Krisen durch den Verbraucher aktiv (de Jonge et al. 2015; Eberle et al. 2011; Weinrich und nachgefragt. Die damit verbundene Logik ist infor- Spiller 2016). In diesem System geht es nicht nur um mationslogistisch ineffizient und kann zudem zu der die bina¨re Unterscheidung zwischen gelabelten und ¨ bereits erwahnten Verwirrung und Uberforderung ungelabelten Produkten, sondern es wird innerhalb der Verbraucher am PoS fu ¨hren. Die in Abbildung 1 der Labelstruktur in weitere Stufen (Layer) unter- ¨ skizzierte Problematik ware somit allenfalls teilweise schieden. Durch die Einfu ¨hrung von behoben. Differenzierungsebenen ko ¨nnen somit psychologi- Eine Lo ¨sung dieser Problematik ko ¨nnte darin sche Effekte wie zum Beispiel Kompromiss- oder bestehen, den Informationsfluss nach einem anderen Anziehungseffekte entstehen, welche den Ver- Prinzip zu organisieren und den multi-layer Ansatz brauchern erlauben, nach ihrem Involvement um eine vertikale, nachfrageorientierte und damit innerhalb ihrer Preisgrenzen zu entschieden. Erste zeitlich flexible Perspektive zu erweitern (Eberle et al. Implementierungen eines noch recht einfachen 2011). Im Ergebnis wu ¨rde der Informationsfluss somit 123 186 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft nicht nach einem generellen, zeitlich unflexiblen Informationsbedarf dieser Verbrauchertypen infor- ,,Push-Ansatz‘‘ organisiert werden, wie es bei einem mationslogistisch effizient befriedigt werden und klassischen Labelansatz der Fall ist, sondern vielmehr integriert in einen klar vorgegebenen politischen nach einem ,,Pull-Prinzip‘‘, welches nicht nur zeitlich- Rahmen ko ¨nnte eine entsprechende Labelflut flexibel wa¨re, sondern auch den verschiedenen ver- mo ¨glicherweise verhindert werden (Eberle et al. brauchertypenspezifischen Informationsbedarfen/- 2011). typen, die sich situativ andern ko ¨nnen, entsprechen Abb. 2 Konzeption eines vertikalen und horizontal differenzierten Multi-layer Informationssystems. Durch eine Integration von ereignisorientierten Prozessketten (EPK) kann der Verbraucher Informationen, welche der gewu ¨nschten Informationstiefe und - breite entsprechen, aktiv anfragen 3.2 Zur Konzeption eines wu ¨rde (Micklitz et al. 2010; Wobker et al. 2012). Bei dieser Lo ¨sung ko ¨nnten sich Verbraucher bspw. Verbraucherinformationssystems im Rahmen der anhand von aufeinander aufbauenden Fragen, die Nutztierhaltung der Logik sogenannter ,,ereignisorientierter Prozess- ketten‘‘ (EPK) entspricht (analog zur Organisation von Ein dieser Konzeption entsprechender Ansatz, der betrieblichen Informationsflu ¨ssen im Rahmen von eine Vielzahl an bereits vorhandenen Verbraucher- Managementinformationssystemen (z.B. SAP R/3)), informationen integrieren ko ¨nnte und daru ¨ber hinaus eine bedarfsgerechte, situative Informations- die Informationen in der Informationstiefe beschaf- fen, welche ihrem (situativen) Involvement bzw. Typ beschaffung ermo ¨glichen wu ¨rde, bestu ¨nde in der Entwicklung eines o ¨ffentlich verfu ¨gbaren Verbrau- entsprechen. Durch bereits bekannte Technologien, wie einen QR-Code u ¨ber eine Smartphone-App oder cherinformationssystems (VIS) am PoS. Dieses fu ¨r die Nutztierhaltung durchaus innovative System soll im einem im Markt installierten Informationsterminal, ko ¨nnten so verantwortungsvolle Verbraucher bspw. Folgenden kurz skizziert werden. bei einer Produktneueinfu ¨hrung im Bereich der Ein Informationssystem ist ein Ansatz, welcher in ,,Fleischware‘‘ das Produkt einscannen. Sie wu ¨rden der Betriebswirtschaft urspru ¨nglich Informations- dann allgemeine Informationen zum Produkt erhal- nachfragen effizient und effektiv in ein System ten, welche zum Beispiel das Produkt zuna¨chst nach integrieren sollte (Becker und Schu ¨tte 2004; Schu¨tte einer einfachen multi-layer Labellogik kennzeichnen. 2011). Als VIS kann man analog hierzu ein System bezeichnen, welches den Verbrauchern ermo ¨glicht, Anschließend und anhand der integrierten EPK ko ¨nnten diese Verbraucher individuell detailliertere durch die Nutzung von Informationstechnologien und dementsprechend informierte Kaufentschei- Informationen zum Produkt auf den verschiedenen Layerebenen erlangen (Abb. 2). Durch diese Konzep- dungen die Wertscho ¨pfungskette nach dem Pull- tion wu ¨rde der breitere und tiefere 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 187 Prinzip weiterzuentwickeln und mitzugestalten (Tu- ein Crowdsourcing ermo ¨glicht (vgl. Enkel in Ken- unanen et al. 2010). ning/Lamla 2017). Zudem sollte das VIS den Anders als bei Informationssystemen bspw. im Anwendungskontext (z.B. am PoS) beru ¨cksichtigen, beruflichen Kontext, wo Nutzer auf das System fu¨r da dieser einen Einfluss auf das Nutzungsverhalten ihre Arbeitsta¨tigkeit angewiesen sind und vor allem haben wird. Verbraucher sind in diesem System ein Effektivita¨t und Effizienz wichtige Parameter wichtiges, zentrales Element und ko ¨nnen die Gestal- darstellen, sollte bei dem individuellen Gebrauch tung und Nu ¨tzlichkeit des Informationssystems durch Verbraucher eine Balance zwischen Nu¨tz- durch ihren Gebrauch entscheidend beeinflussen lichkeit und Benutzerfreundlichkeit gefunden wer- (Tuunanen et al. 2010). Der Gestaltungsprozess des den. Denn nur wenn die Verbraucher einen VIS ist entsprechend voraussetzungsvoll: Zum einen utilitarischen und hedonischen Nutzen erfahren, sind der Zeitpunkt und die Art der Teilnahme an der wird sich ein solches System dauerhaft etablieren Gestaltung des Service durch die Verbraucher fest- ko ¨nnen (Tuunanen et al. 2010). Ahnliche Anwendung zulegen, sodass die Ziele und Anspru ¨che der zeigen sich bereits fu ¨r Obst und Gemu ¨se (Max Rub- Verbraucher an das VIS den gewu ¨nschten Nutzen ner-Institut 2015) und im deutschen Ba¨ckerhandwerk erzeugen. Zum anderen mu ¨ssen die Informationen, (baeckerhandwerk.de). Mit Hilfe eines Informations- welche in dem VIS verwendet werden, effektiv und terminals ko ¨nnen sich Kunden dort u ¨ber die effizient aggregiert und integriert werden (vgl. angebotenen Waren informieren und individuelle Oehler und Kenning 2013). Denkbar ware es, dass Produktinformationen abrufen. Dadurch wird kein bereits vorhandene Systeme kombiniert werden und unversta¨ndliches Etikettierungssystem beno ¨tigt und Informationen aus vertrauensvollen und unabha¨- fachkundige Beratungsgespra¨che werden durch eine ngigen Quellen integriert werden. Kompatible SAP- weitere Informationsquelle erga¨nzt. Welche Ansa¨tze Systeme, welche bereits vom Handel genutzt werden, und Herausforderungen ein solches VIS aus theore- ko ¨nnten im VIS eine Schnittstelle bilden und so Ver- tisch-konzeptioneller Sicht integrieren mu ¨sste und brauchern Informationen zum Beispiel zur Herkunft welche Treiber der Verbraucher den Gebrauch der jeweiligen Produkte bereitstellen. So ko ¨nnten ermo ¨glichen, wurde bereits in einem ersten Rah- bspw. handelsbezogene Daten aus den Warenwirt- menkonzept zusammengefasst, welches schaftssystemen freigegeben werden und mit insbesondere den folgenden Aspekten Rechnung weiteren Daten (z.B. aus dem Bundesinformations- tragt (vgl. Tuunanen et al. 2010). Ein VIS sollte die zentrum Landwirtschaft, BZL) im VIS zu einem Verbraucher individuell nach situativer und perso¨- multilayer Informationsansatz aufbereitet und nlicher Relevanz und Involvement u ¨ber die Produkte verknu ¨pft werden (Abb. 3). informieren, sodass diese selbst bestimmen, welche Um den Handel zu motivieren, die jeweiligen Informationen sie wann erhalten wollen. Dies ko ¨nnte Systeme zu o ¨ffnen und zu pflegen wa¨re es denkbar, zum Beispiel anhand von QR-Codes in Kombination die entsprechenden Investitionen zu fo ¨rdern. Das mit Smartphone-Apps oder Informationsterminals im no ¨tige Vertrauen in das VIS ko ¨nnte durch die Unab- Markt realisiert werden. ha¨ngigkeit und ein glaubwu ¨rdiges Monitoring der Das VIS sollte eine Schnittstelle zu sozialen Netz- Inhalte gewa¨hrleistet werden. Die verwendeten werken beinhalten. Dort sollte eine unabhangige Daten sollten von o ¨ffentlichen Institutionen wie z.B. Moderation erga¨nzt durch Expertenmeinungen von der Bundesanstalt fu ¨r Landwirtschaft und Erna¨hrung Landwirten, Handlern und Wissenschaftlern statt- (BLE) verwaltet werden, wobei es wichtig ist, dass finden. Im Bereich der Nutztierhaltung ko ¨nnten Informationsstandards vereinheitlicht werden und bspw. verifizierte Nutzer (Verbraucher) aktuelle, fu¨r interne Qualita¨tskriterien, welche sich zurzeit u.a. sie relevante Themen (z.B. Medienberichte und durch private Bio-Label a¨ußern, sichtbar und trans- Warnhinweise) untereinander und mit unabha¨ngi- parent von unabha¨ngigen Informationen getrennt gen Experten diskutieren und Erfahrungen (z.B. werden (Verbraucherkommission Bayern 2012). Meinungen, Kochideen und Angebote) austauschen. Angesichts dessen bo ¨te sich insgesamt ein modula- Dadurch wird eine Identita¨tskonstruktion erzielt, rer, integrativer Aufbau an (Abb. 3). welche den Nutzer an den Service bindet und auch 123 188 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Abb. 3 Datengewinnung und -verwaltung in einem VIS. Informationen und Daten, die in das VIS mit einfließen sollen mo ¨glichst kompatibel mit vorhandenen Warenwirtschaftssystem im Handel sein 4 Ausblick Boogaard BK, Oosting SJ, Bock BB (2006) Elements of societal perception of farm animal welfare: a Labels bieten mitunter die einfachste Mo ¨glichkeit, quantitative study in the Netherlands. Livestock Sci den Verbraucher am PoS zu informieren. Sie stoßen 104:13–22 jedoch oftmals an ihre Grenzen. Aufbauend auf de Jonge J, van der Lans IA, van Trijp HCM (2015) qualitativen und quantitativen Studien kann man Different shades of grey: compromise products to rasch erkennen, dass dieser starre Ansatz der Ver- encourage animal friendly consumption. Food braucherinformation mo ¨glicherweise durch Qual Prefer 45:87–99 differenziertere, horizontal und vertikal organisierte Eberle U, Spiller A, Becker T, Heißenhuber A, Alternativansa¨tze zu optimieren wa¨re. Sinnvoller ¨ Leonhauser IU, Sundrum A (2011) Politikstrategie wa¨re es, einen systemischen Ansatz in der Form eines Food Labelling. http://www.bmelv.de/Shared VIS zu verfolgen. Durch ein solches System wa¨re es Docs/Downloads/Ministerium/Beiraete/Verbraucher- mo ¨glich, die Informationsbedarfe der Verbraucher fle- politik/2011_10_PolitikstrategieFoodLabelling.pdf. xibel und informationslogistisch optimal zu bedienen. Abgerufen 10. Oktober 2017 Enkel E (2017) Die Rolle des Konsumenten im Kontext Die folgenden Ausfu ¨hrungen sind zum Teil das der Open Innovation. In: Kenning P, Lamla J (Hrsg.) Ergebnis einer umfassenden Diskussion der Autoren Entgrenzungen des Konsums. Springer, mit verschiedenen verbraucherpolitisch aktiven Wiesbaden Wissenschaftlern, denen wir zu Dank verpflichtet Franz A, von Meyer M, Spiller A (2010) Prospects for a sind. Er gilt allen Projektpartnern des Verbundpro- european animal welfare label from the german jektes ,,SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der perspective: supply chain barriers. Int J Food Syst Gesellschaft‘‘, insbesondere den Kollegen des Dyn 4:318–329 Thu ¨nen-Instituts fu ¨r Marktanalyse (Dr. Inken Chri- Grunert K (2002) Current issues in the understanding stoph-Schulz), der Technischen UniversitatMu ¨nchen of consumer food choice. Trends Food Sci Technol (Prof. Dr. Jutta Roosen) und der Georg-August-Uni- 13:275–285 versita¨tGo ¨ttingen (Prof. Dr. Achim Spiller). 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Hauswirtschaft und Wiesbaden Wissenschaft - Europa¨ische Zeitschrift fu ¨r Haus- Kru ¨ger RA, Casey MA (2014) Focus groups: a practical haltso ¨konomie, Haushaltstechnik und guide for applied research. Sage, Los Angeles Sozialmanagement Larceneux F, Benoit-Moreau F, Renaudin V (2012) Roosen J, Lusk JL, Fox JA (2003) Consumer demand for Why might organic labels fail to influence consu- and attitudes toward alternative beef labeling mer choices? Marginal labelling and brand equity strategies in France, Germany, and the UK. Agri- effects. J Consumer Policy 35:85–104 business 19:77–90 Max Rubner-Institut (2015) Verbundprojekt: Ver- Schu ¨tte R (2011) Modellierung von Handelsinforma- braucherinformationssystem zur Nutzung am tionssystemen. Unvero ¨ffentlichte Point of Sale (POS) zum Shelflife und Produktei- Habilitationsschrift, Westfa¨lische Wilhelms-Uni- genschaften fu ¨r Obst und Gemu ¨se am Beispiel der versita¨tMu ¨nster Kiwi Tuunanen T, Myers MD, Cassab H (2010) A conceptual Micklitz HW, Oehler A, Piorkowsky MB, Reisch LA, framework for consumer information. Pacific Asia J Stru ¨nck C (2010) Der vertrauende, der verletzliche Assoc Inf Syst 2:47–66 oder der verantwortungsvolle Verbraucher? Pla- Verbeke W (2005) Agriculture and the food industry doyer fu ¨r eine differenzierte Strategie in der in the information age. Eur Rev Agric Verbraucherpolitik Stellungnahme des Wissen- Econ32:347–368 schaftlichen Beirats Verbraucher- und Verbeke W (2008) Impact of communication on Erna¨hrungspolitik beim BMELV consumers’ food choices. 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Agricultura Te´cnica 67:300–308 Reisch LA (2003) Transparenz auf Nahrungsmittel- markten: Theoretische Begru ¨ndung und 123 190 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Der Einfluss von Nachrichtentexten u ¨ber die drei verschiedene Idealtypen von Verbrauchern: ,,ver- Tierhaltung auf das soziale Vertrauen in Landwirte letzliche‘‘, ,,verantwortungsvolle‘‘ und ,,vertrauende‘‘ Verbraucher. Der ,,vertrauende‘‘ Verbraucher greift Sabine Groß und Jutta Roosen aufgrund von Zeit- und Interessensmangel auf die Informationen glaubwu ¨rdiger Institutionen zuru ¨ck, Lehrstuhl fu ¨r Marketing und Konsumforschung, TUM wohingegen der ,,verletzliche‘‘ Verbraucher eher u¨ber- School of Management, Technische Universita¨t fordert ist und der ,,verantwortungsvolle‘‘ Verbraucher Mu ¨nchen, Alte Akademie 16, 85354 Weihenstephan, sich mo ¨glichst vollsta¨ndig informiert. sabine.gross@tum.de Bezu ¨glich verschiedener Quellen zur Informations- gewinnung zeigen Untersuchungen einerseits, dass Zusammenfassung verschiedene Quellen als unterschiedlich vertrau- enswu ¨rdig wahrgenommen werden (Chryssochoidis Vertrauen kommt eine wichtige Bedeutung in wirt- et al. 2009). Zusa¨tzlich kann das Framing unterschiedli- schaftlichen Ablaufen zu. Besonders in Verbindung mit cher Quellen einen Einfluss darauf haben, dass landwirtschaftlichen Produkten ist Vertrauen no ¨tig, da Nachrichten als wahr oder falsch interpretiert werden viele Attribute nicht vom Verbraucher u¨berpru ¨ft wer- (Deppe et al. 2005). Rosati und Saba (2004) zeigen, dass den ko ¨nnen und dieser damit auf die Aussagen von bei der Bewertung der Informationsquelle im Zusam- Produzenten und Verbraucherorganisationen ange- menhang mit Lebensmittelrisiken den wiesen ist. Kritisch ist weiterhin, dass Vertrauen Verbraucherorganisationen ein ho ¨heres Vertrauen ent- asymmetrische Eigenschaften aufweist und dadurch gegen gebracht wird als Regierungen oder leichter zersto ¨rt als gebildet werden kann. In einer Produzentenorganisationen. Auch bei Gu ¨tesiegeln vari- Untersuchung mit 1600 Teilnehmern werden die iert das Vertrauen in Abha¨ngigkeit davon, ob das Siegel Dynamiken der Entstehung und Zersto ¨rung von Ver- von Regierungs- oder Nichtregierungsorganisationen trauen beleuchtet. Mittels verschiedener bzw. der Industrie vergeben wird (McKendree et al. 2013). Nachrichtentexte wird gepru ¨ft, wie verschiedene Ein hohes Vertrauen von Verbrauchern in die Hersteller Absender und Tendenzen einer Nachricht das soziale von Produkten ist gerade fu ¨r Produzenten wichtig, da Vertrauen von Verbrauchern beeinflussen ko ¨nnen. Vertrauen die Zahlungsbereitschaft steigern und den Ergebnisse zeigen, dass die Effekte negativer Nach- Einfluss von negativen Nachrichten puffern kann richten sta¨rker sind als die positiver Nachrichten. (Roosen et al. 2015). Weiterhin ist die Wirkung einer Nachricht vom Besonders die Informationen, die durch Medien Absender abha ¨ngig. Fu ¨r die gesamte Stichprobe stei- wie Internet, Fernsehen oder Rundfunk verbreitet gert eine positive Nachricht seitens der Politik das werden, ko ¨nnen von Produzenten kaum gesteuert Vertrauen und eine negative Nachricht einer Ver- werden. Daher ist es wichtig, den Einfluss von ver- braucherorganisation senkt das Vertrauen. Allgemein schiedenen Informationen auf das Vertrauen zu wirken die gezeigten Nachrichtentexte negativ auf kennen. Generell ist der Einfluss von positiven und jene Personen, die zuvor ein hohes Vertrauen besaßen. negativen Nachrichten ungleich. Negative Nachrichten oder Ereignisse bleiben la¨nger im 1 Einfu ¨hrung Gedachtnis, haben einen gro ¨ßeren Effekt und sind glaubwu ¨rdiger (Slovic 1993; Cvetkovich et al. 2002). Vertrauen kommt eine besondere Bedeutung fu¨r Vertrauen besitzt asymmetrische Eigenschaften. Es ist jene Bereiche zu, in denen wenig Wissen vorherrscht mo ¨glich, Vertrauen relativ leicht zu zersto ¨ren, jedoch (Siegrist und Cvetkovich 2000; Grabner-Kra¨uter und ist der Aufbau von Vertrauen ein langwieriger Pro- Kaluscha 2003) oder auch in riskanten Situationen zess (Slovic 1993). Daher ist es wichtig die Dynamiken (Mayer et al. 1995). Dies trifft auch fu ¨r typische Ver- der Entstehung und Zersto ¨rung von Vertrauen, trauensattribute beim Kauf von Lebensmitteln, wie gerade im Bereich der Landwirtschaft und der Produktionsweise, zu (Kenning und Wobker landwirtschaftlicher Produktionsarten, zu ergru¨n- 2012). Hier sind Verbraucher angewiesen auf Infor- den. Dieses Thema ist von besonderer Bedeutung, da mationen, die sie von Produzenten oder Ha¨ndlern, die Lebensmittelproduktion von verschiedenen aber auch Verbraucherorganisationen erhalten. Medien mit unterschiedlichen Tendenzen diskutiert Vertrauen wird auch verwendet, um eine Verbrau- wird. Hier trifft der Gegensatz aufeinander, dass chertypologie zu erstellen. Entsprechend ihrem Studien einerseits von einem hohen Vertrauen in den Risikoempfinden und der Art und Weise ihrer Infor- Beruf des Landwirts berichten (Bu ¨rkl et al. 2014). mationsgewinnung unterscheiden Micklitz u. a. (2010) Andererseits fehlt fu ¨r viele Landwirte jedoch die 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 191 wahrgenommene gesellschaftliche Akzeptanz ihres bei skeptischen Personen auswirken (Poortinga und Tuns. Pidgeon 2004). Obwohl Vertrauen Gegenstand vieler Forschungs- bereiche ist, fehlt es an einer allgemeingu ¨ltigen 2 Material und Methoden Definition. Ha¨ufig wird die Definition von Rousseau et al. (1998) vorgebracht, dass beim Vertrauen die Im Herbst 2016 wurde eine Online-Umfrage mit 1600 eigene Verwundbarkeit in Kauf genommen wird und Teilnehmern durchgefu ¨hrt um Aufschluss zur Dyna- gleichzeitig beim Gegenu ¨ber positive Absichten mik der Entstehung und Zersto ¨rung von Vertrauen unterstellt werden. Es wird in der Literatur zwischen zu erhalten. Die Stichprobe war fu ¨r die in Deutsch- personellen und institutionellen Vertrauen unter- land lebende Bevo ¨lkerung bezu ¨glich der Merkmale schieden, um zu beschreiben, ob es sich bei dem zu Alter, Geschlecht, Bildung, Einkommen und Bescha¨f- Vertrauenden um eine Person oder eine Institution tigungsstatus repra¨sentativ. Der Fragebogen bestand handelt (Poortinga und Pidgeon 2003; Rampl et al. aus 2 Teilen. Zuna¨chst wurde das Konstrukt ,,soziales 2012). Hier wird das Konstrukt des ,,sozialen Ver- Vertrauen‘‘ nach Earle und Cvetkovich (1995) trauens‘‘ verwendet, das nach Earle und Cvetkovich gemessen. Hierfu ¨r gaben die Befragten den Grad (1995) beschreibt, dass die Verantwortung fu ¨r eine ihrer Zustimmung zu 4 Aussagen u ¨ber Landwirte bestimmte Aufgabe weitergegeben wird. Earle und und Nutztierhaltung auf einer Skala von 1 (Stimme Cvetkovich (1999) geben an, dass es sich beim sozia- ganz und gar nicht zu) bis 6 (Stimme voll und ganz len Vertrauen im Bereich der Risikokommunikation zu) an. Eine explorative Hauptkomponenten Faktor- um nicht-personelles Vertrauen handelt, bei dem analyse besta¨tigte das Konstrukt ,,soziales Vertrauen‘‘ man die zu vertrauende Person oder Institution nicht mit 3 Aussagen und einem Cronbach’s a von 0,875. kennt. In der vorliegenden Studie soll daher der Im zweiten Schritt wurden die Teilnehmer zufa¨llig Einfluss von verschiedenen Nachrichten auf das Ver- einem von 4 Informationsszenarien zugeordnet. trauen in Landwirte untersucht werden. Hierzu Diese Szenarien beinhalten einen Nachrichtentext wurde eine Online-Befragung mit 1600 Teilnehmern von verschiedenen Absendern (Regierung oder Ver- durchgefu ¨hrt. Die Teilnehmer wurden einem von braucherverband) und Tendenzen (positiv oder vier Informationsszenarien zufallig zugeordnet und negativ) und sind der Tabelle 1 zu entnehmen. Die ihr soziales Vertrauen in Landwirte vor und nach der Texte wurden fu ¨r die Befragung auf Basis von Zei- Lektu ¨re eines Nachrichtentextes gemessen. Die Ana- tungsartikeln, Pressemitteilungen und Webseiten lyse wurde fu ¨r die Teilstichproben getrennt nach konzipiert. Die Kategorisierung von Absendern und ¨ Tendenzen wurde den Befragten nicht explizit Geschlechtern (mannlich und weiblich) und urspru ¨ng- lichem Vertrauensgrad (hohes und niedriges genannt. Die Tendenzen und Absender wurden vorab Vertrauen bei der ersten Messung) durchgefu¨hrt. In in einer Vorstudie mit 60 Teilnehmern u ¨berpru¨ft, verschiedenen Studien hat sich gezeigt, dass Frauen wobei sich die Identifikation der Absender fu ¨r die weniger Vertrauen als Ma¨nner haben (z.B. Alesina Probanden teilweise als schwierig gestaltete. und La Ferrara 2002) und sich Nachrichten sta¨rker 123 192 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Tab. 1 Ubersicht der Nachrichtentexte Politik positiv Verbraucherorganisation positiv Deutschland als Vorreiter in Sachen Tierschutz Vorstand der Verbraucherzentrale betont Fortschritte in der Tierhaltung Deutschland nimmt beim Tierschutz europaweit eine Fu ¨hrungsrolle ein. Die in der deutschen Landwirtschaft Moderne Landwirtschaft, Tierhaltung in großen Besta ¨nden und eingesetzten, modernen Techniken der Tierhaltung ermo ¨glichen industrielle Verarbeitung von Tieren ist ,,nichts an sich Schlechtes‘‘. es, Nutztiere so artgerecht wie noch nie zu halten. So fo ¨rdern Das betonte der Vorstand des Verbraucherzentrale beispielsweise ideal abgestimmte Futterrationen und helle Bundesverbandes (vzbv) vergangene Woche am Rande des Laufsta ¨lle das Tierwohl. Auch die Haltungsformen haben sich in Verbraucherpolitischen Forums seines Verbandes in Berlin. Die den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt und verbessert. Landwirtschaft in Deutschland sei ,,Gott sei Dank nicht mehr auf Bereits 86 % aller Legehennen in Deutschland leben in Boden-, dem Stand von 1800‘‘. Den Nutztieren gehe es heute wesentlich Freiland- und Oko-Haltung. In anderen EU-La ¨ndern stammen noch besser als fru ¨her. Der Vorstand pla ¨dierte dafu ¨r, in der deutlich mehr Legehennen aus ausgestalteter Ka ¨fighaltung Kommunikation gegenu ¨ber den Verbrauchern ein realistisches Bild der heutigen Landwirtschaft zu vermitteln. Es sei fu ¨r den Die Bundesregierung will auch in Zukunft Vorreiter in Sachen Verbraucher irrefu ¨hrend, wenn vor allem bei der Tierhaltung ein Tierschutz bleiben und arbeitet gemeinsam mit der ,,u ¨berholtes Bild der Landwirtschaft, dass es heute nicht mehr Landwirtschaft an neuen Wegen zur weiteren Verbesserung der gibt‘‘, gezeichnet werde. Das gelte es zu vermeiden, betonte der Tierhaltung Verbraucherschu ¨tzer Politik negativ Verbraucherorganisation negativ Die Haltung zum Tierschutz muss sich ¨ andern Der Mythos der artgerechten Tierhaltung Christian Schmidt, Bundesminister fu ¨r Erna ¨hrung und Die Fleischbranche wirbt zunehmend mit ,,artgerechter‘‘ Landwirtschaft, mo ¨chte, dass es den Tieren am Ende seiner Tierhaltung – doch was bedeutet das tatsa ¨chlich fu ¨r das Wohl der Legislaturperiode besser geht als heute. Seit 2002 steht der Tiere? Alternative Tierhaltungsformen, wie z.B. Freiland oder Bio Tierschutz als Staatsziel im Grundgesetz. ,,Es wird Zeit, dass wir ein bei Legehennen, scheinen zwar auf den ersten Blick artgerechter gemeinsames Versta ¨ndnis vereinbaren, was dies beispielsweise fu¨r zu sein, garantieren jedoch nicht, dass es den Tieren tatsa ¨chlich die Nutztierhaltung konkret bedeutet’’, sagt Schmidt. Er mo ¨chte besser ergeht. Bei der Haltung von landwirtschaftlichen den Tierschutz weiter sta ¨rken, sowie gesetzgeberisch handeln, wo Nutztieren sind Verhaltenssto ¨rungen, Krankheiten und Schmerzen es notwendig ist. Dabei darf es nicht bei scho ¨nen Worten bleiben, an der Tagesordnung. Schweine knabbern sich gegenseitig aus wie es bisher leider oft der Fall ist. Die Politik will bewertbare und Stress die Schwa ¨nze ab, Ku ¨hen wird Milch aus kranken Eutern klare Indikatoren entwickeln, die Ziele fu ¨r die Landwirtschaft abgepumpt und in Geflu ¨gelsta ¨llen ist Kannibalismus ,,normal‘‘. vorgeben und auch den Erfolg der freiwilligen Initiativen messbar Mangelhafte Tierbetreuung und schlechtes Management machen verursachen eine Vielzahl von vermeidbaren Erkrankungen und Todesfa ¨llen bei den Tieren – das gilt fu ¨r alle Haltungsverfahren, ob ‘‘Jeder muss an seinem Platz Verantwortung u ¨bernehmen – der bio oder konventionell Staat durch Rahmenbedingungen, die das Wohlbefinden von Tieren fo ¨rdern, die Landwirte, die es in die Tat umsetzen, und wir Deshalb fordern wir gesetzliche Zielvorgaben fu ¨r die als Verbraucher, die an der Ladentheke mitentscheiden’’, so Tiergesundheit: An die Bedu ¨rfnisse der Tiere angepasste Schmidt Haltungsverfahren mu ¨ssen zum allgemeinen gesetzlichen Standard werden. Alle Kontrollergebnisse zu Haltungsbedingungen und Gesundheitsdaten mu ¨ssen vero ¨ffentlicht werden. Versto¨ße mu ¨ssen konsequent geahndet werden Anschließend wurde erneut das Vertrauen jeweils einer einfaktoriellen Varianzanalyse fu¨r Man- gemessen, indem die Befragten ihre Zustimmung zu ner und Frauen wird der Einfluss der Nachrichten- den bereits im ersten Schritt 4 verwendeten Aussa- texte auf das Vertrauen u ¨berpru ¨ft. Fu ¨r die gen u ¨ber Landwirte und Nutztierhaltung angaben. Gruppeneinteilung nach dem urspru ¨nglichen Ver- Zuna¨chst werden die deskriptiven Statistiken fu ¨r die trauensgrad wird die Stichprobe am Mittelpunkt der gesamte Stichprobe angegeben. Nach einem globa- Skala geteilt, sodass eine Gruppe ,,niedriges Ver- len Vergleich der Effekte der Nachrichtentexte trauen‘‘ fu¨r Werte \ 3 der ersten Abfrage des mittels Mittelwertsvergleich wird im na¨chsten Schritt sozialen Vertrauens und eine Gruppe ,,hohes Ver- die Stichprobe nach Geschlecht aufgespalten. Mittels trauen‘‘ fu ¨r Werte C 3 entsteht. 