ALOIS POTTOM HAT DAS WORT

ALOIS POTTOM HAT DAS WORT K. G. Säur Verlag, München, 1993 Warum muß eigentlich jedes popelige englische Fachbuch mit geziemender Verzögerung eine deutschsprachige Übersetzung erhalten? Na klar, wird der Verlagsbeauftragte sagen: Weil es sich eben rechnet! Aber ist es auch wirklich notwendig oder sinnvoll? Viele Käufer solcher Übersetzungen werden argumentieren, daß sich die Bücher dann erheblich schneller und leichter lesen lassen. Aber muß man nicht irgendwann sowieso mit englischsprachiger Literatur zurechtkommen? Schließlich entstehen die meisten Systeme und Begriffe der Informationsverarbeitung im englischsprachigen Raum - und es wäre besser, sich rechtzeitig dieser Tatsache zu stellen. Das würde auch die Chancen deutscher Anträge bei europäischen Organisationen - etwa im Rahmemvon ESPRIT oder RAGE - deutlich verbessern, wird doch hier immer der Nachteil der Abfassung in der Nicht-Muttersprache als Alibi bei Ablehnungen zitiert. Unerfreulich ist, daß die Werke nach Übersetzung vom Englischen ins Deutsche deutlich dicker geworden sind, i. a. etwa um 20 %, oft mehr. Im unten angeführten Beispiel eines Tanenbaum-Buchs hat die englische Fassung 658 Seiten, die deutsche dagegen 801. Das wirkt sich im Normalfall auch nachteilig auf die Preisgestaltung aus. Grund dafür ist neben z. T. mühsamen Umschreibungsversuchen des Übersetzers (der ja nicht der eigentliche Autor ist und daher seine Mühe mit dem Manuskript hat) vor allem die fehlende Prägnanz der deutschen Sprache. Nehmen Sie nur einmal irgendeine Gebrauchsanweisung, z. B. für einen Rasierapparat. Sie werden so gut wie immer feststellen, daß die deutsche Version deutlich länger ist als die entsprechende englischsprachige. Oder vergleichen Sie etwa die Haltbarkeitsangabe ,,best before end" mit der deutschen Fassung ,,mindestens haltbar bis einschließlich" - und Sie werden verstehen, was ich meine. Die deutsche Terminologie riskiert außerdem, daß sie zu bandwurmlangen Mißbildungen entartet. Ein Beispiel (wiederum aus dem unten genannten Buch) dafür ist ,,Leitwegbestimmungsalgorithmus" statt ,,routing algorithm". Ich habe privat Preise für das krasseste Mißverhältnis zwischen beiden Sprachen im Bereich technischer Dokumentationen ausgesetzt. Der bisherige Rekord ist von der Telekom aufgestellt worden, die auch sonst für unfreiwillig komische Wörterungetüme gut ist-siehe etwa ,,Zeichengabestreckenzustandssteuerung" für ,,signalling System". Aber der Rekord (für aus mindestens drei Worten bestehende englische Originale) heißt ,,Anwenderteil für leitungsvermittelte Datendienste. Englisch: Data User Part" (Quelle: Unterrichtsblätter der DBP, Jg. 37/1984, Nr. 2, S. 34). Ist das nicht herrlich? PIK-Le" ser sind aufgefordert, diesen Rekord (3,5mal soviele Buchstaben incl. Zwischenräume in der deutschen Fassung im Vergleich zur englischen) ggfs. zu verbessern. Am ärgsten sind aber die Ungenauigkeiten bzw. sachlichen Fehler, die sich im Laufe der Übersetzung von Fachbüchern einschleichen. Das liegt oft daran, daß der Übersetzer in manchen Fällen kaum den Inhalt des Originals versteht und er dann krampfhaft versucht, sich nicht allzuweit von der Ausgangsfassung zu