PLATON UND DER HISTORISMUS. EIN NEUKANTIANISCHES INTERPRETATIONSMOTIV BEI HANS-GEORG GADAMER

PLATON UND DER HISTORISMUS. EIN NEUKANTIANISCHES INTERPRETATIONSMOTIV BEI HANS-GEORG GADAMER Methexis xv (2002) p. 125-143 Recepcion Das historische Wissen kann nicht nach dem Vorbild eines objektivistischen Wissens beschrieben werden Hans-Georg Gadamer Hans-Georg Gadamers Auffassung von der Aufgabe der philosophischen Hermeneutik, das zur Schrift erstarrte Wort neu zum Leben zu erwecken und es dabei immer jeweilig und anders zur Sprache zu bringen, gibt sich in zweierlei Hinsicht als kritische Abgrenzung zu erkennen: zum einen in der Kritik an der Ansicht vom Schriftwerk als etwas substantiell Vorhandenem. Und zum anderen in der Kritik an der Vorstellung, etwas einmal Erkanntes sei zwar gleichsam als ein Bestand zu betrachten, der jedoch besser, weil differenzierter und komplexer verstanden werden kann, als es derjenige vermocht hat, der es ursprünglich erkannte. Inwiefern beide Kritikpunkte aus Gadamers Verständnis von philosophischer Hermeneutik schöpfen, mit welcher Intention und mit welchem Resultat, dies soll im folgenden vor dem Hintergrund der Frage dargelegt werden, welche Lösung er rur das Problem vorschlägt, wie sich rechtfertigen und erklären läßt, daß der Gegenstand der Auslegung mehr als nur eine Deutung zuläßt. I Auf diese Frage antwortet Gadamer mit der These, alles Erkennen ist ein Wiedererkennen. Bekanntlich spitzt sich die sokratische Frage nach der Lehrbarkeit der Tugend im Vorfeld der platonischen Anamnesis-Lehre auf das http://www.deepdyve.com/assets/images/DeepDyve-Logo-lg.png Méthexis Brill

PLATON UND DER HISTORISMUS. EIN NEUKANTIANISCHES INTERPRETATIONSMOTIV BEI HANS-GEORG GADAMER

Méthexis , Volume 15 (1): 125 – Mar 30, 2002

PLATON UND DER HISTORISMUS. EIN NEUKANTIANISCHES INTERPRETATIONSMOTIV BEI HANS-GEORG GADAMER


Methexis xv (2002) p. 125-143 Recepcion Das historische Wissen kann nicht nach dem Vorbild eines objektivistischen Wissens beschrieben werden Hans-Georg Gadamer Hans-Georg Gadamers Auffassung von der Aufgabe der philosophischen Hermeneutik, das zur Schrift erstarrte Wort neu zum Leben zu erwecken und es dabei immer jeweilig und anders zur Sprache zu bringen, gibt sich in zweierlei Hinsicht als kritische Abgrenzung zu erkennen: zum einen in der Kritik an der Ansicht vom Schriftwerk als etwas substantiell Vorhandenem. Und zum anderen in der Kritik an der Vorstellung, etwas einmal Erkanntes sei zwar gleichsam als ein Bestand zu betrachten, der jedoch besser, weil differenzierter und komplexer verstanden werden kann, als es derjenige vermocht hat, der es ursprünglich erkannte. Inwiefern beide Kritikpunkte aus Gadamers Verständnis von philosophischer Hermeneutik schöpfen, mit welcher Intention und mit welchem Resultat, dies soll im folgenden vor dem Hintergrund der Frage dargelegt werden, welche Lösung er rur das Problem vorschlägt, wie sich rechtfertigen und erklären läßt, daß der Gegenstand der Auslegung mehr als nur eine Deutung zuläßt. I Auf diese Frage antwortet Gadamer mit der These, alles Erkennen ist ein Wiedererkennen. Bekanntlich spitzt sich die sokratische Frage nach der Lehrbarkeit der Tugend im Vorfeld der platonischen Anamnesis-Lehre auf das Problem zu, ob ein solches Erlernen überhaupt möglich ist. Ist die Tugend ein Wissen, so muß die Tugend auch lehrbar sein. Aber in welcher Weise soll das Tugendwissen lern- und lehrbar sein, wenn doch der platonische Sokrates kein Lehrer in dem Sinne ist, daß er (wie die Sophisten) andere darüber belehrt, was tugendhaft ist und was nicht, sondern ihnen helfen will, dazu selbst zu gelangen? Wie kann Sokrates etwas lehren, wenn er in seinen Unterredungen sich darauf beschränkt, die Meinungen, Gewißheiten und...
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BRILL
Copyright
© Copyright 2002 by Koninklijke Brill NV, Leiden, The Netherlands
ISSN
0327-0289
eISSN
2468-0974
D.O.I.
10.1163/24680974-90000406
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Abstract

Methexis xv (2002) p. 125-143 Recepcion Das historische Wissen kann nicht nach dem Vorbild eines objektivistischen Wissens beschrieben werden Hans-Georg Gadamer Hans-Georg Gadamers Auffassung von der Aufgabe der philosophischen Hermeneutik, das zur Schrift erstarrte Wort neu zum Leben zu erwecken und es dabei immer jeweilig und anders zur Sprache zu bringen, gibt sich in zweierlei Hinsicht als kritische Abgrenzung zu erkennen: zum einen in der Kritik an der Ansicht vom Schriftwerk als etwas substantiell Vorhandenem. Und zum anderen in der Kritik an der Vorstellung, etwas einmal Erkanntes sei zwar gleichsam als ein Bestand zu betrachten, der jedoch besser, weil differenzierter und komplexer verstanden werden kann, als es derjenige vermocht hat, der es ursprünglich erkannte. Inwiefern beide Kritikpunkte aus Gadamers Verständnis von philosophischer Hermeneutik schöpfen, mit welcher Intention und mit welchem Resultat, dies soll im folgenden vor dem Hintergrund der Frage dargelegt werden, welche Lösung er rur das Problem vorschlägt, wie sich rechtfertigen und erklären läßt, daß der Gegenstand der Auslegung mehr als nur eine Deutung zuläßt. I Auf diese Frage antwortet Gadamer mit der These, alles Erkennen ist ein Wiedererkennen. Bekanntlich spitzt sich die sokratische Frage nach der Lehrbarkeit der Tugend im Vorfeld der platonischen Anamnesis-Lehre auf das

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MéthexisBrill

Published: Mar 30, 2002

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