Buchbesprechung

Buchbesprechung Alphons Silbermanri) Alle Kreter lügen. Von der Kunst, mit Vorurteilen zu leben. 174 S. Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 1993, DM 28,,Das Vorurteil .,, ist - ob leichtfüßig oder schwerwiegend hingeworfen - ein eindringlicher Glaube an etwas Unerwiesenes oder gar Unerweisbares. In ihm ist eine Anschuldigung oder Untauglichkeitserklärung anderer Menschen gelegen sowie gleichzeitig eine Erhebung unserer selbst über sie. Vorurteile sind gegenüber objektiven Argumenten verschlossen, denn sie enthalten von vornherein eine Ablehnung jedweder Wahrheit, die mit der Voreingenommenheit unvereinbar ist..." Mit solchen Passagen und mit vielen anderen ähnlichen Beschreibungen des Themas ,,Vorurteil" beschreitet Alphons Silbennann die literarische Gratwanderung im angezeigten Buch zwischen wissenschaftlicher Aussage und allgemeiner (verständlicher) Beschreibung. Ein eigener Wissenschaftszweig ,,Vorurteils-Forschung", immer sich bewegend zwischen Soziologie Sozialpsychologie - Individualpsychologie, hat bis dato eine Reihe Erkenntnisse vorgelegt, die nicht allgemein bekannt sind. Wenn man den Begriff des Vorurteils gebraucht, werden nicht selten sofort negativ besetzte Phänomene assoziiert, wie ,,Krieg", ,,Ethnozentrismus", ,,Chauvinismus", ,,Nationalismus", ,,Rassismus", ,,Antisemitismus" et cetera. 1957 hat Peter Heintz mit seiner Arbeit ,,Soziale Vorurteile" auf die soziale Orientierungshilfe hingewiesen, die immer dann zum Einsatz kommt, wenn menschliche Gruppen aufeinander treffen. Das Fremde, das nach Georg Simmel stets ,,unheimlich" ist, wird ,,vorbeurteilt", wenn die Eigengruppe auf die Fremd- gruppe stößt. Verhaltenserwartungen werden auf Verhaltenshorizonte projeziert, damit man sich besser in der ,,Fremdheit" zurechtfindet. Dies mag immer positiv funktionieren, solange nicht die in-group/out-groupKonstellation ins Extreme umschlägt, wie schon William G. Sumner, Ludwig Gumplowicz und vor allem G.W. Allport in ihren Arbeiten aufgezeigt haben. Gerade in unserem Jahrhundert erlebten wir die unheilvollen Auswirkungen der ethnischen, nationalen, ,,völkischen", rassistischen und ideologischen Vorurteile. Alphons Silbermann hat mit einer Reihe von Forschungen zum Anti-Semitismus die Ursachen und Resultate solcher extremen Verhaltensweisen bereits erkundet und in verschiedenen fundierten Untersuchungen offengelegt. Mit dem vorliegenden Buch wendet der Autor sich nicht nur an die ,,Wissenschaft". Schon der Untertitel (,,Die Kunst, mit Vorurteilen zu leben") weist in die essayistische Richtung seines Vorhabens, das er - immer auf dem Boden der Wissenschaft -- stilistisch souverän beherrscht. Fundierte Kenntnisse, die auf den Forschungen fußen, bringt der Autor teils ernst, teils in plauderndem Ton, manchmal augenzwinkernd, vor, die er dann in alle Lebensbereiche konkret überträgt: in die Problematik der Geschlechter, in Familie und Erziehung, in Klasse und Lebensstil, in die Politik, in Kunst und Kultur, in die ,,Bereiche", die mit Nation und Rassismus abgedeckt werden und zieht unter dem Kapitel ,,Persönlichkeit, Bewußtsein, Toleranz" Bilanz. Wer seine eigenen Vorurteile geistreich reflektieren möchte, sollte dies unbedingt anhand dieses Büchleins tun, dabei wird er natürlich auch mit den Wegen der Vorurteils-Forschung fast nebenbei bekannt gemacht. Auch derjenige, der sich professionell mit der Vorurteilsforschung beschäftigen muß, wird bei der Lektüre noch Unbekanntes erfahren. Walter Nutz 18 (1993) 3 http://www.deepdyve.com/assets/images/DeepDyve-Logo-lg.png Communications de Gruyter

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Communications, Volume 18 (3) – Jan 1, 1993