entfernen -ähnlich wie ein schlechter Bergsteiger, der nicht wagt, sich auch nur wenige Zentimeter von eingeschlagenen Haken zu entfernen. Nebeneffekt dieses Vorgehens ist, daß die Übersetzungen z. T. furchtbar banal oder unfreiwillig komisch wirken, weil der amerikanische Humor sich keinesfalls 1:1 Jns Deutsche übertragen läßt. Musterbeispiel für solche verfehlten Versuche sind etwa viele Übertragungen der populärwissenschaftlichen Werke von Martin Gardner. Aber auch bei weniger ,,locker" geschriebenen Manuskripten kann die Übersetzung gründlich ins Auge gehen. Im Standardwerk ,,Computer Networks" vonTanenbaum verwenden die Übersetzer z. B. für ,,slotted ALOHA" die deutsche Umschreibung ,,unterteiltes ALOHA" (da muß erst mal einer drauf kommen!); für ,,1-persistent" wird als deutsche Fassung ,,1-ständig" angeboten, was eine ebenso unelegante wie befremdliche Wortwahl ist. ,, Binary exponential backoff" wird schwülstig übersetzt mit ,,binäre exponentielle Unteraussteuerung", was ich ohne die englische Zusatzinformation nie und nimmer verstehen würde -- aber wozu brauche ich dann noch die deutsche? Zwar glaube ich den Backoff-Algorithmus aus dem Eff-Eff zu kennen, aber was zu m Teufel ist eine Unteraussteuerung? Völlig rätselhaft! Das mögen alles Kleinigkeiten sein, die den mit derThematik Vertrauten nicht unbedingt in Verzweiflung stürzen müssen, aber erstens gibt es eine entsetzlich große Anzahl solcher lästiger Kleinigkeiten, und zweitens sind gerade die deutschen Übersetzungen ja vornehmlich für blutrünstige Einsteiger gedacht. Daß der lernwillige Leser über solche Klippen hinwegkommt und daß ersieh später als hinreichend Verdorbener mit englischer Originalliteratur wird sinnvoll beschäftigen können, ist schwer vorstellbar. ' An solchen Beispielen zeigt sich aufs Neue die schon überwunden geglaubte Manie der krampfhaften Eindeutschung aller Fremdwörter, etwa ,,Gesichtserker" statt ,,Nase". Einige namhafte deutsche Computerfirmen propagierten bis vor wenigen Jahren die Begriffe ,,Teilnehmer-" bzw. ,,Teilhabersystem" für ,,Multiprogramming-" bzw. für ,,Time-Sharing-System" (oder umgekehrt, ich kriege das einfach nicht auf die Reihe). Bei dieser unerfreulichen Chauvinismus-Manie sind uns die Franzosen ausnahmsweise sogar voraus, denn dort werden nicht in französischer Sprache geschriebene Handbücher strikt ignoriert. Außerdem heißt in Frankreich FIFO (also ,,first in, first out") interessanterweise RAPS (,,premier arrive, Premier servi"). Die deutsche Entsprechung dafür wäre WZKMZ (,,wer zuerst kommt, mahlt zuerst"), aber soweit hat es nicht einmal der deutsche Gründlichkeitswahn bisher bringen können. Das schönste Beispiel für mißlungene (oder vielleicht sogar besonders gelungene) Zwangseindeutschung eines Fremdworts stammt nach meiner Kenntnis aber immer noch von Karl Kraus, der listigerweise für ,,Toilette" die deutsche Version ,,Stoffwechselstube" vorschlug. Das würde ich mir (im Gegensatz zu anderen chauvinistischen Versuchen) ausnahmsweise gefallen lassen. In diesem Sinne IhrAloisPotton PIK 16 (1993) 2 http://www.deepdyve.com/assets/images/DeepDyve-Logo-lg.png PIK - Praxis der Informationsverarbeitung und Kommunikation de Gruyter

