Einfluss von Naturräumen auf die Gesundheit – Evidenzlage und Konsequenzen für Wissenschaft und Praxis

Einfluss von Naturräumen auf die Gesundheit – Evidenzlage und Konsequenzen für Wissenschaft... Leitthema 1 2 Bundesgesundheitsbl 2018 · 61:720–728 Thomas Claßen · Maxie Bunz https://doi.org/10.1007/s00103-018-2744-9 Fachgruppe Gesundheitsanalysen und -prognosen, Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen, Online publiziert: 16. Mai 2018 Bochum, Deutschland © Der/die Autor(en) 2018 Fachgebiet II 1.5: Umweltmedizin und gesundheitliche Bewertung, Umweltbundesamt, Berlin, Deutschland Einfluss von Naturräumen auf die Gesundheit – Evidenzlage und Konsequenzen für Wissenschaft und Praxis Die unterschiedlichen Faktoren der erschließt sich vor dem Hintergrund ak- Einleitung Lebensumwelt können als sogenannte tueller, weltweit wirksamer Phänomene Die Lebensumwelt beeinflusst in viel- Gesundheitsdeterminanten in verschie- wie fältiger Weise Gesundheit und Wohl- denartiger Weise auf unsere physische, 4 dem Klimawandel und der Notwen- befinden und damit die Lebensqualität psychische und soziale Gesundheit ein- digkeit adäquater Anpassungsstrate- der darin lebenden und arbeitenden Be- wirken (vgl.u.a.[3]): gien, völkerung. Insbesondere der städtische 4 direkt über unmittelbare Wechsel- 4 der Globalisierung und dem Druck Raum wird omals ft assoziiert mit be- wirkungen mit Individuen (z. B. auf Naturräume, lastenden und gesundheitsschädigenden Inhalation von Feinstaub, Lärmexpo- 4 dem demografischen Wandel und Einwirkungen über Boden, Wasser und sition oder Blick ins Grüne), veränderten Bedürfnissen und Nut- Luft sowie aus der baulich-technischen 4 indirekt durch die Beeinflussung wei- zungsmustern einer älteren und und der sozialen Umwelt (z.B. Lärm, terer Umweltfaktoren (z. B. Minde- bunteren Gesellschaft im Hinblick Lu-ft und Bauschadstoffe, Altlasten, rung von Hitzeextremen im urbanen auf Naturräume, Hitzeinseln, aber auch Unfälle, sozia- Raum durch Gewässer [Stadtblau] 4 der fortwährenden Land-Stadt- le Isolation oder Gewalterfahrungen, und Grünflächen [Stadtgrün]), Wanderung sowie Reurbanisierung sogenannte „environmental bads“, vgl. 4 indirekt durch eine mögliche Beein- der Innenstädte, [1]). Den „environmental bads“ stehen flussung des Gesundheitsverhaltens 4 der urbanen Wohnraumverknappung gesundheitsförderliche, salutogene Res- vonIndividuensowie unterschied- und des dadurch entstehenden sourcen aus der Umwelt („environmen- lichen Bevölkerungsgruppen (z. B. Drucks auf Freiflächen und letztlich tal goods“) gegenüber [1]. Diese können Förderung von Bewegung). 4 der Forderung einer nachhalti- gesundheitliche Belastungen mildern, gen und gesundheitsförderlichen das allgemeine Wohlbefinden und die Viele dieser Determinanten sind steuer- Entwicklung von Räumen und insbe- Gesundheit der Bevölkerung erhalten, und planbar, sind aber stets von der in- sondere Stadtregionen. aber auch steigern. Zu den gesundheits- dividuellen bis zur globalen Ebene auch förderlichen Ressourcen zählen u.a. in ihrer räumlichen und gesellschasp ft o- In diesem Zusammenhang wird stetig soziale Unterstützung durch Familie litischen Dimension zu betrachten ([4], eine positive Assoziation zwischen der und Nachbarscha,ft Quartiersidenti- siehe . Abb. 1). Aneignung (d. h. Wahrnehmung, Bewer- tät, gesundheitsrelevante Einrichtungen In den vergangenen zwei Jahrzehnten tung und Nutzung) von Naturräumen (z.B. Sport- und Fitnesseinrichtungen, ist die gesundheitliche Bedeutung von und der gesundheitlichen Lebensqua- Facharztpraxen, Kliniken), Bewegungs- Naturräumen, d.h. solchen Räumen im lität postuliert. Oft steht pauschal die freundlichkeitvonRäumen(Walkability) städtischen wie auch ländlichen Raum, Forderung im Raum, im Rahmen ei- sowie Natur- und Landschasft elemente die vor allem durch „grüne“ und „blaue“ ner integrierten, zukunftsfähigen Stadt- (vgl. [2]). Gerade in städtischen Räu- Strukturen geprägt sind, in den Fokus entwicklungsplanung insbesondere ge- men, in denen in Deutschland etwa 75 % von Wissenschaft und Forschung sowie sundheitsförderliche Naturräume zu der Bevölkerung leben, sind zahlreiche der Politik, Planungs- und Umsetzungs- erhalten, zu erweitern und ggf. wie- dieser Ressourcen stark entwickelt. praxis gerückt [1–3, 5]. Die hohe gesell- derherzustellen (vgl. u. a. [6, 7]). Doch schasft politische Relevanz des Themas welche konkreten Wirkzusammenhänge 720 Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 6 · 2018 den größeren Abstand zwischen Lärm- quelle und lärmexponierten Personen sowie durch eine geringere Schallreflek- tion und stärkere Streuung aufgrund der vergleichsweise rauen Oberfläche. Die faktische Pegelminderung kann in Aus- nahmefällen 3–5 dB betragen, z.B. bei begrünten Bahngleisen (Rasengleisen) mit hochliegender Vegetationsdecke, wird insgesamtjedochhäufigüberschätzt (u. a. [13]). Für die subjektiv wahrge- nommene Lautstärkenminderung ist auch entscheidend, dass Grünräume und Gewässer durch die selbst erzeugte Geräuschkulisse eine positiv bewertete Soundscape (z. B. Blätterrauschen, Vo- gelgezwitscher,Wasserplätschern)erzeu- gen. Damit überlagern sie zum Teil den störenden Umgebungslärm, mindern die subjektiv empfundene Lärmbelästigung der Bevölkerung und steigern so die Aufenthaltsqualität [14]. Dieser Effekt wird durch die visuelle Abschirmung der Lärmquelle sogar noch verstärkt [14]. Aus klimaökologischer Sicht sind Grün- und Gewässerstrukturen in mehr- facherWeisegesundheitsschützendwirk- sam. So können sie durch die Tran- Abb. 1 8 Humanökologisches Modell der Gesundheitsdeterminanten im Siedlungsraum, auch spirationsleistung (u. a. Erhöhung der Health Map genannt (autorisierte Übersetzung nach Barton & Grant [4]). Abbildung mit freundl. absoluten Luftfeuchtigkeit), die raue Genehmigung © SAGE Publications on behalf of Royal Society for Public Health Oberfläche natürlicher, bewachsener und feuchter Böden (mit geringerer bestehen zwischen Gesundheit, Wohl- Wärmespeicherung als asphaltierte Flä- Gesundheitsschützende befinden und Naturräumen, und welche chen) und die Schattenwirkung des Potenziale von Naturräumen Konsequenzen ergeben sich daraus für Kronendachs von Bäumen erheblich da- Wissenschaft, Politik und Planung? Der Naturräume werden über zahlreiche zu beitragen, die Temperatur an heißen folgende Übersichtsbeitrag liefert hierzu Ökosystemleistungen gesundheitsschüt- Tagen, insbesondere in hitzebelasteten einige Antworten. zend wirksam (vgl. [9, 10]). Sowohl grüne urbanen Räumen (Hitzeinseln), zu sen- Strukturen als auch Gewässer besitzen ken [15]. Wasserflächen besitzen ein ein erhebliches Potenzial, luh ft ygieni- eigenständiges Ausgleichspotenzial mit Naturräume und Gesundheit sche Problemlagen zu mindern, indem Kühlungseffekten, die mit ca. 2,5 K sogar Die gesundheitsschützende ebensowie die sie Schadstoffe aus der Umgebungsluft noch deutlich über der Reduktionsleis- gesundheitsfördernde Wirkung von Na- filtern. Besonders laubtragende Gehöl- tung von Grünräumen liegen können turräumen allgemein sowie von Stadt- ze sind in der Lage, Schadstoffe direkt [16]. In der kälteren Jahreszeit hingegen grün und Stadtblau im Besonderen ist aufzunehmen und umzuwandeln oder wirken offene Wasserflächen als Wär- vielfach belegt (u.a. [8, 9]). Nachfolgend Partikel auf ihrer Oberfläche anzulagern mespeicher [16]. Mit der Zunahme von wird die diesbezügliche aktuelle Evidenz- und mit dem nächsten Niederschlag Hitzetagen und Tropennächten infolge lage dargestellt. Mögliche gesundheitsge- in den Boden abzuleiten. Allerdings des erwarteten Klimawandels gewinnen fährdende Wirkungen von Naturräumen können sich durch geschlossene Kro- Naturräume in der Stadt als Klimakom- werden ebenfalls kurz thematisiert, sind nendächer in städtischen Alleen auch fortinseln insbesondere für besonders jedoch nicht Schwerpunkt dieses Bei- lufthygienische Problemlagen verstärken vulnerable Bevölkerungsgruppen er- trags. . Abb. 2 liefert einen Überblick der [11]. heblich an Bedeutung [17]. Weiterhin im weiteren Beitrag ausgeführten Aspek- In Bezug auf Lärm sind direkt lärm- können Grünflächen, z. B. in Form von te. mindernde Effekte und lärmmoderieren- Parks, größere Wassermassen aufneh- de Wirkungen hervorzuheben (vgl. [12]). menund denOberflächenabfluss im Grüne Strukturen mindern Lärm durch städtischen Gebiet reduzieren (vgl. [18]). Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 6 · 2018 721 Zusammenfassung · Abstract Somit können sie auch als Überschwem- Bundesgesundheitsbl 2018 · 61:720–728 https://doi.org/10.1007/s00103-018-2744-9 © Der/die Autor(en) 2018 mungsschutz bei Starkregenereignissen dienen. T. Claßen ·M.Bunz Einfluss von Naturräumen auf die Gesundheit – Evidenzlage und Gesundheitsfördernde Konsequenzen für Wissenschaft und Praxis Potenziale von Naturräumen Zusammenfassung Einige Studien und Übersichtsarbeiten Wirkungen von Naturräumen sind ebenfalls Naturräumen und insbesondere urbanen gaben schon vor der Jahrtausendwende beschrieben worden (z.B. Unsicherheit Grünräumen (Stadtgrün) und Gewässern Hinweise auf eine Steigerung des allge- oder Angst in unübersichtlicher Natur, (Stadtblau) wird seit Langem ein großes meinen (gesundheitlichen) Wohlbefin- mögliche Nutzungskonkurrenzen, Allergien gesundheitsschützendes und -förderndes dens der Bevölkerung durch die Nutzung und Hautirritationen durch Naturelemente, Potenzial beigemessen. Sie können in Infektionsrisiken durch Wirtstiere). Vor dem vielfältiger Weise positiv auf die psychische, von Naturräumen (vgl. u. a. [19–22]), Hintergrund der positiven Wirkungen von physische und soziale Gesundheit sowie das auch wenn die Quantität und Qualität Wohlbefinden von Menschen einwirken – Naturräumen wird bisweilen gefordert, des betrachteten „Grüns“ häufig nicht direkt oder indirekt: direkt durch die Min- diese im Rahmen einer integrierten, systematisch erfasst wurde. Inzwischen derung und Moderation möglicher Risiken zukunftsfähigen Entwicklung von Kommunen zu erhalten, zu fördern und gegebenenfalls gibt es aber eine Vielzahl an Studien, die aus der Lebensumwelt (z.B. Lärm, Feinstaub, wiederherzustellen. Doch welche konkreten Hitze), durch die psychisch-physiologischen direkte und indirekte positive Einflüsse Wirkzusammenhänge bestehen zwischen Wirkungen des Naturerlebnisses und die von Naturräumen auf das Wohlbefinden Naturräumen und Gesundheit? Welche physischen Auswirkungen der Exposition von Individuen und Bevölkerungsgrup- Forderungen und Perspektiven ergeben gegenüber Naturstoffen und -elementen; penbetrachten[3, 8, 9]. Hierbei spielt sich für eine gesundheitsförderliche indirekt wirken Naturräume beispielsweise auch der Typus des Naturraums (natur- Umsetzungspraxis? Mit diesen Fragen setzt über die Anregung gesundheitsförderlicher sich der Übersichtsbeitrag auseinander und Verhaltensweisen (z.B. Anreiz für mehr nah oder stark anthropogen überformt, liefert einige Antworten. Bewegung), über die Nutzung als Out- Wald oder Park,vgl.[23]) eine Rolle. doortreffpunkt sowie die Minderung von An dieser Stelle ist jedoch der Hinweis Schlüsselwörter Aggressionen und daraus resultierender angezeigt, dass die Erkenntnisse zumeist Natur · Gesundheit · Stadtgrün · Stadtblau · Effekte für das soziale Wohlbefinden. aus epidemiologischen Querschnittstu- Wohlbefinden Einzelne mögliche gesundheitsabträgliche dien mit teils sehr unterschiedlichen Naturraumdefinitionen stammen und Contribution of natural spaces to human health and wellbeing somit Assoziationen, aber keine ge- sicherten Wirkungen beschreiben. In Abstract experimentellen Studien werden hin- have been reported, too (e.g. insecurity or Natural spaces and especially urban green gegen häufig typisch urbane Szenerien fear in confusing or unmaintained natural and blue spaces have been recognised for eher ländlichen, naturnahen Szeneri- spaces, potential rivalry in usage, allergies a long time as spaces with great potential for or skin irritations due to natural elements, en gegenübergestellt. Nachfolgend wird protecting and promoting human health and risk of communicable diseases from vectors). well-being. They may affect human physical, die Evidenzlage zu Zusammenhängen Against the background of positive effects mental and social health and well-being in zwischen Naturräumen und mentalem, of natural spaces, creating, restoring and various ways. On one hand, this comes to physischem und sozialem Wohlbefinden enhancing urban green and blue spaces are pass through reduction and moderation of dargestellt, wobei eine strikte Trennung often claimed in terms of sustainable and potential environmental health risks (e.g. integrated urban development. But which as- schwierig ist, da die Übergänge gerade noise, particulate matter, heat), psycho- sociations and impacts exist between natural physiological effects of nature experience, as zwischen Psyche und Physis fließend well as physical effects of exposure to natural spaces and health? What are the resulting sind. compounds and elements. On the other demands when integrating natural spaces for hand, natural spaces can affect health and a health-promoting implementationpractice? This overview article provides some answers Mentales Wohlbefinden well-being indirectly e.g. through motivation to these questions. of health promoting behaviour (e.g. more physical activity) and through use as outdoor Im Hinblick auf das mentale (psychi- Keywords meeting spaces, by decreasing aggression, sche) Wohlbefinden, das stark von der Nature · Health · Urban green spaces · Urban and through the resulting positive effects on individuellen Raumwahrnehmung, -be- blue spaces · Well-being social well-being. Yet, some potential adverse wertung und -konstruktion beeinflusst health effects of nature and landscapes wird, sind Naturräume über die Kompo- nente des Erlebens besonders wirksam (u. a. [22]). So konnte gezeigt werden, dass das Natur- und Landschaftserleb- nis eine stressreduzierende, blutdruck- senkende, aufmerksamkeitserhöhende, konzentrationssteigernde und restorati- 722 Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 6 · 2018 Gesundheitsförderndes Potenzial Mental Körperlich Sozial • Reduktion von Stressempfinden • Verringertes Morbiditäts- und • Möglichkeit zu Begegnung und Mortalitätsrisiko für bestimmte sozialem Austausch • Erholung der Erkrankungen Aufmerksamkeitskapazität • Chancen für Integration und Inklusion • Anreiz zusätzlicher physischer • Steigerung von positivem Affekt • Verringerung gesundheitlicher Outdooraktivität Benachteiligung für Menschen mit • Verringerung psychischer Belastung • Senkung von Blutdruck und niedrigem sozioökonomischen Status • Positive Eek ff te bei bestehenden Stresshormonexpression psychischen Störungen • Assoziation mit neuronaler Integrität Gesundheitsschützendes Potenzial Gesundheitsgefährdendes Potenzial • Lärmminderung und -moderation • Hervorrufen negativer Gefühle, z.B. Angst bei unübersichtlichem Gelände • Schadstofffilterung und -umwandlung • Allergenes Potenzial bestimmter Pflanzen • Klimaökologischer Ausgleich • Risikoerhöhung für vektorenübertragene Infektionskrankheiten • Abmilderung von Hitze- und Kälteextremen • Beitrag zur bodennahen Ozonbildung an heißen Tagen • Überschwemmungsschutz Abb. 2 8 Überblick über die potenziellen gesundheitlichen Wirkungen von Naturräumen ve Wirkung haben kann (siehe folgende für beide Gruppen positiv auf die Stim- assoziiertistmiteinem gesteigertenmen- Abschnitte, vgl. u.a. [9]). Insbesondere mung und das Stresserleben auswirkte. talen Wohlbefinden (vgl. u. a. [30]). die Ergebnisse zur Aufmerksamkeits- Darüber hinaus führte der Spaziergang Mit dem Erlebnis von Gewässerstruk- und Konzentrationssteigerung gehen im ländlichen Raum zu einem höheren turen wird in vereinzelten Studien un- konform mit der Attention-Restoration- restorativen Effekt in der Gruppe derer abhängig von Gewässertypus und -grö- Theory [ 19], nach der es in der Natur mit psychischer Störung [26]. Dies weist ße zudem eine über die Wirkung rei- zu einer kognitiven Erholung kommt. auf das Potenzial von Naturräumen als ner Grünräume hinausgehende erholsa- Zudem gibt es mittlerweile Hinweise Coping-Ressource bei bestehenden psy- me, stressmildernde Wirkung assoziiert aus der Forschung, die einen positiven chischen Störungen hin, zum einen auf- [31, 32]. Jedoch gilt es auch, die Art von Zusammenhang zwischen der langfristi- grund derrestorativenWirkung, zum an- Grünräumen zu berücksichtigen: Insbe- gen Exposition gegenüber Grünräumen deren durch die Förderung körperlicher sondere Waldgebieten wird ein positi- und der kognitiven Entwicklung von Bewegung und sozialer Kontakte bei ge- ver Einfluss auf die Stresslinderung und Kindern sowie der kognitiven Funktion meinschaftlichen Aktivitäten (s. unten). die Stimmung zugeschrieben sowie eine Erwachsener nahelegen [24]. In weiteren Studien konnte gezeigt verminderteAktivitätdessympathischen Neben der Bedeutung für Aufmerk- werden,dasseinhöheresMaßanGrünim Nervensystems (vgl. [33, 34]). Kühn et al. samkeit und kognitive Funktionen ha- Wohnumfeld mit geringerem Auftreten [35] stellten in einer Untersuchung äl- ben Naturräume u. a. einen Einfluss auf von Angststörungen, geringerem Stress- terer Menschen in Berlin eine signifi- Emotionen, psychische Belastungen und erleben und weniger depressiven Symp- kant bessere strukturelle Integrität der Stressempfinden. Hartig et al. [25] konn- tomen assoziiert ist [9, 27, 28]. Längs- Amygdala bei Probanden fest, die nah ten nachweisen, dass durch einen Spa- schnittevidenz kommt von Alcock et al. am (Stadt-)Wald wohnen, im Vergleich ziergang in der Natur der positive Af- [29], in deren Studie sich die selbstbe- zu solchen, die nah am Wasser oder sons- fekt zunahm, während Ärger abnahm, wertete psychische Gesundheit von Stu- tigen Grünräumen wohnen. Dies könnte verglichen mit einem Spaziergang ent- dienteilnehmenden nach einem Umzug auf eine höhere Stressresilienz bei Men- lang einer urbanen Straße. Auch Roe in eine grünere Gegend langfristig ver- schen hinweisen, die in der Nähe eines und Aspinall [26] konnten in einer qua- besserte. Waldgebiets wohnen. Da die Stressreak- siexperimentellen Studie mit zwei Grup- Vereinzelte Studien geben auch Hin- tion und die Funktionsweise der Amyg- pen (eine mit guter mentaler Verfassung, weise darauf, dass eine wahrgenomme- dala eine Rolle in der Entstehung be- eine mit einer klinisch diagnostizierten ne hohe Biodiversität im Vergleich mit stimmter psychischer Störungen wie der psychischen Störung) zeigen, dass der Flächen geringerer Biodiversität positiv Depression spielen, könnten die