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 193 Tab. 2 Deskriptive Statistik der Gesamtstichprobe 3 Ergebnisse Variable Definition Mittel- Standard- wert abweichung 3.1 Deskriptive Statistiken Geschlecht 1 = weiblich, 0 = ma ¨nnlich 0,506 0,500 Die Ergebnisse der deskriptiven Analyse sind in Alter 48,658 15,610 Tabelle 2 dargestellt und geben neben dem Mittel- Bildung In 6 Kategorien wert auch die Standardabweichung an. Die (Noch) kein Schulabschluss 1,6% Stichprobe war repra¨sentativ fu ¨r die deutsche Be- Hauptschulabschluss 31,7% (Volksschulabschluss) vo ¨lkerung und weist anna¨hernd eine Gleichvertei- Abschluss der polytechnischen 7,2% lung der Geschlechter auf. Im Durchschnitt waren Oberschule die Befragten 48,7 Jahre alt. Mindestens eine fach- Realschulabschluss, 27,3% gebundene Hochschulreife besaßen 32,1 % der Handelsschule (Mittlere Reife) Befragten. Die Haushaltsgro ¨ße betrug 2,3 Personen Fachabitur, Abitur (Allgemeine 15,2% oder fachgebundene und das monatliche Netto-Haushaltseinkommen lag Hochschulreife) bei der Mehrheit der Teilnehmer (52,1 %) u ¨ber 2.000 Fachhochschulabschluss, 16,9% Euro. Die Einteilung der Stichprobe entsprechend Hochschulabschluss ihres urspru ¨nglichen Vertrauens ergibt, dass etwa Haushaltsgro ¨ße Personen im Haushalt 2,230 1,097 24 % der Befragten ein niedriges soziales Vertrauen Einkommen Gemessen als monatliches Haushalts- Nettoeinkommen zu Beginn der Befragung aufweisen. Unter 500 Euro 2,1% 500 bis 899 Euro 7,1% 3.2 Globale Effekte der Nachrichtentexte 900 bis 1.299 Euro 13% 1.300 bis 1.499 Euro 8,9% Zunachst wird der Gesamteffekt der 4 Nachrichten- 1.500 bis 1.699 Euro 7,2% texte untersucht. Die Ergebnisse des 1.700 bis 1.999 Euro 9,6% Mittelwertsvergleichs sind der Tabelle 3 zu entneh- 2.000 bis 2.599 Euro 16,4% men. Nur die positive Nachricht der Politik und die 2.600 bis 3.199 Euro 12,3% negative Nachricht einer Verbraucherorganisation 3.200 bis 4.499 Euro 14,8% konnten signifikante Ergebnisse im Mittelwertsver- 4.500 bis 5.999 Euro 6,1% gleich erzielen und sind entsprechend der Erwartung Mehr als 6.000 Euro 2,5% vertrauenssteigernd bzw. vertrauenssenkend. Der Vertrauen M¨nne a r vor dem Erhalt einer 3,581 1,104 Nachricht Effekt der negativen Nachricht der Verbraucheror- Frauen vor dem Erhalt einer Nachricht 3,457 1,178 ganisation war dabei gro ¨ßer als jener der positiven Ma ¨nner nach dem Erhalt einer 3,561 1,090 Nachricht seitens der Politik (-0,32 gegenu ¨ber Nachricht ?0,21). Der nachste Schritt stellt die Wirkung der Frauen nach dem Erhalt einer 3,439 1,218 Nachrichtentexte nach Geschlecht und urspru¨ng- Nachricht lichem Vertrauen dar. Niedriges 1 = wenn Wert des Konstrukts 0,244 ,,soziales urspru ¨ngliches Vertrauen‘‘ vor der Nachricht kleiner Tab. 3 Mittelwertsvergleich der Vertrauensa¨nderung nach Vertrauen als 3 ist, 0 = wenn nicht Nachrichtentexten Politik Verbraucherorganisation Positiv Negativ Positiv Negativ Vera ¨nderung ? 0,21*** - 0,04 ? 0,05 - 0,32*** Vertrauen *, **, *** geben die Ergebnisse eines t-Tests mit einem Signifi- kanzlevel von 0,05, 0,01, 0,001 an 123 194 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 3.3 Effekte der Nachrichtentexte nach Geschlecht und Frauen reagieren a¨hnlich auf die Lektu ¨re eines urspru ¨nglichem Vertrauen Nachrichtentextes wie Ma¨nner. Grundsa¨tzlich wir- ken Nachrichten auf Frauen mit urspru ¨nglich Die Ergebnisse der einfaktoriellen Varianzanalyse sind in niedrigem Vertrauen vertrauenssteigernd. Hiervon Tabelle 4 fu ¨r die Teilstichprobe Ma¨nner und in Tabelle 5 ist jedoch die negative Nachricht einer Verbrau- fu ¨r Frauen dargestellt. Es wurde jeweils zwischen den 4 cherorganisation ausgenommen, die ebenfalls bei verschiedenen Nachrichtentexten unterschieden und Frauen mit urspru ¨nglich niedrigem Vertrauen das jeweils nach urspru ¨nglich hohem und niedrigen Ver- Vertrauen senkt (- 0,175). Die sta¨rkste Vera¨nderung trauen. Es zeigt sich dabei, dass die individuellen bei Frauen mit urspru ¨nglich niedrigem Vertrauen Vera¨nderungen innerhalb einer Gruppe nicht signifi- erzielte die positive Nachricht seitens der Politik kant sind, jedoch zwischen den Gruppen signifikante (? 0,594). Nachrichtentexte fu ¨hren bei Frauen mit Unterschiede bestehen. Der F-Test auf unterschiedliche urspru ¨nglich hohen Vertrauen zu einer Senkung des Mittelwerte zwischen den Gruppen ist sowohl fu ¨r die Vertrauens. Hier bildet die positive Nachricht seitens Teilstichprobe der Manner mit F(7, 782) = 12,71, wie auch der Politik die Ausnahme, die auch fu ¨r Frauen mit fu ¨r die der Frauen mit F(7, 802) = 20,80 hochsignifikant urspru ¨nglich hohem Vertrauen dieses erho¨ht (p\ 0,001). ¨ (? 0,304). Die gro ¨ßte Veranderung bewirkte bei Die Lektu ¨re eines Nachrichtentextes fu ¨hrt bei Frauen mit urspru ¨nglich hohem Vertrauen die Ma¨nnern mit urspru ¨nglich niedrigem Vertrauen negative Nachricht der Verbraucherorganisation grundsa¨tzlich zu einer Vertrauenssteigerung. Den (- 0,553). Insgesamt senken die Nachrichtentexte gro ¨ßten Effekt erzielt dabei die positive Nachricht einer das Vertrauen von Frauen. Der Bonferroni Post-Hoc Verbraucherorganisation (? 0,340). Dahingegen sen- Test zeigte fu ¨r die negative Nachricht der Politik ken alle Nachrichtentexte das Vertrauen von Ma¨nnern, (p \ 0,01) und die positive Nachricht der Verbrau- wenn sie urspru ¨nglich ein hohes Vertrauen besaßen. cherorganisation (p\ 0,01) signifikante Hier ist die sta¨rkste Vera¨nderung bei der negativen Unterschiede zwischen den Frauen mit urspru ¨nglich Nachricht einer Verbraucherorganisation (- 0,333) zu niedrigem und hohem Vertrauen. sehen. Insgesamt fu ¨hren die Nachrichtentexte bei Ma¨n- nern zu einer Vertrauenssenkung. Mittels einem Bonferroni Post-Hoc Test wurden die Unterschiede zwi- Tab. 5 Mittelwert der Vertrauenseffekte der Informationsszenarien fu¨r schen den Personen mit urspru ¨nglich niedrigen und Frauen, aufgeschlu ¨sselt nach urspru ¨nglichem Vertrauen, Standard- hohen Vertrauen u ¨berpru ¨ft. Mit Ausnahme der negati- abweichung in Klammern ven Nachricht der Politik (p = 0,053) sind alle Politik positiv Niedriges Vertrauen ? 0,594 Unterschiede in der Wirkung der Nachrichtentexte sta- (1,076) tistisch signifikant (p\ 0,01). Hohes Vertrauen ? 0,304 Tab. 4 Mittelwert der Vertrauenseffekte der Informationsszenarien fu¨r (0,697) Ma¨nner, aufgeschlu ¨sselt nach urspru ¨nglichem Vertrauen, Standardab- Politik negativ** Niedriges Vertrauen ? 0,326 weichung in Klammern (0,756) Politik positiv** Niedriges Vertrauen ? 0,340 Hohes Vertrauen - 0,169 (0,766) (0,707) Hohes Vertrauen - 0,074 (0,631) Verbraucherorganisation positiv** Niedriges Vertrauen ? 0,365 Politik negativ Niedriges Vertrauen ? 0,299 (0,699) (0,625) Hohes Vertrauen - 0,112 Hohes Vertrauen - 0,090 (0,816) (0,652) Verbraucherorganisation negativ Niedriges Vertrauen - 0,175 Verbraucherorganisation positiv*** Niedriges Vertrauen ? 0,496 (0,732) (0,741) Hohes Vertrauen - 0,016 Hohes Vertrauen - 0,553 (0,641) (0,939) Verbraucherorganisation negativ*** Niedriges Vertrauen ? 0,317 Anzahl 810 (0,915) Gesamt - 0,018 Hohes Vertrauen - 0,333 (0,872) (0,778) Anzahl 790 ***, **, * geben ein Signifikanzlevel von 0,05, 0,01 und 0,001 an mit einem Post- Hoc Bonferroni Test Gesamt - 0,021 (0,735) ***, **, * geben ein Signifikanzlevel von 0,05, 0,01 und 0,001 an mit einem Post- Hoc Bonferroni Test 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 195 Grundsa¨tzlich haben Frauen sta¨rker auf die managers. Risk Anal 22:359–367. https://doi.org/10. Lektu ¨re eines Nachrichtentextes reagiert mit Aus- 1111/0272-4332.00030 nahme der Frauen mit niedrigem urspru¨ng- Deppe M, Schwindt W, Kra¨mer J, et al. (2005) Evi- lichem Vertrauen, die eine Nachricht einer Verbrau- dence for a neural correlate of a framing effect: cherorganisation erhalten haben. bias-specific activity in the ventromedial prefron- tal cortex during credibility judgments. Brain Res 4 Diskussion der Ergebnisse und Fazit Bull 67:413–421. https://doi.org/10.1016/j. brainresbull.2005.06.017 Unser Experiment bestatigt, dass negative Nachrich- Earle TC, Cvetkovich G (1999) Social trust and culture ten einen gro ¨ßeren Einfluss auf das Vertrauen von in risk managment. In: Social Trust and the Verbrauchen haben als positive Nachrichten. Weiter- Management of Risk hin rufen generell die positive Nachricht der Politik Earle TC, Cvetkovich GT (1995) Social trust: toward a und die negative Nachricht einer Verbraucherorga- cosmopolitan society, 1. publ. Praeger, Westport nisation signifikante Vertrauensa¨nderungen hervor. Grabner-Kra¨uter S, Kaluscha EA (2003) Empirical Es la¨sst vermuten, dass die beiden anderen Informa- research in on-line trust: a review and critical tionsszenarien nicht zu signifikanten Anderungen assessment. Int J Hum Comput Stud 58:783–812. gefu ¨hrt haben, da es sich um eine nicht-kongruente https://doi.org/10.1016/S1071-5819(03)00043-0 Verbindung fu ¨r Verbraucher von Adressat und Ten- Kenning P, Wobker MAI (2012) Affektive und kogni- denz einer Nachricht gehandelt hat. Eine tive Verhaltensstrategien zur Uberwindung von multivariate Auswertung der Nachrichtentexte unter Informationsasymmetrien im Konsumgu ¨terhandel Einbezug der wahrgenommenen Absender ko ¨nnte - Eine empirische Analyse mit kartellrechtlichen hier weiter Aufschluss geben. Implikationen. Betriebswirtschaftliche Forsch und Weiterhin konnten wir zeigen, dass Frauen sta¨rker Prax 64:626–642 auf das Gelesene reagiert haben als Ma¨nner. Eine Mayer RC, Davis JH, Schoorman FD (1995) An inte- Panelregression ko ¨nnte weiteren Aufschluss u ¨ber den grative model of organizational trust. Acad Einfluss von soziodemografischen Angaben und Manage Rev 20:709–734 Heterogenitat liefern. McKendree M, Wydmar N, Ortega D, Foster K (2013) Consumer preferences fo verified pork practices in the production of ham products. J Agric Resour Literatur Econ 38:397–417 Micklitz H-W, Oehler A, Piorkowsky M-B, et al. (2010) Alesina AF, La Ferrara E (2002) Who trusts others? Der vertrauende, der verletzliche oder der ver- J Public Econ 85:207–234. https://doi.org/10.1016/ antwortungsvolle Verbraucher? Pla¨doyer fu ¨r eine S0047-2727(01)00084-6 differenzierte Strategie in der Verbraucherpolitik Bu ¨rkl R, Frank R, Mu ¨ller B (2014) Trust in Professions Poortinga W, Pidgeon NF (2003) Exploring the 2014. GfK Verein 1–70 dimensionality of trust in risk regulation. Risk Anal Chryssochoidis G, Strada A, Krystallis A (2009) Public 23:961–972. https://doi.org/10.1111/1539-6924.00373 trust in institutions and information sources Poortinga W, Pidgeon NF (2004) Trust, the asymmetry regarding risk management and communication: principle, and the role of prior beliefs. Risk Anal towards integrating extant knowledge. J Risk Res 24:1475–1486. https://doi.org/10.1111/j.0272-4332. 12:137–185. https://doi.org/10.1080/ 2004.00543.x 13669870802637000 Rampl LV, Eberhardt T, Schu ¨tte R, Kenning P (2012) Cvetkovich G, Siegrist M, Murray R, Tragesser S (2002) Consumer trust in food retailers: conceptual fra- New information and social trust: asymmetry and mework and empirical evidence. Int J Retail Distrib perseverance of attributions about hazard 123 196 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Manag 40:254–272. https://doi.org/10.1108/ Rousseau DM, Sitkin SB, Burt RS, Camerer C (1998) 09590551211211765 Not so different after all: a cross-discipline view of Roosen J, Bieberstein A, Blanchemanche S, et al (2015) trust. Acad Manag Rev 23:393–404. https://doi.org/ Trust and willingness to pay for nanotechnology 10.5465/AMR.1998.926617 food. Food Policy 52:75–83. https://doi.org/10.1016/j. Siegrist M, Cvetkovich G (2000) Perception of hazards: foodpol.2014.12.004 the role of social trust and knowledge. Risk Anal Rosati S, Saba A (2004) The perception of risks asso- 20:713–720. https://doi.org/10.1111/0272-4332.205064 ciated with food-related hazards and the perceived Slovic P (1993) Perceived risk, trust, and democracy. reliability of sources of information. Int J Food Sci Risk Anal 13:675–682. https://doi.org/10.1111/j.1539- Technol 39:491–500. https://doi.org/10.1111/j.1365- 6924.1993.tb01329.x 2621.2004.00808.x 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 197 Weiterentwicklung landwirtschaftlicher analysieren. Damit soll eine Einscha¨tzung aus der Nutztierhaltungsverfahren fu ¨r mehr Tierwohl aus Landwirtschaft zu zukunftsfa¨higen Konzepten mit Sicht von Tierhaltern – Ergebnisse aus moderierten mehr Tierwohl fu ¨r die Rinder-, Schweine- und Gruppendiskussionen Geflu ¨gelhaltung gewonnen werden. Konkret soll untersucht werden, welche Maßnahmen Landwirte 1 1 Christiane Wildraut und Marcus Mergenthaler einzelbetrieblich und fu ¨r die Branche sehen und welche Hemmnisse die Konzeptentwicklung und die Fachhochschule Su ¨dwestfalen, Fachbereich Agrar- Umsetzung neuer Haltungsverfahren mo ¨glicher- wirtschaft, Soest weise beeintrachtigen. Aus den Ergebnissen sollen wildraut.christiane@fh-swf.de erste Empfehlungen fu ¨r Beratung und Politik abge- leitet werden, gesellschaftlich akzeptierte und von 1 Einleitung Tierhaltern befu ¨rwortete Verfahren der Tierhaltung zu unterstu ¨tzen. Die Perspektive von Landwirten auf Tierwohl und Tiergerechtheit ist seit einigen Jahren Gegenstand 2 Daten und Methode zahlreicher Untersuchungen (z.B. Spooner et al. 2014; Van Huik & Bock 2007). Angestoßen durch gesell- Von September bis Dezember 2016 wurden in ver- schaftlich vera¨nderte Einstellungen gegenu ¨ber der schiedenen Schwerpunktregionen der Tierhaltung Nutztierhaltung (WBA 2015) werden branchenintern insgesamt 6 Gruppendiskussionen mit Tierhal- zunehmend intensive Diskussionen zur Weiter- tern (Rind, Schwein und Geflu ¨gel) zur entwicklung von Tierhaltungsverfahren gefu ¨hrt. Die Weiterentwicklung landwirtschaftlicher Tierhal- Verbesserung des Tierwohls besitzt fu ¨r Landwirte in tungsverfahren durchgefu ¨hrt. Die Auswahl der Deutschland dabei inzwischen einen hohen Stellen- Standorte erfolgte unter Beru ¨cksichtigung der Vieh- wert (Zapf et al. 2015). Sie messen Tierwohl dichten fu ¨r die drei Tiergruppen in verschiedenen vornehmlich u ¨ber Gesundheits- und Leistungspara- Regionen Nord-, Su ¨d-, Ost- und Westdeutschlands meter (Heise & Theuvsen 2015) und bewerten aktuelle (bezogen auf Statistische Amter des Bundes und der Verfahren der Tierhaltung als positiver gegenu ¨ber Lander 2011). Die Diskussionen zur Schweinehaltung fru ¨heren Verfahren, auch mit Blick auf das Tierwohl fanden in Nordrhein-Westfalen und in Mecklenburg- (Te Velde et al. 2002; Vanhonacker et al. 2008). Vorpommern, zur Milchviehhaltung in Schleswig- Gesellschaftliche und brancheninterne Diskussionen Holstein und Bayern und zur Geflu ¨gelhaltung in zur Weiterentwicklung von Tierhaltungsverfahren Niedersachsen und in Sachsen-Anhalt statt (Tab. 1). im Hinblick auf mehr Tierwohl werden derzeit Die Rekrutierung der Landwirte erfolgte u ¨ber die weitgehend nebeneinander gefu ¨hrt (WBA 2015). Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft (DLG), u ¨ber Besonders innerhalb der konventionellen Landwirt- Arbeitskreise, Verba¨nde und Beratungsorganisatio- schaft fu ¨hrt die gesellschaftliche Kritik in Bezug auf nen sowie u ¨ber die Landwirtschaftskammern bzw. die Nutztierhaltung zu Befu ¨rchtungen, die soziale -a¨mter. Bei der Quotierung wurde darauf geachtet, Akzeptanz und damit die ‘‘Licence to produce’’ zu verschiedene Produktionsstufen und Haltungssys- verlieren (Busch et al. 2013; Te Velde et al. 2002). Von teme sowie beim Geflu ¨gel verschiedene Tierarten gesellschaftlicher Kritik sind Landwirte perso ¨nlich einzubeziehen. Eine weitere Vorgabe bestand darin, betroffen, da sie diejenigen sind, die unmittelbar dass an jeder Diskussionsrunde mindestens eine Frau Einfluss auf die Haltungsbedingungen und damit auf teilnehmen sollte, was bei 5 der 6 Diskussionsrunden die Gestaltung der Lebensumwelt der Tiere nehmen erreicht werden konnte. Insgesamt haben sich jeweils (Waiblinger 1996). Durch Investitionsentscheidungen zwischen 5 und 8 Landwirten an den Diskussionen in technische und bauliche Haltungssysteme beteiligt. bestimmen sie langfristig die Weiterentwicklung der Nutztierhaltung. Ziel des vorliegenden Beitrags ist es, die Einstel- lungen von Tierhaltern zur Weiterentwicklung der Nutztierhaltung in Deutschland zu erfassen und zu 123 198 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Tab. 1 Teilnehmer und einbezogene Produktionsstufen in den Gruppendiskussionen Diskussion Region Teilnehmer Betriebe Anzahl gesamt darunter Frauen Tierart Produktionsstufe GD_S 1 Nordrhein-Westfalen 8 2 Schwein Sauenhaltung, Ferkelaufzucht, GD_S 2 Mecklenburg-Vorpommern 7 1 Schweinemast, geschlossenes System GD_R 1 Schleswig-Holstein 5 2 Rind Milchviehhaltung, Jungviehaufzucht GD_R 2 Bayern 6 1 GD_G 1 Niedersachsen 8 1 Huhn Elterntierhaltung, GD_G 2 Sachsen-Anhalt 5 - Pute Junghennenaufzucht, Legehennenhaltung, Ha ¨hnchen-, Puten- und Entenmast Ente Inhaltlich orientierten sich die moderierten Dis- Medikamente. Das zeigt mir eigentlich, dass die Tiere kussionen an 6 aus der Literatur und eigenen gesund sind und sich wohlfu ¨hlen.‘‘ Vorarbeiten abgeleiteten Aspekten der Nutztierhal- Die Landwirte betonen das hohe Niveau aktueller tung, auf welche die Tierhalter direkt Einfluss Haltungsverfahren fu ¨r Nutztiere in Deutschland. Das nehmen ko ¨nnen: gilt in ihren Augen fu ¨r alle betrachteten Tierarten. Als Referenz werden vergangene Tierhaltungsver- 1. Stallbau fahren oder solche aus anderen La¨ndern 2. Ausgestaltung und Angebote herangezogen. Die Teilnehmer sehen die bisherigen 3. Unversehrtheit und Eingriffe Entwicklungen im Bereich der Tierhaltung in erster 4. Tiergesundheit Linie als Anpassungsstrategie an wirtschaftliche 5. Tierbetreuung Rahmenbedingungen: GD_S 1 ,,Im Grunde sind wir 6. Management dazu gezwungen worden, wenn wir weiter machen Jedes Thema wurde mit einem vorgegebenen Zeit- wollen, die Tierhaltung in diese Richtung zu entwi- fenster von maximal 15 Minuten diskutiert. Die ckeln in der Vergangenheit. Weil die Gruppendiskussionen wurden jeweils von 2 Personen Wirtschaftlichkeit sonst nicht gegeben ist.‘‘ Dass moderiert und als Audioaufnahme aufgezeichnet. diese Entwicklungen gleichzeitig zu einem Mehr an Anschließend erfolgte eine vollsta ¨ndige Transkription Tierwohl gefu ¨hrt haben, wird von den Landwirten als und der Import der Dokumente als gemeinsames Pro- positiver Nebeneffekt gewertet. jekt in das Analyseprogramm MAXQDA. Uber ein Zur Weiterentwicklung der Tierhaltungsverfahren kombiniert induktiv-deduktiv entwickeltes Kategori- außern sich die Landwirte nur vorsichtig. Maßnah- ensystem mit Codes und Subcodes wurden einzelne men zur Verbesserung des Tierwohls werden Textstellen markiert und die Texte damit fu ¨r die weitere meistens in Bezug gesetzt zu wirtschaftlichen und dokumentenu ¨bergreifende qualitativ-inhaltsanalyti- politischen Rahmenbedingungen. Außerdem werden sche Auswertung strukturiert (angelehnt an Mayring betriebliche und perso ¨nliche Hemmnisse deutlich, 2002). sich mit Fragen der Weiterentwicklung auseinan- derzusetzen. Uberwiegend zeigt sich der Wunsch 3 Ergebnisse nach Beibehaltung der aktuellen Verfahren: GD_S 1 ,,Wenn ich ein solches Problem damit ha¨tte, die Tiere Die Ergebnisse der Gruppendiskussionen verdeutli- zu halten, wie wir sie halten, dann wu ¨rde ich etwas chen, dass Landwirte Tierwohl in erster Linie an vera¨ndern. Es geht hier nicht nur um die Wirt- Gesundheitsmerkmalen und biologischen Leistungen schaftlichkeit. Es ist ja auch ein Beruf, den man gerne festmachen: GD_G 1 ,,Also fu ¨r mich das gro ¨ßte Tier- ausu ¨bt. Und das kann man nur, wenn man mit der wohl ist, wenn die Tiere eine gute Futterverwertung Haltungsform, die man ausu ¨bt, zurechtkommt. Und haben und eine gute Leistung haben und wenig wenn wir auf dem Betrieb Dinge sehen, die nicht in Ordnung sind, dann vera¨ndern wir sie.‘‘ Gleichwohl Hierbei handelt es sich um Originalwortlaute aus den Gruppendiskussionen. 