ALOIS POTTOM HAT DAS WORT

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Publisher
de Gruyter
Copyright
Saur
ISSN
0930-5157
eISSN
1865-8342
DOI
10.1515/piko.1993.16.2.116
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Abstract

K. G. Säur Verlag, München, 1993 Warum muß eigentlich jedes popelige englische Fachbuch mit geziemender Verzögerung eine deutschsprachige Übersetzung erhalten? Na klar, wird der Verlagsbeauftragte sagen: Weil es sich eben rechnet! Aber ist es auch wirklich notwendig oder sinnvoll? Viele Käufer solcher Übersetzungen werden argumentieren, daß sich die Bücher dann erheblich schneller und leichter lesen lassen. Aber muß man nicht irgendwann sowieso mit englischsprachiger Literatur zurechtkommen? Schließlich entstehen die meisten Systeme und Begriffe der Informationsverarbeitung im englischsprachigen Raum - und es wäre besser, sich rechtzeitig dieser Tatsache zu stellen. Das würde auch die Chancen deutscher Anträge bei europäischen Organisationen - etwa im Rahmemvon ESPRIT oder RAGE - deutlich verbessern, wird doch hier immer der Nachteil der Abfassung in der Nicht-Muttersprache als Alibi bei Ablehnungen zitiert. Unerfreulich ist, daß die Werke nach Übersetzung vom Englischen ins Deutsche deutlich dicker geworden sind, i. a. etwa um 20 %, oft mehr. Im unten angeführten Beispiel eines Tanenbaum-Buchs hat die englische Fassung 658 Seiten, die deutsche dagegen 801. Das wirkt sich im Normalfall auch nachteilig auf die Preisgestaltung aus. Grund dafür ist neben z. T. mühsamen Umschreibungsversuchen des Übersetzers (der ja nicht der eigentliche Autor ist und daher seine Mühe mit dem Manuskript hat) vor allem die fehlende Prägnanz der deutschen Sprache. Nehmen Sie nur einmal irgendeine Gebrauchsanweisung, z. B. für einen Rasierapparat. Sie werden so gut wie immer feststellen, daß die deutsche Version deutlich länger ist als die entsprechende englischsprachige. Oder vergleichen Sie etwa die Haltbarkeitsangabe ,,best before end" mit der deutschen Fassung ,,mindestens haltbar bis einschließlich" - und Sie werden verstehen, was ich meine. Die deutsche Terminologie riskiert außerdem, daß sie zu bandwurmlangen Mißbildungen entartet. Ein Beispiel (wiederum aus dem unten genannten Buch) dafür ist ,,Leitwegbestimmungsalgorithmus" statt ,,routing algorithm". Ich habe privat Preise für das krasseste Mißverhältnis zwischen beiden Sprachen im Bereich technischer Dokumentationen ausgesetzt. Der bisherige Rekord ist von der Telekom aufgestellt worden, die auch sonst für unfreiwillig komische Wörterungetüme gut ist-siehe etwa ,,Zeichengabestreckenzustandssteuerung" für ,,signalling System". Aber der Rekord (für aus mindestens drei Worten bestehende englische Originale) heißt ,,Anwenderteil für leitungsvermittelte Datendienste. Englisch: Data User Part" (Quelle: Unterrichtsblätter der DBP, Jg. 37/1984, Nr. 2, S. 34). Ist das nicht herrlich? PIK-Le" ser sind aufgefordert, diesen Rekord (3,5mal soviele Buchstaben incl. Zwischenräume in der deutschen Fassung im Vergleich zur englischen) ggfs. zu verbessern. Am ärgsten sind aber die Ungenauigkeiten bzw. sachlichen Fehler, die sich im Laufe der Übersetzung von Fachbüchern einschleichen. Das liegt oft daran, daß der Übersetzer in manchen Fällen kaum den Inhalt des Originals versteht und er dann krampfhaft