Ergeb- Spaziergang in ländlicher Gegend sich nisse ein Indiz für ein vermindertes Ri- Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 6 · 2018 723 Leitthema siko des Auftretens von durch neurona- Auch Li et al. [37] bestätigten in ver- spezifischenUnterschiedenergaben,dass le Prozesse ausgelösten psychischen Stö- schiedenen Studien, in der die Wirkung die Mortalitätsraten durch kardiovasku- rungen darstellen. An den aufgeführten des längeren Aufenthalts im Wald (das läre und respiratorische Erkrankungen Studienergebnissen zeigt sich auch die sogenannte Forest Bathing oder Shinrin- bei Männern umso geringer waren, je enge Verquickung von psychischer und Yoku) analysiert wurde, den Abbau der größer der Grünanteil war. Diese As- physischer Gesundheit über physiologi- Stresshormone Adrenalin und Noradre- soziation ließ sich jedoch für Frauen sche Prozesse. nalin. Darüber hinaus wiesen sie auch nicht nachweisen. Dies erklärten die eine krebspräventive Wirkung durch Autoren mit der geschlechterdifferen- den Aufbau sogenannter Krebskiller- zierten Wahrnehmung und Nutzung von Körperliches Wohlbefinden zellen („human natural killer activity“) Grünräumen. In Studien zu den direkten Wirkungen sowie die Ausschüttung von intrazellu- In den vergangenen Jahren konnten von Natur und Stadtgrün auf die physi- lären Krebsabwehrproteinen nach ([37], zudem verschiedene Querschnittstudi- sche Gesundheit wurden mögliche Effek- vgl. auch [38]). Als Erklärung wird die en in Spanien und Deutschland einen te auf die Mortalität, die Morbidität sowie erhöhte Konzentration von Phytonziden Zusammenhang zwischen dem Grün- kurzzeitige körperliche Reaktionen, wie (pflanzliche Biozide) in der Waldluft raumanteil in der Wohnumgebung und beispielsweise eine verminderte Expres- diskutiert. dem Geburtsgewicht von Neugeborenen sion von Stresshormonen, beschrieben. Maas et al. [28] konnten in einer nie- identifizieren ([43]; vgl. [9, 44]). Nach Erste statistisch abgesicherte Hinwei- derländischenUntersuchungzeigen,dass Adjustierung für Luvft erunreinigungen, se zu direkten Wirkungen von Natur- Menschen, die im städtischen Umfeld Abstand zu stark befahrenen Straßen, räumen auf die physische Gesundheit mit höherem Grünanteil in der direk- Bevölkerungsdichte und Bildungsgrad finden sich in den 1980er-Jahren. In ten Nachbarschaft (1 km Radius) leben, verstärkte sich der statistische Zusam- einer kleinen, aber vielbeachteten Studie signifikant seltener an kardiovaskulären, menhang [43]. Erklärungsversuche se- untersuchte Ulrich [36] retrospektiv in muskuloskelettalen, psychischen, respi- hen einehöhereGrundzufriedenheit einem quasiexperimentellen Design den ratorischen, neurologischen und intes- und Aktivität der Schwangeren als mo- Heilungsprozess von stationären Pati- tinalen Krankheitsbildern sowie weite- derierende Faktoren. enten nach Gallenblasenentfernung. Bei renErkrankungenwie Diabetesleidenals ansonsten vergleichbaren Bedingungen Personen, die einen geringeren Grünan- Anreiz für körperliche Aktivität machte der Blick aus dem Fenster den teil im Wohnumfeld haben oder in grö- Unterschied. Eine Gruppe schaute auf ßerer Entfernung zu Grünräumen leben. Immer wieder steht die Frage im Raum, eine Baumgruppe, die andere Gruppe In dieser Studie wurden Grünräume je- inwieweit Naturräume insbesondere in hingegen auf eine gegenüberliegende doch sehr weit gefasst und enthielten urbanen Gebieten Anreiz und Motivati- Backsteinwand. Die Ergebnisse zeigten, auch landwirtschaftliche Nutzflächen. on für eineverstärktekörperliche Aktivi- dass diejenigen Personen mit Blick auf Ergebnisse einer Studie aus Japan von tät (alltägliche Bewegung, Sport) bieten die Baumgruppe u.a. früher entlassen Takano et al. [39]weisen darauf hin, dass und somit indirekte Gesundheitseffekte wurden und deutlich weniger Schmerz- eine gute Versorgung mit und ein guter erwarten lassen im Hinblick auf die Stär- mittel einnahmen [36]. Zugang zu städtischen Grünflächen sig- kung des Herz-Kreislauf- und Immun- Hartig et al. [25] zeigten die Wirkung nifikant positiv mit Lebensqualität und systems sowie zur Prävention zahlrei- des Naturerlebnisses auf den Blutdruck, Lebenserwartung älterer Menschen as- cher Zivilisationskrankheiten (z. B. Adi- welchen sie als Indikator für das Stressle- soziiert ist. positas, Bluthochdruck, Diabetes melli- vel der Probanden nutzen. Der diastoli- Mitchell und Popham [40]fanden in tusTypIIoderRückenschmerzen).Frank sche Blutdruck sank in einer Probanden- einem englischen Forschungsprojekt zu- et al. [45] konnten für Bielefeld zeigen, gruppe während des Spaziergangs durch dem wenigerUngleichheitenhinsichtlich dassfür71 %derBefragtenBewegungder einen ländlichen Naturraum ab, wäh- Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Mor- Grund für das Aufsuchen von Grünräu- rend dieser in der Gruppe mit Spazier- talität zwischen Menschen mit hohem men ist. Ähnliches konnten Völker und gang entlang der Straße nach kurzzei- und niedrigem sozioökonomischen Sta- Kistemann [32] auch für den Aufenthalt tigem Absinken wieder deutlich anstieg tus in grüneren Gegenden als in Gebieten an Gewässern nachweisen. Fraglich ist [25]. Zwischenzeitig sind zahlreiche Stu- mit einem geringen Zugang zu natürli- jedoch, ob ein Mehr an Naturräumen dien durchgeführt worden, die die Ergeb- chen Grünräumen. Dies ist auch deshalb auch ein Mehr an Bewegung bedingt. nisse von Hartig et al. [25] stützen. Stets bedeutsam, da die Verteilung von quali- Maas et al. [46] konstatieren, dass der geht die Exposition gegenüber natürli- tativ hochwertigen und sicheren Grün- Grad der physischen Aktivität kaum mit chen Umgebungen einher mit einer Ab- flächen meist zuungunsten von Gruppen einer grünen Umgebung in Beziehung senkung des Blutdrucks sowie des Corti- mit niedrigem sozioökonomischen Sta- steht und der Anteil der physischen Be- solspiegels und weiterer Stresshormone tus sowie ethnischen Minderheiten aus- wegungineinergrünerenUmgebungden als Indikator für ein reduziertes Stress- fällt [41]. Zusammenhang zwischen Grünräumen niveau (vgl. u. a. [9]). Untersuchungen vonRichardsonund und selbstwahrgenommener Gesundheit Mitchell [42] zu möglichen geschlechts- nicht erklären kann. Ebenso wiesen Dad- 724 Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 6 · 2018 vand et al. [47]darauf hin,dass der Zu- Sinne eines „Outdoorwohnzimmers“ an- bindungen, die von der Vegetation bei sammenhang zwischen subjektiver Ge- regen [9, 51, 52]. Im Falle konkurrieren- hohen Temperaturen verstärkt emittiert sundheit und Grünflächen in Barcelo- der Nutzungsinteressen (Grillen, Skaten, werden, in Kombination mit hohen Kon- na zwar u. a. durch den psychischen Ge- Radfahren,Joggen,Spielen,Lesen,Ruhen zentrationen an Stickstoffoxiden an sehr sundheitsstatus und die wahrgenomme- etc.) unterschiedlicher Gruppen in klein- heißen Tagen bis zu 60 % zur Bildung von ne soziale Unterstützung mediiert wer- flächigen Grünräumen und auf grünen bodennahem Ozon beitragen können. den, allerdings nur in sehr geringem Ma- Wegeverbindungen können indes auch Darüber hinaus konnten einzelne Stu- ße durch die physische Aktivität, wobei Konflikte entstehen (vgl. [54]). dien nachweisen, dass die These der Bio- hier jedoch nicht zwischen Indoor- und philie als einer Menschen innewohnen- Outdooraktivität unterschieden wurde. den Liebe zu allem Lebendigen nicht all- Einfluss der Qualität von De Vries et al. [48] konnten hingegen in gemeingültig ist, sondern z. B. im Ekel Naturräumen einem Review anhand zahlreicher Stu- oder gar der Angst vor Spinnen, Mäusen dien Anreiz und Motivation von einer Wie aus den vorangehenden Abschnit- usw. ihre deutlichen Grenzen findet (vgl. grünen Umgebung zu zusätzlicher Be- ten ersichtlich wurde, können Naturräu- [59]). Weiterhin können negative Gefüh- wegung feststellen, beschreiben jedoch me insgesamt, aber insbesondere urbane le durch unübersichtliche, schlecht ein- auch, dass die Evidenz gemischt ist und Grünräume und Gewässer verschiedens- sehbareNaturräume, wiedichteWälder es an ausreichenden, qualitativ hochwer- te Funktionen ausüben im Hinblick auf oder verwinkelte Parks mit hohen Ge- tigen Studien mangelt. gesundheitsschützendeundgesundheits- büschen und mangelnder Beleuchtung, fördernde Wirkungen (siehe . Abb. 2). geradeinderDämmerunghervorgerufen Die bisher genannten Studien haben werden. Hiermit assoziierte Ängste sind Soziales Wohlbefinden gemeinsam, dass sie vornehmlich die ebensobeschriebenwieeinerhöhtesRisi- Als öffentliche und frei zugängliche Be- Quantität von Naturräumen im Studi- ko für Kriminalitätsförderung (z. B. Dro- gegnungsräume wirken sich Naturräu- endesign zugrunde legten, nicht jedoch genkriminalität, Überfälle, Gewalt gegen me vor allem in der Stadt auch positiv qualitative Aspekte. Van Dillen et al. Frauen, vgl. [9, 51]). auf das soziale Wohlbefinden der Men- [55]und de Vriesetal. [56] konn- Ein weiteres Risiko geht mit Allergien schen aus [49, 50]. Denn hinsichtlich ten hingegen in einer Untersuchung in oder Hautirritationen durch Naturele- der Möglichkeiten, soziale Kontakte zu 80 niederländischen Wohnquartieren mente wie Pollen (z. B. durch Birken, Er- schließen und zu pflegen, gelten urba- zeigen, dass sowohl die Verfügbarkeit len),Tierhaare (z.B.Eichenprozessions- ne Grünräume und Gewässerufer als be- als auch