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 199 sehen und benennen die Landwirte zu allen ange- entgegenzuwirken: GD_R 2 ,,Oft ist der Betrieb aber sprochenen Themen der Tierhaltung Mo ¨glichkeiten auch ein bisschen blind, und man muss den etwas fu ¨r mehr Tierwohl, die teilweise tierartenspezifisch anstupsen.‘‘ gelten und unterschiedliche Relevanz fu ¨r Tierarten oder Produktionsstufen haben. 3.2 Ausgestaltung und Angebote 3.1 Stallbau Die Ausgestaltung der Haltungsverfahren und die Angebote fu ¨r die Tiere bieten den Landwirten deut- Die Tierhalter sehen verschiedene Ansatzpunkte fu¨r lich mehr und u ¨berdies kurzfristige Mo ¨glichkeiten, mehr Tierwohl beim Stallbau bzw. bei der generellen mehr Tierwohl in den Betrieben umzusetzen: GD_S 1 Wahl des Haltungsverfahrens. Dabei machen sie ,,Da innen drin kann man kurzfristiger auch etwas deutlich, dass diese grundsa¨tzlichen Entscheidungen machen.‘‘ Angesprochen werden Verbesserungen im fu ¨r die Haltung langfristig angelegt sind: GD_S 1 Stallklima, die an die Bedu ¨rfnisse der Tiere angepasst ,,Wenn der Stall einmal steht, muss der mindestens sind, wie z.B. Ku ¨hlung oder Beschattung im Stall bei 20–30 Jahre so stehen.‘‘ Sie sprechen sich dafu ¨r aus, extremeren Witterungslagen. Die Belegdichten in dass die Wahl des Haltungsverfahrens den den Stallen werden kontrovers diskutiert. Obwohl ein Bedu ¨rfnissen der Tiere angepasst sein sollte, dazu gro ¨ßeres Platzangebot als fo ¨rderlich fu ¨r das Wohl- zahlen z.B. optimale Licht- und Luftbedingungen befinden der Tiere angesehen wird, wird darin oder Wahlmo ¨glichkeiten verschiedener Aufenthalts- oftmals kein Zusammenhang mit einem verbesserten bereiche fu ¨r die Tiere. Gesundheitsstatus der Tiere wahrgenommen: GD_G 2 Mehrheitlich wird von den Tierhaltern die Stall- ,,Dadurch haben wir schon reduzierte Tierplatzzah- haltung gegenu ¨ber der Freiland- oder len im Stall und ich kann eigentlich nicht sagen, dass Auslaufhaltung bevorzugt. Das gilt insbesondere in das besser la¨uft als in anderen Sta¨llen. Da sehe ich der Geflu ¨gel- und in der Schweinehaltung, wo die u ¨berhaupt keinen Zusammenhang.‘‘ Stallhaltung gesundheitliche und seuchenhygieni- Als wichtig und zukunftsfa¨hig mit Blick auf mehr sche Vorteile bietet. Zudem gehen sie davon aus, dass Tierwohl werden das Angebot und die Gestaltung in der Stallhaltung weniger Medikamente eingesetzt verschiedener Funktionsbereiche angesehen. Ver- werden als in der Freilandhaltung. In der Geflu ¨gel- besserungsbedarf wird beispielsweise fu ¨r die haltung wird der Wintergarten fu ¨r bestimmte Sauenhaltung gesehen: GD_S 2 ,,Alternativen zum Regionen als praktikable Alternative fu ¨r mehr Tier- Kastenstand fu ¨r die Sauen wa¨ren wu ¨nschenswert, wohl eingeschatzt: GD_G 1 ,,Deswegen werde ich fu¨r weil es fu ¨r die Sau einfach nicht scho ¨n ist.‘‘ Bedarf die Stallhaltung pla¨dieren, durchaus in Erweiterung wird auch fu ¨r die Milchviehhaltung gesehen, wo wie Winterga¨rten.‘‘ In der Schweinehaltung wird den Standardmaße fu ¨r Liegeboxen nicht als passend fu¨r Tieren zugesprochen, dass Auslaufmo ¨glichkeiten jedes Einzeltier betrachtet werden. Hier wa¨re es von zum Wohlbefinden der Tiere beitragen: GD_S 1 ,,Of- Vorteil, flexiblere Systeme zu entwickeln. Mit Blick fene Sta¨lle und ob ein Schwein wu ¨hlen kann, ist fu¨r auf Bescha¨ftigungsmo ¨glichkeiten und Tierkomfort ein Schwein mit Sicherheit besser.‘‘ Trotzdem u ¨ber- sprechen sich die Landwirte dafu ¨r aus, Angebote wiegen derzeit aus Sicht der Tierhalter die Vorteile weiterzuentwickeln, die von den Tieren gut und u ¨ber geschlossener Haltungen. Hier wird befu ¨rwortet, einen la¨ngeren Zeitraum angenommen werden. ¨ ¨ Stalle an sich attraktiver zu konzipieren, etwa an Gerade in der Mast sind zusatzliche Maßnahmen Beispielen orientiert, die in Nachbarla¨ndern bereits gewu ¨nscht, die den Tieren Abwechslung bieten. umgesetzt werden: GD_S 2 ,,…moderne große Sta¨lle Dazu za¨hlen etwa ra¨umliche Vera¨nderungen in der … sehr lichtdurchflutet, im Sauenbereich zumindest Haltungsumgebung, z.B. u ¨ber das zeitlich begrenzte mit hohen Geba¨uden…, technische Entwu ¨rfe, die Angebot bestimmter Stallbereiche: GD_G 1 ,,Das sind sehen gar nicht aus wie ein Schweinestall.‘‘ Dinge, wenn man es ausprobiert sieht man, dass das Anders sieht es in der Milchviehhaltung aus, wo den Tieren richtig gut tut.‘‘ die Weidehaltung als deutlich positiver fu ¨r die Tiere wahrgenommen wird. In großen Betrieben mit 3.3 Unversehrtheit und Eingriffe hohen Tierzahlen ist die Laufhofhaltung ein Kom- promiss. Insgesamt wird deutlich, dass der Blick von Die derzeit u ¨blichen Eingriffe an Nutztieren werden außen auf den jeweiligen Betrieb mit Anregungen von den Landwirten mit Tierschutzargumenten fu ¨r neue Haltungskonzepte als sinnvoll eingescha¨tzt befu ¨rwortet. Eine emotionale Sichtweise der Tier- wird, der eigenen Betriebsblindheit halter wurde in den Gruppendiskussionen 123 200 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft ausgeblendet: GD_G 2 ,,Wenn man damit aufge- Liegeboxengestaltung bei Milchku ¨hen oder insge- wachsen ist, dann ist das fu ¨r uns Gewohnheit.‘‘ samt die Einrichtung von Krankenbuchten oder Gleichwohl werden auch Unsicherheiten in der -abteilen, in denen kranke Tiere separat gehalten Bewertung und die Suche nach Alternativen deutlich. werden ko ¨nnen: GD_R 1 ,,Das ist ja oft das Problem, Lo ¨sungsmo ¨glichkeiten, auf bestimmte Eingriffe, wie der Keimdruck, denn bei uns ist es Abkalbebox und das Kastrieren ma¨nnlicher Ferkel, das Kupieren von Krankenbox ist eigentlich die gleiche Box.‘‘ Die reine Schwanzen bei Ferkeln, das Entfernen von Hornan- Stallhaltung wird gegenu ¨ber der Freiland- oder Aus- lagen bei Ka¨lbern oder das Schna¨belku ¨rzen im laufhaltung als gesundheitsfo ¨rdernd angesehen: Geflu ¨gelbereich zu verzichten, sehen die Tierhalter in GD_G 1 ,,Tiere, die bei nasser, kalter Witterung erster Linie u ¨ber die Zucht, z.B. auf Hornlosigkeit draußen sind, werden nun mal krank.‘‘ Eine verbes- oder auf ruhige, aggressionsfreie Tiere. Die Immu- serte Stallklimagestaltung mit Schadgasreduktionen nokastration von Ebern wird eher kritisch gesehen. wird befu ¨rwortet, um beispielsweise Atemwegser- Die zu ¨chterischen Entwicklungen in der krankungen zu vermeiden. Rinderhaltung werden als Schritt in die richtige Fu ¨r das Gesundheitsmanagement sehen die Land- Richtung gewertet, beno ¨tigen aber Zeit: GD_R 1 ,,Ich wirte einen Bedarf an technischen Lo ¨sungen zur finde das Thema muss man auch gar nicht so hoch- Einzeltierbeobachtung bzw. Erfassung von Messwer- spielen, weil in spa¨testens zehn Jahren haben wir ten. Interessant wa¨ren technische doch sowieso alle hornlos oder?‘‘ Derzeit behelfen Weiterentwicklungen zur kostengu ¨nstigen Erfassung sich einzelne Milchviehhalter damit, ma¨nnliche Ka¨l- tierbezogener Indikatoren, die fru ¨hzeitig Hinweise ber mo ¨glichst jung an Ma¨ster weiterzugeben und auf Unregelma¨ßigkeiten und Erkrankungen von u ¨berlassen dem Ma¨ster den Eingriff: GD_R 2 ,,Ich einzelnen Tieren geben und dazu beitragen ko ¨nnten, finde, das ist ein ganz schwieriges Thema. Bei uns auf eine Ausbreitung in den Bestand zu vermeiden. dem Betrieb schauen wir, dass wir sie alle mit 3 Wochen aus dem Betrieb rausbekommen.‘‘ Neben 3.5 Tierbetreuung der Zucht sehen die Landwirte auch Mo ¨glichkeiten in der Gestaltung der Haltungsumgebung, um einen Gerade vor dem Hintergrund der großen Tierbe- Verzicht auf Eingriffe am Tier zu vermeiden. Dazu stande in den Betrieben kommt der Betreuung der za¨hlt in der Geflu ¨gelhaltung eine trockene, lockere Tiere eine wichtige Funktion im Hinblick auf das Einstreu, die den Tieren Beschaftigung bietet und Tierwohl zu. Mo ¨glichkeiten zur Weiterentwicklung Kannibalismus vorbeugt: GD_G 2 ,,[Kalk] da mit rein, sehen die Landwirte einerseits im Verhalten der … Der bindet Wasser und die Hu ¨hner haben dadurch tierbetreuenden Personen und andererseits im Ein- was zu tun.‘‘ satz von Technik und in der Unterstu ¨tzung durch Spezialisten, z.B. in der Klauenpflege bei Rindern. Die 3.4 Tiergesundheit Betreuungsqualita¨t der tierbetreuenden Personen machen die Landwirte an perso ¨nlichen Vorausset- Tiergesundheit ist fu ¨r die Landwirte ein wichtiger zungen fest: GD_R 1 ,,Du brauchst dieses Gefu¨hl fu¨r Indikator fu ¨r Tierwohl. Vor dem Hintergrund der Tiere.‘‘ – ,,Also da brauchst du wirklich Leidenschaft hohen biologischen Leistungen im Nutztierbereich fu ¨r, und entweder man hat die oder man hat die stellt der Erhalt der Gesundheit eine wichtige Her- nicht. Das kann in großen Betrieben sein, das kann in ausforderung dar, bei der noch Potenziale zur kleinen Betrieben sein, das ist vo ¨llig egal.‘‘ GD_G 1 ,,Es Optimierung gesehen werden. Ansatzpunkte zur gibt welche, die merken, dass die Tiere morgen krank Weiterentwicklung werden u.a. in der Zucht auf werden und welche, dass die Tiere vorgestern schon Vitalita¨t und Robustheit gesehen. Teilweise wird eine krank waren.‘‘ Besonders beim Einsatz von Fremdar- Anpassung der Zuchtziele gewu ¨nscht, Schwei- beitskra¨ften sehen die Landwirte einen hohen Bedarf, nebereich: GD_S 2 ,,Ich sehe das nicht so als positiv, diese Mitarbeiter im Hinblick auf Tierbeobachtung diese Entwicklung, dass da immer mehr und immer und Verhalten gegenu ¨ber den Tieren zu schulen: mehr Ferkel geboren werden mu ¨ssen.‘‘ Auf den GD_G 2 ,,Setze dich mal ruhig eine halbe Stunde hin, Betrieben selbst werden Maßnahmen im wie verhalten die Tiere sich, wenn sie stehen? Was Hygienemanagement als sinnvoll erachtet, um passiert da alles, was ho ¨rt man, was riecht man?‘‘ Krankheiten vorzubeugen und die Medikamenten- Der Einsatz von Technik und Automatisierung gabe zu reduzieren. Beispiele sind hygienische wird von den Landwirten mit Blick auf die Tierbe- Maßnahmen in der Ka¨lberfu ¨tterung, um Durchfall treuung mehrheitlich als fo ¨rderlich und oder Flechten vorzubeugen, Maßnahmen in der zukunftsweisend angesehen. Einerseits werden 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 201 durch die Technik Freira¨ume geschaffen, die zur Mitarbeiter werden als fo ¨rderlich fu ¨r die optimale Tierbeobachtung genutzt werden ko ¨nnen: GD_S 1 Betreuung der Tiere betrachtet: GD_G 2 ,,Wenn der ,,Das verbinde ich unmittelbar damit, dass wir mit Mitarbeiter motiviert ist geht er auch anders mit den technischem Fortschritt und u ¨ber die Automatisie- Tieren um.‘‘ Hier werden ein regelma¨ßiger Austausch rung z.B. bei Fu ¨tterung und anderen Dingen viel mit den Mitarbeitern sowie eine Wertschatzung der mehr Zeit bekommen haben, um wirklich die Tiere geleisteten Arbeit als fo ¨rderlich angesehen. Daneben anzuschauen.‘‘ GD_R 2 ,,Man braucht erst mal die ist fu ¨r die Landwirte auch die eigene Arbeitszeit- Zeit, um das Auge auf das Tier richten zu ko ¨nnen. Ab strukturierung wichtig, um sich auf den eigenen einer gewissen Betriebsgro ¨ße ist man mit Fu ¨ttern Betrieben fu ¨r mehr Tierwohl einzusetzen: GD_R 1 und Melken so bescha¨ftigt, dass man das einzelne ,,Dann kommt es ja auch noch darauf an wie viel Zeit Tier gar nicht so wirklich beobachten kann, da schaut er hat, um sich das alles anzugucken, was es an man, dass man im Stall fertig wird. Da hilft mir die Informationen gibt.‘‘ Technik weiter, um einfach Freiheiten zu kriegen.‘‘ Zusa¨tzlich kann die Technik exakte Messwerte zum 4 Diskussion Tierverhalten und zum Gesundheitsstatus liefern, die fu ¨r die Versorgung und Betreuung genutzt werden Fu ¨r die Landwirte ist die Weiterentwicklung von ko ¨nnen. Hier sehen die Landwirte fu ¨r die Zukunft Tierhaltungsverfahren fu ¨r mehr Tierwohl aufgrund noch weiteres Potenzial: GD_S 1 ,,In Zukunft wird der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Dis- wahrscheinlich wichtig fu ¨r uns werden, elektroni- kussionen ein sehr pra¨sentes Thema. Die sche Hilfsmittel zur Verfu ¨gung zu nehmen.‘‘ gesellschaftliche Einstellung zum Tierwohl mit einem starken emotionalen Fokus ist auch fu ¨r die 3.6 Management Landwirte ein Aspekt des Tierwohlversta¨ndnisses und zeigt sich in Fu ¨rsorge, Verantwortung und teilweise Zur Weiterentwicklung des betrieblichen Manage- Mitleid gegenu ¨ber den Tieren (Tab. 2). In einzelnen ments mit Blick auf mehr Tierwohl sprechen sich die Fa¨llen werden auch Schuldgefu ¨hle gegenu ¨ber den Tierhalter insbesondere fu ¨r einen verbesserten Tieren deutlich, z.B. im Umgang mit kranken oder innerbetrieblichen und u ¨berbetrieblichen Informati- besonders bedu ¨rftigen Tieren, wenn sie in Abwa- onsaustausch aus. Innerbetrieblich geht es gung mit wirtschaftlichen Uberlegungen nicht insbesondere darum, die Vielfalt der tierbezogenen bestmo ¨glich versorgt werden ko ¨nnen. Daten, die in den Betrieben erhoben werden, In die Betrachtungsweise der Landwirte fließen anwendungsorientiert zur Verfu ¨gung zu stellen und daneben perso ¨nlich-identitatsbezogene Aspekte ein, den Nutzern je nach Aufgabenbereich zuzuleiten. die sie an ihrem Rollenversta¨ndnis und Berufsethos Vereinfachungen im Datenmanagement sollten festmachen. Die diskutierten Maßnahmen fu ¨r mehr letztlich dazu fu ¨hren, den Betriebsleitern zielgerich- Tierwohl orientieren sich im Wesentlichen an bis- tet eine Entscheidungshilfe zu bieten: GD_R 1 ,,Ich herigen und bereits etablierten Haltungsverfahren. glaube es ist die Selektion von Informationen, wir Anderungen der Verfahren wu ¨rden auch perso ¨nliche haben so viele Informationen und man muss sich auf Vera¨nderungen fu ¨r die Tierhalter bedeuten und die wesentlichen konzentrieren, das ist, glaube ich, werden teilweise nicht als Weiterentwicklung son- das gro ¨ßere Problem.‘‘ Eine besondere Rolle kommt dern als Ru ¨ckschritt gesehen. Das kann in den Augen in diesem Zusammenhang auch der Beratung zu: der Landwirte zu Gesichtsverlust innerhalb der eige- GD_R 2 ,,Die Beraterrolle die nimmt immer mehr. Vor nen Branche gegenu ¨ber Berufskollegen fu ¨hren. 20 Jahren war es noch anders, weil jeder Betrieb so Loyalita¨t und Anerkennung innerhalb der Branche gewirtschaftet hat wie es immer war, und wenn es sind offensichtlich wichtiger als Wertscha¨tzung lief dann war schon alles richtig.‘‘ Die Fachgespra¨che durch die Gesellschaft. Der Druck von außen ver- mit außerbetrieblichen Personen oder Institutionen sta¨rkt den inneren Zusammenhalt der Landwirte und werden als wertvoll angesehen, um neue Ideen fu¨r fu ¨hrt zu einer starken Unterscheidung von Eigen- den eigenen Betrieb zu generieren. Daneben ist den und Fremdgruppe. Die Erhebungsmethode Grup- Landwirten der Austausch mit Berufskollegen zu pendiskussion zeigt die Dynamik einer sich ¨ ¨ Erfahrungen mit etablierten und weniger etablierten verstarkenden Gruppenkohasion deutlich auf. Haltungsverfahren sehr wichtig, um Perspektiven fu¨r Gleichwohl veranschaulichen die Ergebnisse auch die eigene betriebliche Zukunft auszuloten. die hohe Bedeutung der individuellen Arbeitszufrie- Ein weiterer wichtiger Punkt fu ¨r mehr Tierwohl denheit und -motivation fu ¨r die tierbetreuenden wird im Personalmanagement gesehen. Motivierte Personen. Daraus leitet sich die Frage ab, inwieweit 123 202 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft engagiertes Umsetzen innovativer Verfahren durch Verantwortungsbereich ein und delegieren die mutige Pioniere und gegenseitiges Lernen dazu bei- Verantwortung fu ¨r Tierwohl an Politik und tragen ko ¨nnen, das Beharrungsvermo ¨gen in der Marktpartner. Branche aufzubrechen. Damit politische Auseinandersetzungen und der Mehr Tierwohl hat eine Chance in Betrieben interne Wettbewerb des Handels nicht auf dem umgesetzt zu werden, wenn dadurch das perso ¨nliche Ru ¨cken landwirtschaftlicher Betriebe und Betriebs- Erfolgsempfinden der Betriebsleiter und der objektiv leiter ausgetragen werden, waren neue messbare Betriebserfolg gesteigert werden ko ¨nnen. Mechanismen notwendig, Tierwohl einerseits trans- Aufgrund langer Abschreibungszeitraume und der parent und objektiv zu bewerten und andererseits im Spezifita¨t der Investitionen mit teilweise unflexiblen Sinne eines o ¨ffentlichen Gutes durch Beratung, aber Nutzungsalternativen kommen viele Ansa¨tze fu ¨r die vor allem durch neue politische Maßnahmen und Landwirte aus betrieblicher Sicht nicht in Frage. Instrumente, organisatorisch und finanziell zu Aktuelle und neue gesetzliche Vorgaben und Richt- unterstu ¨tzen. Eine entsprechende Bewertung des linien werden als Risikofaktor gesehen, da sie von Tierwohls, die weniger an der technischen Gestal- gesellschaftlichen Trends und von der jeweils regie- tung von Tierhaltungsverfahren an sich, sondern renden politischen Mehrheit beeinflusst und zudem stattdessen an den Tieren selbst orientiert ist, wu ¨rde bundesla¨nderspezifisch ausgestaltet werden. eine Verschiebung von ordnungspolitischer zu ergebnisorientierter Betrachtung des Tierwohls bedeuten. Der Maßstab fu ¨r Tierwohl wu ¨rde sich Tab. 2 Weiterentwicklung der Haltungsverfahren in unter- damit von einer input-basierten (was wird dem Tier schiedlichen Kontexten fu ¨r Landwirte geboten) zu einer output-basierten (welches Ergebnis Fokus Sichtweise Bewertungs- und wird fu ¨r das Tier erzielt) Bewertung verschieben. Einflusskriterien Durch dynamische Innovationsanreize wu ¨rden Tier/ emotional-relational Verantwortung Landwirte in ihrer Schlu ¨sselposition und ihrer Herde Fu ¨rsorge Verantwortung fu¨r das Tierwohl gesta¨rkt, weil Mitleid Tierwohlziele sich auf ganz unterschiedlichen Schuldgefu ¨hle Wegen technisch und organisatorisch erreichen Tierhalter perso ¨nlich- Arbeitszufriedenheit lassen. Gleichzeitig wu ¨rde dadurch die unterneh- identita¨tsbezogen Rollen- bzw. merische Freiheit der Tierhalter gesichert und Aufgabenversta ¨ndnis sogar erweitert werden. Die Grundlagen fu¨r neue Koha ¨sion der Berufskollegen Bewertungsansatze des Tierwohls bei verschiede- Wertscha ¨tzung durch die nen Tierarten und die Akzeptanz dieser Ansa¨tze bei Gesellschaft Landwirten sollten Gegenstand ku¨nftiger For- Betrieb o ¨konomisch-rational Betriebserfolg schung zur Unterstu ¨tzung politischer Entschei- Einkommen dungen sein. Sicherheit Perspektive Literatur Bock BB, Van Huik MM, Prutzer M, Eveillard FK, Landwirte ko ¨nnen derzeit nur schwer Offenheit Dockes A (2007) Famers’ relationship with different fu ¨r neue Ideen zu Tierhaltungsverfahren mit mehr animals: the importance of getting close to the Tierwohl, losgelo ¨st von wirtschaftlichen und politi- animals. Case studies of French, Swedish and schen Rahmenbedingungen, zeigen. Teilweise halten Dutch cattle, pig and poultry farmers. Int J Sociol sie sich in den Gruppendiskussionen auch aus stra- Anthropol 15(3):108–125 tegischen Gru ¨nden mit Vorschla¨gen zuru ¨ck, weil sie Busch G, Kayser M, Spiller A (2013) ,,Massentierhal- befu ¨rchten, dass innovative Vorsto ¨ße schnell zu einer tung‘‘ aus VerbraucherInnensicht - Assoziationen ku ¨nftigen Anforderung werden. Neue Entwicklun- und Einstellungen. Jahrbuch der Osterreichischen gen aufzuhalten bedeutet fu ¨r die Landwirte, eigene Gesellschaft fu ¨r Agraro ¨konomie, 22(1):61–70 unternehmerische Freiheiten zu bewahren und zu Heise H, Theuvsen L (2015) Biological Functioning, schu ¨tzen. Durch den Verweis auf aktuell geltende Natural Living oder Welfare-Quality: Untersu- Rahmenbedingungen schra¨nken Landwirte jedoch chungen zum Tierwohlversta¨ndnis deutscher ihren eigenen Handlungs- und Landwirte. Ber ueber Landwirtsch 93(3) 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 203 Mayring P (2002) Einfu ¨hrung in die Qualitative Sozi- Van Huik MM, Bock BB (2007) Attitudes of Dutch pig alforschung. Eine Anleitung zu qualitativem farmers towards animal welfare, BRIT FOOD J Vol. Denken. Beltz Verlag, Weinheim und Basel 109 Iss 11 pp. 879 – 890 Spooner JM, Schuppli CA, Fraser D (2014) Attitudes of Waiblinger S (1996) Die Mensch-Tier-Beziehung bei Canadian Pig Producers Toward Animal Welfare. der Laufstallhaltung von behornten Milchku ¨hen. J Agric Environ Ethics 27(4):569–589 Witzenhausen Statistische Amter des Bundes und der Lander (2011) WBA Wissenschaftlicher Beirat Agrarpolitik beim Agrarstrukturen in Deutschland. Einheit in Vielfalt. BMEL (2015) Wege zu einer gesellschaftlich https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Themati akzeptierten Nutztierhaltung. Gutachten. Berlin sch/LandForstwirtschaft/Landwirtschaftzaehlung/ Zander K, Isermeyer F, Bu ¨rgelt D, Christoph-Schulz I, AgrarstruktureninDeutschland5411203109004.pdf?