versucht, sich nicht allzuweit von der Ausgangsfassung zu entfernen -ähnlich wie ein schlechter Bergsteiger, der nicht wagt, sich auch nur wenige Zentimeter von eingeschlagenen Haken zu entfernen. Nebeneffekt dieses Vorgehens ist, daß die Übersetzungen z. T. furchtbar banal oder unfreiwillig komisch wirken, weil der amerikanische Humor sich keinesfalls 1:1 Jns Deutsche übertragen läßt. Musterbeispiel für solche verfehlten Versuche sind etwa viele Übertragungen der populärwissenschaftlichen Werke von Martin Gardner. Aber auch bei weniger ,,locker" geschriebenen Manuskripten kann die Übersetzung gründlich ins Auge gehen. Im Standardwerk ,,Computer Networks" vonTanenbaum verwenden die Übersetzer z. B. für ,,slotted ALOHA" die deutsche Umschreibung ,,unterteiltes ALOHA" (da muß erst mal einer drauf kommen!); für ,,1-persistent" wird als deutsche Fassung ,,1-ständig" angeboten, was eine ebenso unelegante wie befremdliche Wortwahl ist. ,, Binary exponential backoff" wird schwülstig übersetzt mit ,,binäre exponentielle Unteraussteuerung", was ich ohne die englische Zusatzinformation nie und nimmer verstehen würde -- aber wozu brauche ich dann noch die deutsche? Zwar glaube ich den Backoff-Algorithmus aus dem Eff-Eff zu kennen, aber was zu m Teufel ist eine Unteraussteuerung? Völlig rätselhaft! Das mögen alles Kleinigkeiten sein, die den mit derThematik Vertrauten nicht unbedingt in Verzweiflung stürzen müssen, aber erstens gibt es eine entsetzlich große Anzahl solcher lästiger Kleinigkeiten, und zweitens sind gerade die deutschen Übersetzungen ja vornehmlich für blutrünstige Einsteiger gedacht. Daß der lernwillige Leser über solche Klippen hinwegkommt und daß ersieh später als hinreichend Verdorbener mit englischer Originalliteratur wird sinnvoll beschäftigen können, ist schwer vorstellbar. ' An solchen Beispielen zeigt sich aufs Neue die schon überwunden geglaubte Manie der krampfhaften Eindeutschung aller Fremdwörter, etwa ,,Gesichtserker" statt ,,Nase". Einige namhafte deutsche Computerfirmen propagierten bis vor wenigen Jahren die Begriffe ,,Teilnehmer-" bzw. ,,Teilhabersystem" für ,,Multiprogramming-" bzw. für ,,Time-Sharing-System" (oder umgekehrt, ich kriege das einfach nicht auf die Reihe). Bei dieser unerfreulichen Chauvinismus-Manie sind uns die Franzosen ausnahmsweise sogar voraus, denn dort werden nicht in französischer Sprache geschriebene Handbücher strikt ignoriert. Außerdem heißt in Frankreich FIFO (also ,,first in, first out") interessanterweise RAPS (,,premier arrive, Premier servi"). Die deutsche Entsprechung dafür wäre WZKMZ (,,wer zuerst kommt, mahlt zuerst"), aber soweit hat es nicht einmal der deutsche Gründlichkeitswahn bisher bringen können. Das schönste Beispiel für mißlungene (oder vielleicht sogar besonders gelungene) Zwangseindeutschung eines Fremdworts stammt nach meiner Kenntnis aber immer noch von Karl Kraus, der listigerweise für ,,Toilette" die deutsche Version ,,Stoffwechselstube" vorschlug. Das würde ich mir (im Gegensatz zu anderen chauvinistischen Versuchen) ausnahmsweise gefallen lassen. In diesem Sinne IhrAloisPotton PIK 16 (1993) 2

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PIK - Praxis der Informationsverarbeitung und Kommunikationde Gruyter

Published: Jan 1, 1993

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