die Qualität von Grünräumen spinnerraupen [60]) oder Pflanzensäften deutsame Begegnungsstätten[50, 51], die und Straßenbegleitgrün positiv mit der (z.B. Herkulesstauden) einher (vgl. [9]), zudem als Identifikationsorte eine große selbstbewerteten Gesundheit der Stu- die große Bevölkerungsanteile betreffen Symbolkraft entfalten können [ 32]. Man dienteilnehmenden assoziiert waren, können. So gaben in der deutschlandwei- denke hier z.B. an den Central Park in wobei diese für Straßenbegleitgrün be- ten GEDA-Studie 28,1 % der Erwachse- New York, den Berliner Tiergarten oder sonders ausgeprägt waren. Auch in einer nen an, aktuell von Allergien betroffen die Kölner Rheinpromenade. Insbeson- australischen Studie wurde deutlich, dass zu sein [61]. Auch wenn nicht eindeutig dere in Parks erfolgen eine Durchmi- im urbanen Raum nicht allein die Quan- ist, in welchem Maße Grünflächen zur schung sowie ein Nebeneinander unter- tität von Grünräumen ausschlaggebend, Allergieauslösung beitragen [62], sollte schiedlichster sozialer Gruppen (z.B. in sondern eine hohe Qualität mit einem bei einer Neupflanzung von Bäumen im Bezug auf Alter, Geschlecht, ethnische niedrigeren psychosozialen Stresslevel öffentlichen Raum auf die Anpflanzung Herkunft). Damit besitzen städtische Na- assoziiert ist [57]. solcher Baumarten, die im Zusammen- turräume ein nicht zu unterschätzendes hang mit einer weiteren Erhöhung der Potenzial zur sozialen Integration, In- Baumpollenzahl mit allergenem Poten- Gesundheitsgefährdende klusion und Akzeptanzsteigerung [50] zial stehen, verzichtet werden [63]. Wirkungen und können im Wohnumfeld als unbe- Schließlich sind auch Risiken durch lasteter Begegnungs- und Kommunika- Über das zuvor beschriebene sozia- Infektionskrankheiten zu nennen, die tionsraum den sozialen Zusammenhalt le Konfliktpotenzial hinaus gibt es auch mit Wirtstieren assoziiert sind, wel- der dort ansässigen Bevölkerung stärken Evidenz zu verschiedenen möglichen ge- che an Grün- und Gewässerstrukturen [52]. Dies spiegelt sich auch in aktuel- sundheitsabträglichen Wirkungen von gebunden sind (z. B. Zecken, Mücken, lenBewegungenwie Urban Gardening Naturräumen. So können, entgegen der Nagetiere). wider (u. a. [53]). Darüber hinaus verfü- sonst anzunehmenden Verbesserung der Bei der Gestaltung von Naturräu- gen Grünräume auch über das Potenzi- Luq ft ualität durch Grünelemente, bei- men, die auch eine wesentliche Erho- al, der Kriminalitätsentstehung beispiels- spielsweise geschlossene Kronendächer lungsfunktion erfüllen sollen, sind diese weise in sozial benachteiligten Stadtge- in städtischen Alleen lufthygienische Aspekte in besonderer Weise zu beden- bietenentgegenzuwirken,sofernsie offen Problemlagen verstärken [11]. Weiter- ken. und einladend gestaltet sind und damit hin konnten Churkina et al. [58]zeigen, zum häufigeren Aufenthalt draußen im dass einige flüchtige organische Ver- Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 6 · 2018 725 Leitthema nehmungs- und Aneignungsmuster un- Umsetzung in der Praxis: Korrespondenzadresse terschiedlicher soziodemografischer und Anforderungen an „gute“ Dr. T. Claßen kultureller Gruppen in Bezug auf Na- Naturräume Fachgruppe Gesundheitsanalysen und turräume ebenso wie sozialräumliche -prognosen, Landeszentrum Gesundheit Naturräume gelten heutzutage aufgrund Problemlagen in der Bevölkerung bei Nordrhein-Westfalen der vielfältigen gesundheitsschützenden der Naturraumentwicklung stets be- Gesundheitscampus 10, 44801 Bochum, und gesundheitsförderlichen Wirkun- rücksichtigt werden. Denn gerade sozial Deutschland thomas.classen@lzg.nrw.de gen als wichtige Gesundheitsdetermi- benachteiligte Gebiete sind aufgrund nante und als wesentlicher Baustein der ihrer Lage und verminderten Wohn- Daseinsvorsorge. Auf Grundlage der raumqualität omals ft mehrfach belastet erwähnten Studienergebnisse wird zu- z. B. im Hinblick auf Luftverunreinigun- Einhaltung ethischer Richtlinien nehmend in Wissenschaft und Praxis gen, Lärm oder sommerliche Hitze und diskutiert, wie Naturräume (vor allem weisen zudem eine vergleichsweise ge- Interessenkonflikt. T. Claßen und M. Bunz geben an, in Städten) beschaffen sein sollten, um ringere Verfügbarkeit und Qualität von dass kein Interessenkonflikt besteht. ihr gesundheitsförderliches Potenzial Naturräumen auf [54]. Dieser Beitrag beinhaltet keine von den Autoren bestmöglich entfalten zu können. Hier- In bisherigen Studien zur gesundheit- durchgeführten Studien an Menschen oder Tieren. bei haben sich folgende Kriterien und lichenBedeutungvonNaturräumenwur- Open Access. Dieser Artikel wird unter der Creative Merkmale als besonders wichtig heraus- de eindeutlicherFokusaufdie Bedingun- Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz kristallisiert (vgl. [54]): gen in urbanen Räumen gelegt. Studien, (http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed. 4 gute Verfügbarkeit, Erreichbarkeit die explizit gesundheitliche Wirkungen de) veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfäl- tigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe und Zugänglichkeit von Naturräu- von Naturräumen in urbanen und länd- in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern men, möglichst ohne Notwendigkeit lichen Gebieten einander gegenüberstel- Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle der Nutzung eines Autos und insbe- len, sind nicht bekannt. Hinsichtlich des ordnungsgemäßnennen,einenLinkzurCreativeCom- mons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen sondere für Bevölkerungsgruppen, Unterschieds der Wirkungen von ländli- vorgenommen wurden. die keinen Zugang zu einem privaten chen und städtischen Naturräumen auf Garten haben, die menschliche Gesundheit besteht da- 4 gleichmäßige und sozial gerechte her ein erheblicher Forschungsbedarf. Literatur Verteilung und Vernetzung von Naturräume in der Stadt sind zwar 1. Frumkin H (2003) Healthy places: exploring the Naturräumen, kein Allheilmittel, und auch sogenannte evidence.AmJPublicHealth93:1451–1456 4 Möglichkeiten zur Aufnahme und graueStrukturen(gebauteStrukturenwie 2. Claßen T, Völker S, Baumeister H et al (2014) Pflege von Kontakten (z. B. für Häuserzeilen und Plätze), die architek- Welchen Beitrag leisten urbane Grünräume (Stadtgrün) und Gewässer (Stadtblau) für eine Eltern mit kleinen Kindern und tonisch ansprechend sind, können aus- gesundheitsförderliche Stadtentwicklung? Ein- ältere Menschen), aber auch zur gezeichnete Destinationen für Gesund- blicke in die Arbeit der Juniorforschungsgruppe Beobachtung von Tieren und anderen heit und Wohlbefinden sein. Aber in der „StadtLandschaft & Gesundheit“. UMID Umwelt MenschInformationsd02/2014:30–37 Menschen, Stadt wie auch in Stadtrandlagen und 3. Hartig T, Mitchell R, De Vries S, Frumkin H (2014) 4 multifunktionale Nutzung mit aus- im ländlichen Raum gilt es, den Na- Nature and health. Annu Rev Public Health gewogenem Verhältnis von Räumen tur- und Landschaftsraum als begrenz- 35:207–228 4. Barton H, GrantM(2006)A health mapfor the local für Erholung, Erlebnis, Bewegung, te und gefährdete Ressource auch für humanhabitat.JRSocPromotHealth126:252–253 individuelle Ruhe und soziale Inter- eine hohe gesundheitliche Lebensquali- 5. Rittel K, Bredow L, Wanka ER et al (2014) Grün, na- aktion, tät der Bevölkerung zu begreifen und türlich, gesund: Die Potenziale multifunktionaler städtischerRäume.BfN,Bonn 4 Vermeidung von Angsträumen entsprechend zu fördern. Gefordert sind 6. Dannenberg AL, Frumkin H, Jackson RJ (Hrsg) und Mobilitätsbarrieren (z.B. Re- für die Umsetzung dieses Ziels unter- (2011) Making healthy places: designing and duzierung von Verletzungsrisiken, schiedlichste Akteure aus Wissenscha,ft building for health, well-being, and sustainability. IslandPress,WashingtonD.C. Beleuchtung von Hauptwegen, Über- Politik und Praxis [5, 10, 64, 65]. Um- 7. Rodenstein M (2012) Stadtplanung und Gesund- sichtlichkeit), so wichtiger ist eine ressortübergreifende heit: Ein Rückblick auf Theorie und Praxis. In: 4 Kombination unterschiedlicher Vernetzung der Sektoren Kommunalpla- Böhme C, Kliemke C, Reimann B, Süß W (Hrsg) Stadtplanung und Gesundheit. Huber, Bern, Aspekte von Naturräumen im ur- nung, Gesundheit, Umwelt und Soziales S15–26 banen Raum insbesondere dort, wo im Sinne integrierten Politik- und Ver- 8. Hornberg C, Beyer R, Claßen T et al (2016) Stadt- größere Naturräume Mangelware waltungshandelns sowie der Mut zu in- natur fördert die Gesundheit. In: Kowarik I, Bartz R, Brenck M (Hrsg) Ökosystemleistungen in der sind (z. 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BMUB – Bundesministerium für Umwelt, Na- turschutz, Bau und Reaktorsicherheit (2017) Weißbuch Stadtgrün: Grün in der Stadt – Für eine lebenswerteZukunft.BMUB,Berlin 728 Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 6 · 2018 http://www.deepdyve.com/assets/images/DeepDyve-Logo-lg.png Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz Springer Journals

Einfluss von Naturräumen auf die Gesundheit – Evidenzlage und Konsequenzen für Wissenschaft und Praxis

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Springer Journals
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Subject
Medicine & Public Health; General Practice / Family Medicine; Public Health
ISSN
1436-9990
eISSN
1437-1588
D.O.I.
