Gedanken zum Menuhin-Konzert Ein Brief

Gedanken zum Menuhin-Konzert Ein Brief Musikleben GEDANKEN ZUM MENUHI- K O N Z E R T war, in seiner ferneren Entwicklung zu einer Kunsteinstellung, der wir gewöhnliche Menschen nicht ohneweiters mehr zu folgen vermögen. Zweifellos kam er mit innerer Folgerichtigkeit dahin, daß ihm schließlich jede Abweichung vom strengen Rhythmus unerträglich wurde. So großartig ich diese Haltung bei Stücken wie der Gigue der d-moll· ,,Liebe Elsie! Gestern habe ich Menuhin gehört -- 16 Jahre nach seinem ersten Wiener Auftreten. Partita oder dem als Zugabe gespielten E-dur-Präludium empfand, vermochte sie mich bei der Alle-' Die innere Spanne zwischen diesen beiden Konmande und der Chaconne nicht zu überzeugen. zerten inußte midi sehr nachdenklich stimmen. Die Phrasierung, nach der solche Sätze verlangen, Die Leistung des damals Vierzehnjährigen war mir so fein zu dosieren, daß das gewählte Hauptzeitall die Zeit hindurch in verklärtester Erinnerung. maß davon doch so gut wie unberührt bleibt, das Weit mehr noch als seine überragende technische schien mir bisher immer der höchste Maßstab für Meisterschaft hatte mich die musikalische wie die Interpretation. Und daran glaube ich gerade menschliche Reife, mit der er Mozart und Bach angesichts von Menuhins nunmehriger Erscheinung spielte, in höchstes Erstaunen versetzt. Der Knabe auch weiterhin festhalten zu müssen. Es liegt mir war im vollstem Sinne ein Wunder. Ich kann es durchaus fern, irgendwelchem romantischen Genicht besser ausdrücken: er spielte wie Busch (desfühlsüberschwang im Rhythmischen das Wort zu sen Schüler er ja zu der Zeit war) und womöglich reden. Ganz das Gegenteil: genau im Takt zu noch um das besser, was er eben an jugendlicher musizieren und vom richtiggewählten Zeitmaß auf Unbefangenheit voraushatte. Sie werden verstéhen keinen Fall mehr abzugehen, bleibt zumal den können, mit welch hochgespannter Erwartung ich besten Kompositionen gegenüber stets erstes ErforMenuhins nunmehrigem Wiederauftreten entgegendernis. Und doch muß dazu noch das kommen, sah. Woran mag es nun liegen, daß sich der bewas man eben Agogik nennt, das künstlerische Ruzaubernde Eindruck seines ersten hiesigen Konbato, jene feinst ausbalancierten, unwägbaren zertes bei mir nicht wiederholte? Irgendein Wort rhythmischen Nuancierungen, die eine Interpretation über seine geigerische Überlegenheit zu verlieren, erst als etwas Einmaliges, schlechthin Unnachahmerübrigt sich nach wie vor. Aber in seiner Einliches erscheinen lassen, -- während bei Menuhins stellung zur Musik scheint er mir jetzt ein Extrem gestrigem Spiel sich mancher gedacht haben mag, zu vertreten: er spielt alles in einer Weise streng einen so glatten Ablauf eigentlich auch treffen zu im Takt, die ganz zu kennzeichnen ich das harte müssen, die technische Beherrschung vorausgeWort ,,maschinell" gebrauchen müßte. So rollte setzt. Ich glaubte es immer wieder beobachten zu auch die Chaconne völlig unerbittlich in dem einkönnen: je größer ein Künstler, mit desto geringegeschlagenen ziemlich schnellen Tempo ab, ohne ren rhythmischen Eingriffen vermag er die von ihm jede äußerlich wahrzunehmende Gliederung. Weder empfundene Phrasierung zum Ausdrude zu bringen. machte er im Kleinen den einzelnen Motiven Aber irgendwie muß sie doch nodi im akustischen irgendwelche rythmischen Konzessionen, noch daß Bild vorhanden sein, denn wie anders sollte sie der vor größeren Abschnitten eine Dominante oder eine Vorausnahme auch nur im geringsten breiter Zuhörer erfühlen! Es handelt sich um die größtmögliche Annäherung an einen Grenzfall, ohne geraten wäre. Ich konnte den vielen Kollegen, die doch diesen ganz erreichen zu dürfen. Menuhin diese Art der Wiedergabe als ,,kalt heruntergescheint sich extrem auf den Standpunkt dieses spielt" ablehnten, eigentlich nicht widersprechen. Grenzfalles zu stellen, und von da aus mag sich Andere Zuhörer wieder versicherten, die Chaconne nie so großartig gehört zu haben; erst bei solcher nun auch seine, wie erwähnt, so unterschiedliche Wirkung auf die Zuhörer erklären: für die einen Darstellung komme sie zu voller Wirkung. Zwei so entgegengesetzte Stellungnahmen zu ein und der größte Künstler, für die andern gar keiner mehr, sondern ein bloßer Motor. derselben Leistung! Und vielleicht haben beide recht. Ich muß freilich gestehen, daß ich mich eher Vergessen Sie bitte nicht, am 8. August Busch auf der Seite der Ablehnenden befände, hätte ich mein Gedenken zu seinem 55. Geburtstag auszuMenuhin gestern zum erstenmal gehört. So aber richten. Ich darf mich doch auch zum Sprecher muß ich mich doch zu verstehen bemühen, wieso all der Ungezählten machen, die hier in unwandeler mir nun höchstens eine eisige Bewunderung abbarer Liebe zu ihm hängen. Spricht er nie davon, zwingt, während er mir einst das Herz aufgehen ob und wann er wohl die Absicht hat, audi wieder ließ. Er spielt jetzt irgendwie über den Sphären, bei uns zu spielen? Könnten Sie ihn nicht geschon äußerlich ohne jede überflüssige Bewegung. legentlich in der Richtung fragen oder gar ein weWohl gelangt eben ein Künstler, der bereits in nig stupsen. Wir würden es Ihnen alle sehr frühester Jugend von so unwahrscheinlicher Reife danken. Ihr Karl Trötzmüller Wir bringen hier einen uns zur Verfügung gestellten Brief eines Wiener Musikers, datiert vom 5. Juli 1946, zum Abdruck, > da uns sein Inhalt von allgemeinem Interesse scheint. Das Schreiben ist an eine Wiener Geigerin gerichtet, die zurzeit in New York lebt und im Kammerorchester Adolf Busch' wirkt. Die Redaktion. http://www.deepdyve.com/assets/images/DeepDyve-Logo-lg.png Österreichische Musikzeitschrift de Gruyter