__ Salamon P, Weible D (2013) Erwartungen der blob=publicationFile Gesellschaft an die Landwirtschaft. Mu ¨nster: Stif- Te Velde H, Aarts N, van Woerkum C (2002) Dealing tung Westfa¨lische Landwirtschaft with ambivalence: Farmers’ and consumers’ per- Zapf R, Schultheiß U, Achilles W, Schrader L, Knierim ception of animal welfare in livestock breeding. U, Herrmann HJ, Brinkmann J, Winckler, C (2015) J Agric Environ Ethics 15:203–219 Tierschutzindikatoren: Vorschlage fu ¨r die betrieb- Vanhonacker F, Verbeke W, van Poucke E, Pieniak Z, liche Eigenkontrolle. Darmstadt: Kuratorium fu¨r Nijs G, Tuyttens F. (2012) The concept of farm ani- Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft mal welfare: citizen perceptions and stakeholder opinion in flanders, Belgium. J Agric Environ Ethics 25(1):79–101 123 204 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Standards, Hindernisse und Wu ¨nsche in der werden, wie der Prozess der Listungsentscheidung in Nutztierhaltung – Die Perspektive des Handels diesem Zusammenhang strukturiert ist, welche Mei- nungen im LEH zu verbesserten Tierwohlstands 1 1 1 Caspar Krampe , Nadine Gier , Julia Ro ¨mhild , Peter vorherrschen und welche Position im Hinblick auf Kenning etwaige regulierende Maßnahmen den LEH pra¨gen. Zudem soll die Sicht des LEH auf den in der Diskus- Lehrstuhl fu ¨r Betriebswirtschaftslehre, insb. Marke- sion stehenden informationso ¨konomischen Nutzen ting, Heinrich-Heine-Universita¨t, Universita¨tsstraße 1, eines oder mehrerer Labels (,,Tierwohllabel‘‘) ermit- 40225 Du ¨sseldorf, Geba¨ude 24.21, Deutschland telt werden. Die so gewonnenen Ergebnisse sollen 0211-81-10278 einen Beitrag dazu leisten, etwaige Hindernisse im caspar.krampe@hhu.de Hinblick auf Maßnahmen zu identifizieren, mit denen gegebenenfalls ein ho ¨herer Tierschutzstan- 1 Einleitung und Zielsetzung dard realisiert werden ko ¨nnte. Zwischen der Wunschvorstellung und der aktuellen 2 Methode und Interviewleitfaden Wahrnehmung der Nutztierhaltung durch die Gesellschaft zeigt sich meist eine hohe Diskrepanz Um die skizzierte Zielstellung zu erreichen und um (Zander et al. 2013). Diese la¨sst sich insbesondere bei die Perspektive des LEH wissenschaftlich entspre- den Positionen der verschiedenen Akteure bei der chend differenziert zu durchdringen, wurde ein Durchsetzung ho ¨herer Tierwohlstandards beobach- qualitativer Studienansatz gewa¨hlt. Der Aufbau und ten (Zander et al. 2013). Zudem scheinen die in den der Verlauf der Studie wurden dem typischen Aufbau Medien gefu ¨hrten Diskussionen und vero¨ffentlich- a¨hnlicher Marktforschungsstudien (Kuß, Wildner, & ten Berichte rund um das Thema ,,Tierwohl‘‘ Kreis 2014) entsprechend in folgende sechs Schritte maßgeblich das Meinungsbild in den verschiedenen unterteilt: gesellschaftlichen Gruppen zu pra ¨gen, zu polarisie- ¨ 1. Festlegung der Untersuchungsziele, ren und deren Sensibilitaten zu erho ¨hen (Zander 2. Festlegung des Untersuchungsdesigns, et al.2013).Auf dieseEntwicklung muss auch deran der Vermarktung, tierischer Erzeugnisse maßgeb- 3. Entwicklung des Messinstrumentariums, 4. Durchfu ¨hrung der Erhebung, lich beteiligte Lebensmitteleinzelhandel (LEH) reagieren. Er hat dabei sogar eine zentrale Rolle, 5. Datenanalyse und -auswertung und 6. Formulierung des Ergebnisberichts. steht er doch im Spannungsfeld zwischen den Wunschvorstellungen der Verbraucher und den auf Um die gewu ¨nschten Erkenntnisse zu gewinnen den Ho ¨fen sowie in den Zulieferbetrieben realisier- wurden 15 Experteninterviews mit Top-Entscheidern baren Bedingungen. Zudem ist der LEH dem im Bereich Vertrieb und Einkauf im LEH sowie wei- Wettbewerb innerhalb des Marktes ausgesetzt, teren handelsnahen Akteuren durchgefu ¨hrt. Die indem innovative (Marketing-)Maßnahmen einzel- aufgezeichneten Mitschnitte der Experteninterviews ner Unternehmen hochgradig risikobehaftet sind wurden fu ¨r die weitere Datenanalyse sowie die damit und dementsprechend zu hohen o ¨konomischen verbundene Auswertung transkribiert (vgl. Ho ¨ld, Einbußen fu¨hren ko ¨nnen. Aber auch ein gemeinsa- 2009; Mayring & Fenzl, 2014). Die kommunizierten mes, koordiniertes Vorgehen mehrerer Daten wurden hierfu ¨r weitgehend von Dialekten Unternehmen fu¨r ho ¨here Tierwohlstandards scheint befreit, an die Standardsprache angepasst und – wo fu ¨r den Handel aus verschiedenen Gru¨nden proble- geboten – in der Grammatik korrigiert, wodurch matisch, nicht zuletzt deswegen, weil diese durch jedoch keine interpretativen Vera¨nderungen des wettbewerbsrechtliche Bestimmungen beschrankt Ausgangsmaterials vorgenommen wurden. Auf- werden. grund der besonderen Sensibilita¨t der erhobenen Vor diesem Hintergrund ist es Ziel des vorliegen- Daten wurden alle mitgeschnittenen Tonaufnahmen den Teilbeitrags, den Handel als zentralen Akteur der ausschließlich universitatsintern und vertraulich von Lebensmittelwirtschaft genauer in den Blick zu neh- den Projektmitarbeitern transkribiert und vor der men. Von besonderer Relevanz sind dabei, der Inhaltsanalyse erneut zur Kontrolle an die Inter- Zielstellung des SocialLab Verbundprojektes ent- viewpartner versendet. Zur strukturierten sprechend, die Motive und/oder Hindernisse fu ¨r die Inhaltsanalyse wurde die Software MaxQDA in der Produkteinfu ¨hrung und -listung von Produkten mit Version 12 verwendet (http://www.maxqda.de/). Diese ho ¨heren Tierwohlstandards. Konkret soll gezeigt etablierte Software ermo ¨glicht die Zuordnung von 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 205 Textstellen (,,Codierung‘‘) zu den a priori definierten Regulierung bei der Durchsetzung ho ¨herer Tier- Kernthemen (,,Codes‘‘), welche die Grundlage der wohlschutzstandards. Das Ziel dieser Thematik war hier angewandten qualitativ-strukturierenden es, Hinweise auf das Meinungsbild bzw. die Einstel- Inhaltsanalyse darstellen. lungen des LEH zu einer staatlichen Regulierung Von besonderer methodischer Bedeutung fu ¨r die im Bereich der Fleischware abzubilden. Die Studie war daru ¨ber hinaus der Interviewleitfaden, vierte und letzte Kernthematik widmete sich der welcher der Expertenbefragung als Messinstrument Wahrnehmung der Experten zum Einfluss von zugrunde lag. In diesem wurden vier Kernthemen, Labeln auf die Verbraucherentscheidung am die der oben genannten Zielstellung entsprachen Point-of-Sale sowie die damit verbundene Pro- ausgearbeitet und im Experteninterview themati- duktwahrnehmung. Abbildung 1 visualisiert die siert. Die erste Kernthematik umfasste den Prozess entsprechende Struktur des Gespra¨chsleitfadens der Listungsentscheidung im LEH. Ziel war die noch einmal. Abb. 1 Darstellung der vier Kernthemen sowie der untergeordneten Leitfragen. In den Experteninterviews wurden die Themen Listungsentscheidungen, Tierwohlstandards, Regulierung des Marktes und Produkt Labeling anhand eines strukturierten Gespra¨chsleitfadens besprochen Identifikation der jeweils zugrundliegenden 3 Die Kernthemen – Ausgewa¨hlte Ergebnisse Entscheidungsprozesse. Zudem sollte beforscht wer- den, auf welchen Entscheidungsmustern und Aufbauend auf den transkribierten Experteninter- gegebenenfalls Heuristiken die Listungsentschei- views wurde eine qualitativ-deskriptive dung beruht. Die zweite Kernthematik des erstellten Begutachtung der Daten vorgenommen (Abb. 2). Es Interviewleitfadens umfasste den gesellschaftlichen zeigte sich, dass Aspekte rund um das Thema Tier- wohlstandards einen großen Teil der kodierten Daten und politischen Wunsch nach einer Integration ho ¨herer Tierwohlstandards in die Wertscho ¨pfungs- ausmachten. Es sollte jedoch bei der nun folgenden strukturierten Inhaltsanalyse beachtet werden, dass kette. In diesem Zusammenhang wurde unter anderem die Wahrnehmung von Tierwohlstandards es sich hierbei um eine aggregierte Darstellung der durch die Verbraucher aus Sicht der Experten the- Ergebnisse handelt. Diese bildet zwar das generelle matisiert. Die dritte Kernthematik umfasste die Meinungsbild der interviewten Experten ab, ver- Wahrnehmung der Experten zur staatlichen nachla¨ssigt jedoch gegebenenfalls abweichende 123 206 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Einzelmeinungen. Pra¨gnante Aussagen der inter- Hierbei werden neue Produkte dem LEH zum einem viewten Experten des LEH sowie der handelsnahen vom Lieferanten vorgeschlagen (,,Push-Ansatz‘‘), zum Akteure werden hierbei skizziert und sollen einen anderem werden aber auch bestimmte Produkte bei Eindruck der Sichtweise der interviewten Experten den jeweiligen Lieferanten vom LEH angefragt (,,Pull- vermitteln. Ansatz‘‘). In diesem Zusammenhang scheinen das Abb. 2 Darstellung der Anzahl von Außerungen zu den 4 Kernthemen. Fu ¨r die inhaltliche Analyse wurden die transkribierten Interviews entsprechend der Kernthemen codiert und ausgewertet Im Folgenden sollen nun die mit den oben skiz- Preisbewusstsein sowie die mit den Produkten ver- zierten vier Thematiken bzw. Zielstellungen bundene Logistik zwei wichtige Komponenten im verbundenen Ergebnisse pra¨sentiert werden. Hierzu Listungsprozess zu sein. Deren Bedeutung ist jedoch wird jeweils zuna¨chst die gesamte Anzahl der zure- stark branchenabha¨ngig, so spielt die Logistik bei chenbaren Außerungen genannt bevor dann jeweils tierischen Erzeugnissen im Fast-Food Sektor eine die zentralen inhaltlichen Aspekte dargestellt wichtigere Rolle als im LEH. Bei der Listungsent- werden. scheidung von Fleischwaren scheinen zudem die Marktentwicklung, die Wettbewerbssituation, Qua- 3.1 Listungsentscheidungen – Stabilita ¨t durch litatsaspekte sowie die gesellschaftliche Entwicklung Vertrauen! eine u ¨bergeordnete Rolle zu spielen. Zusammenfassend ist zu vermuten, dass erst nach Grundlage der im Hinblick auf die erste Thematik der einigen externen und internen Pru ¨fungen der Liefe- Listungsentscheidung im LEH angewandten struktu- ranten und erst nach Begutachtung etwaiger rierenden Inhaltsanalyse sind n = 118 Außerungen Ausschlusskriterien, welche durch die Durchfu ¨hrung (,,Codierungen‘‘), welche aus 6 Experteninterviews von Audits gepru ¨ft werden, eine Listungsentschei- extrahiert und analysiert wurden. dung im LEH stattfindet. Die bewa¨hrte Die Ergebnisse der Inhaltsanalyse zeigen in diesem Zusammenarbeit mit bereits gepru ¨ften Partnern bil- Bereich der Untersuchung, dass Unternehmen des det bei der Aufnahme neuer Produkte eine wichtige LEH oftmals auf langfristige, stetige und gepru¨fte Grundlage mit entsprechenden Konsequenzen fu¨r Partnerschaften zuru ¨ckgreifen, wodurch der ,,sorg- den Entscheidungsprozess. Dabei ist anzunehmen, lose‘‘, transaktionskostenarme Fleischverkauf und - dass im weiteren Verlauf der Entscheidungsfindung konsum auf Seiten des LEH und des Verbrauchers Erfahrungswerte und einfache Heuristiken wesent- gewa¨hrleistet werden soll. Demnach werden Lis- lich fu ¨r den Entscheidungsprozess sind (Gigerenzer, tungsentscheidungen zumeist, nach einem Todd, & ABC Research Group 1999; Selten 2001). Im prima¨ren, ,,checklisten-gepru ¨ften‘‘ Auswahlverfah- Ergebnis zeigt sich, dass das gegenseitige Vertrauen, ren, in enger Zusammenarbeit mit bewa¨hrten welches sich durch die gesammelten gemeinsamen Partnern beziehungsweise Lieferanten getroffen. Erfahrungen zwischen den Akteuren im Zeitablauf 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 207 einstellt zu einer Reduktion von Transaktionskosten wird angenommen, dass die einfache Außerung der fu ¨hrt. Etablierte Anbieter sollten es daher tendenziell Verbraucher, mehr fu ¨r ,,Tierwohl‘‘ bezahlen zu wol- leichter haben, innovative Produkte im Regal zu len, nicht ohne Weiteres zu einer platzieren. Einstellungsa¨nderung fu ¨hrt, sondern eventuell auf die soziale Erwu ¨nschtheit zuru ¨ckzufu ¨hren ist. ,,[Es] ergeben sich […] Listungsentscheidungen […] auf Basis von Vorschla¨gen, die uns die Lieferanten, mit ,,Die Moral endet am Regal.‘‘ denen wir seit vielen Jahren in der Regel vertrauensvoll Im Fortgang der Gespra¨chsthematik mahnen die zusammenarbeiten, [zukommen lassen].‘‘ Ha¨ndler zudem an, dass das Thema ,,Tierwohl‘‘, als ein sehr emotionales Thema, im gesellschaftlichen 3.2 Die Integration von Tierwohlstandards – der Kontext nicht immer sachgerecht diskutiert wird. So mu ¨ndige Verbraucher? weisen die Experten des LEH die Rolle des Regulators beziehungsweise Gatekeepers zuru ¨ck und verweisen Grundlage der im Kontext der Verbraucherwahr- auf den mu ¨ndigen Verbraucher. Gru ¨nde fu ¨r das nehmung angewandten strukturierten gesteigerte Interesse am ,,Tierwohl‘‘ innerhalb der Inhaltsanalyse waren n = 91 Außerungen (,,Codie- Gesellschaft macht der LEH an gesellschaftlichen rungen‘‘), welche aus 9 Experteninterviews extrahiert Stro ¨mungen und Trends wie dem Vegetarismus, dem und analysiert wurden. Veganismus, dem Flexitarismus oder der Profilierung bestimmter Gesellschaftsschichten durch ,,gutes‘‘, ,,Fleisch und Wurst sind Kulturgut.‘‘ meist biologisch erzeugtes Essen fest. Aus Handelssicht nehmen Fleischwaren nach wie vor Zusammenfassend verweisen die Experten des LEH einen hohen Stellenwert in der Wahrnehmung der darauf, dass die Integration von Tierwohlstandards in Verbraucher ein. Als Nachweis dient den interview- die Wertscho ¨pfungskette gro ¨ßtenteils durch das ten Experten des LEH oft der Ausgabenvergleich der Einkaufsverhalten der mu ¨ndigen Verbraucher (,,Pull- Verbraucher fu ¨r Fleischwaren im Vergleich zu Ansatz‘‘) bestimmt wird, wobei angenommen wird, anderen Produktgruppen. Insgesamt wird das Thema dass die reale Kaufentscheidung im Gegensatz zu ,,Tierwohl‘‘ als fester Bestandteil der gesellschaftli- regelmaßigen Bekundungen nach wie vor stark chen Auseinandersetzung gesehen. Zudem geht der preisgetrieben ist und im sta¨ndigen Vergleich zu Handel offenbar von einem differenzierten Verbrau- Konkurrenzangeboten steht. Erga¨nzend wird ange- cherbild aus. Uberwiegend werden Verbraucher aber nommen, dass der soziale Hintergrund ebenfalls als hinreichend mu ¨ndig angesehen, um ,,am Ende einen Einfluss auf den Verbraucher und die damit des Tages das [zu] wahlen, was fu ¨r sie am besten ist‘‘. verbundene Kaufentscheidung im Bereich der Dementsprechend begreift sich der LEH lediglich als Fleischware hat. Das folgende Zitat gibt diesen Anbieter von verschiedenen Wahloptionen, jedoch Zusammenhang zutreffend wieder: nicht als Vorentscheider u ¨ber Moral und Verant- wortung; der Wille des Kunden bleibt zumindest ,,[…] Es gibt sicherlich viele Familien […], die sich […] vordergru ¨ndig frei. Trotzdem, scheinen sich die keine enorme Preissteigerung im Bereich Lebensmittel interviewten Experten des LEH sehr wohl bewusst leisten ko¨nnen.‘‘ u ¨ber das tatsa¨chliche Einkaufsverhalten der Ver- braucher zu sein. So wird davon ausgegangen, dass 3.3 Die Regulierung des Marktes – Fluch oder Segen? viele Verbraucher auf die Produkte zuru ¨ckgreifen, welche routiniert gekauft werden. Tierwohlaspekte Grundlage der in dieser Thematik angewandten spielen dabei eine untergeordnete Rolle, da der Ver- strukturierten Inhaltsanalyse waren n = 68 Außerun- braucher nach Wahrnehmung der Experten des LEH gen (,,Codierungen‘‘), die aus 8 Experteninterviews stark preisgetrieben ist. Es werden zudem Unter- extrahiert und analysiert wurden. In der Diskussion schiede zwischen Tierarten ausgemacht. So wird um eine staatliche Regulierung von Tierwohlstan- angenommen, dass die kritische Wahrnehmung der dards zeichnet sich ein differenziertes Meinungsbild Verbraucher zur Rinderhaltung im Vergleich zur ab. Generell sehen die Experten des LEH die staatliche Schweine- und/oder Geflu ¨gelhaltung als weniger Regulierung des Marktes durch die Politik kritisch. problematisch angesehen wird. Insgesamt stehen die Vielmehr betrachtet man die Mo ¨glichkeiten zur interviewten Experten des LEH der Aussage, dass Selbstregulierung des Marktes als effizient und aus- Verbraucher eine ho ¨here Zahlungsbereitschaft fu¨r reichend. Dennoch wurden durchaus Vorteile einer ,,Tierwohl-Produkte‘‘ haben, kritisch gegenu ¨ber. So Gesetzgebung fu ¨r mehr ,,Tierwohl‘‘ erkannt. So 123 208 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft werden bestehende Gesetzte zur Verbesserung der Akteuren konnte die Perspektive des Handels wissen- Tierhaltung gelobt, die Umsetzung und Kontrolle schaftlich durchdrungen werden und in Bezug auf das dieser aber bema¨ngelt. Die befragten Experten for- Thema ,,Tierwohlstandards‘‘ Motivationen und dern darum eine fundierte ,,weniger populistisch Hemmnisse der Durchsetzung identifiziert werden. orientierte‘‘ Diskussion u ¨ber mo ¨gliche Maßnahmen, Hierzu wurden 4 verschiedene Themenfelder bespro- die zu einer weiteren Verbesserung des ,,Tierwohls‘‘ chen. Im Hinblick auf die Listungsentscheidung la¨sst fu ¨hren ko ¨nnen. Des Weiteren bemangeln die inter- sich festhalten, dass der Handel versucht, durch stan- viewten Experten des LEH das zum Teil unkoordinierte darisierte Pru ¨fungen seiner Lieferanten einen ¨ ¨ Vorgehen von Bund und Landern bei der Gesetzge- unkritischen Fleischverkauf und -konsum zu gewahr- bung im Bereich der Tierhaltung. Zudem wird die leisten und daru ¨ber hinaus auf langfristige Regulierung des Marktes auf nationaler Ebene (fu¨r Partnerschaften vertraut. Bezu ¨glich der Sortiments- geltendes nationales Recht) kritisch gesehen da diese, vielfalt und Auswahl an Produkten orientiert der in Zeiten der Globalisierung/Europa¨isierung, nicht Handel sich vor allem am Kaufverhalten der Verbrau- immer mit dem europa¨ischen Recht vereinbar und cher und sieht sich als Bereitsteller der Wahloptionen durchsetzbar ist. Ein in diesem Zusammenhang und nicht als moralischen ,,Wahlhelfer‘‘ der Verbrau- bezeichnendes Zitat ist das folgende: cher. Im Themenfeld der ,,Regulierung‘‘ werden zwar Vorteile durch umsichtige und inkrementelle Regulie- ,,Wir leben ja schließlich nicht auf einer Insel.‘‘ rungen bei den Tierwohlstandards gesehen, jedoch wird der Markt zumeist als effektives System betrachtet. 3.4 Labeling – Uberforderung am Point-of-Sale?! Staatliche und selbststa¨ndige Label stellen ein Beispiel fu ¨r solche Regulierungen dar, scheinen aber (auch) Grundlage der im Zusammenhang mit der ,,Label- nach Ansicht des Handels Gefahr zu laufen, ihr Ziel diskussion‘‘ angewandten strukturierten durch die Uberlastung der Verbraucher mit zusa ¨tzli- Inhaltsanalyse waren n = 24 Außerungen (,,Codie- chen Informationen zu verfehlen. rungen‘‘), welche aus 6 Experteninterviews extrahiert Die folgenden Ausfu ¨hrungen sind zum Teil das und analysiert wurden. Ergebnis einer umfassenden Diskussion der Autoren ,,Der Kunde wird u¨berfrachtet.‘‘ mit verschiedenen verbraucherpolitisch aktiven Maßnahmen zum Tierschutz werden durch die Wissenschaftlern, denen wir zu Dank verpflichtet Experten des Lebensmitteleinzelhandels und weiteren sind. Er gilt allen Projektpartnern des Verbundpro- handelsnahen Akteure prima¨r als informationso¨ko- jektes ,,SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der nomisch motiviert und verbraucherorientiert Gesellschaft‘‘, insbesondere den Kollegen der Fach- wahrgenommen. Dabei wird kritisiert, dass der Kunde hochschule Su ¨dwestfalen (Prof. Dr. Marcus durch die Vielzahl von Labels am Point-of-Sale mitt- Mergenthaler) und der Zeppelin Universita¨t (Prof. Dr. lerweile u ¨berfordert ist und/oder diese oftmals gar Lucia Reisch). Des Weiteren mo ¨chten wir uns an nicht wahrnimmt. Folglich werden entsprechende dieser Stelle bei allen Interviewpartnern fu ¨r ihre Ansa¨tze und Kommunikationsmaßnahmen als kon- Teilnahme sowie die wertvollen Beitra¨ge bedanken. traproduktiv beschrieben, da viele Labels in direkter Die Fo ¨rderung des Vorhabens erfolgte aus Mitteln Konkurrenz zu einander stehen. Als Beispiel werden des Bundesministeriums fu ¨r Erna¨hrung und Land- vom LEH kreierte ,,Biosiegel‘‘ genannt, welche in wirtschaft (BMEL) aufgrund eines Beschlusses des direkter Konkurrenz mit ,,Biosiegeln‘‘ des Wettbewer- deutschen Bundestages. Die Projekttra¨gerschaft bers sowie der nationalen und europa¨ischen erfolgte u ¨ber die Bundesanstalt fu ¨r Landwirtschaft Kennzeichnung von biologischen Erzeugnissen ste- und Erna¨hrung (BLE) im Rahmen des Programms zur hen. Alternativen zu dem bisherigen System der Innovationsfo ¨rderung (FKZ: 2817203413). Verbraucherinformation sind daher wu ¨nschenswert (vgl. hierzu Kapitel ,,Zur Konzeption eines Verbrau- cherinformationssystems als Erga¨nzung – oder Literatur Alternative? – zum klassischen Informationslabel‘‘). Gigerenzer G, Todd P M, ABC Research Group (1999) 4 Zusammenfassung und Ausblick Simple heuristics that make us smart. Oxford Uni- versity Press In Experteninterviews mit Vertretern des Lebensmitte- Ho ¨ld R (2009) Zur Transkription von Audiodaten. leinzelhandels sowie den weiteren handelsnahen Qualitative Marktforschung, 655–668 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 209 Kuß A, Wildner R, Kreis H (2014) Explorative Unter- Zander K, Isermeyer F, Bu ¨rgelt D, Christoph-Schulz I, suchungen mit qualitativen Methoden Salamon P, Weible D (2013) Erwartungen der Marktforschung, Springer, pp 51–62 Gesellschaft an die Landwirtschaft. Mu ¨nster: Stif- Mayring P, Fenzl T (2014) Qualitative inhaltsanalyse tung Westfa¨lische Landschaft Handbuch Methoden der empirischen Sozialfor- schung, Springer, pp 543–556 Selten R (2001) What is bounded rationality bounded rationality: the adaptive toolbox, 13, 36 123 210 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Adequate animal welfare standards from a citizen consumer benefits, estimates of willingness to pay perspective – A stated choice experiment on broiler (WTP) are needed. WTP is used to measure the value that a good or service provides to consumers and can 1 1 1 Jutta Roosen , Bernhard Kalkbrenner , Silke Fischer be linked to economic welfare studies comparing costs and benefits of changes in the regulatory Chair of Marketing and Consumer Research, TUM environment (Hanley et al. 2001). Consumers and School of Management, Technical University of citizens have specific concerns that need to be Munich, Alte Akademie 16, 85354 Weihenstephan, addressed to make livestock production acceptable in Germany, their view (Scientific Advisory Board on Agricultural jroosen@tum.de Policy 2015). This paper’s objective is to investigate the different aspects characterizing broiler produc- 1 Introduction tion practices that lead to concern among consumers and to estimate WTP for changes in their regulation. A number of laws are regulating animal rights in The results are informative for future cost-benefit Germany. Among those is the regulation of Animal analyses of higher welfare standards and for organi- Protection and various specific regulations with zations designing label requirements to ensure that regard to livestock. Despite this regulatory oversight, their labels meet required demand levels in the animal welfare in farm production has become a market place. In this study, we focus on the WTP for contentious issue. Concern is particularly high regar- changes in the production of broilers. The number of ding pigs and poultry (see Christoph-Schulz et al. in broilers in Germany is estimated at 97.1 mio. in 2013 this article). As a reaction, new regulations on animal (Bundesministerium fu ¨r Erna¨hrung und Landwirt- welfare and labelling rules to enable consumer choice schaft 2016). The average number of animals per for higher animal welfare products are under discus- production unit is 21.588 (Bundesministerium fu¨r sion. At the same time, animal welfare labels gain Erna¨hrung und Landwirtschaft 2016). Around 77 % of significant market shares in some countries. For broilers are produced in units of 50.000 animals and example, products marketed in The Netherlands more. These units represent about 13 % of broiler under the Beter Leven label result in spending of 295.3 farms in Germany. mio. € (Smith and Pinckaers 2012). However, critics There is a significant number of WTP studies for argue that voluntary labels will not suffice to address animal welfare. Meta-analyses have been provided by all issues of animal welfare (Blaha 2017). The adjust- Norwood & Lusk (2011), Lagerkvist and Hess (2011) and ment in livestock husbandry standards is thus prone to Clark et al. (2017). Clark et al. (2017) find a positive possible, additional regulatory action. WTP for improved animal welfare independent of Blaha (2017) names 4 areas of action that should be species and welfare aspects. Reviewing studies of taken into account: keeping all farm animals in WTP for avoiding specific technologies Lusk et al. accordance with the animal protection law allowing (2014) find significant heterogeneity in WTP, gene- for natural behaviour and avoiding amputations, rally increasing with the income and decreasing with active animal health management for all livestock age. A stated choice study on broiler filets in the units, health monitoring, and educating animal Netherlands by de Jonge et al. (2015) included pro- livestock owners and managers. However, higher duct attributes such as the Beter Leven hallmark, animal welfare standards will come at a cost. A recent outdoor access, stocking density and day-night report by the Scientific Advisory Board on Agricul- rhythm. They find heterogeneous preferences, i.e. tural Policy (2015) estimates that the implementation different consumer segments that state varying WTP of their recommendations for a viable livestock hus- for broiler filets with higher animal welfare stan- bandry accepted by large parts of the population dards. Carlsson et al. (2007) analyzed WTP for animal would cost in the range of 3 to 5 bn. € per year. Karl & welfare for broilers in Sweden. A preference for Noleppa (2017) report that German agriculture is keeping broilers outdoors (in summer)/in smaller subject to additional costs of 696.0 mio. € for groups indoors (in winter) was found, as well as a respecting EU regulations on animal welfare, food WTP for slow growth breeds (as compared to fast safety and animal health in German livestock growing breeds) in forced choices. No WTP for production. mobile abattoirs over transport of animals to In order to understand the economic welfare slaughter houses was found. For Germany, Heise and implications of stricter production standards and to Theuvsen (2017) recently examined the general wil- investigate which standards yield additional lingness to pay for meat, eggs and milk in Germany. 