10.1007/s00103-018-2744-9
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Abstract

Leitthema 1 2 Bundesgesundheitsbl 2018 · 61:720–728 Thomas Claßen · Maxie Bunz https://doi.org/10.1007/s00103-018-2744-9 Fachgruppe Gesundheitsanalysen und -prognosen, Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen, Online publiziert: 16. Mai 2018 Bochum, Deutschland © Der/die Autor(en) 2018 Fachgebiet II 1.5: Umweltmedizin und gesundheitliche Bewertung, Umweltbundesamt, Berlin, Deutschland Einfluss von Naturräumen auf die Gesundheit – Evidenzlage und Konsequenzen für Wissenschaft und Praxis Die unterschiedlichen Faktoren der erschließt sich vor dem Hintergrund ak- Einleitung Lebensumwelt können als sogenannte tueller, weltweit wirksamer Phänomene Die Lebensumwelt beeinflusst in viel- Gesundheitsdeterminanten in verschie- wie fältiger Weise Gesundheit und Wohl- denartiger Weise auf unsere physische, 4 dem Klimawandel und der Notwen- befinden und damit die Lebensqualität psychische und soziale Gesundheit ein- digkeit adäquater Anpassungsstrate- der darin lebenden und arbeitenden Be- wirken (vgl.u.a.[3]): gien, völkerung. Insbesondere der städtische 4 direkt über unmittelbare Wechsel- 4 der Globalisierung und dem Druck Raum wird omals ft assoziiert mit be- wirkungen mit Individuen (z. B. auf Naturräume, lastenden und gesundheitsschädigenden Inhalation von Feinstaub, Lärmexpo- 4 dem demografischen Wandel und Einwirkungen über Boden, Wasser und sition oder Blick ins Grüne), veränderten Bedürfnissen und Nut- Luft sowie aus der baulich-technischen 4 indirekt durch die Beeinflussung wei- zungsmustern einer älteren und und der sozialen Umwelt (z.B. Lärm, terer Umweltfaktoren (z. B. Minde- bunteren Gesellschaft im Hinblick Lu-ft und Bauschadstoffe, Altlasten, rung von Hitzeextremen im urbanen auf Naturräume, Hitzeinseln, aber auch Unfälle, sozia- Raum durch Gewässer [Stadtblau] 4 der fortwährenden Land-Stadt- le Isolation oder Gewalterfahrungen, und Grünflächen [Stadtgrün]), Wanderung sowie Reurbanisierung sogenannte „environmental bads“, vgl. 4 indirekt durch eine mögliche Beein- der Innenstädte, [1]). Den „environmental bads“ stehen flussung des Gesundheitsverhaltens 4 der urbanen Wohnraumverknappung gesundheitsförderliche, salutogene Res- vonIndividuensowie unterschied- und des dadurch entstehenden sourcen aus der Umwelt („environmen- lichen Bevölkerungsgruppen (z. B. Drucks auf Freiflächen und letztlich tal goods“) gegenüber [1]. Diese können Förderung von Bewegung). 4 der Forderung einer nachhalti- gesundheitliche Belastungen mildern, gen und gesundheitsförderlichen das allgemeine Wohlbefinden und die Viele dieser Determinanten sind steuer- Entwicklung von Räumen und insbe- Gesundheit der Bevölkerung erhalten, und planbar, sind aber stets von der in- sondere Stadtregionen. aber auch steigern. Zu den gesundheits- dividuellen bis zur globalen Ebene auch förderlichen Ressourcen zählen u.a. in ihrer räumlichen und gesellschasp ft o- In diesem Zusammenhang wird stetig soziale Unterstützung durch Familie litischen Dimension zu betrachten ([4], eine positive Assoziation zwischen der und Nachbarscha,ft Quartiersidenti- siehe . Abb. 1). Aneignung (d. h. Wahrnehmung, Bewer- tät, gesundheitsrelevante Einrichtungen In den vergangenen zwei Jahrzehnten tung und Nutzung) von Naturräumen (z.B. Sport- und Fitnesseinrichtungen, ist die gesundheitliche Bedeutung von und der gesundheitlichen Lebensqua- Facharztpraxen, Kliniken), Bewegungs- Naturräumen, d.h. solchen Räumen im lität postuliert. Oft steht pauschal die freundlichkeitvonRäumen(Walkability) städtischen wie auch ländlichen Raum, Forderung im Raum, im Rahmen ei- sowie Natur- und Landschasft elemente die vor allem durch „grüne“ und „blaue“ ner integrierten, zukunftsfähigen Stadt- (vgl. [2]). Gerade in städtischen Räu- Strukturen geprägt sind, in den Fokus entwicklungsplanung insbesondere ge- men, in denen in Deutschland etwa 75 % von Wissenschaft und Forschung sowie sundheitsförderliche Naturräume zu der Bevölkerung leben, sind zahlreiche der Politik, Planungs- und Umsetzungs- erhalten, zu erweitern und ggf. wie- dieser Ressourcen stark entwickelt. praxis gerückt [1–3, 5]. Die hohe gesell- derherzustellen (vgl. u. a. [6, 7]). Doch schasft politische Relevanz des Themas welche konkreten Wirkzusammenhänge 720 Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 6 · 2018 den größeren Abstand zwischen Lärm- quelle und lärmexponierten Personen sowie durch eine geringere Schallreflek- tion und stärkere Streuung aufgrund der vergleichsweise rauen Oberfläche. Die faktische Pegelminderung kann in Aus- nahmefällen 3–5 dB betragen, z.B. bei begrünten Bahngleisen (Rasengleisen) mit hochliegender Vegetationsdecke, wird insgesamtjedochhäufigüberschätzt (u. a. [13]). Für die subjektiv wahrge- nommene Lautstärkenminderung ist auch entscheidend, dass Grünräume und Gewässer durch die selbst erzeugte Geräuschkulisse eine positiv bewertete Soundscape (z. B. Blätterrauschen, Vo- gelgezwitscher,Wasserplätschern)erzeu- gen. Damit überlagern sie zum Teil den störenden Umgebungslärm, mindern die subjektiv empfundene Lärmbelästigung der Bevölkerung und steigern so die Aufenthaltsqualität [14]. Dieser Effekt wird durch die visuelle Abschirmung der Lärmquelle sogar noch verstärkt [14]. Aus klimaökologischer Sicht sind Grün- und Gewässerstrukturen in mehr- facherWeisegesundheitsschützendwirk- sam. So können sie durch die Tran- Abb. 1 8 Humanökologisches Modell der Gesundheitsdeterminanten im Siedlungsraum, auch spirationsleistung (u. a. Erhöhung der Health Map genannt (autorisierte Übersetzung nach Barton & Grant [4]). Abbildung mit freundl. absoluten Luftfeuchtigkeit), die raue Genehmigung © SAGE Publications on behalf of Royal Society for Public Health Oberfläche natürlicher, bewachsener und feuchter Böden (mit geringerer bestehen zwischen Gesundheit, Wohl- Wärmespeicherung als asphaltierte Flä- Gesundheitsschützende befinden und Naturräumen, und welche chen) und die Schattenwirkung des Potenziale von Naturräumen Konsequenzen ergeben sich daraus für Kronendachs von Bäumen erheblich da- Wissenschaft, Politik und Planung? Der Naturräume werden über zahlreiche zu beitragen, die Temperatur an heißen folgende Übersichtsbeitrag liefert hierzu Ökosystemleistungen gesundheitsschüt- Tagen, insbesondere in hitzebelasteten einige Antworten. zend wirksam (vgl. [9, 10]). Sowohl grüne urbanen Räumen (Hitzeinseln), zu sen- Strukturen als auch Gewässer besitzen ken [15]. Wasserflächen besitzen ein ein erhebliches Potenzial, luh ft ygieni- eigenständiges Ausgleichspotenzial mit Naturräume und Gesundheit sche Problemlagen zu mindern, indem Kühlungseffekten, die mit ca. 2,5 K sogar Die gesundheitsschützende ebensowie die sie Schadstoffe aus der Umgebungsluft noch deutlich über der Reduktionsleis- gesundheitsfördernde Wirkung von Na- filtern. Besonders laubtragende Gehöl- tung von Grünräumen liegen können turräumen allgemein sowie von Stadt- ze sind in der Lage, Schadstoffe direkt [16]. In der kälteren Jahreszeit hingegen grün und Stadtblau im Besonderen ist aufzunehmen und umzuwandeln oder wirken offene Wasserflächen als Wär- vielfach belegt (u.a. [8, 9]). Nachfolgend Partikel auf ihrer Oberfläche anzulagern mespeicher [16]. Mit der Zunahme von wird die diesbezügliche aktuelle Evidenz- und mit dem nächsten Niederschlag Hitzetagen und Tropennächten infolge lage dargestellt. Mögliche gesundheitsge- in den Boden abzuleiten. Allerdings des erwarteten Klimawandels gewinnen fährdende Wirkungen von Naturräumen können sich durch geschlossene Kro- Naturräume in der Stadt als Klimakom- werden ebenfalls kurz thematisiert, sind nendächer in städtischen Alleen auch fortinseln insbesondere für besonders jedoch nicht Schwerpunkt dieses Bei- lufthygienische Problemlagen verstärken vulnerable Bevölkerungsgruppen er- trags. . Abb. 2 liefert einen Überblick der [11]. heblich an Bedeutung [17]. Weiterhin im weiteren Beitrag ausgeführten Aspek- In Bezug auf Lärm sind direkt lärm- können Grünflächen, z. B. in Form von te. mindernde Effekte und lärmmoderieren- Parks, größere Wassermassen aufneh- de Wirkungen hervorzuheben (vgl. [12]). menund denOberflächenabfluss im Grüne Strukturen mindern Lärm durch städtischen Gebiet reduzieren (vgl. [18]). Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 6 · 2018 721 Zusammenfassung · Abstract Somit können sie auch als Überschwem- Bundesgesundheitsbl 2018 · 61:720–728 https://doi.org/10.1007/s00103-018-2744-9 © Der/die Autor(en) 2018 mungsschutz bei Starkregenereignissen dienen. T. Claßen ·M.Bunz Einfluss von Naturräumen auf die Gesundheit – Evidenzlage und Gesundheitsfördernde Konsequenzen für Wissenschaft und Praxis Potenziale von Naturräumen Zusammenfassung Einige Studien und Übersichtsarbeiten Wirkungen von Naturräumen sind ebenfalls Naturräumen und insbesondere urbanen gaben schon vor der Jahrtausendwende beschrieben worden (z.B. Unsicherheit Grünräumen (Stadtgrün) und Gewässern Hinweise auf eine Steigerung des allge- oder Angst in unübersichtlicher Natur, (Stadtblau) wird seit Langem ein großes meinen (gesundheitlichen) Wohlbefin- mögliche Nutzungskonkurrenzen, Allergien gesundheitsschützendes und -förderndes dens der Bevölkerung durch die Nutzung und Hautirritationen durch Naturelemente, Potenzial beigemessen. Sie können in Infektionsrisiken durch Wirtstiere). Vor dem vielfältiger Weise positiv auf die psychische, von Naturräumen (vgl. u. a. [19–22]), Hintergrund der positiven Wirkungen von physische und soziale Gesundheit sowie das auch wenn die Quantität und Qualität Wohlbefinden von Menschen einwirken – Naturräumen wird bisweilen gefordert, des betrachteten „Grüns“ häufig nicht direkt oder indirekt: direkt durch die Min- diese im Rahmen einer integrierten, systematisch erfasst wurde. Inzwischen derung und Moderation möglicher Risiken zukunftsfähigen Entwicklung von Kommunen zu erhalten, zu fördern und gegebenenfalls gibt es aber eine Vielzahl an Studien, die aus der Lebensumwelt (z.B. Lärm, Feinstaub, wiederherzustellen. Doch welche konkreten Hitze), durch die psychisch-physiologischen direkte und indirekte positive Einflüsse Wirkzusammenhänge bestehen zwischen Wirkungen des Naturerlebnisses und die von Naturräumen auf das Wohlbefinden Naturräumen und Gesundheit? Welche physischen Auswirkungen der Exposition von Individuen und Bevölkerungsgrup- Forderungen und Perspektiven ergeben gegenüber Naturstoffen und -elementen; penbetrachten[3, 8, 9]. Hierbei spielt sich für eine gesundheitsförderliche indirekt wirken Naturräume beispielsweise auch der Typus des Naturraums (natur- Umsetzungspraxis? Mit diesen Fragen setzt über die Anregung gesundheitsförderlicher sich der Übersichtsbeitrag auseinander und Verhaltensweisen (z.B. Anreiz für mehr nah oder stark anthropogen überformt, liefert einige Antworten. Bewegung), über die Nutzung als Out- Wald oder Park,vgl.[23]) eine Rolle. doortreffpunkt sowie die Minderung von An dieser Stelle ist jedoch der Hinweis Schlüsselwörter Aggressionen und daraus resultierender angezeigt, dass die Erkenntnisse zumeist Natur · Gesundheit · Stadtgrün · Stadtblau · Effekte für das soziale Wohlbefinden. aus epidemiologischen Querschnittstu- Wohlbefinden Einzelne mögliche gesundheitsabträgliche dien mit teils sehr unterschiedlichen Naturraumdefinitionen stammen und Contribution of natural spaces to human health and wellbeing somit Assoziationen, aber keine ge- sicherten Wirkungen beschreiben. In Abstract experimentellen Studien werden hin- have been reported, too (e.g. insecurity or Natural spaces and especially urban green gegen häufig typisch urbane Szenerien fear in confusing or unmaintained natural and blue spaces have been recognised for eher ländlichen, naturnahen Szeneri- spaces, potential rivalry in usage, allergies a long time as spaces with great potential for or skin irritations due to natural elements, en gegenübergestellt. Nachfolgend wird protecting and promoting human health and risk of communicable diseases from vectors). well-being. They may affect human physical, die Evidenzlage zu Zusammenhängen Against the background of positive effects mental and social health and well-being in zwischen Naturräumen und mentalem, of natural spaces, creating, restoring and various ways. On one hand, this comes to physischem und sozialem Wohlbefinden enhancing urban green and blue spaces are pass through reduction and moderation of dargestellt, wobei eine strikte Trennung often claimed in terms of sustainable and potential environmental health risks (e.g. integrated urban development. But which as- schwierig ist, da die Übergänge gerade noise, particulate matter, heat), psycho- sociations and impacts exist between natural physiological effects of nature experience, as zwischen Psyche und Physis fließend well as physical effects of exposure to natural spaces and health? What are the resulting sind. compounds and elements. On the other demands when integrating natural spaces for hand, natural spaces can affect health and a health-promoting implementationpractice? This overview article provides some answers Mentales Wohlbefinden well-being indirectly e.g. through motivation to these questions. of health promoting behaviour (e.g. more physical activity) and through use as outdoor Im Hinblick auf das mentale (psychi- Keywords meeting spaces, by decreasing aggression, sche) Wohlbefinden, das stark von der Nature · Health · Urban green spaces · Urban and through the resulting positive effects on individuellen Raumwahrnehmung, -be- blue spaces · Well-being social well-being. Yet, some potential adverse wertung und -konstruktion beeinflusst health effects of nature and landscapes wird, sind Naturräume über die Kompo- nente des Erlebens besonders wirksam (u. a. [22]). So konnte gezeigt werden, dass das Natur- und Landschaftserleb- nis eine stressreduzierende, blutdruck- senkende, aufmerksamkeitserhöhende, konzentrationssteigernde und restorati- 722 Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 6 · 2018 Gesundheitsförderndes Potenzial Mental Körperlich Sozial • Reduktion von Stressempfinden • Verringertes Morbiditäts- und • Möglichkeit zu Begegnung und Mortalitätsrisiko für bestimmte sozialem Austausch • Erholung der Erkrankungen Aufmerksamkeitskapazität • Chancen für Integration und Inklusion • Anreiz zusätzlicher physischer • Steigerung von positivem Affekt • Verringerung gesundheitlicher Outdooraktivität Benachteiligung für Menschen mit • Verringerung psychischer Belastung • Senkung von Blutdruck und niedrigem sozioökonomischen Status • Positive Eek ff te bei bestehenden Stresshormonexpression psychischen Störungen • Assoziation mit neuronaler Integrität Gesundheitsschützendes Potenzial Gesundheitsgefährdendes Potenzial • Lärmminderung und -moderation • Hervorrufen negativer Gefühle, z.B. Angst bei unübersichtlichem Gelände • Schadstofffilterung und -umwandlung • Allergenes Potenzial bestimmter Pflanzen • Klimaökologischer Ausgleich • Risikoerhöhung für vektorenübertragene Infektionskrankheiten • Abmilderung von Hitze- und Kälteextremen • Beitrag zur bodennahen Ozonbildung an heißen Tagen • Überschwemmungsschutz Abb. 2 8 Überblick über die potenziellen gesundheitlichen Wirkungen von Naturräumen ve Wirkung haben kann (siehe folgende für beide Gruppen positiv auf die Stim- assoziiertistmiteinem gesteigertenmen- Abschnitte, vgl. u.a. [9]). Insbesondere mung und das Stresserleben auswirkte. talen Wohlbefinden (vgl. u. a. [30]). die Ergebnisse zur Aufmerksamkeits- Darüber hinaus führte der Spaziergang Mit dem Erlebnis von Gewässerstruk- und Konzentrationssteigerung gehen im ländlichen Raum zu einem höheren turen wird in vereinzelten Studien un- konform mit der Attention-Restoration- restorativen Effekt in der Gruppe derer abhängig von Gewässertypus und -grö- Theory [ 19], nach der es in der Natur mit psychischer Störung [26]. Dies weist ße zudem eine über die Wirkung rei- zu einer kognitiven Erholung kommt. auf das Potenzial von Naturräumen als ner Grünräume hinausgehende erholsa- Zudem gibt es mittlerweile Hinweise Coping-Ressource bei bestehenden psy- me, stressmildernde Wirkung assoziiert aus der Forschung, die einen positiven chischen Störungen hin, zum einen auf- [31, 32]. Jedoch gilt es auch, die Art von Zusammenhang zwischen der langfristi- grund derrestorativenWirkung, zum an- Grünräumen zu berücksichtigen: Insbe- gen Exposition gegenüber Grünräumen deren durch die Förderung körperlicher sondere Waldgebieten wird ein positi- und der kognitiven Entwicklung von Bewegung und sozialer Kontakte bei ge- ver Einfluss auf die Stresslinderung und Kindern sowie der kognitiven Funktion meinschaftlichen Aktivitäten (s. unten). die Stimmung zugeschrieben sowie eine Erwachsener nahelegen [24]. In weiteren Studien konnte gezeigt verminderteAktivitätdessympathischen Neben der Bedeutung für Aufmerk- werden,dasseinhöheresMaßanGrünim Nervensystems (vgl. [33, 34]). Kühn et al. samkeit und kognitive Funktionen ha- Wohnumfeld mit geringerem Auftreten [35] stellten in einer Untersuchung äl- ben Naturräume u. a. einen Einfluss auf von Angststörungen, geringerem Stress- terer Menschen in Berlin eine signifi- Emotionen, psychische Belastungen und erleben und weniger depressiven Symp- kant bessere strukturelle Integrität der Stressempfinden. Hartig et al. [25] konn- tomen assoziiert ist [9, 27, 28]. Längs- Amygdala bei Probanden fest, die nah ten nachweisen, dass durch einen Spa- schnittevidenz kommt von Alcock et al. am (Stadt-)Wald wohnen, im Vergleich ziergang in der Natur der positive Af- [29], in deren Studie sich die selbstbe- zu solchen, die nah am Wasser oder sons- fekt zunahm, während Ärger abnahm, wertete psychische Gesundheit von Stu- tigen Grünräumen wohnen. Dies könnte verglichen mit einem Spaziergang ent- dienteilnehmenden nach einem Umzug auf eine höhere Stressresilienz bei Men- lang einer urbanen Straße. Auch Roe in eine grünere Gegend langfristig ver- schen hinweisen, die in der Nähe eines und Aspinall [26] konnten in einer qua- besserte. Waldgebiets wohnen. Da die Stressreak- siexperimentellen Studie mit zwei Grup- Vereinzelte Studien geben auch Hin- tion und die Funktionsweise der Amyg- pen (eine mit guter mentaler Verfassung, weise darauf, dass eine wahrgenomme- dala eine Rolle in der Entstehung be- eine mit einer klinisch diagnostizierten ne hohe Biodiversität im Vergleich mit stimmter psychischer Störungen wie der psychischen Störung) zeigen, dass der Flächen geringerer Biodiversität positiv Depression spielen, könnten die Ergeb- Spaziergang in ländlicher Gegend sich nisse ein Indiz für ein vermindertes Ri- Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 6 · 2018 723 Leitthema siko des Auftretens von durch neurona- Auch Li et al. [37] bestätigten in ver- spezifischenUnterschiedenergaben,dass le Prozesse ausgelösten psychischen Stö- schiedenen Studien, in der die Wirkung die Mortalitätsraten durch kardiovasku- rungen darstellen. An den aufgeführten des längeren Aufenthalts im Wald (das läre und respiratorische Erkrankungen Studienergebnissen zeigt sich auch die sogenannte Forest Bathing oder Shinrin- bei Männern umso geringer waren, je enge Verquickung von psychischer und Yoku) analysiert wurde, den Abbau der größer der Grünanteil war. Diese As- physischer Gesundheit über physiologi- Stresshormone Adrenalin und Noradre- soziation ließ sich jedoch für Frauen sche Prozesse. nalin. Darüber hinaus wiesen sie auch nicht nachweisen. Dies erklärten die eine krebspräventive Wirkung durch Autoren mit der geschlechterdifferen- den Aufbau sogenannter Krebskiller- zierten Wahrnehmung und Nutzung von Körperliches Wohlbefinden zellen („human natural killer activity“) Grünräumen. In Studien zu den direkten Wirkungen sowie die Ausschüttung von intrazellu- In den vergangenen Jahren konnten von Natur und Stadtgrün auf die physi- lären Krebsabwehrproteinen nach ([37], zudem verschiedene Querschnittstudi- sche Gesundheit wurden mögliche Effek- vgl. auch [38]). Als Erklärung wird die en in Spanien und Deutschland einen te auf die Mortalität, die Morbidität sowie erhöhte Konzentration von Phytonziden Zusammenhang zwischen dem Grün- kurzzeitige körperliche Reaktionen, wie (pflanzliche Biozide) in der Waldluft raumanteil in der Wohnumgebung und beispielsweise eine verminderte Expres- diskutiert. dem Geburtsgewicht von Neugeborenen sion von Stresshormonen, beschrieben. Maas et al. [28] konnten in einer nie- identifizieren ([43]; vgl. [9, 44]). Nach Erste statistisch abgesicherte Hinwei- derländischenUntersuchungzeigen,dass Adjustierung für Luvft erunreinigungen, se zu direkten Wirkungen von Natur- Menschen, die im städtischen Umfeld Abstand zu stark befahrenen Straßen, räumen auf die physische Gesundheit mit höherem Grünanteil in der direk- Bevölkerungsdichte und Bildungsgrad finden sich in den 1980er-Jahren. In ten Nachbarschaft (1 km Radius) leben, verstärkte sich der statistische Zusam- einer kleinen, aber vielbeachteten Studie signifikant seltener an kardiovaskulären, menhang [43]. Erklärungsversuche se- untersuchte Ulrich [36] retrospektiv in muskuloskelettalen, psychischen, respi- hen einehöhereGrundzufriedenheit einem quasiexperimentellen Design den ratorischen, neurologischen und intes- und Aktivität der Schwangeren als mo- Heilungsprozess von stationären Pati- tinalen Krankheitsbildern sowie weite- derierende Faktoren. enten nach Gallenblasenentfernung. Bei renErkrankungenwie Diabetesleidenals ansonsten vergleichbaren Bedingungen Personen, die einen geringeren Grünan- Anreiz für körperliche Aktivität machte der Blick aus dem Fenster den teil im Wohnumfeld haben oder in grö- Unterschied. Eine Gruppe schaute auf ßerer Entfernung zu Grünräumen leben. Immer wieder steht die Frage im Raum, eine Baumgruppe, die andere Gruppe In dieser Studie wurden Grünräume je- inwieweit Naturräume insbesondere in hingegen auf eine gegenüberliegende doch sehr weit gefasst und enthielten urbanen Gebieten Anreiz und Motivati- Backsteinwand. Die Ergebnisse zeigten, auch landwirtschaftliche Nutzflächen. on für eineverstärktekörperliche Aktivi- dass diejenigen Personen mit Blick auf Ergebnisse einer Studie aus Japan von tät (alltägliche Bewegung, Sport) bieten die Baumgruppe u.a. früher entlassen Takano et al. [39]weisen darauf hin, dass und somit indirekte Gesundheitseffekte wurden und deutlich weniger Schmerz- eine gute Versorgung mit und ein guter erwarten lassen im Hinblick auf die Stär- mittel einnahmen [36]. Zugang zu städtischen Grünflächen sig- kung des Herz-Kreislauf- und Immun- Hartig et al. [25] zeigten die Wirkung nifikant positiv mit Lebensqualität und systems sowie zur Prävention zahlrei- des Naturerlebnisses auf den Blutdruck, Lebenserwartung älterer Menschen as- cher Zivilisationskrankheiten (z. B. Adi- welchen sie als Indikator für das Stressle- soziiert ist. positas, Bluthochdruck, Diabetes melli- vel der Probanden nutzen. Der diastoli- Mitchell und Popham [40]fanden in tusTypIIoderRückenschmerzen).Frank sche Blutdruck sank in einer Probanden- einem englischen Forschungsprojekt zu- et al. [45] konnten für Bielefeld zeigen, gruppe während des Spaziergangs durch dem wenigerUngleichheitenhinsichtlich dassfür71 %derBefragtenBewegungder einen ländlichen Naturraum ab, wäh- Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Mor- Grund für das Aufsuchen von Grünräu- rend dieser in der Gruppe mit Spazier- talität zwischen Menschen mit hohem men ist. Ähnliches konnten Völker und gang entlang der Straße nach kurzzei- und niedrigem sozioökonomischen Sta- Kistemann [32] auch für den Aufenthalt tigem Absinken wieder deutlich anstieg tus in grüneren Gegenden als in Gebieten an Gewässern nachweisen. Fraglich ist [25]. Zwischenzeitig sind zahlreiche Stu- mit einem geringen Zugang zu natürli- jedoch, ob ein Mehr an Naturräumen dien durchgeführt worden, die die Ergeb- chen Grünräumen. Dies ist auch deshalb auch ein Mehr an Bewegung bedingt. nisse von Hartig et al. [25] stützen. Stets bedeutsam, da die Verteilung von quali- Maas et al. [46] konstatieren, dass der geht die Exposition gegenüber natürli- tativ hochwertigen und sicheren Grün- Grad der physischen Aktivität kaum mit chen Umgebungen einher mit einer Ab- flächen meist zuungunsten von Gruppen einer grünen Umgebung in Beziehung senkung des Blutdrucks sowie des Corti- mit niedrigem sozioökonomischen Sta- steht und der Anteil der physischen Be- solspiegels und weiterer Stresshormone tus sowie ethnischen Minderheiten aus- wegungineinergrünerenUmgebungden als Indikator für ein reduziertes Stress- fällt [41]. Zusammenhang zwischen Grünräumen niveau (vgl. u. a. [9]). Untersuchungen vonRichardsonund und selbstwahrgenommener Gesundheit Mitchell [42] zu möglichen geschlechts- nicht erklären kann. Ebenso wiesen Dad- 724 Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 6 · 2018 vand et al. [47]darauf hin,dass der Zu- Sinne eines „Outdoorwohnzimmers“ an- bindungen, die von der Vegetation bei sammenhang zwischen subjektiver Ge- regen [9, 51, 52]. Im Falle konkurrieren- hohen Temperaturen verstärkt emittiert sundheit und Grünflächen in Barcelo- der Nutzungsinteressen (Grillen, Skaten, werden, in Kombination mit hohen Kon- na zwar u. a. durch den psychischen Ge- Radfahren,Joggen,Spielen,Lesen,Ruhen zentrationen an Stickstoffoxiden an sehr sundheitsstatus und die wahrgenomme- etc.) unterschiedlicher