Lösen, was nicht zu lösen war

Lösen, was nicht zu lösen war In Die Unfähigkeit zu trauern: Grundlagen kollektiven Verhaltens (zuerst 1967 veröffentlicht) haben Margarete und Alexander Mitscherlich die Deutschen an ihre euphorische Zustimmung zum Nationalsozialismus erinnert. Ihre Frage nach den Gefühlen des Tätervolkes angesichts seiner Verbrechen war im zeithistorischen Kontext singulär. Sie fragten aber nicht nur nach diesen Gefühlen, sondern wollten auch zeigen, dass eine Trauer um die Opfer möglich gewesen wäre. Ihre Analyse der Schwellenzeit von 1945 und die damit verbundenen Überlegungen eines emotionalen „Entwicklungsschemas“ der Reaktionen auf die Völkermorde sollten das belegen. Die Mitscherlichs postulierten ein zeitliches und hierarchisches Schema von Affekten. Durch die Fülle und Gleichzeitigkeit solcher Affekte wie Angst, Scham, Schuld und Trauer schlugen sie gleichsam eine Schneise, indem sie Setzungen vornehmen, psychische und physische Abläufe fordern, diese in zeitliche und hierarchische „Rangfolgen“ ordnen, um so Verdrängtes und deren Abwehr zu beschreiben. Dass ein solches Entwicklungsschema dem Wunsch der Mitscherlichs entsprach, jedoch von ihrer eigenen Analyse nicht gedeckt ist, wird in einer Relektüre des Textes dargestellt. Hier markieren signifikante Auslassungen, Brüche und theoretische Inkonsistenzen, wie dieser Wunsch ihre Analyse beschädigt hat. So minimieren die Mitscherlichs das Ausmaß der Gewalt- und Schamerfahrungen und problematisieren die Aporie einer Trauer bei narzisstischer Objektwahl, als die sie die Bindung an den Nationalsozialismus so überzeugend charakterisiert haben, letztlich nicht. http://www.deepdyve.com/assets/images/DeepDyve-Logo-lg.png Forum der Psychoanalyse Springer Journals

Lösen, was nicht zu lösen war

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Publisher
Springer Medizin
Copyright
Copyright © 2016 by Springer-Verlag Berlin Heidelberg
Subject
Psychology; Psychology, general; Psychiatry; Psychotherapy; Psychoanalysis
ISSN
0178-7667
eISSN
1437-0751
D.O.I.
10.1007/s00451-016-0237-8
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Abstract

In Die Unfähigkeit zu trauern: Grundlagen kollektiven Verhaltens (zuerst 1967 veröffentlicht) haben Margarete und Alexander Mitscherlich die Deutschen an ihre euphorische Zustimmung zum Nationalsozialismus erinnert. Ihre Frage nach den Gefühlen des Tätervolkes angesichts seiner Verbrechen war im zeithistorischen Kontext singulär. Sie fragten aber nicht nur nach diesen Gefühlen, sondern wollten auch zeigen, dass eine Trauer um die Opfer möglich gewesen wäre. Ihre Analyse der Schwellenzeit von 1945 und die damit verbundenen Überlegungen eines emotionalen „Entwicklungsschemas“ der Reaktionen auf die Völkermorde sollten das belegen. Die Mitscherlichs postulierten ein zeitliches und hierarchisches Schema von Affekten. Durch die Fülle und Gleichzeitigkeit solcher Affekte wie Angst, Scham, Schuld und Trauer schlugen sie gleichsam eine Schneise, indem sie Setzungen vornehmen, psychische und physische Abläufe fordern, diese in zeitliche und hierarchische „Rangfolgen“ ordnen, um so Verdrängtes und deren Abwehr zu beschreiben. Dass ein solches Entwicklungsschema dem Wunsch der Mitscherlichs entsprach, jedoch von ihrer eigenen Analyse nicht gedeckt ist, wird in einer Relektüre des Textes dargestellt. Hier markieren signifikante Auslassungen, Brüche und theoretische Inkonsistenzen, wie dieser Wunsch ihre Analyse beschädigt hat. So minimieren die Mitscherlichs das Ausmaß der Gewalt- und Schamerfahrungen und problematisieren die Aporie einer Trauer bei narzisstischer Objektwahl, als die sie die Bindung an den Nationalsozialismus so überzeugend charakterisiert haben, letztlich nicht.

Journal

Forum der PsychoanalyseSpringer Journals

Published: Jun 17, 2016

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