Gedanken zum Menuhin-Konzert Ein Brief

Österreichische Musikzeitschrift, Volume 1 (7) – Jul 1, 1946

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Publisher
de Gruyter
Copyright
Copyright © 1946 by the
ISSN
0029-9316
eISSN
2307-2970
DOI
10.7767/omz.1946.1.7.244
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Abstract

Musikleben GEDANKEN ZUM MENUHI- K O N Z E R T war, in seiner ferneren Entwicklung zu einer Kunsteinstellung, der wir gewöhnliche Menschen nicht ohneweiters mehr zu folgen vermögen. Zweifellos kam er mit innerer Folgerichtigkeit dahin, daß ihm schließlich jede Abweichung vom strengen Rhythmus unerträglich wurde. So großartig ich diese Haltung bei Stücken wie der Gigue der d-moll· ,,Liebe Elsie! Gestern habe ich Menuhin gehört -- 16 Jahre nach seinem ersten Wiener Auftreten. Partita oder dem als Zugabe gespielten E-dur-Präludium empfand, vermochte sie mich bei der Alle-' Die innere Spanne zwischen diesen beiden Konmande und der Chaconne nicht zu überzeugen. zerten inußte midi sehr nachdenklich stimmen. Die Phrasierung, nach der solche Sätze verlangen, Die Leistung des damals Vierzehnjährigen war mir so fein zu dosieren, daß das gewählte Hauptzeitall die Zeit hindurch in verklärtester Erinnerung. maß davon doch so gut wie unberührt bleibt, das Weit mehr noch als seine überragende technische schien mir bisher immer der höchste Maßstab für Meisterschaft hatte mich die musikalische wie die Interpretation. Und daran glaube ich gerade menschliche Reife, mit der er Mozart und Bach angesichts von Menuhins nunmehriger Erscheinung spielte, in höchstes Erstaunen versetzt. Der Knabe auch weiterhin festhalten zu müssen. Es liegt mir war im vollstem Sinne ein Wunder. Ich kann es durchaus fern, irgendwelchem romantischen Genicht besser ausdrücken: er spielte wie Busch (desfühlsüberschwang im Rhythmischen das Wort zu sen Schüler er ja zu der Zeit war) und womöglich reden. Ganz das Gegenteil: genau im Takt zu noch um das besser, was er eben an jugendlicher musizieren und vom richtiggewählten Zeitmaß auf Unbefangenheit voraushatte. Sie werden verstéhen keinen Fall mehr abzugehen, bleibt zumal den können, mit welch hochgespannter Erwartung ich besten Kompositionen gegenüber stets erstes ErforMenuhins nunmehrigem Wiederauftreten entgegendernis. Und doch muß dazu noch das kommen, sah. Woran mag es nun liegen, daß sich der bewas man eben Agogik nennt, das künstlerische Ruzaubernde Eindruck seines ersten hiesigen Konbato, jene feinst ausbalancierten, unwägbaren zertes bei mir nicht wiederholte? Irgendein Wort rhythmischen Nuancierungen, die eine Interpretation über seine geigerische Überlegenheit zu verlieren, erst als etwas Einmaliges, schlechthin Unnachahmerübrigt sich nach wie vor. Aber in seiner Einliches erscheinen lassen, -- während bei Menuhins stellung zur Musik scheint er mir jetzt ein Extrem gestrigem Spiel sich mancher gedacht haben mag, zu vertreten: er spielt alles in einer Weise streng einen so glatten Ablauf eigentlich