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 211 Their analyses show that 76.5 % of German consu- broiler meat production. The survey included a mers state a willingness to pay a price premium for choice experiment on the preferences towards wel- higher animal welfare standards. On average, price fare standards in different production systems for premia up to 40 % could be accepted, but only few chicken and pigs. This paper focuses on the hypo- consumers would pay premia above 40 %. The study thetical choices as regards broilers. In contrast to finds that preferences are heterogeneous and factors many other studies, our survey focused on partici- such as gender and involvement influence the wil- pants choice among different regulatory options that lingness to pay. would apply to all broiler meat produced in Germany Against this background, the present study aims to and eventually lead to higher prices. Before the investigate the following 3 questions: choice experiment, we presented instructions, an introduction to the attributes, and the payment • RQ 1: From a citizen perspective, who carries the vehicle, i.e. new regulations would lead to higher responsibility for adequate animal welfare meat prices. Each choice question represents a dis- standards? crete choice between three legal environments with • RQ 2: What are consumer preferences for ade- specific animal welfare standards and the status quo. quate regulations for animal welfare for broiler Based on a literature review, we included 5 regula- production? tory parameters with 2 levels each (maximum • RQ 3: How do consumers react in their purchase number of animal capacity per operating unit, behavior to an increasing price for meat? stocking density, fattening period, housing system, and bill shortening) and 2 parameters with 4 (day-old 2 Methodology chicken) and 5 levels (price). The attributes and levels are presented in Table 1. Table 2 shows a sample 2.1 Methods choice task. We conducted an online survey to investigate citizen preferences for improved animal welfare practices in Table 1 Attributes and levels used in the choice experiments Attribut Levels Maximum number of 18.000 5.000 animal capacity Stocking density 23 Animals/ 10 animals/m 2a Fattening period Approx. Approx. 60 days 32 days Housing system Barn Free range Male chicks from Day-old Use of spring chicken Breeding for mast and Gender sexing in the egg and laying hens chicks are (male laying hybrids) laying (dual purpose breed) elimination of the male eggs killed No bill shortening Bill Without bill shortening shortening Increase in monthly €0 €2.45 €4.90 €7.35 €9.80 food spending Status quo option and reference level in the data analysis 123 212 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Table 2 Example of a choice set (translated from German) Please choose one of the 4 alternatives: Which scenario would you opt for considering the changes in your monthly food spending? Scenario A Scenario B Scenario C Status quo Maximum no. of animal capacity: 18.000 Maximum no. of animal Maximum no. of animal No. revision of the capacity: 18.000 capacity: 5.000 regulatory framework 2 2 2 10 animals/m 10 animals/m 23 animals/m Barn Barn Free range Fattening period approx. 32 days Fattening period approx. Fattening period approx. 32 days 60 days Gender sexing in the egg and elimination Use of spring chicken (male Day-old chicks are killed of the male eggs laying hybrids) Without bill shortening Bill shortening Without bill shortening Increase in monthly food spending €9.80 Increase in monthly food Increase in monthly food spending €4.90 spending €2.45 I choose: A B C D The scenarios are built on the current German (Statistisches Bundesamt 2011) average household regulations for chicken husbandry. The study focuses expenditures are 290 € per household and month for on 6 attributes and analyzes current animal welfare food, and 49 € for meat and meat products. The standards and higher standards. While the attributes expenditure change scenarios thus correspond on refer mostly to broiler production per se, some attri- average to a 5, 10, 15 and 20 % change in meat butes are based on the interlinkage to the production expenditures per household and month. of layers, as certain regulations in one sector would Using Ngene software we generated an ‘optimal have implications for the other. First, the size of the orthogonal in the difference’ design (Street et al. farm operation was defined as 18.000 chickens or 2005). We used a fractional design that resulted in 16 5.000 chickens (levels marked with a represent the choice sets. As we blocked the sets into 2 blocks, status quo). 18.000 chickens represents a common respondents had to fill in one block with 8 choice size. Second, the stocking density is either 23 animals/ sets. The resulting MNL D-error was 0.183. 2a 2 m , the current standard, or 10 animals/m . Third, as housing systems we included barn and free-range. 2.2 Data collection Fourth, the fattening period was defined as 32 or 60 days. Fifth, it is common to kill the day-old chicks of A total of 1420 respondents from Germany were laying hens after hatching since special breeds are interviewed by means of internet-based ques- used as broilers. We defined 3 alternatives for dealing tionnaires in May and June 2016. A market research with day-old chicks: the use of spring chicken (male company was in charge of recruiting the respon- laying hybrids used for meat at early age), breeding dents and conducting the survey. The panel is for mast and laying, and gender sexing in the egg representative of the German population in terms of with the elimination of the male eggs. Sixth, accor- location, monthly net income, sex, age, employment ding to current regulations farmers are allowed to status, and education. The total sample was split cut the bills of the parent birds to prevent picking. into one group filling in the chicken experiment, Another practice is to not cut the bills. Price levels while the other group took part in an experiment on were defined as increases in household expenditures pigs. 714 respondents were allocated the choice on food due to the higher costs of the different ani- experiment on chicken. The majority of the mal welfare standards. Compared to no change in respondents (52.4 %) often purchases chicken meat, the status quo (0€), we defined increases in monthly 42.4 % rarely, and 5.2 % (n = 37) do not buy chicken food spending as ?2.45€, ?4.90€, ?7.35€ and ?9.80€. at all. In this article, we only include consumers who The higher food spending is based on a percentage purchase chicken at least rarely. Hence, the final change from the average expenditures on food. sample consisted of 677 respondents. Table 3 pres- According to the Income and Expenditure Survey ents the composition of the total sample and the 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 213 broiler sub-sample. The sub-sample has similar 2.3 Statistical analysis characteristics as the total sample. We conducted a choice experiment, which builds on the random utility framework (McFadden 1974). To Table 3 Sample Characteristics test for the assumption of independence of irrelevant Variables Broiler sub- Total sample alternatives (IIA) among choice options, we conduc- sample (N = 1420) ted a Hausman test (Hausman and McFadden 1984). (N = 677) Frequency (%) Frequency The test results in significant outcomes and rejects (%) the IIA assumption. We, hence, estimate a random- parameters logit model using Stata (commands: Gender mixlogit and wtp). The data is dummy coded and the Female 50.7 51.6 parameters in this study are set to be random, but Male 49.3 48.4 price and the status quo option are defined as fixed Age (Hole and Kolstad 2012). We use 500 Halton draws to 18–24 years 7.8 8.0 estimate our random parameters logit model. 25–29 years 7.0 7.4 30–39 years 17.5 18.0 3 Results 40–49 years 16.2 16.1 50–64 years 27.9 27.9 We asked respondents about (1) the responsibilities 65 years and older 23.5 22.6 for ensuring adequate animal welfare standards, (2) Average monthly net household conducted a choice experiment on broiler husbandry income (in Euro) standards and (3) analyzed consumption responses to Less than 500 2.1 2.1 higher meat prices. Our respondents see mainly far- 500–899 7.2 7.6 mers (43.3 %) in charge of an adequate animal 900–1299 15.2 13.7 husbandry, followed by the state (26.8 %), and con- 1300–1499 8.6 8.5 sumers themselves (21.5 %). Only 6.5 % see the retail 1500–1699 7.5 7.3 sector as mainly responsible to ensure adequate 1700–1999 9.3 9.9 animal welfare. 2.2 % of the sample selected ‘‘others’’ 2000–2599 16.2 16.0 and most of them filled in that all the above-men- 2600–3199 11.8 11.8 tioned stakeholders are in charge. The results of the 3200–4499 14.2 14.7 random parameters logit model of the choice expe- 4500–5999 5.2 5.8 riment on different legal settings for farm animal At least 6000 2.7 2.7 welfare standards for chicken are presented in Education Table 4. The mean estimate coefficients show the No degree 1.5 1.0 utility attached to the different levels, and significant Secondary general school- 23.5 21.6 standard deviations represent preference leaving certificate heterogeneity. (Hauptschulabschluss) Certificate of ten-grade school 6.6 6.2 of general education in the former GDR (Polytechnische Oberschule) Intermediate school-leaving 28.4 28.9 certificate (Mittlere Reife) University/University of applied 21.1 21.4 sciences entrance qualification (Fachabitur, Abitur) Degree from university or 18.9 20.9 university of applied sciences Results for the full sample (n = 1420); Item: ‘‘In your opinion, who is mainly responsible for an adequate animal husbandry?’’ 123 214 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Table 4 Conditional Logit Parameter Estimates state a preference for free range over barn housing. As male chicks of laying hens cannot be used as fattened Variable Coef. Std. chicken, different alternatives exist to deal with this Err. issue. When compared to the status quo of killing the Mean estimates day-old chicks, consumers state preferences for bree- Status quo 0.748*** 0.107 ding for mast and laying, followed by gender sexing in Expenditures - 0.158*** 0.009 the egg and elimination of the male eggs, and the use 3.000 animals (Reference: 18.000 animals) 0.100 0.060 of spring chicken (male laying hybrids). Finally, consu- 2 2 10 animals/m (Reference: 23 animals/m ) 0.638*** 0.080 mers advocate no shortening of bills. Free range (Reference: Barn) 0.743*** 0.068 In order to analyze the WTP of consumers, we Approx. 60 days of fattening (Reference: 0.111 0.065 examine an increase of food spending for higher Approx. 32 days) farm animal welfare standards. We elicit relatively Day-old chicken (reference: day-old chicks high price premia (in terms of higher food spending) are killed) for the issue of day-old chicks. The results indicate Spring chicken (male laying hybrids) 0.793*** 0.084 higher WTP for breeding for mast and laying (?7.2€), Breeding for mast and laying 1.135*** 0.080 gender sexing in the egg and elimination of the male Gender sexing in the egg and elimination of 0.939*** 0.093 eggs (?6.0€), and spring chicken (?5.0€), i.e. male the male eggs laying hybrids, when compared to killing day-old No bill shortening (reference: bill 0.840*** 0.064 chicks. Consumers are found to be willing to increase shortening) their monthly spending by 5.3€ for animals welfare Standard deviations standards that prohibit shortening bills. The housing 3.000 animals 0.69*** 0.089 system is another important aspect analyzed in this 10 animals/m 1.562*** 0.084 study. We find additional monthly expenditures of Free range 1.073*** 0.080 4.7€ for free-range chickens, when compared to barn Approx. 60 days 1.012*** 0.074 housing. To achieve a regulation with lower densities Spring chicken (male laying hybrids) 0.783*** 0.104 2 2 of animals (10 animals/m instead of 23 animals/m ), Breeding for mast and laying 0.991*** 0.089 consumers would be willing to spend additional 4.1€ Gender sexing in the egg and elimination of 1.190*** 0.096 per month on food. the male eggs No bill shortening 1.126*** 0.069 Table 5 WTP estimates *p \ 0.05, **p \ 0.01, ***p \ 0.001 No. of observations = 21664; LR chi (8) = 1536.72; Log like- Increase in monthly food lihood =- 6066.957; Prob [ chi = 0.000 spending (in €) Maximum number of animal capacity (reference: 18.000 All estimates are significant except the maximum animals) number of animal capacity and the fattening period. 5.000 animals 0.63 (ns) However, the results of the standard deviations indi- 2 Density (reference: 23 animals/m ) cate that preference heterogeneity exists for all 10 animals/m 4.05 attributes; i.e. respondents value certain product Fattening period (reference: attributes to varying degrees. Approx. 32 days) The results show a significant preference for the approx. 60 days 0.70 (ns) status quo. 51 participants chose the status quo in all Housing system (reference: Barn) 8 choice sets presented—consistently refusing regu- Free range 4.71 latory revisions. The coefficient of expenditure is Day-old chicken (reference: negative, indicating that consumers prefer lower day-old chicks are killed) expenditures to higher ones. Spring chicken (male laying 5.03 hybrids) The maximum number of animal capacity and the Breeding for mast and laying 7.20 fattening period do not have a significant effect on choices as regards higher animal welfare standards. We Gender sexing in the egg and 5.96 elimination of the male eggs find a preference for a lower density of animals—a No bill shortening (reference: Bill 5.33 regulation with 10 animals/m is preferred over 23 2 shortening) animals/m . The housing system is another significant ns not statistically significant parameter for animal welfare standards. Consumers 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 215 heterogeneous. The size of the variation indicates In order to verify the findings of the choice experi- that some consumers value the different attribute ment, we asked respondents (n = 1420) about their levels, while others do not. The willingness to pay purchasing behavior in case the price for meat would parameters—measured in terms of a percentage increase. Around half of the consumers (49.2 %) would change from the average expenditures on meat—for not reduce their meat consumption while over a third male laying hybrids, free range and lower stocking (36.9 %) would lower it 2.7 % of the sample indicated to density are in the range of a 10 % increase in meat increase their meat consumption if higher animal expenditures. Preferences for gender sexing are welfare standards become the norm. A share of 11.2 % slightly higher. Regulations stipulating breeding for do not know if they would change their behavior. mast and laying would be favored and a willingness to spend around 15 % more per month on meat is 4 Discussion found. In our hypothetical scenario, we find a rela- tively high WTP for dual-purpose chicken, but also The objective of this study was to investigate the dif- see heterogeneous preferences. Overall, the increase ferent aspects characterizing broiler production in monthly food spending for meat between 10 % and practices that lead to concern among citizens and to 15 % can be regarded as realistic (from the consumer estimate WTP for changes in regulations. We elicited perspective) as e.g. Heise and Theuvsen (2017) found preferences of German consumers for different regu- accepted premia for products with higher animal lations as regards broiler chicken using a stated choice welfare standards of up to 40 %. However, the addi- experiment. With regard to RQ1, we find that—from a tional costs for chicken products with higher animal citizen perspective—farmers are assigned primary welfare standards needs to be investigated. Moreover, responsibility to ensure adequate animal welfare. The the acceptance e.g. of dual-purpose chicken and the state and consumers themselves are seen as further actual willingness to pay at the point-of-sale as well important actors, while the role of the retail sector is as the sensory evaluation are open questions. viewed as almost negligible. These findings correspond With regard to RQ3, we conclude that consumers to the study by Zander et al. (2013), with farmers being react differently to increasing prices for meat. While mainly responsible to ensure adequate animal hus- the majority would not change their purchase beha- bandry, followed by the state. However, the present vior, around one-third would reduce their meat study indicates a more prominent role of the consu- consumption. Only a very small share of the sample mers—21.5 % see consumers as mainly in charge would increase their meat consumption due to higher compared to 13.2 % in Zander et al. (2013). perceived animal welfare standards. Referring to cur- With respect to RQ2—consumer preferences for rent regulations in Germany, the study highlights the regulations for animal welfare for broiler produc- potential for a stronger regulatory framework from the tion—the study shows that the killing of day-old chicks citizen perspective. Consumers advocate that chicken is an issue that consumers oppose. Strong preferences have an adequate space to live, i.e. a low stocking exist for breeding for mast and laying, followed by density and an adequate housing system. Moreover, the gender sexing in the egg with the elimination of the regulator should solve the issue of killing day-old male eggs, and male laying hybrids. It must be noted chicks, in particular by focusing on breeding for mast that the survey was conducted in temporal proximity and laying, and include regulations regarding bill to the verdict of the Oberverwaltungsgericht NRW on shortening and the housing system, in particular with the killing of one-day old chicks (20 A 488/15; 20 A access to different climate zones. 530/15). Bill shortening is another issue that consumers Although we tried to reduce the hypothetical refuse as they state a relatively high willingness to pay character of this study, one has to keep in mind that a for regulation prohibiting the shortening of bills. The gap between the hypothetical and actual WTP for housing system of the broiler is also relatively import- higher animal welfare standards might exist. Analy- ant, i.e. consumers value free range over barn housing. zing actual purchase behavior using scanner data Finally, consumers value regulations enforcing lower that includes specific product details like animal densities (fewer animals/m ). The maximum number of welfare labels (which is often lacking in current data animal capacity and the length fattening period are sources) would allow investigating this issue in fur- not considered as significant parameters for animal ther detail. Moreover, other potentially important welfare. animal husbandry parameters could be included in As indicated by the significant variation in the future analyses. The complexity of the choice expe- parameters, preferences for all attributes are riment might have resulted in information overload 123 216 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft for respondents. However, we could not identify sys- method for valuing safer food. J Risk Uncertain tematic refusal to consider the options in the choice 34:123–144. https://doi.org/10.1007/s11166-007-9006- set within our sample. Despite the serious conside- 9 ration by respondents, the estimates may be Hanley N, Shogren J, White B (2001) Introduction to impacted by limited scope sensitivity (Goldberg and environmental economics. Oxford University Roosen 2007), an issue that could be investigated in Press, Oxford futures studies. Hausman J, McFadden D (1984) Specification tests for This study provides insights for legal revisions for the multinomial logit model. Econometrica adequate animal welfare standards from a citizen 52:1219–1240. https://doi.org/10.2307/1910997 perspective, while other aspects such as the view of Heise H, Theuvsen L (2017) Die Mehrzahlungsbereit- the farmers, cost issues and the implementation of schaft fu ¨r Milch, Eier und Fleisch aus new regulations also need to be considered. Future Tierwohlprogrammen: Eine repra¨sentative Ver- studies could conduct cost-benefit analyses of higher braucherbefragung. J Consum Prot Food Saf welfare standards enabling a more complete assess- 12:105–113. https://doi.org/10.1007/s00003-016-1062- ment of alternative options. 0 Hole AR, Kolstad JR (2012) Mixed logit estimation of Acknowledgment The authors thank Johanna willingness to pay distributions: a comparison of Dahlhausen for her help in planning this study and models in preference and WTP space using data the choice experiment. from a health-related choice experiment. Empir Econ 42:445–469. https://doi.org/10.1007/s00181- 011-0500-1 References Karl H, Noleppa S (2017) Kosten europa¨ischer Umweltstandards und von zusa¨tzlichen Auflagen Blaha T (2017) Wie sinnvoll sind Tierwohl-Label? in der deutschen Landwirtschaft - Eine Analyse J Consum Prot Food Saf 12:101–103. https://doi.org/ und Hochrechnung fu ¨r durchschnittliche Betriebe 10.1007/s00003-017-1105-1 und den Sektor. HFFA Research Paper, Berlin. Bundesministerium fu ¨r Erna¨hrung und Landwirt- Lagerkvist CJ, Hess S (2011) A meta-analysis of consu- schaft (2016) Statistisches Jahrbuch u ¨ber mer willingness to pay for farm animal welfare. Erna¨hrung, Landwirtschaft und Forsten - Jahrbuch Eur Rev Agric Econ 38:55–78. https://doi.org/10. 2016. Landwirtschaftsverlag GmbH, Mu ¨nster 1093/erae/jbq043 Carlsson F, Frykblom P, Lagerkvist CJ (2007) Consumer Lusk JL, Roosen J, Bieberstein A (2014) Consumer willingness to pay for farm animal welfare: mobile acceptance of new food technologies: causes and abattoirs versus transportation to slaughter. Eur roots of controversies. Annu Rev Resour Econ Rev Agric Econ 34:321–344. https://doi.org/10.1093/ 6:381–405. erae/jbm025 McFadden D (1974) Conditional logit analysis of Clark B, Stewart GB, Panzone LA, et al. (2017) Citizens, qualitative choice behavior. In: Zarembka P (ed) consumers and farm animal welfare: a meta-ana- Frontiers in Econometrics. 