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Editorial

Zeitschrift für Medizinische Psychologie Heft 3/2001 Liebe Leserin, lieber Leser, werden psychologische Theorien bald überflüssig sein? Die Idee, geistige Störungen auch als seelisch verursacht anzunehmen, liegt zwar nahe, hat sich aber immer wieder als nur die halbe Wahrheit entpuppt. So zum Beispiel wurden Epileptiker bis Ende des 19. Jahrhunderts in „Irrenanstalten“ aufbewahrt, bis man die hirnorganische Ursache fand. Auch die „Gehirnerweichung“ galt etwa bis zur selben Zeit noch als Geisteskrankheit und man spekulierte über einen unsteten Lebenswandel, verbunden mit reichlichem Alkohol-, Tabak- oder Kaffeegenuss als mögliche Ursachen. Erst in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts fand man Spirochäten als Auslöser der Syphilis und damit der Progressiven Paralyse. Paul Broca wies als einer der ersten eindeutig nach, dass bestimmte psychische Defizite durch umgrenzte Schäden des Gehirns entstehen und Alois Alzheimer konnte beweisen, dass die „Altersverblödung“ ihre Entwicklung in fassbaren Veränderungen des Gehirns hat. Ende des 20. Jahrhunderts fand man, dass viele Schizophrene vergrößerte Ventrikel, ein reduziertes Volumen des Hippokampus und eine Verminderung des frontalen Glukosestoffwechsels im PET zeigen und vermutet heute, dass weniger die doublebind-Situation verantwortlich ist, sondern glaubt an eine neurobiologische Grundlage. Seit der Jahrhundertwende werden die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, das Gerstmann-Sträussler-Syndrom und die Kuru beschrieben; inzwischen ist für diese transmissiblen spongiformen Enzephalopathien die Übertragbarkeit durch Prionen belegt. Nach Jahrzehnten von Diäten, Psychotherapie und Autogenem Training konnte vor wenigen Jahren die psychosomatische Vorzeigekrankheit Magengeschwür, eine der „holy seven“ nach Franz Alexander, als durch das Helicobacter pylori verursacht erklärt werden. Längst hat man festgestellt, dass es auch bei neurotischen Störungen Veränderungen in der Interaktion der Transmittersysteme im Gehirn gibt und vermutet, dass selbst Magersucht und Bulimia nervosa möglicherweise lediglich durch ein SerotoninmangelSyndrom entstehen könnten. Schon Hippokrates und Galenus gingen davon aus, dass seelische Erkrankungen durch eine Veränderung der „Körpersäfte“ entstehen. Thomas Willis versuchte bereits im 17. Jahrhundert Geisteskrankheiten mit anatomischen Veränderungen des Gehirns in Einklang zu bringen. Emil Kraeplin und sogar Sigmund Freud hofften, dass die psychiatrische Klassifikation eines Tages durch die Rückführung auf eine neurologische Grundlage verbessert werden kann. In der Tat konzentrieren die Neurowissenschaftler sich heute stark auf biologische Ursachen psychischer Störungen – und man findet sie! Eine Entwicklung, die zur Folge hat, dass immer spezifisch wirksamere Psychopharmaka entwickelt werden. Auch wenn deren Zulassung Jahre dauert, stellt diese Entwicklung insgesamt eine Bedrohung für die klassische Psychotherapie dar. Während die Psychologen es in den letzten 50 Jahren nur geschafft haben 2½ effektive Psychotherapieverfahren offiziell zuzulassen, gibt es Dutzende neuer pharmakologischer Substanzen mit nachgewiesenem psychischen Nutzen. Wird die Psychologie bei der Erklärung der Entstehung wie auch bei der Therapie seelischer Erkrankungen dadurch auf lange Sicht überflüssig? Sicherlich nicht. In dem heute gültigen Multikausalitätsmodell der Genese geistiger wie auch überraschend vieler körperlicher Erkrankungen haben auch psychosoziale Einflüsse ihren festen Stellenwert. Die Untersuchung psychoimmunologischer Einflüsse bei der Karzinomentstehung, die Krankheitsverarbeitung bei Patienten mit entstellender Neurodermitis und die Tatsache, dass nicht jeder, der Helicobacter pylori in seinem Magen mit sich herumträgt auch ein Ulcus ausbildet, sind hier nur zufällig ausgewählte Beispiele. Nach Jahrzehnten der Forschung ist eine psychische und soziale Beteiligung bei der Entstehung fast aller Krankheiten heute weitgehend unumstritten. Gefragt ist heute aber nicht mehr das bloße Verharren auf isolierten psychologischen Theorien, sondern das interdisziplinäre Denken und die Zusammenarbeit mit erfolgreichen Nachbarwissenschaften. Vergleichsweise junge Forschungsdisziplinen wie die Neuropsychologie, die Psychneurooimmunologie, die Biologische Psychologie oder die Neuro-Psychiatrie schlagen seit Jahren diesen Weg ein und arbeiten an gemeinsamen Forschungsprojekten. Diesem Trend soll auch die hier vorgelegte Ausgabe der Zeitschrift für Medizinische Psychologie mit dem Schwerpunkt „Psychoneurobiologie“ folgen, in dem im wesentlichen Artikel vorgelegt werden, die aus einer solchen interdiziplinären Zusammenarbeit entstanden sind. Erich Kasten Zeitschrift für Medizinische Psychologie 3/2001 http://www.deepdyve.com/assets/images/DeepDyve-Logo-lg.png Zeitschrift für Medizinische Psychologie IOS Press

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