auch treffen zu im Takt, die ganz zu kennzeichnen ich das harte müssen, die technische Beherrschung vorausgeWort ,,maschinell" gebrauchen müßte. So rollte setzt. Ich glaubte es immer wieder beobachten zu auch die Chaconne völlig unerbittlich in dem einkönnen: je größer ein Künstler, mit desto geringegeschlagenen ziemlich schnellen Tempo ab, ohne ren rhythmischen Eingriffen vermag er die von ihm jede äußerlich wahrzunehmende Gliederung. Weder empfundene Phrasierung zum Ausdrude zu bringen. machte er im Kleinen den einzelnen Motiven Aber irgendwie muß sie doch nodi im akustischen irgendwelche rythmischen Konzessionen, noch daß Bild vorhanden sein, denn wie anders sollte sie der vor größeren Abschnitten eine Dominante oder eine Vorausnahme auch nur im geringsten breiter Zuhörer erfühlen! Es handelt sich um die größtmögliche Annäherung an einen Grenzfall, ohne geraten wäre. Ich konnte den vielen Kollegen, die doch diesen ganz erreichen zu dürfen. Menuhin diese Art der Wiedergabe als ,,kalt heruntergescheint sich extrem auf den Standpunkt dieses spielt" ablehnten, eigentlich nicht widersprechen. Grenzfalles zu stellen, und von da aus mag sich Andere Zuhörer wieder versicherten, die Chaconne nie so großartig gehört zu haben; erst bei solcher nun auch seine, wie erwähnt, so unterschiedliche Wirkung auf die Zuhörer erklären: für die einen Darstellung komme sie zu voller Wirkung. Zwei so entgegengesetzte Stellungnahmen zu ein und der größte Künstler, für die andern gar keiner mehr, sondern ein bloßer Motor. derselben Leistung! Und vielleicht haben beide recht. Ich muß freilich gestehen, daß ich mich eher Vergessen Sie bitte nicht, am 8. August Busch auf der Seite der Ablehnenden befände, hätte ich mein Gedenken zu seinem 55. Geburtstag auszuMenuhin gestern zum erstenmal gehört. So aber richten. Ich darf mich doch auch zum Sprecher muß ich mich doch zu verstehen bemühen, wieso all der Ungezählten machen, die hier in unwandeler mir nun höchstens eine eisige Bewunderung abbarer Liebe zu ihm hängen. Spricht er nie davon, zwingt, während er mir einst das Herz aufgehen ob und wann er wohl die Absicht hat, audi wieder ließ. Er spielt jetzt irgendwie über den Sphären, bei uns zu spielen? Könnten Sie ihn nicht geschon äußerlich ohne jede überflüssige Bewegung. legentlich in der Richtung fragen oder gar ein weWohl gelangt eben ein Künstler, der bereits in nig stupsen. Wir würden es Ihnen alle sehr frühester Jugend von so unwahrscheinlicher Reife danken. Ihr Karl Trötzmüller Wir bringen hier einen uns zur Verfügung gestellten Brief eines Wiener Musikers, datiert vom 5. Juli 1946, zum Abdruck, > da uns sein Inhalt von allgemeinem Interesse scheint. Das Schreiben ist an eine Wiener Geigerin gerichtet, die zurzeit in New York lebt und im Kammerorchester Adolf Busch' wirkt. Die Redaktion.

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Österreichische Musikzeitschriftde Gruyter

Published: Jul 1, 1946

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