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Es wurde ermittelt, wie die Probanden reagieren, wenn sie mit Nachteilen eines positiv wahr- 1 1 Winnie Isabel Sonntag , Stefan Golze , Arne Kutsch- genommenen Systems und mit Vorteilen eines negativ 1 1 1 bach , Birgit Gassler , Achim Spiller wahrgenommenen Systems konfrontiert werden. Die Studie la¨sst erste Schlussfolgerungen daru ¨ber zu, wie Georg-August-Universita¨tGo ¨ttingen, Department Bu ¨rger verschiedene Nachhaltigkeitsziele gegeneinan- fu ¨r Agraro ¨konomie und Rurale Entwicklung der abwa¨gen und welche Priorisierung sie vornehmen. Marketing fu ¨r Lebensmittel und Agrarprodukte Die Ergebnisse unterstu ¨tzen politische Entscheider und winnie.sonntag@agr.uni-goettingen.de die Praxis bei der Entwicklung innovativer Tierhal- tungssysteme unter Einbeziehung von 1 Einleitung Bu ¨rgermeinungen. Eine steigende Besorgnis gegenu ¨ber intensiven Tier- 2 Vorgehensweise und Methoden haltungssystemen ist ein anhaltendes Phanomen in westlichen Gesellschaften (Van Loo et al. 2014). Ins- Vor dem Hintergrund der skizzierten Forschungslu¨- besondere Produktionsformen mit großen Tierzahlen cke wurde ein qualitatives, exploratives Vorgehen in und ganzja¨hriger Stallhaltung, die einen hohen Form von Einzelinterviews mit einem quantitativen Mechanisierungsgrad aufweisen, wie bspw. die Vorgehen in Form einer Online-Befragung Masthu ¨hnchenhaltung, werden von der Gesellschaft kombiniert. negativ bewertet (Castellini et al. 2008). Einerseits werden Geflu ¨gelprodukte aufgrund ihres geringen 2.1 Qualitative Interviews Preises und ihres erna¨hrungsphysiologischen Wertes gerne konsumiert, andererseits werden Produktsi- Fu ¨r die qualitativen Interviews wurden Bu ¨rger u ¨ber cherheit und hohe Tierwohl- und Umweltstandards Anzeigen in der Presse und sozialen Medien rekru- erwartet (De Jonge und van Trijp 2013; Vanhonacker tiert. Zwischen dem 31. Oktober und dem 03. et al. 2010). Daraus entstehen zwangsla¨ufig Zielkon- November 2016 wurden zehn 90-minu ¨tige halb- flikte, die fu ¨r Laien nicht ohne weiteres erkennbar strukturierte, intensive Leitfadeninterviews mit sind (Zander et al. 2013). Bu ¨rgern gefu ¨hrt, die keine Vorkenntnisse oder Allgemein versteht man unter einem Zielkonflikt berufliche Erfahrungen in der Landwirtschaft hatten. die Unvereinbarkeit zweier Ziele. Es kann kein Ziel Die fu ¨nf Frauen waren durchschnittlich 41 Jahre alt realisiert werden, ohne ein anderes Ziel zu ver- und die fu¨nf Ma¨nner im Durchschnitt 35 Jahre alt. nachlassigen (Laux et al. 2014). In Bezug auf die Unterstu ¨tzt von Bildern und neutral formulierten landwirtschaftliche Tierhaltung ist den meisten Bu¨r- Texten wurden Zielkonflikte bei der Auslaufhaltung gern der Zielkonflikt zwischen niedrigen Preisen fu ¨r Masthu ¨hnchen und der Bodenhaltung auf Ein- und Tierwohl gela¨ufig, allerdings existieren Zielkon- streu dargestellt (Abb. 1 und 2). Die Vor- und flikte auch zwischen verschiedenen Nachteile wurden anhand einer Literaturrecherche Nachhaltigkeitsdimensionen oder zwischen ver- identifiziert und von Experten auf Neutralitat schiedenen Tierschutzzielen (WBA 2015). Um eine begutachtet (Tab. 1). Das Vorgehen war in allen ho ¨here Akzeptanz der Tierhaltung zu erreichen, Interviews identisch. Die Probanden wurden nach muss klar sein, welche Ziele von Bu ¨rgern im Kon- einer Einfu ¨hrungsphase und der Frage nach Kon- fliktfall pra¨feriert werden. sumgewohnheiten zuna¨chst gebeten, die Bilder der Bisher ist allerdings kaum bekannt, wie Bu ¨rger Auslaufhaltung und der Bodenhaltung ohne Infor- reagieren und sich entscheiden, wenn sie sich mit mationen zu beurteilen und ihre Wahrnehmungen typischen Zielkonflikten in der Hu ¨hnchenhaltung (wie zu schildern. Danach erhielten sie die Auflistung der bspw. ho ¨herer Stickstoffeintrag vs. Tageslicht bei der Vor- und Nachteile beider Systeme. Die Interviews Auslaufhaltung) auseinandersetzen mu ¨ssen. Vor diesem wurden aufgezeichnet, anschließend transkribiert Hintergrund wurden zuna¨chst in einem innovativen und inhaltsanalytisch nach Mayring (2010) ausge- Mixed-Methods-Ansatz 10 intensive Einzelinterviews mit wertet. Dieser Auswertungsmethode folgend, deutschen Bu ¨rgern gefu ¨hrt und diese Ergebnisse wurden Aussagen zuna¨chst paraphrasiert, generali- anschließend in einer quantitativen Befragung mit 303 siert und dadurch deduktive Hauptkategorien Probanden verifiziert. In beiden Studien wurden neutral gebildet (Mayring 2010). Anschließend wurden gehaltene Informationstexte und Bilder eingesetzt, um induktive Kategorien abgeleitet und das 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 219 Kategoriensystem weiter verfeinert (Kuckarzt 2016). 4. Bewertung der identifizierten Zielkonflikte. In Somit konnten die Aussagen den gebildeten Kate- der quantitativen Befragung wurden die Redu- gorien zugeordnet werden. Die Datenanalyse erfolgt zierung der Besatzdichte sowie die mittels der Software MAXQDA. Auslaufhaltung fu ¨r Masthu ¨hnchen als Zielkon- flikte thematisiert. 2.2 Quantitative Online-Befragung Im vierten Block war das Vorgehen fu ¨r jeden Zielkonflikt identisch. Zunachst erhielten die Pro- In Anlehnung an die Ergebnisse der qualitativen banden gleichzeitig Bilder und Informationstexte mit Interviews wurde im Marz 2017 eine deutschland- Vor- und Nachteilen des jeweiligen Systems (Abb. 1 weite Online-Umfrage mit Quoten fu ¨r Alter, bis 2 und Tab. 1). Nach der Informationsgabe wurden Geschlecht und Bildung in Zusammenarbeit mit die Teilnehmer gebeten, einzelne Zielkonflikte zum einem Panel-Anbieter durchgefu ¨hrt. Insgesamt wur- jeweiligen System zu bewerten. Ziel war herauszu- den 303 deutsche Bu ¨rger u ¨ber 18 Jahre befragt. Der finden, wie sich die Teilnehmer bei Konflikten Fragebogen gliederte sich in 4 Blo ¨cke: zwischen verschiedenen Nachhaltigkeitszielen (wie 1. Allgemeine soziodemographische Angaben, z.B. Tierwohl vs. Umweltschutz) und zwischen 2. Na¨he zur Landwirtschaft und Konsumverhalten, altruistischen und egoistischen Zielen (wie z.B. Tier- 3. Einstellungsfragen zum Informations- und Ein- wohl vs. Produktqualita¨t) entscheiden. Die kaufsverhalten sowie zur Tierwohldiskussion Auswertung der erhobenen Daten wurde mittels IBM und SPSS 24 durchgefu¨hrt. 123 220 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Abb. 1 Eingesetzte Bilder zum Zielkonflikt Bodenhaltung auf Einstreu Abb. 2 Eingesetzte Bilder zum Zielkonflikt Auslaufhaltung 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 221 Tab. 1 Informationen fu ¨r die Interviewteilnehmer Vorteile Nachteile Bodenhaltung 1 Umweltparameter wie Temperatur, Licht und Aufgrund der hohen Tierzahlen kommt es bei den Luftwechselrate ko ¨nnen kontrolliert werden Ha ¨hnchen zu Behinderungen beim Aufstehen und Bewegen 2 Emissionen wie Geruch oder La ¨rm sind verringert Dies hat eine Bewegungseinschra ¨nkung fu ¨r die Ha ¨hnchen zur Folge 3 Durch Stallhaltung wird die physiologische Entwicklung Das Ausu ¨ben natu ¨rlicher Verhaltensweisen ist erschwert der Tiere optimiert. Sie ist o ¨konomisch sehr effizient und weniger arbeitsintensiv 4 Hygienische Probleme durch Krankheitsu ¨bertra ¨ger aus Die Tiere weisen mehr Befiederungsdefekte durch der Umwelt sind minimiert Kratzverletzungen auf 5 Erho ¨hte Tiersicherheit, da die Tiere nicht mit Kotplatz und Liegebereich ko ¨nnen aufgrund der Beutegreifern in Kontakt kommen Besatzdichte weniger getrennt werden 6 Durch Intensivhaltung großer Tierzahlen verringert sich Die Gefahr von Infektionen durch Ausscheidungen ist der Fla ¨chenbedarf pro Tier vergro ¨ßert Auslaufhaltung 1 Es wird den Tieren ermo ¨glicht in Interaktion mit der Mit diesem System sind erho ¨hte Investitions- und Umwelt zu treten. Die Ha ¨hnchen haben Wahlfreiheit Betriebskosten verbunden zwischen verschiedenen Klimabedingungen und Zugang zum Tageslicht 2 Sozialverhalten und arttypisches Verhalten wie scharren, Durch den ho ¨heren Platzbedarf und die erweiterten picken oder sandbaden ko ¨nnen besser ausgelebt Bewegungsmo ¨glichkeiten der Tiere, die zu einem werden erho ¨hten Futterverbrauch fu ¨hren, ist die Haltung kostenintensiver 3 Die Tiere weisen weniger Befiederungsdefekte durch Aufgrund des Kontakts zur Außenwelt und Wildvo ¨geln ist Kratz- und Pickverletzungen auf der Hygienestatus schwerer aufrecht zu halten, da eine erho ¨hte Gefahr der Aufnahme von Krankheitserregern besteht 4 Die Tiere haben weniger schwere La ¨sionen an den Der Kontakt zu Beutegreifern verringert die Fußballen Tiersicherheit 5 Es steht mehr Platz pro Tier zur Verfu ¨gung Es kommt zu einer Ubernutzung des stallnahen Bereiches, indem die Grasnarbe zersto ¨rt wird und starke Uberdu ¨ngung stattfindet 6 Die Tiere leben in der Regel la ¨nger Insgesamt erweist sich dieses System als arbeitsintensiver Quelle: Bessei 2006; Dawkins et al. 2003; Ellendorff et al. 2002; Fanatico et al. 2005; Feddes et al. 2002; Ghosh et al. 2012; Knierim 2013; Puron et al. 1995; Reiter und Bessei 2000; Stahl et al. 2002; Tuyttens et al. 2008; Wolf-Reuter 2004 3 Ergebnisse 3.1.2 Konfrontation mit Zielkonflikten Nur drei Probanden konnten auf die Frage, was unter 3.1 Qualitative Interviews einem Zielkonflikt zu verstehen sei, eine konkrete Antwort geben. Die restlichen Teilnehmer erkla¨rten, 3.1.1 Einscha¨tzung des eigenen Wissensstandes und nicht zu wissen, was ein Zielkonflikt sei. Zur Konsumverhaltens Unterstu ¨tzung wurde deshalb ein thematisch ent- Das Vorwissen und die Erfahrungen zum Thema ferntes Beispiel genannt (Geldanlage mit niedrigem Hu ¨hnchenmast waren bei den Probanden eher ger- Risiko aber auch geringer Rendite). Anschließend ing. Direkten Kontakt zur Hu ¨hnchenmast hatten wurde offen abgefragt, welche Zielkonflikte in der lediglich 2 der Befragten. Auf die Frage, wie sich die Haltung von Masthu ¨hnchen vorliegen ko ¨nnten. Interviewten aktuelle Haltungsformen in der Hu ¨hn- Neun von zehn Probanden konnten mindestens chenmast vorstellen, wurden fast ausschließlich einen Zielkonflikt nennen. Die ha¨ufigsten Beispiele negative Begriffe verwendet. Unter den Probanden waren der Konflikt zwischen Produktpreis bzw. Zah- befanden sich eine Veganerin, ein Vegetarier und lungsbereitschaft und Qualita¨t der Tierhaltung bzw. acht Fleischesser. Der Fleischkonsum der Fleischesser des Fleisches. schwankte von einer Fleischmahlzeit pro Woche bis hin zum ta¨glichen Fleischkonsum. Sieben Probanden aßen auch Hu ¨hnchenfleisch. 123 222 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Bodenhaltung auf Einstreu nicht ausschlaggebend. Die erschwerte Aufrechter- Beim Fallbeispiel Bodenhaltung auf Einstreu wur- haltung des Hygienestatus wurde negativ bewertet den die Probanden zuna¨chst gebeten Bilder (Abb. 1 und weckte bei den Probanden die Sorge, dass die und 2) ohne Informationen zu bewerten. Insgesamt Tiere mehr Antibiotika bekommen, sich dadurch die beschrieben die Teilnehmer ihre Wahrnehmungen Fleischqualitat verschlechtert und somit auch die als negativ. Ein Großteil der Befragten a¨ußerte eigene Gesundheit negativ beeinflusst wird. Insge- Besorgnis u ¨ber das Wohl der Tiere in dieser Hal- samt gaben die Probanden aber an, dass sich ihr tungsform. Vor allem, dass die Tiere zumindest positiver Eindruck des Haltungssystems durch die zur ¨ ¨ Tageslicht sehen, wurde als Wunsch geaußert. Verfu ¨gung gestellte Information noch verstarkt habe Anschließend erhielten die Probanden Texte mit Vor- und dass es anzustreben sei, deutlich mehr Tiere in und Nachteilen (Zielkonflikten) des jeweiligen Hal- diesem System zu halten. tungssystems. Sie wurden erneut gebeten ihre Quantitative Befragung Wahrnehmungen zu beschreiben und sich fu ¨r eine Auf Basis der Ergebnisse der Interviews wurde eine Argumentationsrichtung, also entweder fu ¨r die Vor- Online-Befragung mit 303 Teilnehmenden durch- oder die Nachteile, zu entscheiden. Wa¨hrend die gefu ¨hrt. Es nahmen insgesamt 48,8 % ma¨nnliche und Nachteile allen Befragten fast ausnahmslos bekannt 51,2 % weibliche Teilnehmende an der Online-Befra- waren, erschienen die Vorteile u ¨berwiegend neu. Die gung teil. Diese waren im Mittel 48,6 Jahre alt und ¨ ¨ Probanden außerten gro ¨ßtenteils Verstandnis fu ¨r die gro ¨ßtenteils Angestellte (35,3 %) und Rentner (26,1 %), Tierhalter und konnten die genannten Vorteile des die oftmals in Zwei-Personen-Haushalten (43,6 %) Systems nachvollziehen. Dieses Versta¨ndnis wollten oder in Single-Haushalten (29,0 %) lebten. Insgesamt die Probanden jedoch nicht als Akzeptanz verstanden spiegelt die Stichprobe die deutsche Bevo ¨lkerung wissen. Zu den plausiblen Argumenten za¨hlte in relativ gut wider. erster Linie die erho ¨hte Kontrolle der Umweltpara- Einscha¨tzung des eigenen Wissensstandes und meter wie Temperatur, Licht und Luftwechselrate. Konsumverhaltens Mehrmals genannt wurde auch die o ¨konomische Bei der Frage nach ihrem Bezug zur Masthu ¨hn- Effizienz, wobei dies als positiv fu ¨r die Produzenten chenhaltung scha¨tzten die Probanden ihr Interesse und nicht fu ¨r das Tier oder die Verbraucher gewertet an der Landwirtschaft (73,6 %) und an der Hu ¨hn- wurde. Dass mit dem geschlossenen System eine chenhaltung (76,5 %) als mittel bis sehr hoch ein. Das Minimierung hygienischer Probleme durch Krank- eigene Wissen u ¨ber die Hu ¨hnchenhaltung wurde heitsu ¨bertra¨ger aus der Umwelt einhergeht, wurde hingegen als mittel bis gering bewertet (75,2 %). als vorteilhaft empfunden. Als nachteilig fu ¨hrten die 93,7 % der Probanden kaufen Fleisch und Wurstwa- Probanden das unnatu ¨rliche und nicht arttypische ren und rund 80 % der Befragten essen mehrfach pro Verhalten der Hu ¨hnchen in einem solchen System Woche bis ta¨glich Fleisch. an. Insgesamt bewertete eine Probandin abschließ- Konfrontation mit Zielkonflikten end die Bodenhaltung als positiv, die anderen 9 Nachdem die Probanden Bilder und Informati- Teilnehmer gewichteten die Nachteile der Boden- onstexte zu den jeweiligen Haltungsformen erhalten haltung sta¨rker. Die zur Verfu ¨gung gestellte hatten (s. Tab. 1 und Abb. 1 und 2 im Anhang), wur- Information fu ¨hrte nach eigener Angabe bei keinem den sie gebeten, Zielkonflikte anhand einer Probanden zu einer vera¨nderten Wahrnehmung der 5-stufigen Skala (von ,,stimme voll und ganz zu‘‘ bis Bodenhaltung auf Einstreu. ,,stimme ganz und gar nicht zu‘‘) zu bewerten. Auslaufhaltung fu¨r Masthu¨hnchen Reduzierung der Besatzdichte Nachfolgend wurden die Probanden mit Bildern Bei den Zielkonflikten zur Reduzierung der und Zielkonflikten der Auslaufhaltung konfrontiert. Besatzdichte entschied sich der Großteil der Teilneh- Die Bilder der Auslaufhaltung wurden sehr positiv mer fu ¨r das Wohl der Tiere (s. Tab. 2). Weder ein bewertet. Vereinzelt schlossen einige Probanden geringer Preis noch eine bessere wirtschaftliche aufgrund der Auslaufhaltung auch auf ein hochwer- Situation des Landwirts oder eine gleichbleibende tigeres Nahrungsmittel. Ein weiterer, oft Produktqualita¨t konnten fu ¨r die Probanden Ein- wiedergegebener Vorteil war, dass sich die Tiere schra¨nkungen des Tierwohls rechtfertigen. Lediglich durch die Interaktion mit der Umwelt arttypischer ein guter Gesundheitszustand der Tiere, bedingt verhalten ko ¨nnten. Auf der Seite der Nachteile wurde durch moderne Stalltechnik und optimales Stallma- die Problematik der erho ¨hten Betriebskosten und des nagement, fu ¨hrte zu etwas Unsicherheit in der Arbeitsaufwandes verdeutlicht, fu ¨r die perso ¨nliche Bewertung. Beurteilung dieses Haltungssystems war dies aber 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 223 Tab. 2 Bewertung der Zielkonflikte zur Reduzierung der Auslaufhaltung Besatzdichte ¨ Ahnliche Resultate fanden sich bei der Bewertung der Zielkonflikte der Auslaufhaltung (s. Tab. 3). So Zielkonflikt Stimme voll Teils/teils Stimme nicht zu Reduzierung der und ganz zu & stimme ganz nahm der Großteil der Probanden negative Auswir- Besatzdichte & stimme zu und gar nicht zu kungen der Auslaufhaltung auf die Umwelt und eine Erho ¨hung des Preises in Kauf, wenn es den Es ist akzeptabel, dass die Tiere weniger Platz haben, wenn … Tieren im Gegenzug besser geht. Eine erho¨hte der Fleischpreis 9% 18% 73% Infektionsgefahr durch pathogene Erreger und gering bleibt Keime wurde als Zielkonflikt noch am starksten die Landwirte 14% 31% 55% kostendeckend gewichtet, trotzdem u¨berwogen die Pra¨ferenzen fu¨r arbeiten ko ¨nnen die Auslaufhaltung. die Fleischqualita¨t 19% 26% 55% gleich bleibt die Tiere durch den 35% 28% 37% Tab. 3 Bewertung der Zielkonflikte zur Auslaufhaltung Einsatz von moderner Zielkonflikt Stimme Teils/teils Stimme nicht Stalltechnik und Auslaufhaltung voll und zu & stimme gutem ganz zu & ganz und gar Stallmanagement stimme zu nicht zu gesund sind Ein gesteigerter Na ¨hrstoffeintrag (Nitrat) in den Boden ist Es ist akzeptabel, dass die Tiere unter erho ¨hten Stresslevels akzeptabel, wenn … leben, wenn … die Tiere Zugang 51% 30% 19% der Fleischpreis 8% 16% 76% zu Tageslicht und gering bleibt frischer Luft die Landwirte 12% 21% 67% haben kostendeckend die Tiere ihre 61% 25% 14% arbeiten ko ¨nnen arttypischen die Fleischqualita¨t 12% 21% 67% Verhaltensmuster gleich bleibt ausu ¨ben ko ¨nnen die Tiere durch den 22% 23% 54% die Tiere sich 63% 24% 13% Einsatz von besser moderner fortbewegen Stalltechnik und Eine ho ¨here Gefahr der Infektion mit Krankheiten ist gutem akzeptabel, wenn … Stallmanagement gesund sind die Tiere Zugang 46% 34% 20% zu Tageslicht und Es ist akzeptabel, dass die Tiere zum Ende der Mastperiode auf frischer Luft feuchter Einstreu leben, wenn … haben der Fleischpreis 5% 17% 78% die Tiere ihre 52% 29% 19% gering bleibt arttypischen die Landwirte 8% 22% 70% Verhaltensmuster kostendeckend ausu ¨ben ko ¨nnen arbeiten ko ¨nnen die Tiere sich 55% 27% 18% die Fleischqualita¨t 10% 22% 68% besser gleich bleibt fortbewegen die Tiere durch den 17% 26% 57% Eine ho ¨here Gefahr durch Angriffe von Raubtieren ist Einsatz von akzeptabel, wenn … moderner die Tiere Zugang 61% 27% 12% Stalltechnik und zu Tageslicht und gutem frischer Luft Stallmanagement haben gesund sind die Tiere ihre 65% 26% 9% Quelle: Eigenen Erhebung, n = 303 arttypischen Verhaltensmuster ausu ¨ben ko ¨nnen die Tiere sich 66% 25% 9% besser fortbewegen 123 224 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Tab. 3 continued gro ¨ßerer Bedeutung als egoistische Ziele, wie bspw. ein geringer Verbraucherpreis oder die Produkt- Zielkonflikt Stimme voll Teils/teils Stimme nicht zu qualita¨t. In gleichem Maße entschieden sich Bu ¨rger Auslaufhaltung und ganz zu & stimme ganz & stimme zu und gar nicht zu fu ¨r das Wohl der Tiere, auch zu Lasten von anderen Nachhaltigkeitszielen wie dem Umweltschutz. Bei Ein ho ¨herer Preis fu ¨r Ha ¨hnchenfleisch ist gerechtfertigt, wenn … Zielkonflikten innerhalb des Tierschutzes wurde das die Tiere Zugang zu 71% 20% 9% Ausleben von natu ¨rlichen Verhaltensmustern ho ¨her Tageslicht und gewichtet als die Tiergesundheit, hier war die frischer Luft haben Abwagung allerdings weniger eindeutig. Wirt- die Tiere ihre 73% 18% 9% arttypischen schaftlichkeitsgesichtspunkte fu ¨r die Landwirte Verhaltensmuster za¨hlten im Konfliktfall besonders wenig. Zudem ausu ¨ben ko ¨nnen zeigte sich in den Interviews, dass Probanden von die Tiere sich besser 75% 17% 8% einer schlechten Haltung teilweise auch auf eine fortbewegen nachteilige Produktqualita¨t schließen und Gefahren Trockeneres Geflu ¨gelfleisch ist gerechtfertigt, wenn … fu ¨r die eigene Gesundheit ableiten. die Tiere Zugang zu 56% 29% 15% Auch wenn die quantitative Studie aufgrund der Tageslicht und frischer Luft haben mit rund 300 Probanden begrenzten Stichprobe die Tiere ihre 58% 27% 15% nicht reprasentativ fu ¨r die deutsche Bevo ¨lkerung ist, arttypischen so lassen sich dennoch vorsichtige Schlussfolgerun- Verhaltensmuster gen ableiten. Insgesamt verbesserte sich trotz ausu ¨ben ko ¨nnen ausgeglichener, neutraler Information durch Bilder die Tiere sich besser 59% 26% 15% und Texte die Wahrnehmung von als negativ emp- fortbewegen fundenen Systemen (Bodenhaltung auf Einstreu, Quelle: Eigenen Erhebung, n = 303 hohe Besatzdichte) nicht. Auch fu ¨hrte die Konfron- tation mit Nachteilen der als positiv empfundenen Auslaufhaltung nicht dazu, dass Probanden diese 4 Schlussfolgerungen Haltungsform kritisch sahen. Daraus la¨sst sich ableiten, dass eine bu ¨rgernahe Bislang wurde der Umgang von Bu ¨rgern mit Ziel- Kommunikationsstrategie, die auf Aufklarung und konflikten in der Tierhaltung lediglich als Informationen setzt, wenig erfolgreich sein wird, Nebenbefund thematisiert (Zander et al. 2013). Der Systeme mit negativem Image positiv darzustellen. innovative Zugang eines Mixed-Methods-Ansatzes, Sehen sich Bu ¨rger mit Zielkonflikten konfrontiert, der die Bu ¨rgerwahrnehmung und -bewertung der dominiert das Tierwohl. Das deutet darauf hin, dass Masthu ¨hnchenhaltung sowohl qualitativ als auch Haltungssysteme, die Tierwohlaspekte nicht beru¨ck- quantitativ detailliert darstellt, liefert daher wertvolle sichtigen, langfristig schwer zu vermitteln sein Hinweise fu ¨r nachhaltige Vera¨nderungsprozesse in werden. In den qualitativen Interviews wurde immer der Tierhaltung. Insbesondere in Kombination mit wieder angesprochen, dass die Landwirtschaft die den Ergebnissen von Rovers et al. 2017 (in diesem Zielkonflikte mo ¨glichst durch Innovationen auflo ¨sen Heft) wird so ein breiteres Versta¨ndnis von Bu ¨rge- mu ¨sste. Hieraus ergeben sich umfangreiche For- rerwartungen und -wahrnehmungen geschaffen. Die schungsdesiderate fu ¨r die Nutztierwissenschaften. explorativen Ergebnisse zeigen, dass ein Bewusstsein fu ¨r Zielkonflikte in der Tierhaltung im Allgemeinen und in der Hu ¨hnchenmast im Besonderen bei Bu¨- Literatur rgern kaum bis gar nicht vorhanden ist. Den Befragten ist meist nicht bekannt, dass die mehr- Bessei W (2006) Welfare of broilers - a review. Worlds heitlich pra¨ferierten Haltungssysteme auch Nachteile Poult Sci J 62:455–466 aufweisen. Entsprechend wurden die Probanden im Castellini C, Berri C, Le Bihan-Duval E, Martino G zweiten Schritt mit balancierten Informationen (2008) Qualitative attributes and consumer per- (gleich vielen Vor- wie Nachteilen) zu unterschiedli- ception of organic and free-range poultry meat. chen Haltungssystemen konfrontiert. Worlds Poult Sci J 64:500–512 Bei der Analyse der Bewertung vorgegebener Dawkins MS, Cook PA, Whittingham MJ, Mansell KA, Zielkonflikte zeigte sich, dass das Wohl der Tiere Haroer AE (2003) What makes free-range broiler dominiert. So war ein hoher Tierwohlstatus von 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 225 chickens range? In situ measurement of habitat Puron D, Santamaria R, Segura JC, Alamilla JL (1995) preference. Anim Behav 66:151–160 Broiler performance at different stocking densities. De Jonge J, van Trijp HC (2013) Meeting heterogeneity J Appl Poult Res 4:55–60 in consumer demand for animal welfare: a Reiter K, Bessei W (2000) Einfluß der Besatzdichte bei reflection on existing knowledge and implications Broilern auf die Temperatur in der Einstreu und im for the meat sector. J Agric Environ Ethics Tierbereich. Arch Geflugelkd 64:204–206 26:629–661 Stahl P, Ruette S, Gros L (2002) Predation on free- Ellendorf F, Berk J, Da¨nicke S et al. (2002) Interdiszi- ranging poultry by mammalian and avian preda- plinare Bewertung unterschiedlich intensiver tors. Field loss estimates in a French rural area. Produktionssysteme von Masthu ¨hnchen unter Mammal Rev 32:227–234 Aspekten von Tierschutz, Produktqualita¨t, Umwelt, Tuyttens F, Heyndrickx M, de Boeck M et al. (2008) Wirtschaftlichkeit. Agrar-oder Verbraucherwende: Broiler chicken health, welfare and fluctuating Wer bestimmt den Markt?:20–41 asymmetry in organic versus conventional pro- Fanatico AC, Cavitt LC, Pillai PB, Emmert JL, Owens duction systems. Livest Sci 113:123–132 CM (2005) Evaluation of slower-growing broiler Van Loo EJ, Caputo V, Nayga RM, Verbeke W (2014) genotypes grown with and without outdoor access: Consumers’ valuation of sustainability labels on meat quality. Poultry Sci 84:1785–1790 meat. Food Policy 49:137–150 Feddes JJ, Emmanuel EJ, Zuidhof MJ (2002) Broiler Vanhonacker F, Van Poucke E, Tuyttens F, Verbeke W performance, bodyweight variance, feed and water (2010) Citizens’ views on farm animal welfare and intake, and carcass quality at different stocking related information provision: Exploratory insights densities. Poultry Sci 81:774–779 from flanders, Belgium. J Agric Environ Ethics Ghosh S, Majumber D, Goswami R (2012) Broiler per- 23:551–569 formance at different stocking densities. 