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Publisher
de Gruyter
Copyright
Copyright © 1993 by the
ISSN
0341-2059
eISSN
1613-4087
DOI
10.1515/comm.1993.18.3.389
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Abstract

Alphons Silbermanri) Alle Kreter lügen. Von der Kunst, mit Vorurteilen zu leben. 174 S. Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 1993, DM 28,,Das Vorurteil .,, ist - ob leichtfüßig oder schwerwiegend hingeworfen - ein eindringlicher Glaube an etwas Unerwiesenes oder gar Unerweisbares. In ihm ist eine Anschuldigung oder Untauglichkeitserklärung anderer Menschen gelegen sowie gleichzeitig eine Erhebung unserer selbst über sie. Vorurteile sind gegenüber objektiven Argumenten verschlossen, denn sie enthalten von vornherein eine Ablehnung jedweder Wahrheit, die mit der Voreingenommenheit unvereinbar ist..." Mit solchen Passagen und mit vielen anderen ähnlichen Beschreibungen des Themas ,,Vorurteil" beschreitet Alphons Silbennann die literarische Gratwanderung im angezeigten Buch zwischen wissenschaftlicher Aussage und allgemeiner (verständlicher) Beschreibung. Ein eigener Wissenschaftszweig ,,Vorurteils-Forschung", immer sich bewegend zwischen Soziologie Sozialpsychologie - Individualpsychologie, hat bis dato eine Reihe Erkenntnisse vorgelegt, die nicht allgemein bekannt sind. Wenn man den Begriff des Vorurteils gebraucht, werden nicht selten sofort negativ besetzte Phänomene assoziiert, wie ,,Krieg", ,,Ethnozentrismus", ,,Chauvinismus", ,,Nationalismus", ,,Rassismus", ,,Antisemitismus" et cetera. 1957 hat Peter Heintz mit seiner Arbeit ,,Soziale Vorurteile" auf die soziale Orientierungshilfe hingewiesen, die immer dann zum Einsatz kommt, wenn menschliche Gruppen aufeinander treffen. Das Fremde, das nach Georg Simmel stets ,,unheimlich" ist, wird ,,vorbeurteilt", wenn die Eigengruppe auf die Fremd- gruppe stößt. Verhaltenserwartungen werden auf Verhaltenshorizonte projeziert, damit man sich besser in der ,,Fremdheit" zurechtfindet. Dies mag immer positiv funktionieren, solange nicht die in-group/out-groupKonstellation ins Extreme umschlägt, wie schon William G. Sumner, Ludwig Gumplowicz und vor allem G.W. Allport in ihren Arbeiten aufgezeigt haben. Gerade in unserem Jahrhundert erlebten wir die unheilvollen Auswirkungen der ethnischen, nationalen, ,,völkischen", rassistischen und ideologischen Vorurteile. Alphons Silbermann hat mit einer Reihe von Forschungen zum Anti-Semitismus die Ursachen und Resultate solcher extremen Verhaltensweisen bereits erkundet und in verschiedenen fundierten Untersuchungen offengelegt. Mit dem vorliegenden Buch wendet der Autor sich nicht nur an die ,,Wissenschaft". Schon der Untertitel (,,Die Kunst, mit Vorurteilen zu leben") weist in die essayistische Richtung seines Vorhabens, das er - immer auf dem Boden der Wissenschaft -- stilistisch souverän beherrscht. Fundierte Kenntnisse, die auf den Forschungen fußen, bringt der Autor teils ernst, teils in plauderndem Ton, manchmal augenzwinkernd, vor, die er dann in alle Lebensbereiche konkret überträgt: in die Problematik der Geschlechter, in Familie und Erziehung, in Klasse und Lebensstil, in die Politik, in Kunst und Kultur, in die ,,Bereiche", die mit Nation und Rassismus abgedeckt werden und zieht unter dem Kapitel ,,Persönlichkeit, Bewußtsein, Toleranz" Bilanz. Wer seine eigenen Vorurteile geistreich reflektieren möchte, sollte dies unbedingt anhand dieses Büchleins tun, dabei wird er natürlich auch mit den Wegen der Vorurteils-Forschung fast nebenbei bekannt gemacht. Auch derjenige, der sich professionell mit der Vorurteilsforschung beschäftigen muß, wird bei der Lektüre noch Unbekanntes erfahren. Walter Nutz 18 (1993) 3

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Communicationsde Gruyter

Published: Jan 1, 1993

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