Get 20M+ Full-Text Papers For Less Than $1.50/day. Start a 14-Day Trial for You or Your Team.

Learn More →

Die Struktur der scholastischen Entscheidungslehre

Die Struktur der scholastischen Entscheidungslehre Die Struktur der scholastischen Entscheidungslehre Rudolf Schüßler, Universität Bayreuth Nach verbreiteter Auffassung begann die systematische Beschäftigung mit Fra- gen rationalen Handelns unter Unsicherheit erst in der Mitte des 17. Jh. Als wichtigster Grund hierfür gilt eine angebliche, seit Platon bestehende Beses- senheit der Philosophie von der Idee sicheren Wissens, die keine eingehende Auseinandersetzung mit der Kategorie des Unsicheren erlaubte. Dieser phi- losophiehistorische Mythos von der Absenz von Unsicherheit in der vormo- dernen philosophischen Tradition tendiert sich selbst zu erhalten: Je mehr man an ihn glaubt, um so weniger wird man nach vormodernen Modellen der rationalen Bewältigung von Unsicherheit suchen. Aber solche Modelle sind vorhanden. Im scholastischen Denken des Hoch- und Spätmittelalters finden sich beachtliche Elemente einer rationalen Entscheidungstheorie unter Unsi- cherheit. Die Scholastiker unterschieden bereits zwischen Unsicherheitsarten und ordneten ihnen verschiedene Entscheidungsregeln zu. Ihre Entscheidungs- lehre war insofern formal, als Regelanwendungen auf den Typ und nicht auf konkrete Inhalte von Handlungsproblemen bezogen wurden. Darüber hinaus wurde das Problem der rationalen Würdigung von Fremd- bzw. Experten- meinungen diskutiert. All dies diente nicht allein dem akademischen Diskurs, sondern wurde vielfach zum „Dissensmanagement“ in den damals vorherr- schenden Feldern der Praktischen Ethik (Juristik, Medizin, Krieg, Beichte) eingesetzt. Das Bild des rationalen Umgangs http://www.deepdyve.com/assets/images/DeepDyve-Logo-lg.png History of Philosophy and Logical Analysis Brill

Die Struktur der scholastischen Entscheidungslehre

Loading next page...
 
/lp/brill/die-struktur-der-scholastischen-entscheidungslehre-4BO0Wep1pc
Publisher
Brill
Copyright
Copyright © Koninklijke Brill NV, Leiden, The Netherlands
ISSN
2666-4283
eISSN
2666-4275
DOI
10.30965/26664275-00501011
Publisher site
See Article on Publisher Site

Abstract

Die Struktur der scholastischen Entscheidungslehre Rudolf Schüßler, Universität Bayreuth Nach verbreiteter Auffassung begann die systematische Beschäftigung mit Fra- gen rationalen Handelns unter Unsicherheit erst in der Mitte des 17. Jh. Als wichtigster Grund hierfür gilt eine angebliche, seit Platon bestehende Beses- senheit der Philosophie von der Idee sicheren Wissens, die keine eingehende Auseinandersetzung mit der Kategorie des Unsicheren erlaubte. Dieser phi- losophiehistorische Mythos von der Absenz von Unsicherheit in der vormo- dernen philosophischen Tradition tendiert sich selbst zu erhalten: Je mehr man an ihn glaubt, um so weniger wird man nach vormodernen Modellen der rationalen Bewältigung von Unsicherheit suchen. Aber solche Modelle sind vorhanden. Im scholastischen Denken des Hoch- und Spätmittelalters finden sich beachtliche Elemente einer rationalen Entscheidungstheorie unter Unsi- cherheit. Die Scholastiker unterschieden bereits zwischen Unsicherheitsarten und ordneten ihnen verschiedene Entscheidungsregeln zu. Ihre Entscheidungs- lehre war insofern formal, als Regelanwendungen auf den Typ und nicht auf konkrete Inhalte von Handlungsproblemen bezogen wurden. Darüber hinaus wurde das Problem der rationalen Würdigung von Fremd- bzw. Experten- meinungen diskutiert. All dies diente nicht allein dem akademischen Diskurs, sondern wurde vielfach zum „Dissensmanagement“ in den damals vorherr- schenden Feldern der Praktischen Ethik (Juristik, Medizin, Krieg, Beichte) eingesetzt. Das Bild des rationalen Umgangs

Journal

History of Philosophy and Logical AnalysisBrill

Published: Apr 5, 2002

There are no references for this article.