Gruppen in klein- heißen Tagen bis zu 60 % zur Bildung von ne soziale Unterstützung mediiert wer- flächigen Grünräumen und auf grünen bodennahem Ozon beitragen können. den, allerdings nur in sehr geringem Ma- Wegeverbindungen können indes auch Darüber hinaus konnten einzelne Stu- ße durch die physische Aktivität, wobei Konflikte entstehen (vgl. [54]). dien nachweisen, dass die These der Bio- hier jedoch nicht zwischen Indoor- und philie als einer Menschen innewohnen- Outdooraktivität unterschieden wurde. den Liebe zu allem Lebendigen nicht all- Einfluss der Qualität von De Vries et al. [48] konnten hingegen in gemeingültig ist, sondern z. B. im Ekel Naturräumen einem Review anhand zahlreicher Stu- oder gar der Angst vor Spinnen, Mäusen dien Anreiz und Motivation von einer Wie aus den vorangehenden Abschnit- usw. ihre deutlichen Grenzen findet (vgl. grünen Umgebung zu zusätzlicher Be- ten ersichtlich wurde, können Naturräu- [59]). Weiterhin können negative Gefüh- wegung feststellen, beschreiben jedoch me insgesamt, aber insbesondere urbane le durch unübersichtliche, schlecht ein- auch, dass die Evidenz gemischt ist und Grünräume und Gewässer verschiedens- sehbareNaturräume, wiedichteWälder es an ausreichenden, qualitativ hochwer- te Funktionen ausüben im Hinblick auf oder verwinkelte Parks mit hohen Ge- tigen Studien mangelt. gesundheitsschützendeundgesundheits- büschen und mangelnder Beleuchtung, fördernde Wirkungen (siehe . Abb. 2). geradeinderDämmerunghervorgerufen Die bisher genannten Studien haben werden. Hiermit assoziierte Ängste sind Soziales Wohlbefinden gemeinsam, dass sie vornehmlich die ebensobeschriebenwieeinerhöhtesRisi- Als öffentliche und frei zugängliche Be- Quantität von Naturräumen im Studi- ko für Kriminalitätsförderung (z. B. Dro- gegnungsräume wirken sich Naturräu- endesign zugrunde legten, nicht jedoch genkriminalität, Überfälle, Gewalt gegen me vor allem in der Stadt auch positiv qualitative Aspekte. Van Dillen et al. Frauen, vgl. [9, 51]). auf das soziale Wohlbefinden der Men- [55]und de Vriesetal. [56] konn- Ein weiteres Risiko geht mit Allergien schen aus [49, 50]. Denn hinsichtlich ten hingegen in einer Untersuchung in oder Hautirritationen durch Naturele- der Möglichkeiten, soziale Kontakte zu 80 niederländischen Wohnquartieren mente wie Pollen (z. B. durch Birken, Er- schließen und zu pflegen, gelten urba- zeigen, dass sowohl die Verfügbarkeit len),Tierhaare (z.B.Eichenprozessions- ne Grünräume und Gewässerufer als be- als auch die Qualität von Grünräumen spinnerraupen [60]) oder Pflanzensäften deutsame Begegnungsstätten[50, 51], die und Straßenbegleitgrün positiv mit der (z.B. Herkulesstauden) einher (vgl. [9]), zudem als Identifikationsorte eine große selbstbewerteten Gesundheit der Stu- die große Bevölkerungsanteile betreffen Symbolkraft entfalten können [ 32]. Man dienteilnehmenden assoziiert waren, können. So gaben in der deutschlandwei- denke hier z.B. an den Central Park in wobei diese für Straßenbegleitgrün be- ten GEDA-Studie 28,1 % der Erwachse- New York, den Berliner Tiergarten oder sonders ausgeprägt waren. Auch in einer nen an, aktuell von Allergien betroffen die Kölner Rheinpromenade. Insbeson- australischen Studie wurde deutlich, dass zu sein [61]. Auch wenn nicht eindeutig dere in Parks erfolgen eine Durchmi- im urbanen Raum nicht allein die Quan- ist, in welchem Maße Grünflächen zur schung sowie ein Nebeneinander unter- tität von Grünräumen ausschlaggebend, Allergieauslösung beitragen [62], sollte schiedlichster sozialer Gruppen (z.B. in sondern eine hohe Qualität mit einem bei einer Neupflanzung von Bäumen im Bezug auf Alter, Geschlecht, ethnische niedrigeren psychosozialen Stresslevel öffentlichen Raum auf die Anpflanzung Herkunft). Damit besitzen städtische Na- assoziiert ist [57]. solcher Baumarten, die im Zusammen- turräume ein nicht zu unterschätzendes hang mit einer weiteren Erhöhung der Potenzial zur sozialen Integration, In- Baumpollenzahl mit allergenem Poten- Gesundheitsgefährdende klusion und Akzeptanzsteigerung [50] zial stehen, verzichtet werden [63]. Wirkungen und können im Wohnumfeld als unbe- Schließlich sind auch Risiken durch lasteter Begegnungs- und Kommunika- Über das zuvor beschriebene sozia- Infektionskrankheiten zu nennen, die tionsraum den sozialen Zusammenhalt le Konfliktpotenzial hinaus gibt es auch mit Wirtstieren assoziiert sind, wel- der dort ansässigen Bevölkerung stärken Evidenz zu verschiedenen möglichen ge- che an Grün- und Gewässerstrukturen [52]. Dies spiegelt sich auch in aktuel- sundheitsabträglichen Wirkungen von gebunden sind (z. B. Zecken, Mücken, lenBewegungenwie Urban Gardening Naturräumen. So können, entgegen der Nagetiere). wider (u. a. [53]). Darüber hinaus verfü- sonst anzunehmenden Verbesserung der Bei der Gestaltung von Naturräu- gen Grünräume auch über das Potenzi- Luq ft ualität durch Grünelemente, bei- men, die auch eine wesentliche Erho- al, der Kriminalitätsentstehung beispiels- spielsweise geschlossene Kronendächer lungsfunktion erfüllen sollen, sind diese weise in sozial benachteiligten Stadtge- in städtischen Alleen lufthygienische Aspekte in besonderer Weise zu beden- bietenentgegenzuwirken,sofernsie offen Problemlagen verstärken [11]. Weiter- ken. und einladend gestaltet sind und damit hin konnten Churkina et al. [58]zeigen, zum häufigeren Aufenthalt draußen im dass einige flüchtige organische Ver- Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 6 · 2018 725 Leitthema nehmungs- und Aneignungsmuster un- Umsetzung in der Praxis: Korrespondenzadresse terschiedlicher soziodemografischer und Anforderungen an „gute“ Dr. T. Claßen kultureller Gruppen in Bezug auf Na- Naturräume Fachgruppe Gesundheitsanalysen und turräume ebenso wie sozialräumliche -prognosen, Landeszentrum Gesundheit Naturräume gelten heutzutage aufgrund Problemlagen in der Bevölkerung bei Nordrhein-Westfalen der vielfältigen gesundheitsschützenden der Naturraumentwicklung stets be- Gesundheitscampus 10, 44801 Bochum, und gesundheitsförderlichen Wirkun- rücksichtigt werden. Denn gerade sozial Deutschland thomas.classen@lzg.nrw.de gen als wichtige Gesundheitsdetermi- benachteiligte Gebiete sind aufgrund nante und als wesentlicher Baustein der ihrer Lage und verminderten Wohn- Daseinsvorsorge. Auf Grundlage der raumqualität omals ft mehrfach belastet erwähnten Studienergebnisse wird zu- z. B. im Hinblick auf Luftverunreinigun- Einhaltung ethischer Richtlinien nehmend in Wissenschaft und Praxis gen, Lärm oder sommerliche Hitze und diskutiert, wie Naturräume (vor allem weisen zudem eine vergleichsweise ge- Interessenkonflikt. T. Claßen und M. Bunz geben an, in Städten) beschaffen sein sollten, um ringere Verfügbarkeit und Qualität von dass kein Interessenkonflikt besteht. ihr gesundheitsförderliches Potenzial Naturräumen auf [54]. Dieser Beitrag beinhaltet keine von den Autoren bestmöglich entfalten zu können. Hier- In bisherigen Studien zur gesundheit- durchgeführten Studien an Menschen oder Tieren. bei haben sich folgende Kriterien und lichenBedeutungvonNaturräumenwur- Open Access. Dieser Artikel wird unter der Creative Merkmale als besonders wichtig heraus- de eindeutlicherFokusaufdie Bedingun- Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz kristallisiert (vgl. [54]): gen in urbanen Räumen gelegt. Studien, (http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed. 4 gute Verfügbarkeit, Erreichbarkeit die explizit gesundheitliche Wirkungen de) veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfäl- tigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe und Zugänglichkeit von Naturräu- von Naturräumen in urbanen und länd- in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern men, möglichst ohne Notwendigkeit lichen Gebieten einander gegenüberstel- Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle der Nutzung eines Autos und insbe- len, sind nicht bekannt. Hinsichtlich des ordnungsgemäßnennen,einenLinkzurCreativeCom- mons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen sondere für Bevölkerungsgruppen, Unterschieds der Wirkungen von ländli- vorgenommen wurden. die keinen Zugang zu einem privaten chen und städtischen Naturräumen auf Garten haben, die menschliche Gesundheit besteht da- 4 gleichmäßige und sozial gerechte her ein erheblicher Forschungsbedarf. 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Published: May 16, 2018

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