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Beltz, Weinheim richt, Braunschweig 123 226 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Mehr als eine Nische? Das Potenzial des Bezug auf potenzielle Marketingstrategien fu ¨r Fleisch Zweinutzungshuhns als Alternative zum und Eier von grundlegender Bedeutung. Das Ziel Ku ¨kento ¨ten unserer Untersuchungen besteht daher darin, die Akzeptanzvoraussetzungen von Produkten der 1 2 1 Nanke Bru ¨mmer,Jo ¨rg Luy , Anja Rovers , Inken Zweinutzungshu ¨hner beim Verbraucher zu erfassen Christoph-Schulz und zu verstehen. Dazu wurde eine Forschungsko- operation mit dem von Prof. Dr. Silke Rautenschlein Thu ¨nen-Institut fu ¨r Marktanalyse, Braunschweig koordinierten Forschungsprojekt ,,IntegHof – Geflu¨- Privates Forschungs- und Beratungsinstitut fu¨r gelhaltung neu strukturiert‘‘ der Tierarztlichen angewandte Ethik und Tierschutz INSTET gGmbH, Hochschule Hannover initiiert. Im IntegHof-Projekt Berlin wird das Zweinutzungshuhn aus Sicht der Tierge- nanke.bruemmer@thuenen.de sundheit, der Wirtschaftlichkeit, des Tierverhaltens sowie der Verbraucher untersucht. 1 Einleitung 2 Methodik Durch das Gerichtsurteil des Oberverwaltungsge- richts Mu ¨nster im Mai 2016 ru ¨ckte das To ¨ten Um die komplexe und weitgehend unerforschte The- ma¨nnlicher Eintagsku ¨ken der Legehennenlinien in matik der Verbrauchersicht auf das Zweinutzungshuhn den Fokus der Offentlichkeit. Das Gerichtsurteil zu untersuchen, haben wir uns fu ¨r eine qualitative besagt, dass das To ¨ten der ma¨nnlichen Eintagsku ¨ken Methode entschieden, die induktiv entwickelt wurde. aus wirtschaftlichen Gru ¨nden gerechtfertigt sei, da Als Folge einer sich rasch vera¨ndernden Welt und auf- bisher noch keine praktikablen Alternativen zur To¨- kommender Herausforderungen gewinnen induktive tung vorliegen (Beckmann 2016). Zuvor war nicht Methoden an Bedeutung, weil sie besser als deduktive vielen Bu ¨rgern bewusst, dass in Deutschland ja¨hrlich Ansa¨tze auf Vera¨nderungen im sozialen Kontext rea- mehr als 45 Mio. ma¨nnliche Eintagsku ¨ken von gieren ko ¨nnen (Flick 2009). Um die qualitativen Daten Legelinien geto ¨tet werden, was sich durch die medi- zu generieren, wurden Gruppendiskussionen durch- ale Berichterstattung schlagartig a¨nderte. gefu ¨hrt. Gruppendiskussionen sind eine empirische Das To ¨ten von Eintagsku ¨ken ist sowohl in der kon- Forschungsmethode mit Fokus auf Gruppendynami- ventionellen als auch in der o ¨kologischen Haltung von ken und Interaktionen zwischen den Teilnehmern Legehennen u ¨blich, weil die Mast der ma ¨nnlichen (Finch und Lewis 2003). Laut Morgan (1997) sind Grup- Ku ¨ken der Legelinien aufgrund der geringen Mast- pendiskussionen eine Forschungsmethode, bei welcher leistung unrentabel ist (Damme 2015; Rautenschlein Daten durch Gruppeninteraktionen zu einem vorge- 2016). Die Geschlechtsbestimmung im Ei, die Mast der gebenen Thema gesammelt werden. Ziel ist es, eine mannlichen Tiere der Legehybriden oder Zweinut- Atmospha¨re zu schaffen, die eine nahezu natu ¨rliche zungshuhnrassen bilden drei Alternativen zur Konversation mit vielfa ¨ltigen Meinungen und Aussa- Eintagsku¨kento ¨tung (Bruijnis et al. 2015). Als Zwei- gen fo ¨rdert (Lamnek 2005). Daru ¨ber hinaus fu ¨hrt die nutzungshuhn werden Rassen bezeichnet, die sich Konversationssituation mit anderen Teilnehmern zu sowohl fu ¨r die Eier- als auch fu ¨r die Fleischproduktion tieferen Einsichten in Motivationen und Rechtferti- eignen. Zu ¨chter von Zweinutzungshu ¨hnern stehen gungen und stimuliert neue Gedanken (Finch und allerdings vor dem Problem, dass sich schnelles Lewis 2003). Fleischwachstum und eine hohe Legeleistung schlecht Die insgesamt sechs Gruppendiskussionen fu¨r miteinander vereinbaren lassen, denn die Hennen die vorliegende Studie wurden im Juni 2016 mit legen weniger und kleinere Eier und die Hahne setzen jeweils sechs bis acht Teilnehmern in Berlin, Mu¨n- weniger Fleisch an und beno ¨tigen mehr Zeit und chen und Cloppenburg durchgefu¨hrt. Die Futter fu ¨r das Wachstum (Leenstra et al. 2011; Gras- Teilnehmer wurden von einem Marktforschungs- horn 2013). Folglich haben Eier und Fleisch von unternehmen rekrutiert und waren Konsumenten Zweinutzungshu ¨hnern andere Eigenschaften und von Hu ¨hnerfleisch und Eiern. Personen mit einem sind teurer als Produkte von spezialisierten Hu ¨hner- beruflichen Hintergrund im Bereich Landwirt- rassen (Koenig et al. 2012; Kaufmann et al. 2016). schaft, Lebensmittelindustrie oder Marktforschung Die Konsumentenakzeptanz von Produkten der wurden von den Diskussionen ausgeschlossen. Zweinutzungshu ¨hner ist fu ¨r weitere Anstrengungen von Zu ¨chtern, Landwirten und schließlich auch in Kreisstadt in einer Region mit intensiver Geflu ¨gelhaltung in Niedersachsen. 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 227 Daru ¨ber hinaus wurden Quoten fu ¨r das Alter (zwi- einige Teilnehmer zwischen Eiern zum Kochen und schen 20 und 70 Jahren), Geschlecht (Anteil der Backen oder Fru ¨hstu ¨ckseiern unterscheiden und daher Ma¨nner und Frauen zwischen 33,3 % und 66,6 %) bevorzugt Freiland- oder Bio-Eier als Fru ¨hstu¨ckseier und Bescha¨ftigung (Anteil der Bescha¨ftigten ca. verwenden wu ¨rden, wobei das Haltungssystem bei 67 %) beru ¨cksichtigt. Das genaue Thema war im Eiern fu ¨r verarbeitete Lebensmittel als weniger Vorfeld nicht bekannt und wa¨hrend der Diskus- bedeutend eingestuft wurde. Nur wenige Diskussions- sionen wurden keine Informationen gegeben oder teilnehmer erklarten, dass sie ausdru ¨cklich weiße oder Fragen beantwortet. Der Leitfaden enthielt zuerst braune Eier wegen ihrer Assoziationen mit den Hal- Fragen zum Eier- und Hu ¨hnchenfleischkonsum tungsbedingungen der Hu ¨hner kaufen wu ¨rden. Es sowie zum Einkaufsverhalten. Anschließend wur- wurde erwa ¨hnt, dass zu Ostern bevorzugt weiße Eier den die Vorstellungen zur derzeitigen Legehennen- gekauft wu ¨rden, um diese besser fa ¨rben zu ko ¨nnen. In und Masthu ¨hnchenhaltung erfasst und u¨ber die Bezug auf die Ei-Gro¨ßewaren dieMeinungen vielfa¨lti- Eintagsku¨kento¨tung sowie mo¨gliche Alternativen ger. Einige Diskussionsteilnehmer erla ¨uterten, dass sie zu dieser Praxis gesprochen. Anschließend wurde nicht auf die Ei-Gro ¨ße achten wu ¨rden, wohingegen zum Konzept des Zweinutzungshuhns u ¨bergeleitet, andere sagten, dass sie vorzugsweise große Eier Vor- und Nachteile diskutiert und wichtige Kauf- auswahlen wu ¨rden. Zusammengefasst wurden das kriterien fu ¨r die Produkte erfasst. Abschließend Haltungssystem, eine regionale Herkunft, das Min- wurde noch u ¨ber das Thema einer mo¨glichen desthaltbarkeitsdatum und die Unversehrtheit als Mehrzahlungsbereitschaft gesprochen. Die Diskus- wichtigste Kaufkriterien bei Eiern identifiziert. sionen dauerten 90 Minuten und wurden audio- und videogestu ¨tzt aufgezeichnet und anschließend 3.2 Allgemeine Wahrnehmungen der Hu ¨hnerhaltung transkribiert. Die Transkripte wurden schließlich inhaltsanalytisch nach Mayring (2015) ausgewertet. Die spontanen Außerungen der Teilnehmer zur Hu ¨h- nerhaltung wurden von Begriffen wie ‘‘Tierfabriken’’, 3 Ergebnisse ‘‘Mangel an Transparenz’’ und ‘‘Profitgier’’ dominiert. In Bezug auf die Haltung der Legehennen waren die Dis- 3.1 Kaufkriterien fu¨r Hu ¨hnerfleisch und Eier sowie kussionsteilnehmer vor allem u ¨ber die Qualitatdes Konsumgewohnheiten Futters besorgt. Es wurde vermutet, dass die Hu ¨hner mit ‘‘Mu ¨ll’’ gefu ¨ttert wu ¨rden und sich dies in der Eiqualitat Zu Beginn der Diskussionen wurden die Teilnehmer widerspiegelt. In diesem Zusammenhang wurde auch nach ihren Konsumgewohnheiten hinsichtlich Hu ¨h- das Ku ¨rzen der Schnabel thematisiert. Das Bild von Hu ¨h- nerfleisch und Eiern gefragt. Die am ha ¨ufigsten nern in Ka¨figen, in welchen diese zusammengepfercht genannten Kaufkriterien bei Hu ¨hnerfleisch waren die gehalten wu ¨rden und keinen Platzfu ¨r Bewegung ha¨tten, Fleischfarbe, das Mindesthaltbarkeitsdatum und eine war noch pra¨sent, obwohl die konventionelle Ka¨fighal- regionale Herkunft. Auch eine o ¨kologische Tierhaltung tung seit 2010 in Deutschland verboten ist. Die war ein Aspekt, der mehrfach genannt wurde. Einige Vorstellung der Haltung von Masthu ¨hnchen war von der Teilnehmer erkla¨rten, dass sie nicht in der Lage seien, Idee gepra¨gt, dass diese den ganzen Tag fressen mu ¨ss- sich Bio-Hu ¨hnerfleisch zu leisten und daher konven- ten, um an Gewicht zuzunehmen. Die tionell produziertes Hu ¨hnerfleisch kaufen wu ¨rden. In Diskussionsteilnehmer vermuteten auch, dass es keine diesem Zuge wurde auch erwahnt, dass die Haltungs- akzeptable Mensch-Tier-Beziehung geben wu ¨rde und bedingungen aufgrund der Angaben auf der dass die Stallarbeiter die Tiere nicht angemessen Verpackung schwierig nachzuvollziehen seien. In behandeln wu ¨rden. Die Vermutung der prophylak- Bezug auf die Konsumgewohnheiten wurde u ¨berdies tischen Gabe von Antibiotika wurde von den Diskutan- deutlich, dass die Diskutanten Teilstu ¨cke wie Hu ¨hner- ten wiederholt kritisch thematisiert. Zudem wurde brust oder -flu¨gel gegenu ¨ber einem ganzen Huhn u ¨berwiegend die Auffassung vertreten, dass Freiland- bevorzugen. Nur sehr wenige Diskussionsteilnehmer haltung am ehesten den Erwartungen an eine gaben an, gelegentlich ein ganzes Huhn zu kaufen und artgerechte Tierhaltung entspra¨che. viele hatten noch nie ein ganzes Huhn zubereitet. Im Hinblick auf den Kauf von Eiern gaben einige 3.3 Moralische Bedenken und Alternativen zum Diskussionsteilnehmer an, nicht auf das Haltungssys- Ku ¨kento ¨ten tem zu achten. Fu ¨r andere Diskutanten war dieser Aspekt sehr wichtig, sie wu ¨rden vor allem Freiland- Das Thema des To ¨tens ma¨nnlicher Eintagsku ¨ken oder Bio-Eier einkaufen. Ein weiterer Punkt war, dass wurde in jeder Gruppendiskussion von den 123 228 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Diskutanten ohne konkrete Nachfrage durch die Zweinutzungshuhns erkla¨rt. Die Reaktionen waren Diskussionsleitung angesprochen. Den meisten Teil- u ¨berwiegend positiv, aber es wurden auch Bedenken nehmern war diese ga¨ngige Praxis in der gea¨ußert. Der am ha¨ufigsten genannte negative Legehennenhaltung bewusst. Dies ko ¨nnte auch auf Aspekt war der ho ¨here Preis fu ¨r Fleisch und Eier von die Tatsache zuru ¨ckzufu ¨hren sein, dass das Thema zu Zweinutzungshu ¨hnern. Die positiven Aspekte betra- diesem Zeitpunkt in den Medien aufgrund des fen in erster Linie ethische Aspekte, da die ¨ ¨ Gerichtsurteils zum Eintagsku ¨kento ¨ten sehr prasent mannlichen Ku ¨ken der Zweinutzungsrassen nicht als war. Viele Diskussionsteilnehmer dru ¨ckten ihre Eintagsku ¨ken geto ¨tet werden. Einige Teilnehmer Empo ¨rung u ¨ber das To ¨ten der Eintagsku ¨ken aus. vermuteten, dass die Fleischqualitat aufgrund einer Aussagen wie ‘‘Wenn man sich vorstellt, das sind la¨ngeren Mastdauer und eines langsameren Menschen. Die Jungen werden geschreddert und an Fleischwachstums besser sein ko ¨nnte. Andere emp- Tiere verfu ¨ttert. Das ist ja ekelhaft’’ oder ‘‘Alle Ma¨nner fanden die Situation als Dilemma zwischen dem bringt man um’’ demonstrieren, wie die moralische Uberleben der ma¨nnlichen Ku ¨ken und dem ho ¨heren Urteilsbildung durch Einfu ¨hlung in die Betroffenen Preis fu¨r Hu ¨hnerfleisch und Eier. Neben dem ho ¨heren (Empathie) in der Praxis ha¨ufig abla¨uft. Viele Teil- Preis wurde von einem Diskutanten auch die ineffi- nehmer haben sich offenbar selbst in die Rolle der ziente Ressourcennutzung (u.a. aufgrund des betroffenen Tiere versetzt und beurteilen das Ein- erho ¨hten Futterbedarfs) der Zweinutzungshu ¨hner tagsku ¨kento ¨ten nun aus dieser Perspektive. Die kritisch angemerkt. Ein weiterer Punkt, der von den meisten Diskussionsteilnehmer waren sich einig, dass Diskutanten betont wurde, betraf die Angst, dass das To ¨ten von Ku ¨ken aus moralischer Sicht nicht Gentechnik fu ¨r die Zucht von Zweinutzungshu ¨hnern akzeptabel sei und forderten, dass die Praxis gestoppt verwendet werden ko ¨nnte. werden mu ¨sse. Nur wenige argumentierten, dass das Huhn sowieso geto ¨tet werden wu ¨rde und es somit 3.5 Potenzielle Kaufkriterien egal sei, ob fru ¨her oder spa¨ter. Bei der Diskussion u ¨ber die Gru ¨nde wurde davon ausgegangen, dass es Wa¨hrend der Diskussionen wurde deutlich, dass fu¨r aus ,,Profitgru ¨nden’’ sei und dass die Ha¨hne nicht viele Teilnehmer die alleinige Vermeidung des Ku¨- ¨ ¨ genug Fleischwachstum hatten. Erganzend wurde kento ¨tens nicht ausreicht, um Produkte von gelegentlich gea¨ußert, dass die Verbraucher diese Zweinutzungshu ¨hnern zu kaufen. Dies wu ¨rden sie Situation bislang nicht beeinflussen ko ¨nnten. nur tun, wenn gleichzeitig auch die Haltungsbedin- Alle drei Alternativen zum Ku ¨kento ¨ten waren nur gungen dieser Tiere verbessert werden. Als Beispiele wenigen Diskutanten bekannt. Die Geschlechtsbe- fu ¨r bessere Haltungsbedingungen wurden ‘‘gutes stimmung im Ei war eine Option, die mehrmals Futter’’, ‘‘keine Antibiotika’’, ‘‘viel mehr Platz’’ und angesprochen wurde. Einige Teilnehmer nannten ‘‘Einstreu’’ genannt. Auch die Kennzeichnung der auch die Mast der Ha¨hne der Legehennenlinien als Herkunft stellt fu ¨r einige Diskutanten ein wichtiges eine mo ¨gliche Alternative zur To ¨tung von Ein- Kaufkriterium dar. In diesem Zusammenhang wurde tagsku ¨ken, wa¨hrend die Verwendung von vorgeschlagen, die Adresse des Landwirtes auf der Zweinutzungshu ¨hnern u ¨berhaupt nicht erwa¨hnt Verpackung anzugeben. Wie zu erwarten war, wurde wurde. Als die Teilnehmer gefragt wurden, ob sie auch der Preis als wichtiges Kaufkriterium genannt. eine Idee ha¨tten, was unter Zweinutzungshu ¨hnern Die Mehrheit der Diskussionsteilnehmer gab an, dass zu verstehen sei, konnten sich nur wenige darunter sie einen Aufpreis fu ¨r Fleisch und Eier aus ‘‘Sympathie etwas vorstellen. Die Teilnehmer antworteten zum mit den Ku ¨ken’’ oder um ‘‘Fleisch mit reinem Gewis- Beispiel: ‘‘Ich habe keine Ahnung, was gemeint sein sen zu essen’’, zahlen wu ¨rden. Allerdings wurde diese ko ¨nnte. Haben die zwei Ko ¨pfe?‘‘ oder ‘‘Das klingt wie Mehrzahlungsbereitschaft von einigen Diskutanten in der Roboterie hergestellt’’. In Bezug auf den Begriff relativiert: ‘‘Es ha¨ngt davon ab, wie viel mehr ich ,,Zweinutzungshuhn‘‘ waren sich fast alle Teilnehmer bezahlen muss’’. Im Fall von Eiern gaben einige Teil- daru ¨ber einig, dass die Benennung unangemessen nehmer an, dass sie bereit seien, einen Aufpreis von sei und irrefu ¨hrende Vorstellungen verursache. bis zu 50 % zu zahlen. Fu ¨r Fleisch schien die Bereit- schaft, einen Aufpreis zu zahlen, nicht so hoch zu 3.4 Das Konzept Zweinutzungshuhn sein, wie folgende Aussagen verdeutlichen: ‘‘Ich wu¨r- de einen Aufpreis von 20 % bezahlen, wenn das Da der Schwerpunkt unserer Untersuchung auf der Fleisch besser schmeckt’’ und ‘‘ich wu ¨rde nicht 10 € Verbraucherperspektive liegt, wurde den Teilneh- mehr bezahlen’’. Mehr Geld fu ¨r Fleisch auszugeben mern im Laufe der Diskussion das Konzept des und gleichzeitig den Fleischverzehr zu reduzieren, 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 229 wurde von mehreren Diskutanten als Lo ¨sung gese- Fleisch und Eiern von Zweinutzungshu ¨hnern rea- hen. Nur wenige Teilnehmer gaben an, dass sie nicht gieren wu ¨rden. Dazu wurde ihnen mitgeteilt, dass bereit seien, einen Aufpreis zu zahlen. diese Lebensmittel sich im Preis und in verschie- denen Eigenschaften von den derzeit marktu ¨blichen 4 Diskussion Produkten unterscheiden wu ¨rden. Das interessante Ergebnis besteht darin, dass die Verbraucher Die Ergebnisse dieser qualitativen Untersuchungen anscheinend nicht willens oder nicht in der Lage deuten an, dass es zu dem jetzigen Zeitpunkt sind, eine rechtfertigungsfa¨hige Auswahlentschei- schwierig werden ko ¨nnte, die Produkte des Zwei- dung zwischen zwei jeweils unterschiedlich nutzungshuhns fla¨chendeckend zu vermarkten. Die defizita¨ren Produkten zu treffen. Sie forderten sehr Eier der Hennen ko ¨nnten den notwendigen Preis deutlich Eier und Fleisch von Hu ¨hnern, deren Hal- erzielen, da derzeit ein Preisaufschlag von zwei bis tung keine Defizite aufweist. Nur unter dieser vier Cents pro Ei kalkuliert wird. Bei gleichzeitig gedanklichen Pra¨misse waren die Teilnehmer bereit, verbesserter Haltung ko ¨nnten sie durchaus in der u ¨ber einen Aufpreis nachzudenken. Insgesamt fiel Gunst der Konsumenten stehen. Fu ¨r die ma¨nnlichen die Zustimmung zu dieser Option kleiner aus, als die Tiere sieht es dagegen problematisch aus. Neben Empo ¨rung zuvor erwarten ließ. Als Hauptgrund dem, von den meisten Teilnehmern als zu hoch dafu ¨r wurden die u ¨brigen vom Verbraucher bereits beschriebenen Preis (7 € Preisaufschlag/kg Fleisch identifizierten Defizite in der Geflu ¨gelhaltung ko ¨nnten laut Experten realistisch sein) kommt angefu ¨hrt. Hier wurden insbesondere das Platzan- erschwerend hinzu, dass bisher keine Bereitschaft gebot pro Tier und fehlende Einstreu erwa¨hnt. Dazu besteht, das eigene Kaufverhalten zu a¨ndern. kamen aus der Sicht der Diskussionsteilnehmer die Die Resultate aus den Gruppendiskussionen ver- als problematisch wahrgenommene Behandlung der deutlichen, dass den Haltungsbedingungen eine Tiere mit Antibiotika sowie Skepsis in Bezug auf die herausragende Rolle im Hinblick auf die Mehrzah- Futterqualita¨t. Die Geflu ¨gelhaltung wurde als nicht lungsbereitschaft der Verbraucher zukommt. Den transparent genug wahrgenommen. meisten Diskussionsteilnehmern wu ¨rde allein der In ethischer Hinsicht lieferten unsere Diskussionen Einsatz von Zweinutzungshu ¨hnern in einem sonst mit Verbrauchern interessante Hinweise darauf, wie unvera¨nderten Haltungssystem nicht genu ¨gen. Sie und wann Verletzungen des Moral- und Gerechtig- wu ¨nschen sich vorrangig eine verbesserte Haltung keitsempfindens zu einer Veranderung des der Tiere. Auch wurde eine deutliche Kennzeichnung Konsumverhaltens fu ¨hren ko ¨nnen. Die Diskussionen der geografischen Herkunft als potenzielles Kaufkri- fanden zeitnah zur medialen Berichterstattung u ¨ber terium fu ¨r Produkte von Zweinutzungshu ¨hnern das Gerichtsurteil zur Zula¨ssigkeit der Eintagsku¨- hervorgehoben. Dies sind Aspekte, denen bei der kento ¨tung statt. Darin kann einerseits ein glu ¨cklicher Vermarktung von Produkten der Zweinutzungshu¨h- Zufall und andererseits eine Verzerrung der Unter- ner Rechnung getragen werden sollte. Zudem zeigte suchung gesehen werden, da die Berichterstattung sich, dass die Bezeichnung ,,Zweinutzungshuhn‘‘ als teilweise kritisch war. Bei den Diskussionsteilneh- ungeeignet und irrefu ¨hrend empfunden wurde, da mern war die Empo ¨rung u ¨ber die Praxis und das sie in erster Linie negative Assoziationen hervorrief. Urteil noch deutlich spu ¨rbar. Mehrheitlich wurde von Einige Diskussionsteilnehmer a¨ußerten in diesem ihnen die Praxis der Eintagsku ¨kento ¨tung als nicht Zusammenhang Bedenken hinsichtlich des Einsatzes akzeptabel bewertet und ein gesetzliches Verbot von Gentechnik beim Zweinutzungshuhn. Hier hat gefordert. sich die Methodik der Gruppendiskussionen als sehr Aufgrund der hier vorgestellten qualitativen nu ¨tzlich erwiesen, um Einblicke in die Bedenken der Ergebnisse kann gegenwa¨rtig damit gerechnet wer- Verbraucher zu bekommen und um ku ¨nftig mo ¨gli- den, dass sich Fleisch und Eier vom chen Verwirrungen und Missversta¨ndnissen Zweinutzungshuhn nur als Nischenprodukt fu ¨r be- vorzubeugen. Diese Erkenntnisse ha¨tten allein durch stimmte Ka¨ufersegmente eignen werden. Der na¨- quantitative Erhebungsmethoden nicht erzielt wer- chste Schritt besteht darin, eine deutschlandweite den ko ¨nnen. Onlinebefragung mit 1500 Konsumenten von Hu ¨hn- Den Teilnehmern wurde im Diskussionsverlauf chenfleisch und Eiern auszuwerten und die eine Mo ¨glichkeit aufgezeigt, wie sie selbst Einfluss Zahlungsbereitschaft fu ¨r Eier und Fleisch von Zwei- auf den Markt und damit auf die Verbreitung der nutzungshu ¨hnern zu ermitteln. Im SocialLab-Projekt Eintagsku ¨kento ¨tung nehmen ko ¨nnten. Sie bestand werden diese Daten dann mit den Ergebnissen aus darin, sich vorzustellen, wie sie auf das Angebot von Interviews mit dem Lebensmitteleinzelhandel und 123 230 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Tierhaltern bezu ¨glich mo ¨glicher Fo ¨rder- und uenfte/verwendung_der_m_nnlichen_k_ken_der_ Hemmfaktoren im Hinblick auf die Haltung und legeherk_nfte.html. Abgerufen 15.05.2016 Vermarktung von Zweinutzungshu ¨hnern und ihren Kaufmann F, Nehrenhaus U, Andersson R (2016) Das Produkten zusammengefu¨hrt. Duale Huhn. Der Verbraucher mu ¨sste umdenken. 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Rundsch Fleischhy- ken der Legeherku¨nfte. http://www.wingvechta.de/ giene Lebensmittelu ¨berwachung 68(8):276–278 themen/verwendung_der_maennlichen_legeherk 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 231 Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft bezeichnet werden. Diese dichotome Wahrnehmung der Nutztierhaltung wird in mehreren Beitra¨gen die- Zusammenfassung und erste Schlussfolgerungen ses Heftes angesprochen und detaillierter dargestellt. Sie pra¨gt die individuelle und die o ¨ffentliche Wahr- 1 2 Inken Christoph-Schulz , Monika Hartmann , Peter nehmung unabha¨ngig vom Realita¨tsbezug und von 3 4 5 Kenning ,Jo ¨rg Luy , Marcus Mergenthaler , Lucia der Realisierbarkeit der beschriebenen Bilder. 6 7 8 Reisch , Jutta Roosen , Achim Spiller In Hinblick auf diese verbreiteten Bildmuster, die in vielen Bu ¨rgern tief verwurzelt zu sein scheinen, Thu ¨nen-Institut fu ¨r Marktanalyse, Braunschweig ist es nicht verwunderlich, dass sich zwischen Rheinische Friedrich-Wilhelm-Universita¨t, Bonn Landwirten und Bu ¨rgern bzw. Verbrauchern teils Heinrich-Heine-Universita¨t, Du ¨sseldorf große Unterschiede in der Wahrnehmung der Privates Forschungs- und Beratungsinstitut fu¨r Nutztierhaltung ergeben. Wa¨hrend viele Landwirte angewandte Ethik und Tierschutz INSTET gGmbH, die in den vergangenen Jahrzehnten eingefu¨hrten Berlin Maßnahmen zur Effizienzsteigerung eher als Fachhochschule Su ¨dwestfalen, Soest erforderlich und daher als Verbesserung wahr- Copenhagen Business School; Zeppelin Universita¨t, nehmen, erkennen die befragten Bu ¨rger eine Friedrichshafen prima¨r an einzelbetrieblicher Gewinnorientierung Technische Universita¨tMu ¨nchen ausgerichtete Entwicklung. Fu ¨r das einzelne Tier Georg-August-Universita¨t, Go ¨ttingen und seine natu ¨rliche Lebensweise wird diese Ent- inken.christoph@thuenen.de wicklung als eher abtra¨glich erachtet. Wie unterschiedlich dabei die Vorstellungen sind, zeigt 14 15 1 Landwirte, Konsumenten und Bu ¨rger sich am Beispiel der zunehmenden Technisierung in der Tierhaltung: Landwirte betonen die Vorzu¨ge Wie Simons et al. in ihrem Beitrag zeigen, erfolgt des hohen Technisierungsgrades, weil sie neben bereits die Wahrnehmung der Nutztierhaltung in den damit verbundenen wirtschaftlichen Vorteilen einem polarisierenden Wertungsrahmen. Die Wer- und der Arbeitserleichterung mehr Zeit fu¨r die tungen sind implizit in den Bildern enthalten, die die Tiere haben. Dagegen gehen die befragten Bu¨rger Vorstellung der Studienteilnehmer zur Tierhaltung davon aus, dass Landwirte aufgrund des hohen pra¨gen und werden weniger oder gar nicht durch Technisierungsgrades seltener direkten Kontakt zu konkretes Wissen beeinflusst. Diese aus realen, ihren Tieren haben. Allerdings halten es Landwirte medialen oder nur vorgestellten Erlebnissen resultie- und Bu¨rger fu ¨r notwendig, dass Landwirte Zeit mit renden Bilder zeigen ein ausgepra¨gtes Spannungsfeld ihren Tieren verbringen, bspw. um fru¨hzeitig zwischen einer akzeptierten, scho ¨nen und ethisch Krankheitenzuerkennen(Rovers et al.; Wildraut unbedenklichen sowie einer nicht akzeptierten, et al.; Wildraut und Mergenthaler). unscho ¨nen und ethisch problematischen Nutztier- Die Stallhaltung ist ein weiteres, kontrovers disku- haltung. Insbesondere die Bilder einer idyllischen tiertes Thema. So betonen Landwirte, dass sie eher Welt, in der die Bauernfamilie mit den Tieren zusam- einen positiven Effekt der Stallhaltung hinsichtlich der men auf dem Hof im Rahmen einer Tiergesundheit sehen und daher der Weidehaltung bei kleinstrukturierten Landwirtschaft lebt, bilden den Rindern bzw. der Freilandhaltung bei Schweinen und Maßstab fu ¨r das, was als ,,gute Tierhaltung‘‘ bezeichnet Hu ¨hnern kritisch gegenu ¨berstehen (Wildraut und und dessen Umsetzung gewu ¨nscht wird. Landwirte Mergenthaler). Die Verbraucher und Bu ¨rger sind und Tiere leben im Sinne eines ,,fairen Deals‘‘ zusam- gegenteiliger Auffassung (Ku ¨hl et al.; Rovers et al.) und men und sind aufeinander angewiesen. Dem Idealbild lehnen eine reine Stallhaltung fast immer ab. Die stehen Schreckensbilder gegenu ¨ber, die von den Stu- Weide- bzw. Freilandhaltung wird pra ¨feriert. Dabei ist dienteilnehmern von sich aus als ,,Massentierhaltung‘‘ die Vermutung, dass die Tiere dadurch ihr natu ¨rliches Verhalten ausleben ko ¨nnen, ein Hauptargument. Allerdings kann bereits die Gewa¨hrung einer Aus- Im Folgenden sind die Begriffe Konsument und Verbraucher als a¨quivalent anzusehen. laufmo ¨glichkeit die Akzeptanz erho ¨hen (Ku ¨hl et al.). Im Folgenden wird sowohl von Konsumenten als auch von Wie relevant Haltungsaspekte der Tiere fu ¨r die Bu ¨rgern gesprochen. Der Grund ist, dass in manchen Studien Zahlungsbereitschaft sind, zeigen Bru ¨mmer et al. Konsumenten als Nachfrager auf Markten, in anderen Studien und Roosen et al. Bei Betrachtung unterschiedlicher Menschen in ihrer Rolle als Staatsbu ¨rger und ,,Verbraucher- Maßnahmen in der Legehennen- und Masthu ¨hn- bu ¨rger‘‘ (consumer citizen) untersucht wurden. Dieser unter- chenhaltung wird deutlich, dass die Befragten das schiedlichen Perspektive gilt es, Rechnung zu tragen. 123 232 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft To ¨ten der ma¨nnlichen Eintagsku ¨ken in der Lege- ,,Verbraucherinformationssysteme‘‘, die Konsumen- hennenhaltung ablehnen. Als Lo ¨sungsansatz werden ten unter Beru ¨cksichtigung neuropsychologischer von den Befragten beider Studien die Zu ¨chtung von Erkenntnisse individuell nach situativer und perso¨n- Zweinutzungsrassen und die Geschlechtsbestim- licher Relevanz und Involvement u ¨ber Produkte mung im Ei befu ¨rwortet. Die von Bru ¨mmer et al. informieren, um ihnen eine bewusste auf ihre untersuchten Konsumenten machten außerdem Bedu ¨rfnisse zugeschnittene Kaufentscheidung zu deutlich, dass eine Mehrzahlungsbereitschaft daran ermo ¨glichen. In Hinblick auf Verbraucherinforma- gebunden ist, nicht nur die Eintagsku ¨kento ¨tung zu tionen und ihre Auswirkungen auf befragte vermeiden, sondern auch die Haltungsbedingungen Verbraucher analysieren Groß und Roosen den Ein- 16 17 zu verbessern. Roosen et al. kommen zu einem a¨hn- fluss negativ und positiv formulierter lichen Ergebnis. Beide Studien beruhen auf Nachrichtentexte auf das Vertrauen. So haben nega- hypothetischen Entscheidungen der Befragten. tive Nachrichten generell einen gro ¨ßeren Einfluss auf Allerdings lassen sich hieran die Priorita¨ten der Bu¨r- das Verbrauchervertrauen als positive. ger und Verbraucher ablesen, mit denen in ihren Gier, Krampe et al. zeigen außerdem, wie bedeut- Augen kritische Aspekte der Tierhaltung zu a¨ndern sam die implizite Wirkungsweise von sind. Darstellungsvarianten der Tierhaltungsverfahren ist. Demzufolge kann eine Information, welche sich auf 2 Verbraucherkommunikation und - die Errungenschaften sowie Erfolge einer Tierhal- informationen tungsmaßnahme bezieht, implizit die Bewertung dieser beeinflussen. Des Weiteren spielt das Ent- Sonntag et al. zeigen in ihren Untersuchungen zur scheidungsumfeld eine wesentliche Rolle, denn Bewertung von Zielkonflikten, dass zusa¨tzliche Bildkommunikationsmaßnahmen u ¨ber die Nutztier- Informationen u ¨ber die Tierhaltung eine besonders haltung haben offenbar nur im direkten durchdachte Vorgehensweise beno ¨tigen. Trotz neu- Entscheidungskontext, z.B. am Point-of-Sale, einen traler Informationen durch Bilder und Texte Einfluss auf die implizite und subjektive Wahrneh- verbessert sich die Wahrnehmung von als negativ mung bzw. Bewertung der Information. empfundenen Haltungssystemen nicht. Außerdem fu ¨hrt die Konfrontation der Studienteilnehmer mit 3 Handel verschiedenen Nachteilen der von ihnen als positiv empfundenen Auslaufhaltung nicht dazu, dass sie Krampe et al. betrachten in ihrem Beitrag den Han- diese Haltungsform kritischer sehen. Seitens der del als Gatekeeper zwischen Lieferant und Verbraucher herrscht zudem gro ¨ßtenteils Uberein- Verbraucher. Sie beleuchten drei Schlu ¨sselaspekte: stimmung, dass es Aufgabe der Landwirte ist, die Listungsentscheidung, die Sortimentsvielfalt existierende Zielkonflikte zu lo ¨sen. Dies sollte mit sowie die Regulierung des Marktes. Aus den Unter- Hilfe von Innovationen erfolgen. Zudem wird deut- suchungen geht hervor, dass in Bezug auf die lich, dass sich die befragten Verbraucher im Falle Listungsentscheidung versucht wird, durch standar- eines Zielkonfliktes zwischen Tierwohl und Umwelt- disierte Pru ¨fungen der Lieferanten, Verbrauchern schutz bzw. zwischen Tierverhaltensoptionen und einen vertrauensvollen Fleischkauf und -konsum zu Tiergesundheit fu ¨r ein Mehr an Tierwohl und fu¨r gewa¨hrleisten. Dabei wird offenbar vor allem auf Natu ¨rlichkeit entscheiden. langfristige Partnerschaften gesetzt. Hinsichtlich der Gier, Krampe et al. untersuchen die Wirkung ver- Sortimentsvielfalt und Produktauswahl wird das schiedener Kommunikationsmaßnahmen auf die Kaufverhalten der Verbraucher als entscheidend Verbraucherwahrnehmung. Sie kommen zu dem beschrieben. Ein Versuch als ,,moralischer Wahlhel- Ergebnis, dass unterschiedliche Darstellungsweisen fer‘‘ zu agieren, erfolgt dagegen nicht. Bezu ¨glich der Tierhaltung eine spezifische neuropsycholo- mo ¨glicher Regulierungen werden zwar durchaus gische Wirkung entfalten, die sich in unterschiedlichen Vorteile gesehen, allerdings wird der Markt als ein expliziten Bewertungen der kommunizierten grundsa¨tzlich effektives System betrachtet, das Maßnahmen manifestiert. Die Autoren folgern, dass eigentlich keiner weiteren Regulierung bedarf. Label, es grundsatzlich mo ¨glich erscheint, eine die subjektiven, impliziten Wertungen beeinflussende, Beispiel negative Information: Tierhaltung muss sich akzeptanzfo ¨rdernde Kommunikationsstrategie verbessern. zu entwickeln. Auf Basis ihrer Ergebnisse Beispiel positive Information: Erzielen von Fortschritten im pla¨dieren sie fu ¨r entsprechend gestaltete Sachen Tierhaltung. 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 233 seien sie staatlich oder privatwirtschaftlich getragen, kann helfen, vorherrschende Anforderungen von werden eher kritisch gesehen. Hier wird die Gefahr Konsumenten und Bu ¨rgern umzusetzen. Zudem einer Uberlastung der Verbraucher mit zusa¨tzlichen sollte auf Bescha¨ftigungsmo ¨glichkeiten geachtet Informationen beschrieben, die das eigentliche Ziel, werden die in bereits bestehende Stallsysteme inte- die Verbraucher beim Einkauf zu unterstu ¨tzen, griert werden ko ¨nnen. Außerdem wird die sta¨rkere verfehlt. Betonung der Zuchtziele Tiergesundheit und Robustheit als ein wichtiger, von Stallbausystemen Erste Schlussfolgerung und Perspektiven losgelo ¨ster Aspekt fu ¨r ein Mehr an Tierwohl gesehen. Aus den vorliegenden Arbeiten ko ¨nnen die folgen- ¨ Aus Sicht der Landwirte waren technisch flexible den ersten Schlussfolgerungen gezogen werden. Zu Systeme und langfristig verla¨ssliche o ¨konomische beachten ist, dass aus den Werthaltungen, Einstel- und politische Rahmenbedingungen auf der einen lungen und Pra¨ferenzen der verschiedenen, im Seite und weniger ordnungspolitische Vorgaben auf Projekt untersuchten, gesellschaftlichen Gruppen der anderen Seite wu ¨nschenswert. Begru ¨ndet wird (Bu ¨rger, Konsumenten, Landwirte, Ha¨ndler) keine dies neben dem Schutz der unternehmerischen direkten Handlungsempfehlungen abgeleitet wer- Freiheit auch damit, dass Tierwohl sta¨rker vom Tier den ko ¨nnen. Die Ausgestaltung einer her und ergebnisorientiert betrachtet werden sollte. zukunftsfahigen Tierhaltung ist vielmehr das Ergeb- Landwirte sehen darin die Voraussetzung, um in nis eines gesellschaftlichen Diskurses, in den neben ¨ offenen Markten und im Wettbewerb mit dem den verschiedenen gesellschaftlichen Positionen Lebensmitteleinzelhandel die Zukunftsfa¨higkeit der auch naturwissenschaftlich-technische sowie ver- eigenen Familienbetriebe zu sichern. Dabei ist auch braucherwissenschaftliche Aspekte einfließen. Der zu bedenken, dass die Einfu ¨hrung eines Mehr an innovative Charakter von SocialLab liegt darin, in Tierwohl auf Seiten der Landwirte eine gro ¨ßere systematischer Form Politik, Zivilgesellschaft und Chance haben wird, wenn die Vera¨nderungen im Wirtschaft u ¨ber die Positionen der Beteiligten auf- Einklang mit der Wahrnehmung, den Werten und zukla¨ren und den notwendigen Diskurs damit dem beruflichen Selbstversta¨ndnis der Betriebsleiter transparenter und informationshaltiger zu gestalten. sind und die Aussicht gegeben ist, durch die Vera¨n- derungen brancheninterne Anerkennung und 1 Landwirte gesellschaftliche Wertscha¨tzung zu erfahren. Die In offenen Ma¨rkten ko ¨nnen landwirtschaftliche Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen fu¨r Familienbetriebe und Unternehmen nur bestehen, mehr Tierwohl sollten also zum einen perso ¨nliche wenn sie wettbewerbsfa¨hig sind. Deshalb ko ¨nnen sie Erfolge der Betriebsleiter und zum anderen finanzi- nicht losgelo ¨st von wirtschaftlichen und politischen elle Erfolge der vera¨nderungsbereiten Betriebe Rahmenbedingungen agieren. Dies gilt folglich auch ermo ¨glichen. Einflussfaktoren auf die einzelbetrieb- in Hinblick auf Innovationen, die ein ho ¨heres Maß an lichen Entscheidungen zur Ubernahme und Tierwohl gewa¨hrleisten. Im Rahmen der Diskussion Weiterentwicklung technischer und organisatori- um Verbesserungen in der Tierhaltung ist es außer- scher Innovationen fu ¨r mehr Tierwohl sollten hierbei dem entscheidend, wie schnell verschiedene sta¨rker in den Fokus zuku ¨nftiger Forschung ru ¨cken. Maßnahmen umgesetzt werden ko ¨nnen. Die befrag- In diesem Zusammenhang sollten explizit auch ver- ten Landwirte betonen, dass neue Stallbaukonzepte haltenso ¨konomische Untersuchungsdesigns Anwen- nicht kurzfristig umzusetzen sind, da Stallbauten auf ¨ dung finden, die praxisnah Wirkzusammenhange lange Abschreibungsfristen ausgelegt sind und sich erforschen. Darauf basierend lassen sich spezifische als Investition mit hoher Spezifita¨t und wenig Nut- Informationen fu ¨r politische Entscheidungen ablei- zungsalternativen ausweisen. Mehr Mo ¨glichkeiten ten, die eine Weiterentwicklung zu einer in der werden bei der spezifischen Ausgestaltung der Sta¨lle Breite akzeptierten Tierhaltung ermo ¨glichen. gesehen. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang u.a. die Implementierung verschiedener Funktions- 2Bu ¨rger bzw. Verbraucher bereiche (z.B. Liege-, Fress- Kot-, Aktivita¨tsbereich), Zusa¨tzlich zu den Bedu ¨rfnissen der Landwirte ist die um den Tieren ein Mehr an artgerechtem Leben zu Beru ¨cksichtigung gesellschaftlicher Anspru ¨che und ermo ¨glichen. Auch die Einfu ¨hrung bautechnisch Erwartungen von hoher Bedeutung. Bu ¨rger ent- flexiblerer Systeme, wie z.B. flexible Liegeboxen und scheiden in ihrer Doppelrolle als Verbraucher und als Freifla¨chen zum Liegen in der Milchviehhaltung oder Wa¨hler langfristig mit, was am Markt existieren kann flexible Kastensta¨nde in der Sauenhaltung, um tier- und was nicht (Allen et al. 1991; Buller und Roe 2012; individuelle Gro ¨ßenunterschiede zu beru ¨cksichtigen, 123 234 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Weary et al. 2016). Die bisher vorliegenden Arbeiten anzusprechen, da mit gro ¨ßerer Akzeptanz durch den des SocialLab zeigen, dass sich Studienteilnehmer Bu ¨rger bzw. Verbraucher zu rechnen ist, wenn der mitunter gar nicht mit der Thematik ,,Tierwohl in der Eindruck eines ,,fairen Deals‘‘ zwischen Mensch und Nutztierhaltung‘‘ bescha¨ftigen mo ¨chten. Andere Tier entsteht (Nutzung tierischer Produkte gegen wiederum beschreiben ihre Vorstellungen dagegen gutes Leben des Tieres). Kommunikation ist somit ein ausfu ¨hrlich und formulieren umfangreiche Erwar- entscheidender Bestimmungsfaktor fu ¨r die Entwick- tungen. Die Vorstellungen sind dabei haufig durch lung von Akzeptanz. Dabei scheint der oftmals die mediale Berichterstattung gepra¨gt und nur in impliziten Wirkungsweise von Darstellungsvarianten seltenen Fallen liegen spezifische Kenntnisse u ¨ber die der Tierhaltungsverfahren eine besondere Bedeu- Tierhaltung vor. tung zuzukommen. Im Rahmen der bisher In den meisten Fa¨llen fu ¨hlen sich die befragten vorliegenden Arbeiten des SocialLab spielt der Pra¨- Teilnehmer in ihrer Rolle als Konsument u ¨berfordert. sentationsrahmen – das sogenannte Framing – eine Einerseits akzeptieren sie das, was sie u ¨ber die entscheidende Rolle in der Kommunikationswahr- Nutztierhaltung zu wissen glauben, nicht, anderer- nehmung und -verarbeitung der Verbraucher. Es ist seits tolerieren viele von ihnen die Zusta¨nde in ihrem daher wichtig, diese Aspekte bei der Gestaltung von alltaglichen Einkaufsverhalten. Die Gru ¨nde fu ¨r dieses Kommunikation im Bereich der Nutztierhaltung Verhalten sind vielschichtig. Generell gilt jedoch zu ku ¨nftig noch sta¨rker zu beachten. Das ,,Wie?‘‘ der beru ¨cksichtigen, dass der Lebensmitteleinkauf nicht Gestaltung wu ¨rde dann starker betont werden mu¨s- die einzige Herausforderung im Alltag der Verbrau- sen. Gleichwohl gilt es zu vermeiden, dass cher ist. Werden Bu ¨rger bzw. Verbraucher explizit entsprechende Maßnahmen als scho ¨nfa¨rbend wahr- mit Fragen der Nutztierhaltung konfrontiert, zeigen genommen werden, um einen mo ¨glichen weiteren sie sich zumeist auch dann ausgesprochen kritisch, Glaubwu ¨rdigkeitsverlust des Sektors zu vermeiden. wenn sie sich zuvor nicht mit dem Thema bescha¨ftigt In Hinblick auf eine zielgerichtete Verbraucherin- haben. Zahlungsbereitschaftsstudien ermitteln formation wa¨ren unter Beru ¨cksichtigung immer wieder eine Mehrzahlungsbereitschaft fu¨r informationslogistischer Erkenntnisse u.a. folgende Tierwohlaspekte und es wird auch zuku ¨nftig wichtig Maßnahmen denkbar: sta¨rkere Nutzung sozialer sein, die Praferenzstruktur zu kennen und bei der Netzwerke, die bereits heute in vielen Branchen Verbraucherkommunikation zu beru ¨cksichtigen. genutzt werden. Sie ko ¨nnten ein flexibles Element Diskrepanzen zwischen am Point-of-Sale gezeigten eines modernen ,,Verbraucherinformationssystems‘‘ und in Befragungen gea¨ußerten Zahlungsbereit- bilden, welches auch in Hinblick auf die gesell- schaften ko ¨nnen aber auch ein Hinweis auf eine schaftliche Akzeptanz der landwirtschaftlichen Trittbrettfahrer-Problematik sein, wie sie bei der Nutztierhaltung wu ¨nschenswert wa¨re. Mit Hilfe einer Bereitstellung o ¨ffentlicher Gu ¨ter auftritt. Hier wa¨re Moderation und Experten (Landwirte, Ha¨ndler und zu kla¨ren, wie ein mo ¨gliches Marktversagen durch Wissenschaftler) ko ¨nnen verifizierte Nutzer (Ver- politische Eingriffe oder organisatorisch-institutio- braucher) u ¨ber fu ¨r sie relevante Themen im nelle Innovationen behoben werden kann und Bedarfsfalle untereinander und mit unabha¨ngigen Verbrauchern Konsumentscheidungen ermo ¨glicht Experten diskutieren und Erfahrungen austauschen. werden ko ¨nnen, die in Einklang mit ihren Praferen- Dadurch ko ¨nnten relevante Informationen ohne zen stehen. (große) Uberforderung den interessierten Verbrau- chern zur Verfu ¨gung gestellt werden. Der 3 Kommunikation Informationsgegenstand ko ¨nnte dabei gezielt durch Fu ¨r eine Verbesserung der Akzeptanz der Tierhal- den Verbraucher erbeten werden, aber zugleich auch tung sind Anderungen und Weiterentwicklungen aktiv von den Experten vermittelt werden. Die aktuell hin zu tiergerechteren Verfahren notwendig, aber an vielen Stellen beobachtbaren Informationsineffi- nicht hinreichend. Die hier vorliegenden Ergebnisse zienzen ko ¨nnten so reduziert werden. Durch das zeigen, dass Verbesserungen in der Tierhaltung Bu¨r- Gewa¨hrleisten der Unabha¨ngigkeit der Inhalte und gern und Verbrauchern gegenu ¨ber unter eines glaubwu ¨rdigen Monitorings wu ¨rde Vertrauen Beru ¨cksichtigung (neuro-)psychologischer und ver- in das Verbraucherinformationssystem aufgebaut. haltenso ¨konomischer Zusammenhange kommuni- Die verwendeten Daten sollten von o ¨ffentlichen ziert werden mu ¨ssen. Hierbei kommt der Kommuni- Institutionen wie z.B. der Bundesanstalt fu ¨r Land- kation eine Sonderstellung zu. Es ist dabei notwen- wirtschaft und Ernahrung (BLE) verwaltet werden. dig, die Empfindungskategorien Mitgefu ¨hl, Auch wenn Label mitunter als die einfachste Mo¨g- lichkeit der Verbraucherinformation angesehen Gerechtigkeit und Respekt beim Bu ¨rger/Verbraucher 123 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft 235 werden, stoßen sie regelma¨ßig an ihre Grenzen. Blickwinkeln beurteilt und bei Bedarf angepasst und Bedarfsgerechte, differenziertere, horizontal und weiterentwickelt werden. Dabei muss bei Tierwohl- vertikal organisierte Alternativansa¨tze ko ¨nnten aspekten auch eine betriebswirtschaftliche Betrach- zumindest fu ¨r einige Verbrauchersegmente zu einer tung unter Beru ¨cksichtigung o ¨konomischer, Lo ¨sung beitragen. Dabei ist es erforderlich, die politischer und gesellschaftlichen Rahmenbedin- Heterogenita¨t der Verbraucher besser als bisher gungen erfolgen. Landwirte und berufssta¨ndische abzudecken, ihren Informationsbedarf flexibel zu Vertretungen mu ¨ssen fru ¨hzeitig eingebunden wer- bedienen und so einer Uberforderung den, um die Umsetzbarkeit, auch unter entgegenzuwirken. Beru ¨cksichtigung von Aspekten wie der Arbeitssi- cherheit, zu kla¨ren. Parallel bedarf es der 4 Handel fru ¨hzeitigen Untersuchung der Wahrnehmung und Bei Listungsentscheidungen fu ¨r Produkte mit einem Akzeptanz innovativer Ansa¨tze durch die Gesell- ho ¨heren Tierwohlstandard setzen der Lebensmitte- schaft, um zu vermeiden, dass aufgrund von leinzelhandel (LEH) und weitere handelsnahe Fehlinterpretationen etwaige Innovationen von Akteure vor allem auf standardisierte Prozesse und vornherein abgelehnt werden. Wie oben dargestellt, langfristige Partnerschaften. Oft werden relativ ein- geben die Verbraucher im Falle von Zielkonflikten fache Heuristiken benutzt, die wissenschaftlich noch zwischen Tierwohl und bspw. Umweltschutz dem wenig durchdrungen sind. Durch eine Aufklarung Tierwohl Vorrang. Und auch aus der Nationalen ihres Gebrauchs ko ¨nnte die Qualita¨t der Listungs- Nutztierstrategie (BMEL 2017) geht hervor, dass bei Unvereinbarkeiten bspw. hinsichtlich des Umwelt- entscheidung von Tierwohlprodukten verbessert werden. Des Weiteren werden Label kritisch vom LEH schutzes, dem Tierwohl Vorrang zu geben ist. und weiteren handelsnahen Akteuren betrachtet. Ein derart multidisziplina¨rer Ansatz entspricht Hier wird die Gefahr einer Uberlastung der Ver- zum einen dem Innovationscharakter des SocialLab, braucher mit zusa¨tzlichen Informationen erkannt, das sich auch zum Ziel gesetzt hat, Innovationen, wie die das eigentliche Ziel der Verbrauchererleichte- beispielsweise neue Formen der Tierhaltung oder rung beim Einkauf verfehlt. Um die Uberlastung der zu ¨chterische Vera¨nderungen aus der Perspektive Verbraucher zu verringern, sollten weitere Anreize unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen zu fu ¨r den LEH zur Beteiligung an der bereits genannten untersuchen. Zum anderen deckt er sich mit Pla¨nen systemischen Lo ¨sung (Gier et al.) geschaffen werden. des BMEL in Bezug auf die Entwicklung eines ,,Stalls Fo ¨rderlich wa¨ren hier auch Anreize, die eine wei- der Zukunft‘‘ (BMEL 2017). terfu ¨hrende Entwicklung entsprechender Markt- Das BMEL fo ¨rdert mit SocialLab einen ungewo ¨hn- bzw. Marketinginnovationen unterstu ¨tzen (z.B. im lich breiten und methodisch vielfa¨ltigen Hinblick auf handels- und steuerrechtliche Aspekte). Forschungsverbund. Die in diesem Heft vorgestellten Zwischenergebnisse bieten facettenreiche Informa- Summa summarum tionen zum Status quo. Der Transformationsprozess Die Nutztierhaltung hat in den vergangenen Jahr- in der Tierhaltung wird allerdings ein langfristiger zehnten an gesellschaftlicher Akzeptanz verloren. Weg werden. Entwu ¨rfe fu ¨r den ,,Stall der Zukunft‘‘ Um diese Akzeptanz zuru ¨ckzugewinnen, wird es werden in den nachsten Jahren im Hinblick auf ihre notwendig sein, Vera¨nderungen herbeizufu ¨hren, die Wahrnehmung und gesellschaftliche Akzeptanz zu vom Laien (Verbraucher, Bu ¨rger) als Verbesserung pru ¨fen sein. Hierfu ¨r bietet SocialLab neben der Ent- wahrgenommen werden. Die SocialLab-Zwischener- wicklung innovativer Ansa¨tze auch die Chance, die vorliegenden ersten Evidenzen zuku ¨nftig in Form gebnisse deuten allerdings darauf hin, dass Landwirte und Laien die Nutztierhaltung unter- einer La¨ngsschnittstudie und begleitet durch ad-hoc- schiedlich wahrnehmen. Fu ¨r zuku ¨nftige Studien zu zentralen Einzelfragen systematisch wei- Forschungsarbeiten bezu ¨glich innovativer Haltungs- terzufu ¨hren und zu einem wissenschaftlichen systeme ist es daher erforderlich, diese Arbeiten in Monitoring des Transformationsprozesses einem großen disziplinu ¨bergreifenden Verbund auszubauen. durchzufu ¨hren, um die Thematik ganzheitlich zu untersuchen und existierende Problemfelder zu lo ¨sen bzw. neu entstehende fru ¨hzeitig zu entdecken. Im besten Falle wu ¨rden Prototypen und innovative Ansa¨tze fu ¨r bspw. neue Stallsysteme entwickelt wer- den, die anschließend aus unterschiedlichsten 123 236 SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft Literatur Porter ME, Kramer MR (2011) Creating shared value. Harvard Bus Rev Jan./Febr, 63–70 Allen P, van Dusen D, Lundy J, Gliessmann S (1991) Weary DM, Ventura BA, von Keyserlingk MAG (2016) Integrating social, environmental, and economic Societal views and animal welfare science: issues in sustainable agriculture. Am J Altern Agric understanding why the modified cage may fail 6:34–39 and other stories. Animal 10(2):309–317 BMEL (2017) Nutztierhaltungsstrategie. Zukunftsfa- Open Access This article is distributed under the terms of the hige Tierhaltung in Deutschland. http://www. Creative Commons Attribution 4.0 International License bmel.de/DE/Tier/_texte/Nutztierhaltungsstrategie. (http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/), which permits html Abgerufen 19.10.2017 unrestricted use, distribution, and reproduction in any med- Buller H, Roe E (2012) Modifying and commodifying ium, provided you give appropriate credit to the original author(s) and the source, provide a link to the Creative Com- farm animal welfare: the economisation of layer mons license, and indicate if changes were made. chickens. J Rural Stud 33:141–149

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Journal für Verbraucherschutz und LebensmittelsicherheitSpringer Journals

Published: Feb 5, 2018

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